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Das Hakenkreuz 2. Teil

Thomas Engelhardt

fährt fort mit seinem Thema: Das Hakenkreuz:

Doch zurück zum Thule-Orden. Die Grün-dung der Deutschen Arbeiter-Partei (DAP), des Vorläufers der NSdAP, erfolgte am 5. Januar 1919 im „Fürstenfelder Hof“ in Mün-chen durch den Schriftsteller Karl Harrer und Anton Drexler.

Bei der Konstituierung der neuen Partei waren vierundzwanzig Gründungsmitglieder anwe-send. Die DAP galt als der politische Arm des Thule-Ordens und die ersten Mitglieder der Partei waren ausnahmslos Angehörige von Thule.

Der erste Kontakt Hitlers mit der DAP kam den Überlieferungen zufolge am 12. September 1919 zustande (Hitler war im Auftrag der Reichswehr als politischer Beobachter zu einem der Parteiabende abgeordnet worden).

Wenige Tage später, am 16. September, wurde er bereits Mitglied. Dieser Tag gilt offiziell als Eintrittstag. Seine erste ent-scheidende Rede in der kleinen noch unbe-deutenden Organisation hielt er am 3. Oktober und tatsächlich wurde Hitler erst am Abend dieses Tages Mitglied der DAP.

Kolportiert wird in vielen Hitler-Biographien die angebliche Mitgliederzahl von sieben Personen in der kleinen Splitterpartei (an-geblich erhielt A. H. die Mitgliedsnummer 7).

Tatsächlich aber zeigt sein Mitgliedsausweis vom 3.10.1919 die Mitgliedsnummer 555. Die 555 ist freilich so wenig real und so wenig wahr wie die behauptete 7.

Anfang Oktober 1919 gehörten der DAP bereits wesentlich mehr als nur sieben Mit-glieder an. Aber der 555. war Hitler auch nicht. Daß er bei seinem Parteieintritt ausge-rechnet diese esoterische (oder gar kabbali-stische) Zahl 555 als Mitgliedsnummer erhielt, mutet seltsam an. Die Zahl 5 gilt in vielen Religionen als heilige Zahl, sie ist die Zahl des Pentagramms, des Hexenfußes, eines auch beim „Orden der Goldenen Dämmerung“ [22*] in magischen Ritualen verwendeten Kultsymbols.

Eine esoterische Bedeutung kann man in diese Zahl 555 demzufolge durchaus hin-eininterpretieren. Ungereimtheiten also zuhauf. Warum, weshalb?

Fest steht hingegen, daß Hitler kurz nach seiner Aufnahme in die Partei als siebtes Mitglied eines Vorstandsausschusses gewählt wurde. Diese Tatsache wurde von einigen Autoren fehlinterpretiert und so gelangte die Legende vom siebenten Parteimitglied in die Hitler-Literatur.

Kurze Zeit nach seiner Aufnahme in die Partei, am 13. November 1919, findet Hitler erstmalig Kontakt zur Thule. Bei seinem Besuch in deren Haupthaus in der Münchner Innenstadt hält er sich mehrere Stunden dort auf. Und wiederum kurze Zeit danach, noch Ende des Jahres 1919, kreiert er der Partei (im Auftrag?) die neue Parteiflagge ein-schließlich des Hakenkreuz-Symbols.

Zufälle dies nur? Mehrere Fragen bleiben unbeantwortet. Wann war die Aufklärungs- und Erkundungsarbeit im Auftrag der Reichswehr beendet? War der Besuch im Hauptquartier der Thule-Gesellschaft am 13. November 1919 wirklich der erste Kontakt Hitlers mit Thule?

Wenige Wochen darauf, am 24. Februar 1920, wird ein neues Parteiprogramm angenommen und die DAP in NSdAP umbenannt. Hitler ist zu diesem Zeitpunkt bereits der unumstritte-ne neue Führungsmann in der Partei, wenn-gleich er offiziell noch in der zweiten Reihe agiert.

Seltsam mutet in diesem Zusammenhang eine andere Tatsache an: Schon im Mai 1919 hatte ein DAP-Mitglied, Friedrich Krohn, der Partei die Annahme eines neuen politischen Sym-bols vorgeschlagen und hierzu ein Memoran-dum verfaßt:

„Ist das Hakenkreuz als Symbol der Partei geeignet?“

In der Schrift mahnte er die Verwendung einer linksdrehenden Swastika (sic.) an, wie sie die Theosophen im Kreis um Helena P. Blavatski [23*]  sowie der „Germanenorden“ [24*] verwendeten.

Das im Uhrzeigersinn linksdrehende Haken-kreuz ist gemäß buddhistischer Interpretation Talisman und Symbol für Glück und Gesund-heit, wohingegen das rechtsdrehende Haken-kreuz (wie später von der NSdAP verwendet) im asiatischen Raum ein Zeichen des Unter-ganges und des Todes ist.

Demgegenüber ist jedoch festzuhalten, daß die Wiener Ariosophen [25*] um Guido von List [26*] sowie der Thule-Orden ebenfalls rechtsdrehende Swastika als Erkennungs-zeichen benutzten.

Das heißt, auch in den völkischen Gruppen und esoterisch-okkulten Gemeinschaften gab es hinsichtlich der Drehrichtung der verwen-deten Sastika keine Übereinstimmung!

Hitler bevorzugte – weshalb auch immer – die Form des rechtsdrehenden und geradarmigen Hakenkreuzes und brachte Friedrich Krohn schließlich dazu, sein Memorandum und sein Konzept zurückzunehmen.

Bei einem Gründungstreffen der Starnberger Gruppe der Partei am 20. Februar 1920 wurde erstmalig die neue Parteiflagge präsentiert – das rechtsdrehende schwarze geradarmige Hakenkreuz in weißem Kreis auf rotem Tuch.

Eine ganze Reihe von Darstellungen in der nurmehr als unübersichtlich zu nennenden Literatur über die politische Person Adolf Hitler widmet sich Hitlers angeblicher myste-rienhafter Seite und stellt behauptetes okkultes Wirken als „böse Handlungen“ der „dunken Seite der Macht“ dar.

Dem gemäß erscheint Hitler als im Auftrag handende „Ausgeburt des Bösen“, als das personifizierte Böse schlechthin, als bar-barischer Magier, als Werkzeug satanischer Mächte, als Zauberlehrling der Schwarzen Magie. Ausersehen, Haß, Tod, Krieg und Gewalt auf die Erde und nach Deutschland zu bringen.

Wieder andere Autoren wollen ihn als Medi-um, das einem magischen Ritus gehorchte, sehen. Oder als Auserwählten, der im Auftrag verschwörischer Mächte handelte, um Deutschland zu vernichten oder in seinem Bestand so sehr zu schädigen, daß es lang-fristig nur zugrunde gehen kann.

Mal ist er Werkzeug der internationalen Hochfinanz und des Großkapitals, um deren Herrschaft zu sichern, dann wieder der quasi Erleuchtete, der an seinem Auftrag scheiterte, eine neue Ordnung zu etablieren.

Mehrere Autoren unterstellten Hitler jüdische Vorfahren. In diesem Sinne wäre er quasi als Rachejude auf der politischen Bühne erschie-nen. Die angeblichen jüdischen Vorfahren wurden von einigen Autoren auf der Vater-seite ausgemacht, andere wollten diese unter den mütterlichen Vorfahren nachgewiesen haben.

Alle diese Verlautbarungen und Darstel-lungen erwiesen sich letztlich als haltlos, konstruiert und bar jeden Gehaltes. Bis heute halten sich demgegenüber aber Geschichten über an-geblich ungesicherte Abstammungen unter Hitlers direkten Vorfahren. Wieder ande-re Veröffentlichungen behaupten Mitgliedschaften in freimaurerischen oder anderen Geheimlogen.

Teilweise werden in diesem Zusammenhang beispielsweise eine nicht existierende sog. 99er-Loge oder die Johannis-Loge genannt.

Mal war Hitler Eingeweihter und Okkultist, dann wieder nur und ausschließlich Werkzeug dunkler Hintergrundmächte. Allesamt unbe-wiesene Behauptungen.

Hermann Rauschning schrieb beispielsweise in „Gespräche mit Hitler“ (inzwischen als Fälschung entlarvt):

„Hitler lieferte sich Kräften aus, die ihn mit fortrissen. Kräfte dunkler und zerstörerischer Gewalt …“. [27*]

Derlei Darstellungen entbehren der Realität.  Die DAP als Vorläufer der NSdAP fußte zweifelsohne auf politischem und sozialem Nationalismus. Jedoch sind keine Einflüsse rassistisch-arischer oder geistig-okkulter Geistesströmungen auszumachen, wie sie beispielsweise der „Germanenorden“ vertrat.

Andererseits hatte der historische National-sozialismus zweifelsohne mythologische, quasi-religiöse und auch irrationale Wurzeln, deren massenpsychologische Wirkungen allein mit rationalen und materialistischen Erklärungsversuchen einer zwangsläufigen Genese dieser Weltanschauung nicht beizu-kommen ist.

Bis heute harren daher die okkulten Quellen und esoterischen Wurzeln der nationalsozi-alistischen Bewegung einer gründlichen wissenschaftlichen Analyse. Versuche und Ansätze in diese Richtung gab es und gibt es.

Als bemerkenswert sind in diesem Zusam-menhang die nachstehend genannten Veröffentlichungen zu nennen: 

– „Das Foucaultsche Pendel“ [28*],

– „Die Schwarze Sonne von Tashi Lhunpo“ (hier nähert sich der Autor dem Thema jedoch lediglich romanhaft verbrämt) [29*],

– „Der  Heilige Gral und seine  Erben“ [30*] ,

– „Guru Hitler. Die Geburt des Nationalsozialismus aus dem Geist von Mystik und Magie“ [31*]

– „Das Schwarze Reich. Geheimgesellschaften und Politik im 20. Jahrhundert“ [32*] ,

– „Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften, Templerorden, Thule-Gesellschaft, das Dritte Reich, die CIA“ [33*] und

– „Schwarze Sonne. Entfesselung und Mißbrauch der Mythen im Nationalsozialismus und rechter Esoterik“. [34*]

[22*] Eigtl. Hermetic Order of the Golden Dawn. Die Geheimgesellschaft gilt als eine der bedeutendsten esoterisch-okkulten  Vereinigungen (Mitglied war u. a. Aleister Crowley* 1875, † 1947).

[23*] Helena Petrovna Blavatskys , Theosophin, Okkultistin, eigtl. Helena Petrowna von Hahn-Rottenstein,  * 31.07.(jul.) / 12.08. 1831 (greg.) Jekaterinoslaw, Neurußland, Russisches Kaiserreich, † 8.05.1891 London.

[24*] Germanenorden, 1912 in Leipzig gegründet, unter der Leitung von Hermann Pohl.

[25*] Ariosophie ist eine Pseudoreligion. Der Begriff wurde von von Jörg Lanz von Liebenfels geprägt. Die geistigen Grundlagen schuf der Okkultist Guido von List, der als Vordenker bezeichnet werden kann. Die Ariosophie stellt eine Melange aus okkultistischen Inhalten und theosophischer Gedanken dar.

[26*] Guido von List (angemaßter Adel!), eigentlich Guido Karl Anton Paul List, * 5.10.1848 Wien, † 17.05.1919 Berlin, Begründer der okkultistischen Ariosophie, Esoteriker.

[27*] Hermann Rauschning: Gespräche mit Hitler. Zürich: Europa-Verlag, 1940. Hermann Rauschning, Freimaurer, 1932 Eintritt in die NSdAP (sic.), * 7.08.1887 Thorn, Westpreu-ßen, † 8.2.1982 Portland, Oregon, USA. 1933/1934 war Rauschning Senatspräsident (Regierungschef) der Freien Stadt Danzig. 1936 verließ er Danzig und lebte  seit 1941 in den Vereinigten Staaten. Das Buch „Gespräche mit Hitler“ stellt eine vollkom-mene Fälschung dar, was zahlreiche Historiker nicht davon abhielt, aus diesem Machwerk umfangreich und wiederholt zu zitieren (!).

[28*] Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel. München/Wien, 1989.

[29*] Rusell McClaude (Pseudonym; eigtl. Stephan Mögle-Stadel): Die Schwarze Sonne von Tashi Lhunpo. Vilsibiburg, Arun-Verlag, 1991.

[30*] Michael Baigent, Richard Leigh: Der Heilige Gral und seine Eben. Bergisch Gladbach, 1984.

[31*] E. R. Carmin (Pseudonym): Guru Hitler. Die Geburt des Nationalsozialismus aus dem Geist von Mystik und Magie. Zürich 1985.

[32*] E. R. Carmin (Pseudonym): Das Schwarze Reich. Geheimgesellschaften und Politik im 20. Jahrhundert. Büllingen, Ostbelgien, 1994.

[33*] Ralph Tegtmeier: Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften, Templerorden, Thule-Gesellschaft, das Dritte Reich, CIA. Hamburg: Nikol, 200; Ders.:  Das schwarze Reich. Templerorden, Thule Gesellschaft, Drittes Reich, CIA (aktualisierte und erweiterte Ausgabe), Hamburg: Nikol, 2010.

[34*]  Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne: Entfesselung und Mißbrauch der Mythen im Nationalsozialismus und rechter Esoterik (2. Aufl.) – Freiburg im Breisgau: Herder, 1999.

 

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