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Thomas Engelhardt

Einleitung

Das Osmanische Reich galt ab Mitte 19. Jahrhundert als der „kranke Mann am Bosporus“.

Man darf im gegebenen Zusammenhang nicht außer Acht lassen, daß das Osmanische Reich zu diesem Zeitpunkt immer noch (im Gegen-satz zum 1871 gegründeten Deutschen Reich) ein Imperium war und der ganze arabische Raum (genauer: die arabische Halbinsel) zum Osmanischen Reich gehörten, auch das Gebiet des heutigen Saudi-Arabien (bzw. das Territorium des ab 1916 existie-renden Königreich Hedschas sowie das Sultanat Nedschd).

Das Osmanische Reich wurde zunehmend zum Spielball der europäischen Mächte, die um Macht und Einfluß im Osmanischen Reich konkurrierten. Deutschland war nach der Reichseinigung ab 1871 bestrebt, dort seinen Einfluß zu sichern. Deshalb auch der Berliner Kongreß 1878.

Ziel Deutschlands war, das Osmanische Reich zu erhalten, aber Zugang zum Öl in den ara-bischen Gebieten des osmanischen Reiches zu erhalten. Deshalb der Bau der Bagdad-Bahn Istanbul-Bagdad und der Hedschas-Bahn, den das deutsche Kaiserreich finan-zierte und auch ausführte.

Strategisches Ziel war der Zugang zu den Erdöllagerstätten im heutigen Irak[2] bzw. am Persischen Golf.

Das deutsche Engagement im Osmanischen Reich zielte auf nachhaltige Präsenz des Deutschen Reiches in diesem Raum (Naher Osten, Mittlerer Osten) ab.

Aufgrund der britischen Aktivitäten und auch der französischen Interessen (die USA spiel-ten um 1900 noch keine Rolle) entwickelte sich ein „Great Game“, ein politisches Spiel voller Intrigen und gegenteiliger geopoli-tischer Interessen.

Deutschland verlor aber leider den I. Welt-krieg und schied aus diesem Spiel der Großmächte aus. Insbesondere Briten dominierten nun den arabischen Raum und beherrschten ihn vollständig.[3] Und vor allem waren es britische Firmen, die nun die Erdölerkundung durchführten, Lagerstätten erschlossen und ausbeuteten.

British Petroleum (Großbritannien) und Shell (Royal Dutch Shell) wurden damals erst das, was sie heute sind. Hätten die Mittelmächte und Deutschland den I. Weltkrieg gewonnen, sähe die Welt heute anders aus.

England und Frankreich planten mit dem Vertrag von  Sèvres  die  vollständige Auf-teilung des Osmanischen Reiches.[4] Die Ratifikation des Vertrags erfolgte aufgrund des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches nicht.

Der Türkische Befreiungskrieg verhinderte die vollständige Aufteilung der eigentlichen Türkei, d. h. der türkisch besiedelten Gebiete. Jedoch mußte die Türkei große Teile des osmanischen Territoriums abtreten und die Rücksiedlung und Aussiedlung von mehr als 4 Millionen Türken aus den abgetretenen arabischen Provinzen akzeptieren. Das waren 25 % aller damals lebenden Türken!

Die Hohe Pforte verzichtete im Diktatfrieden von  Sèvres auf alle Territorien in Syrien und in Mesopotamien (Abschnitt VII des Vertra-ges). In diesen Gebieten wurden Mandate des Völkerbundes errichtet. Zugleich wurden die arabischsprachigen Provinzen im Nahen Osten und in Nordafrika unter Frankreich, Italien und Großbritannien aufgeteilt.

In Palästina sollte unter Verweis auf die Balfour-Deklaration eine sog. nationale Heimstätte für das jüdische Volk errichtet werden. Auf der Arabischen Halbinsel wurde der Hedschas als neues unabhängiges Königreich Hedschas konstituiert und die Rechte des Osmanischen Reiches in diesem Teil Arabiens auf diesen neuen Staat über-tragen. Das Zugangsrecht zu den heiligen Stätten Medina und Mekka wurde neu geregelt (Abschnitt VIII des Vertrages).

1920 lebten 12 Millionen Türken in den Grenzen der heutigen Türkei, 4 Millionen außerhalb. Es handelte sich in erster Linie um Kaufleute, Soldaten, Offiziere, Beamte, Ver-waltungsangestellte usw. Infolge der politi-schen Veränderungen nach 1918/1920 wurden 4 Millionen osmanische Türken vertrieben, hauptsächlich aus Griechenland und aus den arabischen Provinzen des ehemaligen Osmanischen Reiches.

Heute kann nahezu jede türkische Familie auf vertriebene Vorfahren aus den früheren tür-kischen Siedlungsgebieten in Osttrakien, Ostrumelien (jetzt zu Bulgarien) und den unabhängig gewordenen früheren osmani-schen Provinzen in Arabien (Libanon, Irak, Syrien, Arabisch-Saudisches Königreich/Saudi-Arabien) verweisen.

Bevölkerungsentwicklung der modernen Türkei:

1950 20 Mill.

1960 27 Mill.

1970 35,5 Mill.

1980 45 Mill.

1990 56 Mill.

2000 68 Mill.

2010 74 Mill.

2020 84 Mill.

Deutsche und Türken

In der Wahrnehmung der Mitteleuropäer und namentlich auch der Deutschen hält sich seit Jahrhunderten ein Bild des gefährlichen Tür-ken. Das ist historisch bedingt.

Das Osmanische Reich war eine expandie-rende Macht, die das christliche Europa bedrohte. Die neben dem Petersdom in Rom wichtigste Kirche, die Sophienkathedrale (heute Hagia Sophia) wurde nach 1453 (Eroberung Konstantinopels) in eine Moschee umgebaut und umgewidmet.

Die Hagia Sophia oder Sophienkirche ist eine von 532 bis 537 n. Chr. erbaute ehemalige byzantinische Kirche. Diese wurde von 1453 bis 1935 – und wird wieder seit 2020 – als Moschee genutzt. Von 1935 bis 2020 war sie ein Museum.

Hauptsächlich zwei Ereignisse waren es, die die Türken (genauer: die Osmanen) in den Augen der Deutschen gefährlich erscheinen ließen. Die beiden Belagerungen Wiens i. J. 1529 und 1683.

Zudem rückten die Osmanen bis hart an die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation vor. Kaiser und Fürsten und insbesondere die beiden großen Kirchen (kath. und evangl. Kirche) malten ein Schreckgespenst des brutalen, erbar-mungslosen Türken an die Wand. Das war damalige Propaganda, insbesondere Kriegspropaganda.

Die Kriege gegen das Osmanische Reich, die sog. Türkenkiege, mußten finanziert werden. Wie auch heute waren die Staatskassen aber immer leer. So kam man auf die Idee, die sog. Türkensteuer zu erheben. Diese Türkensteuer war eine Reichssteuer, die aber von den deut-schen Einzelfürsten in ihren Ländern (also in Sachsen, Bayern, Hessen usw.) zu erheben war.[5]

Indem man das Bild eines kreuzgefährlichen Eroberers an die Wand malte, überzeugte man die Menschen, diese Steuer ohne Murren zu bezahlen. Im kollektiven Bewußtsein brannte sich das von der Propaganda ver-breitete Bild des brutalen Türken ein.

Jedoch sieht die Sache historisch betrachtet etwas anders aus. Die Osmanen besetzten und annektierten zwar eroberte Gebiet auf dem Balkan und in Ungarn, behandelten aber die dort lebenden Menschen in der Regel milde und übten Toleranz. Christen konnten ihren Glauben behalten und pflegen, und sogar Klöster blieben erhalten.

Freilich ist dieses Bild differenzierter zu se-hen. Im heutigen Nordrumänien wurde die im Mittelalter entstandene deutsche Siedlung weitestgehend eliminiert (um 1500 war nahezu das gesamte heutige Nordrumänien deutschsprachig; einige Ortsnamen wie Pietra Neamt (Deutsch-Peter) erinnern noch daran. In Siebenbürgen wurden zahlreiche deutsche Dörfer eingeäschert und vernichtet.

In der Summe aber und insgesamt betrachtet erwiesen sich die Osmanen weitaus toleranter und durchaus nicht brutal und blutrünstig wie christliche Heere während der Reconqui-sta im heutigen Spanien und Portugal oder bei der Eroberung Süd-und Mittelamerikas (die zur Auslöschung und Vernichtung der Azteken und der Inka führten) oder während des Kampfes gegen die Osmanen bei der Rückeroberung des Balkans.

Legendär sind die Exzesse während der Er-oberung Ofens (heute Buda), des westlich der Donau liegenden Stadtteils des heutigen Budapest in Ungarn.[6]

Darüber hinaus war die innere Staatsver-fassung des Osmanischen Reiches weitaus liberaler als die in den christlichen Staaten und insbesondere in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches.

Im Osmanischen Reich konnten auch Nichttürken (also Angehörige der unter-worfenen Völker), wenn sie zum Islam konvertierten, in hohe und höchste Staatsämter aufsteigen. In der Liste der Wesire und Großwesire lassen sich Angehörige aller im Osmanischen Reich vereinigten Völker nachweisen!

Zudem existierten auch keine sozialen Schranken. Eines dieser herausragenden Beispiele ist der aus Preußen stammende Mehmed Ali Pascha. Mehmed (Mehemed) Ali Pascha, geboren als Ludwig Karl Friedrich Detroit, (auch Carl Detroy) (* 18. November 1827 in Magdeburg, Preußen, † 7. September 1878 in Gjakova, heute Kosovo) war ein os-manischer Feldmarschall deutscher Abstammung.

Er war der Sohn des preußischen Kammer-musikers Carl Friedrich Detroit aus Berlin, dessen Großvater († 1777) aus Frankreich eingewandert war, und seiner Ehefrau Henriette Jeanette Severin, einer Bürgers-tochter aus Magdeburg.

Im Deutschen Reich dagegen waren hohe Verwaltungsstellen dem Adel vorbehalten; der Adel dominierte alles. Im Osmanischen Reich konnten Leute aus der untersten sozialen Schicht, wenn sie sich als intelligent und tüchtig erwiesen, in höchste Ämter aufsteigen.

Dieses Gegebenheiten sind in Europa kaum bekannt. Bis heute (und heute wieder) wird die Türkei als feindlich, als uns fremd an-gesehen.

Das liegt insbesondere im Glauben begründet (obwohl der Islam als solcher anderen Religi-onen, auch dem Christentum gegenüber) sich historisch gesehen stets als tolerant erwiesen hat (beispielsweise währte er in fast 1.000-jähriger islamischer Herrschaft auf der iberischen Halbinsel).

Übrigens gab es noch um 1900 drei ruß-landdeutsche Dörfer in der heutigen Ost-türkei. Diese Kolonisten waren aus dem Kaukasus ins Osmanische Reich gegangen, um neuen Siedlungsboden zu gewinnen.

Und auf der früher zum Osmanischen Reich gehörenden Halbinsel Krim existierten noch um 1700 krimgotische Ortschaften, die danach aber der Assimilierung und Türkisierung erlagen.

Alle diese Gegebenheiten sind heute wenig oder fast nicht bekannt.

Weshalb aber die Beschäftigung mit der Türkei?

Ein erneuertes Deutschland muß alte Freundschaften wiederherstellen und die derzeitigen „Freunde“ ad acta legen (USA, Frankreich, Polen, Israel).

Die alten Freunde (soweit man unter Staaten von „Freundschaft“ sprechen kann) waren (und müssen wieder sein): Iran, Arabien, Türkei, Japan, Ungarn, Rumänien, Slowakei, Kroatien, Island, Norwegen, Lettland, Finn-land, Estland, Spanien).

Alle Länder, die Deutschland 1939-1945 (oft unter Zwang bzw. unter Druck aus den USA) den Krieg erklärten, können künftig nicht unsere Freunde sein. Insbesondere jene Länder nicht, die deutsches Territorium 1929/1920 und 1945 annektierten und okkupierten (Polen, Tschechei, Frankreich, Italien, Rußland, Dänemark, Belgien, Jugo-slawien).

Die Türken könnten (und müßten) zukünftig sogar einer unserer wichtigsten Verbündeten sein.

Voraussetzung wäre die Befreiung von US-amerikanischer Vorherrschaft und die Emanzipation von den USA.

Noch ein Nachsatz zu den Türken.

In der Türkei leben heute etwa 40 (vierzig) unterschiedliche Völker, Volksgruppen und Nationalitäten, die größten sind Türken und Kurden. Andere sind weniger bekannt (z.B. die Zaza, die Kurmandschi, Kabardiner, Tscherkessen, Adygejer, Adscharen, Araber).

Die Türken wiederum (etwa 80 % der Ge-samtbevölkerung) sprechen zwar eine asiatische Sprache, sind aber rassisch gesehen (d.h. hinsichtlich ihres genetischen Erbes) Europäer (Nachfahren von türkisierten und moslemisierten Griechen, Bulgaren, Armeniern, Serben, Albanern, Mazedoniern und anderen Völkern). Der Genanteil der namensgebenden (aus Asien stammenden) Osmanen liegt bei etwa 1-2 % (!!!).

Auch wenn diese Tatsache kaum vorstellbar erscheint, sind wir mit der Masse der Türken näher verwandt als viele meinen.

Dagegen stehen uns die Kurden, obwohl diese eine indogermanische Sprache sprechen (sic.!), uns rassisch/genetisch ferner als die eigtl. Türken.

Kurden (und alle Untergruppen: Zaza, Kurmandschi) sind Angehörige der medi-terranen oder auch mittelmeerischen Rasse, wozu Juden (Israelis), Araber (Libanesen, Palästinenser, Jordanier) zu zählen sind.

Hieran wird wieder deutlich, daß stets sehr genau zwischen Rasse und Sprache zu unterscheiden ist.

Ein in Deutschland geborener Neger (bzw. Schwarzafrikaner) ist abstammungsmäßig deshalb kein Deutscher! Freilich geht auch dieses Bewußtsein heute verloren und die allgemeine ideologie-behaftete Auffassung setzte sich durch (bzw. wurde durchgesetzt).

Nachstehend die Liste der völkischen Minderheiten in der heutigen Türkei:

70 % bis (geschätzt) 75 % Türken,

19  % Kurden,

4 %  Zazas,

3 %  Tscherkessen,

2 %  Bosniaken,

1 %  Araber,

1 %  Albaner,

1 %  Lasen,

1 %  Georgier

 Armenier/Hemşinli,

Bulgaren/Pomaken,

Assyrer/Aramäer,

Tschetschenen,

Griechen/Pontier,

Juden

Roma (Zigeuner)

Kurmandschi (Nordkurden), ca. 14 Mill.

Zaza, ca. 2–3 Mill (nach anderen Angaben 4 Mill. davon aber etwa 30 %  in der BRD)

Araber, ca. 1-2 Mill. Mill.[7]

Aserbaidschaner, ca. 550.000

Kabardinisch (Ost-Tscherkessien), ca. 550.000

Bulgaren (Pomaken), ca. 300.000

Adygejer (West-Tscherkessen)[8], ca.  300.000

Westarmenier (Hamschen, Hemşinli), ca. 70.000

Kartwelier (Grusinier), ca. 40.000

Lasen, ca. 30.000

Domari, ca. 30.000

Zigeuner (Roma bzw. Romani), ca. 25.000

Albaner, ca. 15.000

Abasinier, ca. 10.000

Abchasen, ca. 5.000

Griechen,  ca. 4.000[9] 

Aramäer, ca. 4.000-5.000[10]

Ein Beispiel für die Umvolkung innerhalb der Türkei:

Midyat im Landkreis der Provinz Mardin in der türkischen Region Südostanatolien:

Midyat liegt im Gebiet des Tur Abdin, einem historischen Siedlungsraum der syrisch-orthodoxen Christen im Osmanischen Reich. Die Stadt war über Jahrhunderte ein bedeu-tendes religiöses und kulturelles Zentrum der aramäischsprachigen Assyrer (Suryoye/Aramäer/Assyrer), die verschiedenen syrisch-orthodoxen Kirchen angehörten.

Zahlreiche Kirchen, Klöster und traditionelle Steinhäuser im aramäischen Stil prägen bis heute das Stadtbild. Seit 1478 war Midyat Sitz eines syrisch-orthodoxen Bischofs; seit 2009 befindet sich dessen Residenz im nahegele-genen Kloster Mor Gabriel, dem bedeutend-sten Kloster des Tur Abdin.

Neben den syrisch-orthodoxen Christen lebten über viele Generationen auch kur-dischstämmige Jesiden (Êzîden) in den umliegenden Dörfern von Midyat. Sie stellten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Bevölkerungsgruppe in der Region dar und sind heute nur noch in einigen Ortschaften vertreten.

Midyat war über viele Jahrhunderte ein be-deutendes Zentrum der syrisch-orthoxen Christen im  Osmanischen Reich (im Südosten der heutigen Türkei). Bis 1915 stellten sie die Bevölkerungsmehrheit.

Der organisierte Völkermord an den Aramä-ern (Sayfo) führte zu massiven Bevölkerungs-verlusten und stelte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Region dar.[11]

Die ethnische und religiöse Bevölkerungszu-sammensetzung änderte sich hierdurch grundlegend.

Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Zahl der Christen infolge von Dis-kriminierung, wirtschaftlicher Benachtei-ligung, Auswanderung und Vertreibung massiv zurückgegangen.

Neben den Christen bildeten die kurdischen Jesiden (Êzîden) über viele Jahrhunderte eine zweite große Minderheit in den umliegenden Dörfern von Midyat. Diese kurdischstämmige Bevölkerung lebte überwiegend in ländlichen Siedlungen und betrieb Ackerbau und Vieh-zucht.

Historische Quellen berichten jedoch, daß die Jesiden immer wieder das  Ziel von Gewalt und Verfolgung waren: Dörfer wurden ge-waltsam übernommen, Frauen verschleppt, örtliche und regionale Anführer ermordet und ganze Gemeinden zu Zwangskonversionen zum Islam gezwungen. Diese Übergriffe führten zu einer erheblichen Dezimierung der Gemeinschaft im Tur Abdin.

Noch in den 1960er-Jahren lebten mehrere tausend Jesiden im Landkreis Midyat. Der Qantara-Artikel „Yazidis in Turkey: Old homeland, new homeland“ nennt für diese Zeit etwa 6.000 Êzîden in acht Dörfern rund um Midyat.

Andere Schätzungen gehen für die 1970er/80er Jahre von bis zu 10.000–15.000 Jesiden allein im Kreis Midyat aus. Seit den 1980er Jahren setzte dann eine massive Auswanderung ein, hauptsächlich in die BRD.

Heute gibt es nur noch wenige jesidische Familien in einzelnen Dörfern, während die Mehrheit der Jesiden in der Diaspora lebt, überwiegend in der BRD, in Österreich und in Skandinavien.

Bis etwa in die 1970er Jahre galt Midyat gemeinsam mit dem Tur Abdin noch als das größte christliche Siedlungsgebiet in der Türkei (außerhalb Istanbuls, das gesondert betrachtet werden muß).

Im Jahr 1979 wurde der damals noch am-tierende assyrische Bürgermeister von Dargeçit, Andreas Demir Lahdik, ermordet. Dieses Ereignis führte zu politischen Span-nungen und beschleunigte die Auswanderung der christlichen Bevölkerung. Zugleich wanderten zahlreiche kurdische Familien aus nördlichen Regionen Türkisch-Kurdistans in den Landkreis ein, wodurch sich die Bevölkerungsstruktur weiter verschob.

Christen stellen heute in der Türkei eine kaum mehr erfaßbare religiöse Minderheit dar.

1918 lebten noch etwa 2.983.000 Christen auf dem Gebiet der heutigen asiatischen Türkei, davon 1.479.000 Armenier und etwa 1,5 Millionen Griechen.

Gemäß offiziellen Angaben leben heute noch 125.000 Christen in der gesamten Türkei (etwa 0,2 % der Gesamtbevölkerung). Zum Vergleich: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten Christen noch etwa 20 %  der Be-völkerung aus (bezogen auf das Territorium der heutigen Türkei; insbesondere Armenier und Griechen auf dem Gebiet der heutigen Türkei), im gesamten Osmanischen Reich stellten Christen sogar 30 % der Bevölkerung!)

Zeitleiste der osmanisch-türkischen Verfol-gungsmaßnahmen:

Ab Mitte des 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Chri-sten aus dem Gebiet der heutigen Türkei vertrieben oder getötet. Die Vertreibung und teilweise Massenermordung von christlichen Minderheitsgruppen erfolgte in einzelnen Schritten:

1843 wurden durch den kurdischen Stam-mesführer Bedirxan Beg bei Massakern mindestens 10.000 Armenier und Berg-nestorianer in Aşita (Hoşut) im Sandschak Hakkâri ermordet. Frauen und Kinder wurden z. T. in die Sklaverei verkauft.

1894–1896 wurden bei ersten antiarme-nischen Pogromen 80.000 bis 300.000 armenische Christen ermordet. Das Massaker richtete sich hauptsächlich gegen die armenische Bevölkerung, wandelte sich im Verlauf jedoch zu allgemein antichristlichen Pogromen, bei dem nach einer zeitgenös-sischen Quelle etwa 25.000 Assyrer ermordet wurden.

1909 wurden bei pan-islamischen, antiar-menischen Pogromen in Adana und der Provinz Kilikien 30.000 armenische Christen ermordet. Bis 1910 forderten die anschlie-ßenden Epidemien und eine Hungersnot unter den schlecht versorgten Überlebenden der Massaker weitere 20.000 Opfer.

Während des Zweiten Balkankrieges (1913) wurden die orthodoxen und katholischen Bulgaren aus Ostthrakien und die Bulgaren aus den anatolischen Gebieten vertrieben. Schätzungen der Vertriebenenorganisationen und der bulgarisch-orthodoxen Kirche be-laufen sich auf zwischen 60.000 bis 400.000 Flüchtlinge.

1915–1917 wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 300.000 bis 1.500.000 arme-nische Christen im Osmanischen Reich ermordet. Hunderttausende wurden nach Mesopotamien und Arabien deportiert, zahlreiche starben bei den Deportationen, einige flohen in den russischen Teil Arme-niens, weniger als 100.000 lebten nach 1922 noch in der Türkei.

Ebenso war ab 1915 die Volksgruppe der Assyrer (Aramäer) von einem Völkermord betroffen, ein ähnliches Schicksal traf die Pontosgriechen.

1922–1923 wurden ca. 1.250.000 grie-chisch-orthodoxe Christen im Zuge der griechischen Niederlage im griechisch-türkischen Krieg und gemäß dem an-schließend vereinbarten Bevölkerungs-austausch zwischen Griechenland und der Türkei nach Griechenland vertrieben.

Ausgenommen waren lediglich die grie-chisch-orthodoxen Gemeinden in Istanbul und auf den Inseln Bozcaada und Gökçeada. Beim Bevölkerungsaustausch wurden auch 500.000 muslimische Türken aus Griechen-land in den neuen türkischen Nationalstaat vertrieben. Zehntausende Christen wurden nach der Eroberung der griechischen Gebiete oder bei den Vertreibungen ermordet.

1955 verließen nach dem vor allem gegen Griechen gerichteten Pogrom von Istanbul Tausende griechisch-orthodoxe Einwohner die Stadt. Von 110.000 Griechen im Jahr 1923 waren zehn Jahre nach dem Pogrom nur noch 48.000 geblieben.

_____________

Anmerkungen

[1] Als Deutschländer werden in der Türkei die in der BRD lebenden türkischen Staatsbürger (Türken, Kurden usw.) bzw. die Paßdeutschen (Bundesbürger türkischer bzw. kurdischer Abstammung) bezeichnet.

[2] Damals das osmanische Vilâyet Basra (Beglerbeglik Basra) und das Vilâyet Bagdad (mit den drei Sandschaks Bagdad, Divaniye u.Kerbela) bildend.

[3] Die britische Militärbesatzung hatte die drei ehemals osmanischen Provinzen Bagdad (1918 besetzt), Basra (1914 besetzt) und Mossul (1918 besetzt) zur Occupied Enemy Territory Administration East (OETA East) zusammengefaßt. Daneben bestanden die weiteren Besatzungszonen ehemals osmanischen Gebiets namens OETA North, OETA South und die OETA West. Der äquivalente Begriff ist aus französisch Territoires ennemis occupés (TEO Nord, TEO Sud und TEO Ouest). Der Völkerbund übertrug den Briten die besetzten Gebiete als sog.  „Britisches Mandat Mesopotamien“.

[4] Der Vertrag von Sèvres sah nur noch einen kleinen osmanischen Rumpfstaat in Anatolien und verschiedene Besatzungszonen vor. Vertrag von Sèvres (auch Frieden von Sèvres; türkisch Sevr Antlaşması) 10.08.1920, abgeschlossen zwischen dem Vereinigten Königreich (Britisches Empire), Frankreich, Italien, Japan, Armenien, Belgien, Griechenland, dem Königreich Hedschas, Polen, Portugal, Rumänien, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen und der Tschechoslowakei als Siegermächte (im Vertragstext als „alliierte und assoziierte Mächte“ bezeichnet) des Ersten Weltkrieges und dem Osmanischen Reich.

[5] Die Reichstürkenhilfe war eine Steuer, die der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs während der Türkenkriege von den Reichsständen zur Abwehr der „Türkengefahr“ einforderte. Um die hierzu notwendigen Geldmittel aufzubringen, wurde eine allgemeine Abgabe für das gesamte Reichsgebiet, die sogenannte Türkensteuer, ausgeschrieben. Von dieser Steuer waren nach einem Beschluß des Reichstages zu Regensburg weder Adelige noch Geistliche ausgenommen. Auch die Klöster mußten dazu das Ihrige beitragen.

[6] Die Belagerung von Ofen (Buda) war Teil des Großen Türkenkriegs. Bei der ersten Belagerung 1684 verloren die Kaiserlichen aufgrund eines osmanischen Entsatzheeres. Beim zweiten Anlauf 1686 wurde die Stadt eingenommen und es kam zu einem Massaker an den muslimischen Einwohnern der Stadt.

[7] Die Mehrheit der innerhalb der Grenzen der heutigen Türkei lebenden Araber wurde seit 1940 türkisiert. Die Masse der türkischen Araber lebt im ehemaligen Sandschak Alexandrette, bis 1938 zum französ. Mandatsgebiet Großsyrien, ab 1938 zur Türkei.

[8] Cem Özdemir, Grünen-Politiker, ist Tscherkesse.

[9] Griechisch, vor allem Pontisch, wurde um 1914 noch von 1,73 Millionen Menschen[42] gesprochen, die allerdings durch anhaltende Verfolgung vertrieben wurden. Bis heute sind noch 4.000 Sprecher in Istanbul geblieben.

[10] Von den einst weit verbreiteten aramäischen Sprachen – den Dialekten der aramäischen Christen – ist heute außer dem Turoyo (3.000 Sprecher) nur noch die kleine Hertevin-Neuaramäische Sprache (1.000 Sprecher) in der Türkei vertreten. Die früheren aramäischen Sprachen Nestorianisch-Neuaramäisch („Assyrisch“), Chaldäisch-Neuaramäisch (Kaldoyo) und Jüdisch-Neuaramäisch (Lishana Deni) werden heute in der Türkei nicht mehr gesprochen.

[11] Im Völkermord von 1915 wurden mindestens 500.000 syrische Christen im  Osmanischen Reich ermordet, parallel fielen mindestens 1,5 Millionen Armenier dem Völkermord an den Armeniern zum Opfer.

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