Kaiser Wilhelm schildert, wie es zum 1. WK kam
Freitag, 30. Oktober 2026 von Adelinde
Kersti Wollnow
läßt Kaiser Wilhelm II. zu Wort kommen, um einem Teil der Geschichtslügen gegen unser Volk zu begegnen:
Wir bekommen über den Ausbruch des 1. WK bis heute nur den Militarismus des Kaiser-reiches serviert, das Verbummeln der Wieder-herstellung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland oder durch die „Schlafwandler“, daß der Krieg durch Überreaktion einzelner Mächte oder die Sorglosigkeit aller zum Krieg geführt haben.
Rußland näherte sich aber nach der Berliner Konferenz zunehmend Frankreich an. Für Kaiser Wilhelm mag Sorglosigkeit zutreffen, der noch im Sommer 1914 auf Kreta mit Aus-grabungen beschäftigt war. Lassen wir die Biographie von Wilhelm II sprechen.
S. 211 … „ wie wenig wir im Juli 1914 auf den Krieg gefaßt waren, geschweige denn, daß wir ihn vorbereitet hätten. Als im Früh-jahr 1914 Zar Nikolaus II von seinem Hofmarschall über sein Frühjahrs– und Sommerprogramm befragt wurde, antwortete er (Anm. der auf französisch gegeben Antwort „Ich werde in diesem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“) (diese Tatsache soll dem Reichskanzler v. Bethmann gemeldet worden sein, ich habe damals nichts davon gehört und sie erst im November 1918 erfahren).
Das ist derselbe Zar, der mir zu zwei verschiedenen Malen, in Björkö und in Baltisch-Port, ganz unaufgefordert und für mich überraschend sein feierliches Ehrenwort, durch Handschlag und Um-armung bekräftigt, gegeben hat:
Er werde aus Dankbarkeit für die treue und freundschaftliche Haltung des Deutschen Kaisers im russisch-japani-schen Kriege, den England allein Rußland eingebrockt habe, niemals gegen ihn das Schwert ziehen, wenn etwa ein Krieg in Europa ausbrechen sollte, am allerwe-nigsten als Bundesgenosse von England. Dieses Land hasse er, denn es habe ihm und Rußland schweres Unrecht angetan, indem es ihm Japan auf den Hals gehetzte habe“.
Dabei ist allen Geheimdiensten entgangen, daß die USA in Form der Wallstreet längst als Bundesgenosse der City of London die Fi-nanzen durch gemeisame Anleihen für Japan gegen Rußland regelten.
Seite 202 gibt die ganze Misere der deutschen Diplomatie bis heute wider. Er selbst drückt das so aus:
Die ganze diplomatische Maschine bei uns hat versagt. Man sah den heraufziehenden Krieg nicht, weil das Auswärtige Amt mit seinem Standpunkt des „surtout pas d‘hi-stories“ von den Gedanken des Friedens „a tout prix“ dergestalt hypnotisiert war, daß es den Krieg als mögliches Mittel der Entente-Staatskunst aus seinen Berechnungen gänzlich ausgeschaltet hatte und deshalb die Kriegsanzeichen in ihrer Bedeutung nicht richtig einschätzte.
Auch hierin liegt übrigens ein Beweis für die Friedfertigkeit Deutschlands. Jener Stand-punkt des Auswärtigen Amtes brachte es in einen gewissen Gegensatz zum Generalstab und Admiralstab, die pflichtgemäß warnten und zur Abwehr vorbereiten wollten.*
*) Es war allein Erich Ludendorff, in damals noch untergeordnetem Rang, der den Generalstab vor dem kommenden Krieg und der nicht angepaßten, mangelhaften deutschen Rüstung warnte. Er legte mehrere Male Eingaben zur „Heeresvermehrung“ vor, doch nichts geschah. Schließlich versetzte man die „Nervensäge“ aus dem Generalstab nach Düsseldorf.
Dieser Gegensatz hat noch lange nachge-wirkt. Die Armee konnte dem Auswärtigen Amt nicht vergessen, daß sie durch seine Schuld überrascht worden war. Und die Diplomaten waren pikiert, daß es trotz ihrer Kunst zum Kriege gekommen war. Unzählig sind die Zeugnisse dafür, daß schon im Frühjahr und Sommer 1914, als bei uns noch niemand (Adelinde: außer Ludendorff) an den Angriff der Entente dachte, der Krieg in Rußland, Frankreich, Belgien und England vorbereitet worden ist.
Wilhelm II verweist im Buch wieder auf die „Vergleichenden Geschichtstabellen“:
„1. Schon im April 1914 begann die Ansammlung von Goldreserven in den englischen Banken. Deutschland dagegen führt noch im Juli Gold und Getreide aus, auch nach den Entente-Ländern.
2. Im April 1914 berichtet der deutsche Militärattache in Tokio Korvettenkapitän v. Knorr, er sei geradezu betroffen über die Gewißheit, mit der dort alles den Krieg der Tripelallianz gegen Deutsch-land in naher Zukunft für sicher halte … Es liege etwas in der Luft wie eine Art Beileid über ein noch nicht ausgespro-chenes Todesurteil.
3. Ende März 1914 hält der General Schtscherbatschew, Direktor der Kriegs-akademie in Petersburg, an seine Offi-ziere eine Ansprache, in der es u.a. hieß: ,Der Krieg mit den Dreibundmächten sei infolge der gegen Rußlands Interessen gerichteten österreichischen Balkanpolitik unvermeidlich geworden … Höchstwahrscheinlich werde er noch in diesem Sommer zum Ausbruch kommen. Rußland sei die Ehre geworden, sofort die Initiative zu ergreifen.‘
4. Im Bericht des Belgischen Gesandten in Berlin über eine aus Petersburg einge-troffene Militärmission – April 1914 – heißt es u.a.: ,In den Regimentsmessen hatten die japanischen Offiziere ganz offen von einem nahe bevorstehenden Kriege gegen Österreich-Ungarn und Deutschland reden hören. Man sagte dabei, daß die Armee bereit sei, ins Feld zu rücken, und der Augenblick sei ebenso günstig für die Russen, wie für ihre Verbündeten, die Franzosen.‘
5. Nach den in der Revue des Deux Mondes 1921 veröffentlichten Denk-würdigkeiten des damaligen französi-schen Botschaftern in Petersburg, Herrn Paleologue, haben am 22. Juli 1914 in Zarskoje Selo die Großfürstinnen Anastasia und Militza zu ihm geäußert: Ihr Vater, der König von Montenegro, hätte ihnen in einem Chiffretelegramm mitgeteilt, ,daß wir vor Monatsende (russischen Stils, also vor dem 13. August neuen Stils) Krieg haben werden …
Von Österreich wird nichts übrigbleiben … Ihr werdet Elsaß-Lothringen wieder-nehmen … Unsere Heere werden sich in Berlin treffen … Deutschland wird vernichtet werden.
6. Der frühere serbische Geschäftsführer in Berlin Boghitschewitsch berichtet in seinem 1919 erschienen Buche ,Kriegs-ursachen‘ eine Äußerung, die der dama-lige französische Botschafter in Berlin Lambon am 26. oder 27. Juli 1914 zu ihm getan habe: ,Wenn Deutschland es auf einen Krieg ankommen lassen will, so wird es auch England gegen sich haben. Die englische Flotte wird Hamburg forcieren. Wir werden die Deutschen glatt schlagen.‘
Boghitschewitsch sagt, er habe von dieser Unterredung die Gewißheit mitgenommen, daß der Krieg, falls nicht schon früher, so doch gewiß bei der Begegnung Poincarés mit dem russischen Kaiser in Petersburg beschlossen worden war.
7. Ein hochgestellter Russe, Mitglied der Duma und guter Bekannter von Sasonow, erzählte mir später von dem geheimen Kronrat unter Vorsitz des Zaren im Fe-bruar 1914, was mir auch nur andere russische, in meinen ,Geschichtstabellen‘ aufgeführten Quellen bestätigt worden ist. In diesem Kronrat hielt Sasonow einen Vortag, in welchem er dem Zaren vorschlug, Konstantinopel zu nehmen.
Da der Dreibund das nicht zugeben würde, werde daraus ein Krieg gegen Deutschland und Österreich folgen. Italien werde von diesen abfallen, auf Frankreich könne man unbedingt rechnen, auf England wahrscheinlich. Der Zar habe zugestimmt und den Befehl gegeben, die nötigen Vorarbeiten zu beginnen.
Der russische Finanzminister Graf Kokowzow hat dagegen eine Denkschrift an den Zaren gerichtet – diese ist mir nach dem Brester Frieden durch Graf Mirbach mitgeteilt worden -, in der er dem Zaren ein festes Zusammengehen mit Deutschland empfahl und vor dem Kriege warnte, der unglücklich verlaufen und zur Revolution und zum Sturze der Dynastie führen werde. Der Zar ist diesem Rat nicht gefolgt, hat vielmehr den Krieg betrieben.“
Und so geht es die nächsten 6 Punkte weiter, alle sprachen vom Krieg. … handelt von den Auswirkungen des von Kaiser Wilhelm gesandten Telegrammes zur russischen Mobilmachung. Fürst Tundutow
„sei Zeuge des berüchtigten Telefon-gespräches zwischen dem Zaren und dem Chef des Generalstabes General Januschkewitsch gewesen. Der Zar habe unter dem tiefen Eindruck des ernsten Telegrammes des Deutschen Kaisers beschlossen, die Mobilmachung zu inhibieren. Er habe Januschkewitsch telefonisch befohlen, die Mobilmachung nicht auszuführen bzw. rückgängig zu machen.
Dieser habe diesen klaren Befehl nicht ausgeführt, sondern bei dem Minister des Auswärtigen Amtes Sasonow, mit dem er seit Wochen in Verbindung gestanden, intrigiert und zum Kriege gehetzt habe, telefonisch angefragt, was er nun tun solle. Sasonow habe geantwortet: Der Befehl des Zaren sei Unsinn, der General solle die Mobilmachung nur ausführen, er (Sasonow) werde den Zaren morgen schon wieder herumkriegen und ihm das dumme Telegramm des Deutschen Kaisers ausreden.
Daraufhin meldete Januschkewitsch dem Zaren, die Mobilmachung sei schon im Gange und nicht mehr rückgängig zu machen … Nun fügte Fürst Tundutow hinzu: Das war eine Lüge, denn ich habe neben Januschkewitsch den Mobilmachungsbefehl auf seinem Schreibtisch liegen sehen, er war also noch gar nicht abgesandt.“ (S.216)
Für Kaiser Wilhelm war diese Mitteilung insofern interessant, daß der Zar aufgrund seines Telegrammes die Kriegsmaschinerie noch stoppen wollte, es aber nicht konnte, weil im ganzen russischen Offizierskorps eine antideutsche Stimmung verbreitet worden war.
„Dieser Geist sei hauptsächlich aus der französischen Armee auf die russischen Offiziere übertragen worden.“ (S.217)
Dazu sage ich: Dummheit schützt vor Strafe nicht. Die Kriegstreiber wurden bis heute nicht bestraft. Darum ist die Welt so, wie sie ist …