Den entrollten Lügenfahnen folgen
Samstag, 31. Oktober 2026 von Adelinde
Der Historiker
Gerhard Bracke
beschreibt:
Wie ein geschichtliches Analphabetentum falsche Maßstäbe setzt
Goethe hat im 4. Aufzug des Zweiten Teils seiner „Faust“-Dichtung unserer Zeit bereits den Spiegel genial-visionär vorgehalten mit der Feststellung:
„Und auf vorbestimmten Bahnen
Zieht die Menge durch die Flur;
Den entrollten Lügenfahnen
Folgen alle – Schafsnatur!“Das Bild stellt sich ein, wenn man die Massendemonstrationen zigtausender
Menschen einer aufgerufenen „offenen Zivilgesellschaft“ in vielen deutschen Städten vor Augen hat, die gegen eine vermeintliche Bedrohung der Demokratie und ihrer Werte im „Kampf gegen rechts“ eintreten.Daß Andersdenkenden apodiktisch und aus ideologischer Verblendung jede demokrati-sche Gesinnung abgesprochen wird, zumal man sich gegen „Haß und Hetze“ wendet, die allerdings gegen „Rechtsextremismus“ pro-bates Mittel sein dürfen, versteht sich von selbst.
Auf der anderen Seite bleibt unbestritten, daß Gefahren von verblendeten „Esotherikern“ aus der sog. „Reichsbürger“-Szene und von isla-mistischen Gruppierungen ausgehen, gegen die der Staat sich zur Wehr setzen muß.
Nicht verkannt werden darf die andere Gefahr einer Bedrohung demokratischer Werte, wenn diese systematisch ausgehöhlt und die Meinungs- und Geistesfreiheit gesetzlich ausgehebelt bzw. unterdrückt wird.
Das Bundesinnenministerium Nancy Faesers und der ihr unterstellte Verfassungsschutz setzten Aktionspläne durch, um die „Resilienz der Demokratie zu stärken“ durch „Bekämp-fung des Rechtsextremismus“ mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Aus historischer Unkenntnis sind nun viele der Meinung, es könnten rechte und
konservative Parteien am Ende wieder eine NS-Diktatur errichten. Bekanntlich
wiederholt sich Geschichte nicht. Vor allem ignoriert das weitverbreitete geschichtliche Analphabetentum die historischen Bedingungen, die sowohl von außen durch den Versailler Vertrag und seine Folgen als auch von innen durch eine Vielzahl von Belastungen die Weimarer Republik von Anfang an unter Druck setzten.Geschichtliche Ignoranz kennt nur die Phrase vom „Überfall auf Polen“, kennt nicht die Vorgeschichte des deutsch-polnischen Kon-fliktes, weiß nichts von den intensiven Be-mühungen und Vorschlägen der deutschen Reichsregierung zur friedlichen Lösung des Konfliktes, weiß nichts von der aggressiv-provokativen Kriegsbereitschaft und Entschlossenheit der polnischen Führung, gedeckt durch die englisch-französische Blankovollmacht, den Krieg 1939 zu entfesseln („Auf nach Berlin!“)
Bei der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus spielten aber auch
noch ganz andere, heute weitgehend unbekannte Faktoren eine wesentliche Rolle.
Der ehemalige Reichskanzler Dr. Heinrich Brüning schrieb in der „Deutschen
Rundschau“ (Heft 7, S. 6/7) im Juli 1947:„Andere wollten eine Regierung bilden, die die Nazis einschließen sollte. Die
letztere Gruppe hatte unter ihren Mit-gliedern eine Anzahl von Bankiers, die einen besonderen, indirekten Druck auf den Präsidenten“ (v. Hindenburg) ,ausübten.‘Zumindestens einer von ihnen hatte, wie man wußte, seit Oktober 1928 großzügig die Fonds der Nazis und die Parteien der Nationalisten mit Geld unterstützt. Er starb, kurz nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren. Das Finanzieren der Nazipartei, teilweise von Menschen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, daß sie sie unterstützen würden, ist ein Kapitel für sich.
Ich habe niemals öffentlich darüber ge-sprochen, aber im Interesse Deutsch-lands könnte es notwendig werden, es zu tun und aufzudecken, wie dieselben Bankiers im Herbst 1931 den amerikani-schen Botschafter Sacket gegen meine Regierung zugunsten der Nazipartei zu beeinflussen versuchten.“
Am 16. April 1973 schrieb Oberst Curtiss B. Dall, der Schwiegersohn des US-Präsidenten Fr. D. Roosevelt, an den Amtsgerichtsdirek-tor Dr. jur. Rudolf Sand u.a.:
„Ich brauche das Wort ,Weltgeld‘ in der englischen Fassung. Sie brauchen das Wort ,Weltfinanz‘ in der deutschen Übersetzung. Beim Lesen mehrerer Bücher fiel mir auf, daß Adolf Hitlers anfängliche Bemühungen um die Macht von internationalen Banken finanziert wurde, die weitgehend unter jüdischem Einfluß standen, und daß große Kapital-gesellschaften der Industrie, deren Eigentumsverhältnisse mir unbekannt sind, Hitler Geld zur Verfügung stellten.
Für mich bedeutet ,Weltgeld‘ = ,jüdisches Geld‘ – oder Geld, das von weitreichender jüdischer Politik beherrscht wird…“
Eine solche Aussage würde Oberst Dall heute in Deutschland spontan mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontieren. Aber den Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten Roosevelt?
Karlheinz Deschner greift in seinem Buch „Der Moloch – Eine kritische Geschichte der USA“ mit dem Kapitel „Die Wallstreet kauft Hitler“ (S. 219 ff.) die Finanzierungsgeschichte der Hitler-Partei ebenfalls auf:
„Es waren dieselben Wallstreet-Kreise, die schon 1917 die bolschewistische
Revolution finanziert hatten, die auch Hitler beisprangen.“ (S. 219)„Und eine von Henry Ford tradierte Äußerung Paul Warburgs vor einem Senatsausschuß besagt, ,daß es zur jüdischen Politik – vielleicht zu der großer Finanz-Firmen im allgemeinen – gehört, auf alle Parteien zu setzen, so daß ihre Interessen auf jeden Fall gesichert sind, gleichviel welche Partei obenauf kommt.“ (ebd.)
Deschner stellt mit Recht fest:
„Die etablierte Geschichtsschreibung … vernachlässigt noch immer gerade die wirtschaftlichen Komponenten im glo-balen Beziehungsgeflecht, die ökonomi-schen Faktoren als bestimmende An-triebskräfte und spart die Manipulationen des multinationalen Geldgesindels gewöhnlich gänzlich aus.“ (S. 221) (Karlheinz Deschner: Der Moloch – eine kritische Geschichte der USA“, 2. Aufl. München 1995)
Der Verfasser führt dann weiter aus:
„Bei Beratungen der Präsidenten der ,Federal-Reserve‘-Banken, des eigent-lichen Finanzzentrums der Wallstreet, der fünf unabhängigen Banken, Vertreter der Royal Dutch, der Standard Oil, Rockefel-ler jun. u.a. im Sommer 1929 wurde Warburg schließlich gefragt, ob Hitler für amerikanisches Geld zugänglich sei.
Als Gegenleistung hätte dieser gegen-über Frankreich eine aggressive Außen-politik einzuleiten, sollte aber ,in die wirklichen Motive der amerikanischen Unterstützung nicht eingeweiht werden.‘ (S. 223 f.)“
Dazu werden wesentliche Einzelheiten dokumentiert, die den gesamten Sachverhalt nachhaltig belegen, einschließlich der Unterdrückung des Themas im Nürnberger Prozeß.
„Hitlers Bezahlung durch das Bankhaus Warburg und das amerikanische
Groß-kapital thematisierte auch das 1933 von Van Holke & Warendorf, Amsterdam, unter dem Namen von Sidney Warburg verlegte Buch ,De Geldbronnen van het Nationaal-Socialisme. Drie gesprekken met Hitler door Sidney Warburg.‘ Doch wurde das Buch kurz nach der Publikation vom Verlag aus dem Handel gezogen bzw. zurückgekauft, und zwar durch einen Amsterdamer Rechtsanwalt, offensichtlich im Auftrag der Warburgfamilie…“ (S. 225)Bekanntlich wurde am 20. Juli 1933 das Reichskonkordat von Vizekanzler
Franz v. Papen und Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., zwischen der NS-Regierung und dem Heiligen Stuhl, der Katholischen Kirche, unterzeichnet, jener Staatsvertrag, der das Dritte Reich inter-national „hoffähig“ machte und als einziger mit der Hitler-Diktatur geschlossener Vertrag bis heute in der Bundesrepublik geltendes Recht darstellt.„Der ,Heilige Vater‘, bescheinigten alle katholischen Bischöfe Deutschlands
Hitler später – und diese Tatsache muß man sich merken! – hat derart ,das moralische Ansehen Ihrer Person und Ihrer Regierung in einzigartiger Weise begründet und gehoben‘ – ich wieder-hole: Nach dem Zeugnis des gesamten deutschen Episkopats hat der Papst das Ansehen Adolf Hitlers begründet, und er hat es gehoben, in einzigartiger Weise -, was Hitler mit Recht als ,rückhaltlose Anerkennung‘ und ,unbeschreiblichen Erfolg‘ bezeichnen konnte, verlieh es ihm doch plötzlich vor aller Welt die Legitimität.“2„Denn in Wirklichkeit“, predigte Kardinal Faulhaber von München, „ist Papst
Pius XI. der beste Freund, am Anfang sogar der einzige Freund des neuen Reiches gewesen. Millionen im Ausland standen zuerst abwartend und miß-trauisch dem neuen Reich gegenüber und haben erst durch den Abschluß des Konkordats Vertrauen zur neuen deutschen Regierung gefaßt.“ (a.a.O., S.60)„Dabei waren für den Freiburger Weih-bischof Burger ,die Ziele der
Reichsregierung … schon längst die Ziele unserer katholischen Kirche‘; versprach Bischof Bornewasser von Trier, dem Nazistaat ,zu dienen mit dem Einsatz aller Kräfte unseres Leibes und unserer Seele‘; wollte Bischof Vogt von Aachen ,am Aufbau des neuen Reiches freudig mitarbeiten‘; wollte Bischof Berning von Osnabrück, von Göring zum Staatsrat ernannt, nebst allen deutschen Oberhirten mit ,heißer Liebe und mit allen unseren Kräften‘ unterstützen; sah Graf von Galen, der große katholische Widerstandskämpfer, ,die höchsten Führer unseres Vaterlandes erleuchtet und gestärkt‘ durch die ,liebevolle Führung‘ Gottes selbst; [….] rief Bischof
Kaller von Ermland:,Diese große Zeit ist eine Gnade Gottes‘; kam es Kardinal Faulhaber ,aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler.‘“ (a.a.O., S. 64 ff.)
In einer Ansprache vom 2. November 1933 sagte v. Papen:
„Wie ich damals bei der Übernahme der Kanzlerschaft dafür geworben habe, der jungen, kämpfenden Freiheitsbewegung den Weg zur Macht zu ebnen, wie ich am 30. Januar durch ein gütiges Geschick dazu bestimmt war, die Hände unseres Kanzlers und Führers in die Hand des geliebten Feldmarschalls zu legen, so fühle ich heute wieder die Verpflichtung, dem deutschen Volk … zu sagen: Der liebe Gott hat Deuschland gesegnet, daß er ihm in Zeiten tiefer Not einen Führer gab.“ 3
Im Nürnberger Prozeß erhielt Franz v. Papen 1946 einen der wenigen Freisprüche.
Prälat Kaas von der Zentrumspartei dürfte seine persönliche Entscheidung für das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933, die eigentliche rechtliche Grundlage für die NS-Diktatur,
„von Hitlers Zusicherung abhängig gemacht haben, mit Hilfe dieses Gesetzes das Reichskonkordat abzuschließen, das am Parlament der Republik immer wieder gescheitert war.“4
Im übrigen fand das Ermächtigungsgesetz, das der Dreiviertelmehrheit bedurfte und nur von der SPD abgelehnt wurde, auch die Zustimmung der demokratischen Deutschen Staatspartei unter Theodor Heuss, dem späteren ersten Bundespräsidenten (1949-1959).
Ernst Niekisch (1889 – 1967)5 hat seiner berühmten, 1932 im Widerstandsverlag Berlin veröffentlichten Schrift „Hitler ein deutsches Verhängnis“ ein Vorwort vorangestellt, das teilweise von verblüffender Aktualität erscheint:
„Diese Schrift entstammt nicht unbe-zwinglicher Sucht zur Kritik. Der Ent-schluß zu ihr ist nicht leicht. Es ist schwer, nüchtern zu bleiben, wo zahllose trunken sind; es schmerzt, nicht mit-hoffen und mitglauben zu können, wo kaum einer mehr zweifelt.
Aber niemand nimmt dem seine Ver-antwortung ab, den sein eigenes Gewissen zur Rechenschaft zieht. Keiner darf schweigen, der Abgründe sieht, wo andere noch blind sind. Viele werden verletzt sein; sie mögen sich damit trösten, täglich im Rausche leben zu dürfen. Sie stehen der Sorge um die Zukunft unseres Volkes nicht Auge in Auge gegenüber. Wem diese Sorge nicht mehr von der Seite weicht: der muß sprechen.“
Die Sorge um Deutschland und unsere Zukunft belastet in der Gegenwart nicht minder, wieder einmal und noch immer.
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Anmerkungen
1 Karlheinz Deschner: Der Moloch – eine kritische Geschichte der USA, 2. Aufl. München 1995
2 Karlheinz Deschner: Die Vertreter Gottes. Eine Geschichte der Päpste im 20. Jahrhundert. München 1994, S. 59 f.
3 Karlheinz Deschner: Kirche und Faschismus, Ullstein Zeitgeschichte, Rastatt 1968 und 1993 bei Moewig, S. 57
4 Ders.: Mit Gott und dem Führer. Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1988, S. 37
5 Benedikt Kaiser: Dissidenz als Lebensprinzip: Ernst Niekisch, Sezession 120, Juni 2024, S. 26 ff
„Auf der anderen Seite bleibt unbestritten, daß Gefahren von verblendeten „Esotherikern“ aus der sog. „Reichsbürger“-Szene und von islamistischen Gruppierungen ausgehen, gegen die der Staat sich zur Wehr setzen muß.“
Doch – ich bestreite das! Frage: Welche Gefahren gehen denn von „verblendeten Esotherikern“ aus der „Reichsbürger-Szene“ aus?
Sind wir da nicht vielleicht selbst ein wenig verblendet, werter Historiker?!