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Das Hakenkreuz

Thomas Engelhardt

klärt auf über das umstrittene Hakenkreuz [1*] als politisches Symbol des historischen Nationalsozialismus:

Wie bei allen geschichtlichen Entwicklungen und Abläufen gibt es auch zur Entwicklung und Herausbidung der politischen Bewegung, die 1933 in die Errichtung eines Staates neu-en Typus gipfelte, eine offizielle wie auch eine geheime Geschichte.

Die eine steht, heute vielfach fehlgezeichnet und allein das Kriegsende im Mai 1945 zur Ausgangsbasis der Betrachtung nehmend, in den Geschichtsbüchern aufgezeichnet, die andere bleibt dunkel und zum Teil rätselhaft.

Bei der Beschäftigung mit der Entwicklungs-geschichte der nationalsozialistischen Be-wegung und der sie tragenden Partei, der NSdAP, fallen Widersprüche, offene Fragen und ungeklärte Probleme auf.

Unstrittig ist, daß sich der Nationalsozia-lismus aus einer Vielzahl von politischen Anschauungen und Geistesströmungen speiste, deren Anfänge bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts reichen.

Gesichert ist auch die Tatsache, daß sich die Träger der nationalsozialistischen Weltan-schauung eines Wirrwarrs von zum Teil kruden Ideen, Vorstellungen und ideologi-schen Inhalten bedienten, die heute im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff der „Konservativen Revolution“  sublimiert werden. [2*]

Darüber hinaus gab es jedoch auch unzählige okkulte und esoterische Wurzeln und Quel-len, die den historischen Nationalsozialismus nicht unwesentlich beeinflußten.

Diese Quellen wurden und werden bis heute nur ungenügend gewürdigt. Der Hauptgrund ist, daß die politische Idee des deutschen Nationalsozialismus mit dem staatgeworde-nen System des Dritten Reiches [3*] gleich-gesetzt und der nationalsozialistische Staat nur noch von seinem Ende her betrachtet wird, ohne zu beachten, welche gesellschaft-liche und politische Basis er hatte und weshalb diese politische Idee innerhalb nur eines Jahrzehnts so erfolgreich werden konnte.

Die Tatsache, daß die nationalsozialistische Bewegung überwiegend von der Jugend und den Jungerwachsenen des damaligen Deutschland getragen wurde (im Wesent-lichen handelte es sich um die Jahrgänge 1900-1925) und ihrem Charakter nach eine Befreiungsbewegung völlig neuen Typus darstellte, wird heute geflissentlich unter-schlagen und tabuisiert.

Die historische NS-Bewegung war in dop-pelter Hinsicht eine Befreiungsbewegung. Sie postulierte als politisches Ziel die soziale und die nationale Befreiung, die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung durch das nationale und das internationale Groß- und Finanzkapital, die Hochfinanz, und die Be-freiung von nationaler Knechtschaft und Fesselung durch die Kriegssiegermächte des I. Weltkrieges.

In den vergangenen Jahrzehnten erschienen mehrere Veröffentlichungen zum Thema der weltanschaulichen und geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus, dabei naturgemäß un-terschiedliche Schwerpunkte setzend. [4*]

In der Zusammenfassung ergibt es sich, daß führende Männer der nationalsoziali-stischen Bewegung vor ihrem Einstieg in die Politik Kontakte zu geheimen Bünden, okkulten Orden und esoterischen Vereinigungen hat-ten. Das betrifft zumindest einige der Füh-rungspersönlichkeiten des national-sozialistischen Deutschland (R. Heß, H. Himmler, A. Hitler, A. Rosenberg).

Anhand der Biographien lassen sich ver-blüffenderweise entsprechende Überein-stimmungen belegen. Andererseits wird jedoch nur von einem Teil der Autoren und Biographen auf diese Gegebenheiten Bezug genommen.

Nach 1945 wurde von einigen Autoren in erster Linie die Ariosophie in Beziehung zu den Ursprüngen des Nationalsozialismus gebracht. Und tatsächlich hatte diese Gei-stesströmung im Lebensweg einiger füh-render Nationalsozialisten einige Bedeutung, insbesondere der Kreis um die Wiener Ario-sophen Guido von List [5*], Jörg Lanz von Liebenfels [6*] und Rudolf von Sebottendorf [7*] bzw. Herbert Reichstein [8*].

Darüber hinaus bestanden Kontakte und Querverbindungen beispielsweise zum „Orden der Neuen Templer“ [9*], zur „Tempelhof-Gesellschaft“ [10*], zum „Germanenorden“ [11*] zum „Armanenorden“ [12*], zum Thule-Orden [13*], zur EDDA-Gesellschaft [14*] (unter der Leitung von Rudolf John Gorsleben [15*]und Dietrich Eckart [16*]) sowie zur „Reichsarbeitsge-meinschaft ‚Das kommende Deutschland’“ (RAG). [17*]

Einige dieser von Außenstehenden oft (wenn überhaupt bekannt geworden) als tendenziell obskure Vereinigungen wahrgenommene Gruppierungen und Kleingruppen bzw. deren Vorläufer existierten bereits im Kaiserreich. Ihre Strahlkraft muß als marginal einge-schätzt werden.

Sie waren in der Tendenz bedeutungslos. Hitler aber hatte nachgewiesenermaßen mit allen diesen hier genannten Vereinigungen zumindest zeitweise Kontakt. Mit einigen der dort aktiven Personen unterhielt er teils auch länger andauernde Verbindungen.

Es ist hier nicht der Platz, darauf einzugehen, inwiefern und in welchem Maße Hitlers Welt-bild durch diese informellen Kontakte be-einflußt wurde.

Heute dominiert die Einschätzung, daß der Einfluß zumindest der ariosophischen Grup-pierungen auf die Entwicklung der national-sozialistischen Bewegung tendenziell als eher gering einzuschätzen ist.

Adolf Hitler kannte nachweislich die Werke von Guido von List und Lanz von Liebenfels, wurde aber kaum von diesen Autoren beein-flußt. Zentrale Aspekte der ariosophischen Lehre, etwa das vergangene „Goldene Zeit-alter“ der Arier oder deren geheimes kultu-relles Erbe fanden bei ihm, der in erster Linie völkisch-national und politisch dachte, nur wenig Interesse. [18*]

Demgegenüber aber muß auch nachstehen-der Sachverhalt angemessen gewürdigt werden:

Unter jenen 80 Bänden, die Hitler 1945 mit in den Führerbunker nahm, befanden sich (ne-ben antisemitischen Schriften und Abhand-lungen über Rassenhygiene) mehrere  Bücher zu spirituellen und übersinnlichen Themen. In Ernst Schertels „Magie. Geschichte/Theorie/Praxis“ strich Hitler beispielswesie folgenden Satz rot an:

„Der Mensch mit höchster Imagina-tionskraft gebietet der Welt und schafft Realität nach seinem Willen, statt der Sklave einer wesenlosen Empire zu sein“.

Eine der oben bereits genannten Gruppie-rungen nahm nachweislich einen herausra-genden Platz im vorpolitischen Leben Adolf Hitlers ein, der Thule-Orden [19*] und des-sen quasi weltlicher (bzw. bürgerlicher) Zweig, die Thule-Gesellschaft. [20*]

Das Haupt- und Erkennungssymbol des Thule-Ordens war das (rechtsdrehende) Hakenkreuz.

Da im hier vorliegenden Beitrag die Frage der Bedeutung des Hakenkreuzes behandelt werden soll, erscheint diese Tatsache von ausschlaggebender Bedeutung.

Aber auch die anderen oben genannten Organisationen und Vereinigungen kannten und verwendeten das Hakenkreuz als poli-tisches Symbol, in erster Linie aber als Sinn-und Erkennungszeichen, oft sogar nur als graphischen Schmuck in ihren Kleinschriften oder als Kultsymbol ohne jede politische Bedeutung.

Das Hakenkreuz ist Hitler jedoch noch weit-aus früher begegnet. Der Vater Hitlers war als k.k. Zollamtsoffizial ab 1892 dienstlich an die Grenze nach Passau versetzt worden. Sein Sohn besuchte von 1897 bis 1899 die Klo-sterschule im nahen Lambach. Die dort erlebten kirchlichen Prozessionen und Zeremonien hinterließen bei dem Jungen einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck.

Viel später sollte das in seinen vielen Aqua-rellen und Bildern deutlich werden, in denen er sehr oft Dorfkirchen, Klöster und monu-mentale Kirchenarchitektur als Themen wählte. [21*] Ein Beweis für die Anziehungs-kraft der visuellen Metapher der katholischen Kirche und ihrer über 1000jährigen Kontinuität.

Im Gesamtzusammenhang von Bedeutung ist, daß der Lambacher Abt Theoderich Hagn einer Familie entstammte, deren Familien-wapen das uralte Symbol des Hakenkreuzes enthielt. Eine Tatsache, die den jungen Hitler seinerzeit maßgeblich beeindruckte.

Im Übrigen stand das Hakenkreuz aber keineswegs im Gegensatz zum Christentum. Im Gegenteil. Die Kirche als Institution hatte alte heidnische Kultsymbole und germanische Heilszeichen übernommen und gleichsam vereinnahmt.

Christliche Kirchen wurden fast ausnahmslos an den alten Stätten heidnischer Kultorte und vorherigen germanischen Kultstätten errich-tet. Und die vorchristliche Symbolik wurde weiter verwendet.

Hakenkreuze findet der aufmerksame Be-sucher im Wiener Stephansdom, in der heutigen Hagia Sophia in Istanbul und in der Lübecker Marienkirche. Und im gesamten deutschen Raum waren Hakenkreuze Be-standteil alter bürgerlicher Familienwappen.

Fortsetzung folgt

__________________

Anmerkungen

[1*]   Das Hakenkreuz, auch als Sonnenrad bezeichnet, eigtl. Swastika oder Svastika, abgel. von svasti = (Sanskrit), Heil, Segen, ist ein uraltes Heils- u. Sinnzeichen und Australien ausgenommen auf allen Kontinenten nachweisbar.

[2*]  Vgl. Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Darmstadt 1989.

[3*]  Am 13. Juni 1939 ließ Hitler in einem „nicht zur Veröffentlichung“ bestimmten Rundschreiben die weitere Verwendung des Begriffs „Drittes Reich“ untersagen. Am 10. Juli 1939 wies das Reichspropagandaministerium die Presse im Altreich und in der Ostmark (früheres Österreich) an, den Begriff „Drittes Reich“ zukünftig zu meiden. Wörtlich hieß es in der Begründung: „Um die Änderungen innerer Verhältnisse innerhalb des Reiches propagandistisch zum Ausdruck zu bringen, ist vor und nach der Machtübernahme der Ausdruck ‚Drittes Reich‘ für das nationalsozialistische Reich geprägt und gebraucht worden. Der tiefgreifenden Entwicklung, die seitdem  stattgefunden hat, wird diese historisch abgeleitete Bezeichnung nicht mehr gerecht.

[4*] Dietrich Bronder: Bevor Hitler kam. Hannover, 1964. Johannes Rogalla von Bieberstein: Geheime Gesellschaften als Vorläufer politischer Parteien, Heidelberg, 1979. – Detlev Rose: Die Thule-Gesellschaft, Tübingen 1994. – Wilfried Daim: Der Mann, der Hitler die Ideen gab, Wien/Graz, 1997. –  Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Graz: Leopold Stocker Verlag, 1997.

[5*] Guido von List (angemaßter Adel!), eigtl. Guido Karl Anton Paul List, * 5.10.1848 Wien, † 17.05.1919 Berlin, Begründer der okkultistischen Ariosophie, Esoteriker.

[6*] Jörg Lanz von Liebenfels, eigtl.Adolf Joseph Lanz, * 19.07.1874 Penzing, † 22.04.1954 Wien, Ariosoph. Vgl. Wilfried Daim: Der Mann, der Hitler die Ideen gab, Isar-Verlag, München 1958.

[7*] Rudolf von Sebottendorf,  eigentl. Adam Alfred Rudolf Glauer (Pseudonym Erwin Torre), * 9.11.1875  Hoyers-werda; † 8.05.1945 Istanbul), Okkultist und Verleger.

[8*] Herbert Reichstein, Ariosoph, Okkultist, * 25.01.1892 Haynau/Schlesien, † 1944 in Freiburg/Breisgau.

[9*] Orden der Neuen Templer, Neutempler-Orden (lateinisch Ordo Novi Templi, abgek. ONT), 1900 von Jörg Lanz von Liebenfels in Wien gegründet.

[10*] Tempelhof-Gesellschaft (Vril-Gesellschaft), esoterische Geheimgesellschaft.

[11*] Germanenorden, 1912 in Leipzig gegr., unter der Leitung von Hermann Pohl.

[12*] Armanenorden, 1911 in Wien durch Guido von List gegründet.

[13*] 1911 als Germanenorden gegründet. Aus- bzw. Umgründung durch Rudolf von Sebottendorf als Thule-Orden am 17. August 1918 („Thule Gesellschaft, Orden für deutsche Art“) und am 3. August 1919 im Vereinsregister München als „„Thule-Gesellschaft zur Erforschung deutscher Geschichte und Förderung deutscher Art e. V.“, Sitz München, eingetragen. 1918 hatte die Thule-Gesellachaft bereits 1.500 Mitglieder [Qu.: Jan Philipp Pomplun: Thule-Gesellschaft. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 5: Organisationen. Berlin: De Gruyter Saur, 2012, S. 597].

[14*] EDDA-Gesellchaft, 1925 von Rudolf John Gorsleben (eigentlich Rudolf John) in Dinkelsbühl gegründet.

[15*] Rudolf John Gorsleben (eigentlich Rudolf John), Esoteriker u. Ariosoph, * 16.03.1883 Metz, † 23.08.1930 Bad Homburg vor der Höhe.

[16*] Dietrich Eckart,  Publizist, Verleger, Gründungsmitglied der DAP, * 23.03.1868 Neumarkt/Oberpfalz, † 26.12.1923 Berchtesgaden.

[17*] Reichsarbeitsgemeinschaft ‚Das kommende Deutschland‘ (RAG), gegr. 1930 in Berlin von Johannes Täufer.

[18*] Hitlers private Büchersammlung, die 1945 teilweise vernichtet wurde, umfaßte mehr als 16.300 Bücher. In der 1945 etwa 16.000 Bände umfassenden Privatbibliothek Hitlers wurden die Titel jedoch nachgewiesen. Hitlers Privatbibliothek, die in der Reichskanzlei in Berlin aufbewahrt wurde, wurde von den Sowjets konfisziert und nach Moskau gebracht. Bücher in München und Berchtesgaden (darunter Hitlers Berchtesgadener Globus) wurden von US-Soldaten als Kriegsbeute geraubt. Dreitausend Bände der Bibl. wurden später in einem Salzbergwerk in Berchtesgaden entdeckt und von der Library of Congress der Vereinigten Staaten konfisziert. Ein kleinerer Teil der Büchersammlung wird heute in der Brown University in Providence, Rhode Island, aufbewahrt.

[19*] Vgl. Fußn. 13.

[20*] Thule-Gesellschaft, politischer Geheimbund, gegr. im August 1918 in München von Rudolf von Sebottendorf. Bekannte Mitglieder waren u. a. Dietrich  Eckart, Alfrred Rosenberg und Karl Haushofer.

[21*] Vgl. Adolf Hitler als Maler und Zeichner. New York, 1982.

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