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Thomas Engelhardt

unterrichtet über das Thema

Siebenjähriger Krieg und polnische Teilungen

Nach dem Hubertusburger Frieden von 1763, der den Siebenjährigen Krieg beendete und aus dem Preußen gestärkt hervorging, kam es zu einer erneuten Annäherung zwischen Rußland und Preußen.

Preußen hatte endgültig den Status einer europäischen Großmacht erlangt. Dies und die übereinstimmenden Interessen in Bezug auf Polen-Litauen (die Lubliner Union um-faßte seit mehr als vierhundert Jahren rus-sischsprachige, kleinrussische (ukrainische) und weißrussische Gebiete) drängten auf eine Lösung des polnisch-litauischen Problems.

Innenpolitisch erheblich geschwächt verlor die 1569 gegründete polnisch-litauische Adelsrepublik („Rzeczpospolita“ ) in der 1. Teilung im Jahr 1772 etwas mehr als ein Viertel (30 %) seines Staatsgebietes (vor 1772 730.000 km²), insgesamt mehr als 200.000 km² (mit 4,5 Mill. Einwohnern, das waren 35 % der Gesamtbevölkerung). Rußland annektierte 92.000 km².

Bei der Teilung von 1793 verlor die Lubliner Union (Polen-Litauen) 300.000 km², das waren 42 % der ursprünglichen Staatsfläche. Mit der 3. Teilung im Jahr 1795 wurde Polen-Litauen vollständig aufgelöst.

Das Territorium der früheren Adelsrepublik wurde von den benachbarten Mächten Rußland, Preußen und Österreich annektiert und verschwand von der Landkarte. Größter Nutznießer war Rußland.

Das Russische Reich gewann 1772 Teile Livlands und Weißrußlands (insges. 94.000 km²), 1793 Weißrußland, Wolhynien und Podolien (250.000 km²) und 1795 Litauen, Kurland, die Westukraine und restliche Teile von Weißrußland (121.000 km²). 

Insgesamt besaß Rußland nach dem Ende der Lubliner Union (Polen-Litauen) ca. 463.200 km² des ehemaligen Staatsgebietes der früheren Adelsrepublik. Das entspricht einem Anteil von 63,5 % des ehemaligen Staates.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Rußland zweimal in einen Krieg mit dem Königreich Preußen verwickelt. (26*) England und Frankreich führten (hauptsächlich in Nord-amerika) Kriege um Territorien und Einfluß-gebiete, und Rußland ging wechselnde Bündnisse ein.

Die Erfolge der russischen Armee brachten Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg an den Rand des Untergangs. Schon zum Thron-verzicht bereit, befreite ihn der Tod der Zarin Elisabeth im Jahre 1762 vom gefährlichsten seiner Feinde. (27*)

Ihr Neffe, Peter III., (28*) ein großer Bewunderer Friedrichs, vollzog einen jähen Richtungswechsel in der russischen Außenpolitik und schlosß Frieden mit Preußen.

Diese Annäherung zwischen Rußland und Preußen mündete in ein Verteidigungsbünd-nis, das im April 1764 in Petersburg ge-schlossen wurde. (29*) Preußen sicherte sich mit diesem Bündnis nach den verheerenden Erfahrungen im Siebenjährigen Krieg ab.

Rußland, zuvor ein erbitterter Gegner, wurde vertraglich als Partner gebunden. Das Bünd-nis ermöglichte es Rußland, sich zur Vor-macht in Osteuropa zu entwickeln und eine führende Rolle in der europäischen Politik einzunehmen.

Die Expansion des Osmanischen Reiches wurde eingedämmt, und Rußlands Druck auf die Lubliner Union (Polen-Litauen) verstärkte sich. Das Bündnis von 1764 stabilisierte Preußens Position im Machtspiel der europäi-schen Mächte und beendete seine außenpolitische Isolation.

Es legte das diplomatische Fundament für das spätere Zusammenwirken der Großmächte im Osten, das 1772 in der 1. Polnischen Teilung gipfelte (Petersburger Vertrag). (30*)

Mit den Gebietserwerbungen infolge der drei polnischen Teilungen 1772, 1793 und 1795 erweiterte das Russische Kaiserreich sein Territorium erheblich. 1795 wurden infolge der territorialen Veränderungen  Preußen und Rußland Nachbarstaaten und besaßen fortan eine gemeinsame Grenze.

Die napoleonische Zeit

In der napoleonischen Zeit waren Rußland und deutsche Einzelstaaten verbündet. Anders als Rußland war Deutschland kein Nationalstaat. Deutschland war damals ein „Flickenteppich“ politischer Einzelterritorien und bestand aus mehr als drei Dutzend politischen Einzelterritorien, Königreichen, Fürstentümern, Grafschaften und anderen Gebieten.

Diese Konstellation war einer der Gründe der Annäherung zwischen der zaristischen Re-gierung und Preußen. Die Allianzen der deutschen Staaten mit dem Russischen Kaiserreich wechselten in der napoleonischen Ära (ca. 1799– 1815) je nach Kriegsphase.

Die wichtigste Konstante als Verbündeter war Preußen, während die meisten anderen deut-schen Staaten (wie Bayern, Württemberg und Baden) erst gegen Ende dieser Zeit ab 1813 auf die russische Seite wechselten.

Österreich (als Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) kämpfte im Dritten Koalitionskrieg gemeinsam mit Rußland (z. B. in der Schlacht bei Austerlitz 1805). Preußen schloß 1806 ein enges Bündnis mit Rußland (Vierter Koalitionskrieg).

Sachsen und Sachsen-Weimar waren 1806 zu Beginn dieses Krieges ebenfalls kurzzeitig mit Preußen und Rußland verbündet. In der Zeit der französischen Dominanz (1807–1812) waren fast alle deutschen Staaten Gegner Rußlands.

Napoleon gründete den Rheinbund – ein Zusammenschluß deutscher Staaten wie Bayern, Württemberg, Sachsen, Baden und Westphalen. Als Napoleon 1812 in Rußland einmarschierte, mußten diese Staaten (inklusive der geschwächten Großmächte Preußen und Österreich) Hilfskorps stellen und an Frankreichs Seite gegen Rußland kämpfen.

Preußen wechselte als erster deutscher Staat im März 1813 durch den „Vertrag von Ka-lisch“ wieder offiziell an die Seite Rußlands. Österreich schloß sich der antinapoleoni-schen Allianz im August 1813 an.

Die Rheinbundstaaten, das sogenannte „Dritte Deutschland“ (31*) (darunter Bayern durch den „Vertrag von Ried“ im Oktober 1813, gefolgt von Württemberg, Baden und weiteren Mittelmächten) fielen nach und nach von Napoleon ab und verbündeten sich mit Rußland, Preußen und Österreich, um Napoleon endgültig zu stürzen.

Der Feldzug nach Rußland im Jahre 1812

Die napoleonische Grande Armée, die im Jahr 1812 den Feldzug nach Rußland begann, setzte sich zu einem großen Teil aus deut-schen Kontingenttruppen und zwangsrekru-tierten Deutschen zusammen. (32*) Die im Laufe des Frühjahrs 1812 aufgestellte „Grande Armée“ war eine Armee des Französischen Kaiserreichs und der von ihm annektierten und abhängigen Gebiete. (33*)

Die Truppenkontingente der Rheinbund-staaten waren in die französische Armee integriert und standen unter dem Befehl des französischen Kaisers. Insgesamt hatte der Rheinbund fast 130.000 Soldaten für Frankreich aufzubieten.

Der König von Preußen wurde nach der Niederlage von 1806/07 nicht Mitglied des Rheinbundes. Dennoch mußte er nach dem auf französischen Druck am 24. Februar 1812 abgeschlossenen Allianzvertrag nicht nur 20.000 Soldaten stellen und auf preußische Kosten besolden sowie Verluste auffrischen, sondern er hatte der französischen Armee (400.000 Mann) den freien Durchzug zu gewähren und alle Festungen (außer in Schlesien) und Einrichtungen zu überlassen, die diese für die Kriegsführung mit Rußland benötigte.

Das preußische Armee-Kontingent wurde überwiegend als 27. Division in die „Große Armee“ integriert und dem 10. Armeekorps zugeteilt. Mit Österreich schloß Frankreich am 14. März 1812 einen besonderen Militär-Allianz-Vertrag ab.

Nach diesem stellte Österreich dem fran-zösischen Kaiserreich für den Krieg mit Rußland ein Armeekorps von 30.000 Mann zur Verfügung, das es selbst besoldete und ergänzte und über das Wien sich jedoch den Oberbefehl vorbehielt.

Berechnet man die rückwärtigen Sicherungs- und Nachschubtruppen mit ein, betrug die Gesamtstärke der französischen Armee von 1812 östlich des Rheins (einschließlich der bis Ende des Jahres aus der Heimat nach-gerückten Ersatzformationen) etwa 660.000 bis 680.000 Mann.

Die Hauptarmee hatte Napoleon in drei Gruppen geteilt, die zeitlich gestaffelt die beiden russischen Armeen in Litauen (einschließlich Weißrußlands) angreifen sollten. Er selbst hatte die Führung über die größte Gruppe übernommen (190.000 Mann), mit der er am 24. Juni den Feldzug über Kowno eröffnete, um die 1. russische Westarmee bei Wilna anzugreifen.

Vier bis sechs Tagesmärsche zurück, bei Suwalki, stand die zweite Gruppe unter seinem Stiefsohn Prinz Eugène, dem Vizekönig von Italien (ca. 70.000 Mann). Noch einige Tagesmärsche weiter zurück, bei Pultusk am Narew, war die dritte Gruppe versammelt, um unter der Führung von Jerôme, König von Westfalen (ca. 80.000 Mann) ab 30. Juni bei Grodno den Njemen zu überschreiten und die 2. russische Westar-mee anzugreifen.  Der russische Feldzug von 1812 kann in drei Abschnitte gegliedert werden:

  1. von der Überquerung der russischen Grenze bis zu den Kämpfen um Smolensk

  2. der Marsch von Smolensk bis nach Moskau

  3. der Rückzug von Moskau bis zur polnischen und preußischen Grenze.

Der Feldzug scheiterte. Die Große Armee, in der etwa 200.000 Deutsche dienten, wurde nahezu vollständig vernichtet. (34*)

Zu den Opferzahlen werden bis heute voneinander abweichende Angaben gemacht. Zu den russischen Verlusten gibt es nur wenige Quellen, sie betrugen etwa 210.000 Mann. General Wilson berichtete, daß die Armee Kutusows in den vier Wochen, bevor sie Wilna erreichte, die Hälfte ihrer Soldaten verloren hatte.

Von 10.000 russischen Rekruten, als Ver-stärkung nach Wilna geschickt, erreichten nur 1.500 Soldaten die Stadt, der größte Teil krank und nicht kampffähig.

Am 26. Juni 1813 hatte der österreichische Kanzler Metternich eine Unterredung mit Napoleon, die er protokollierte. Unter anderem schrieb er:

„Napoleon faßte sich, und mit ruhigem Ton sagte er mir folgende Worte […]: Die Franzosen können sich nicht über mich beklagen; um sie zu schonen, habe ich die Polen und die Deutschen geopfert. Ich habe in dem Feldzug von Moskau 300.000 Mann verloren; es waren nicht einmal 30.000 Franzosen darunter. Sie vergessen, Sire, rief ich aus, daß Sie zu einem Deutschen sprechen.“

Zusammengefaßt läßt sich die Einschätzung treffen, daß ohne die in die Große Armee zwangsgepreßten deutschen Soldaten der Feldzug Napoleons nach Rußland nicht möglich gewesen wäre.

Frappierend ist die zeitliche Übereinstim-mung der Feldzüge von 1812 und 1941. Das Scheitern beider Feldzüge aber war gewis-sermaßen vorprogrammiert. Historiker nennen in diesem Zusammenhang sehr oft die Weite des Raums, logistische und Versorgungsprobleme.

Der eigentliche Grund des Scheitern aber war sowohl 1812 als auch 1941 die Selbstüber-schätzung der eigenen Kräfte und militäri-schen Fähigkeiten und die sträfliche Fehl-einschätzung hinsichtlich der Stärke der gegnerischen Armee und des Verteidigungswillens der Russen.

Die Leipziger Völkerschlacht 1813 und ihre Folgen

In der „Völkerschlacht“ bei Leipzig im Oktober 1813 siegten die verbündeten russischen, preußischen und österreichischen Truppen gegen Napoleon und seine Verbündeten. Die Gesamtstärke der russischen Armee umfaßte 160.000 Mann, davon fielen etwa 20.000.

Nach der Schlacht besetzte die russische Armee (davon ein großer Teil Kosaken-verbände) das mit Frankreich verbündete Königreich Sachsen, das einer besonderen Verwaltung der anti-napoleonischen Koalition unterstellt wurde. (35*)

Die Leitung des  Generalgouvernements Sachsen wurde dem russischen Generalmajor Fürst Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski übertragen. Der Abzug der russischen Truppen und die Übergabe der Verwaltung des Generalgouvernements Sachsen erfolgten am 9. November 1814. (36*)

Die Verwaltung des Generalgouvernements geht an Preußen über. Am 5. und 9. Novem-ber 1814 berieten Großmächte intensiv über die politische Neuordnung Mitteleuropas. Eine vertrauliche Note an die preußischen und österreichischen Minister schlug als Entwurf eine Aufteilung Sachsens vor.

Zar Alexander I. forderte eine Mäßigung und eine Kürzung dieser Planungsskizze. Die Interessen der beteiligten Staaten prallten in der sächsischen Frage hart aneinander.

Rußland strebte eine führende Rolle im europäischen Mächtegleichgewicht und insbesondere die vollständige Kontrolle über ganz Polen an. (37*)

Preußen zielte auf die vollständige Annexion Sachsens ab. Hauptziel Österreich dagegen war die Verhinderung eines deutschen National- und Einheitsstaates unter preußi-scher Führung bzw. eines dominanten Preußens.

Um die Zustimmung der anderen beteiligten Mächte im Zuge der Vorbereitung des Wiener Kongresses zu erlangen unterstützte Ruß-lands Zar Alexander I. den Plan Preußens, das gesamte Königreich Sachsen zu annektieren.

Das Vereinigte Königreich und Österreich erkannten in diesen Zielstellungen jedoch eine massive Bedrohung des europäischen Kräftegleichgewichts. Sie befürchteten, daß Rußland im Falle einer An- oder gar Ein-gliederung Polens zu weit nach Mitteleuropa vordringen und Preußen zu mächtig werden würde.

Der Widerstand gegen diese Pläne war so groß, daß Großbritannien und Österreich im Januar 1815 ein geheimes Militärbündnis gegen Rußland und Preußen schlossen, um deren Pläne notfalls mit Gewalt zu stoppen.

Der Wiener Kongreß und Rußland

Ungeachtet dessen begann am 18. September 1814 dennoch der Wiener Kongreß zur Neuordnung Europas. Eines der Hauptziele aller beteiligten Mächte war die Restauration der Verhältnisse vor der napoleonischen Zeit und den damit verbundenen Erschütterungen.

Mindestens ebenso große Bedeutung hatten aber geplante territoriale Gebietszuwächse auf Kosten der nicht mehr existierenden oder besiegten Staaten, in erster Linie Polen und Sachsen.

Beide waren im 18. Jahrhundert noch dazu durch eine Personalunion verbunden, be-deutsame Großstaaten. Sachsen konnte sogar als der gesellschaftlich, verwaltungsmäßig, kulturell und wirtschaftlich am weitesten entwickelte und fortschrittlichste der deut-schen Einzelstaaten klassifiziert werden.

Und nun gingen die groß gewordenen europäischen Mächte daran, diese auszu-schalten. Auch hier begegnet dem Betrachter wieder ein Vorgriff der Ereignisse des Jahres 1945, und Rußland hatte an der Formulierung dieser politischen Ziele ebenso wie an der Umsetzung einen entscheidenden Anteil!

1815 in Wien ebenso wie 130 Jahre später in Potsdam.

Der Wiener Kongreß endete am 9. Juni 1815 mit der Verabschiedung der Wiener Kon-greßakte, eines umfangreichen und alle deutschen Einzelstaaten betreffendes Vertragswerkes. (38*)

Die Wiener Kongreßakte beinhaltete fünf Leitsätze bzw. Prinzipien: 

  •  die Wiederherstellung der alten, vorrevolutionären Zustände und der Fürstenherrschaften

  • die Rechtfertigung der dynastischen Adelsherrschaft durch das Gottesgnadentum (Sicherung der alten Dynastien statt Volksherrschaft)

  • Versicherung der gegenseitige Hilfe der Monarchen gegen revolutionäre und liberale Bestrebungen

  • die Absicherung der restaurativen Ordnung durch die beteiligten Großmächte Rußland, Großbritannien, Österreich, Preußen und Frankreich) mit dem Hauptziel, zu verhindern, daß ein anderer Staat zu mächtig wird

  • Gebietsausgleich durch Kompensation, Gebietstausch, Angliederung, Eingliederung und Annexion für die am Krieg siegreich beteiligten Mächte.

Die Art und Weise der Organisation des Wiener Kongresses und dessen Folgen erinnern an die Potsdamer Konferenz nach dem Ende des II. Weltkrieges. Die territoriale Neuordnung 1815:

Rußland gewinnt den größten Teil des ehemaligen Polen (das sogenannte „Kongreßpolen“).

Österreich gewinnt die Lombardei und Venetien und gliedert Tirol (39*) und Salzburg (40*) wieder in seinen Staatsverband ein.

Großbritannien sichert sich Malta und besetzt Helgoland.

Preußen annektiert 57,5 % des Staatsgebietes von Sachsen (mit 42,2 % seiner Einwohner) (41*).

Die unter russischer Hoheit stehende Herrschaft Jever in Norddeutschland. Eine politische Besonderheit, stellte die nord-deutsche Herrschaft Jever dar, die sich in der Zeit von 1801–1807 und 1813–1819 unter russischer Hoheit bzw. in russischem Besitz befand. (42*)

Im Jahr 1667 kam die kleine 6 Quadratmeilen (15 ½ km²) umfassende Herrschaft an die Fürsten von Anhalt-Zerbst und 1793 über Katharina II., die Schwester des letzten Fürsten von Anhalt-Zerbst, vom Fürstentum Anhalt-Zerbst an Rußland. 1818 übertrug Alexander I. von Rußland die Herrschaft Jever an die verwandten Herzöge von Oldenburg.

Dynastische Verbindungen

Die Romanows und die Herzöge bzw. Großherzöge von Oldenburg waren familiär eng miteinander verflochten, so daß das russische Zarenhaus selbst eine direkte Linie des Hauses Oldenburg war. Die Verbindung basiert im Wesentlichen auf zwei Säulen: einer gemeinsamen väterlichen Abstam-mungslinie und mehreren strategischen Heiratsallianzen im 18. und 19. Jahrhundert.

Das ursprüngliche russische Herrscherhaus Romanow starb 1762 in männlicher Linie aus. Der Thron ging an Peter III. über. Er war der Sohn einer Romanow-Großfürstin (Anna Petrowna) und des Herzogs Karl Friedrich von Holstein-Gottorf.

Da das dynastische Herrscherhaus Schleswig-Holstein-Gottorf eine direkte Nebenlinie des Hauses Oldenburg war gehörten ab 1762 alle russischen Zaren (von Peter III. bis zum letzten Zaren Nikolaus II.) in männlicher Stammfolge zum Haus Oldenburg. Die offizielle genealogische Bezeichnung der Dynastie lautet daher Romanow-Holstein-Gottorp.

Im Jahr 1773 kam es zum „Vertrag von Zarskoe Selo“. Der spätere russische Zar Paul I. trat seine ererbten Rechte an Holstein an den dänischen König ab. Im Gegenzug erhielt er die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst.

Paul I. gab diese Territorien direkt an seine deutschen Cousins aus der jüngeren Gottorfer Linie weiter, wodurch das eigenständige Herzogtum Oldenburg begründet wurde.

Die Oldenburger Herzöge regierten ihr Land also von Zaren Gnaden und sahen die russischen Herrscher als familiäre Schutz-mächte. Die Verwandtschaft wurde über Generationen hinweg durch Ehen zwischen den russischen Zaren-Großfürsten und den Oldenburger Prinzen und Prinzessinnen gefestigt. Zwei Beispiele stechen besonders hervor.

(1) Großfürstin Katharina Pawlowna (eine Schwester von Zar Alexander I.) heiratete ihren Cousin Herzog Georg von Oldenburg. Georg zog nach Rußland, wurde dort Gouverneur und die Familie begründete die hoch angesehene „russische Linie“ der Herzöge von Oldenburg, die bis zur Revolution fest im kaiserlichen Dienst stand.

(2) Herzogin Alexandra von Oldenburg heiratete Großfürst Nikolai (einen Sohn von Zar Nikolaus I.). Sie trat zum orthodoxen Glauben über und lebte als Großfürstin Alexandra Petrowna in St. Petersburg.

Das 19. Jahrhundert-Restauration und Neuorientierung

In der Zeit nach dem Wiener Kongreß (1815), dessen Ergebnisse die russische Position stärkte, wuchsen bis Mitte des 19. Jahrhun-derts die Widersprüche und Interessengegen-sätze zwischen England, Frankreich und Rußland. Diese Konstellation veranlaßte Rußland, Schritte zur Stärkung Preußens zu unternehmen.

Den Nachfolger Nikolaus’ I. auf dem rus-sischen Thron, Alexander II., verbanden darüber hinaus auch familiäre Beziehungen mit seinen Onkel, König Wilhelm I.

Die Einigung Deutschlands unter der Führung Preußens konnte deshalb ohne russische Intervention und Argwohn erfolgen.

Das 19. Jahrhundert war durch zahlreiche dynastische Allianzen und einen umfang-reichen kulturellen Austausch und Transfer gekennzeichnet. Die Herrscherhäuser der Romanow und der Hohenzollern waren durch zahlreiche Heiraten eng miteinander verbun-den. Fast alle russischen Zarinnen des 19. Jahrhunderts stammten aus deutschen Fürstenhäusern.

Aus den deutschen Einzelstaaten stammende  Wissenschaftler besetzten Lehrstühle an den russischen Universitäten, insbesondere in St. Petersburg und Dorpat. (43*)

Russische Intellektuelle und Schriftsteller wie zum Beispiel Iwan Turgenew oder Fjodor Dostojewski (44*) waren eng mit den deutschen Landen verbunden.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es eine große gegenseitige geistige Anzie-hungskraft. Deutsche Denker wie Karl Marx prägten die russische Geschichte radikal, während russische Literaten wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi und Anton Tschechow in den deutschen Staaten bewundert und intensiv rezipiert  wurden.

Fruchtbaren Austausch gab es auf allen Gebieten der Kultur, besonders unter Tonkünstlern, Komponisten, Musikern.

Bildungssprache war im 19. Jahrhundert in Rußland Deutsch. Die gebildeten Schichten lasen Deutsch im Original, und die Beherr-schung des Deutschen galt als selbstver-ständlich. Der spätere Führer der russischen Revolution, Wladimir Iljitsch Uljanow genannt Lenin, Sohn eines dem unteren russischen Beamtenadel angehörenden Gymnasiallehrers (Professor) und Schulinspektors beispielswei-se wuchs in einem deutschsprachigen Haushalt auf (die Mutter Lenins war deutschstämmig) (45*).

Wladimir I. Lenin beherrschte die deutsche Sprache perfekt in Wort und Schrift.

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Anmerkungen

26* 2. Schlesischer Krieg (1740-1744) (als Teil des Österreichischer Erbfolgekriegs 1740-1748)  u. Siebenjähriger Krieg (3. Schlesischer Krieg) 1756-1763.

27* Die russische Zarin Elisabeth I. starb am 5. Januar 1762 (nach altem Kalender am 25. Dezember 1761) im Alter von 52 Jahren in St. Petersburg.

28* Peter III. begründete das Haus Romanow-Holstein-Gottorp. Seine Mutter Anna Petrowna aus dem Haus Romanow (sie * 1708 Moskau, † 1728 Kiel) war die älteste Tochter Peters des Großen. Sie heiratete 1725 Karl Friedrich von Holstein-Gottorf.

29* Preußisch-russisches Bündnis v. 11.04.1764. Der Vertrag sah eine gegenseitige Unterstützung im Falle eines Angriffs durch eine dritte Macht vor (insbesondere mit Blick auf Österreich und das Osmanische Reich).  Ein geheimer Zusatz des Vertrages regelte das Vorgehen im politisch instabilen Polen-Litauen. Beide Mächte vereinbarten, die Wahl eines pro-russischen Königs (Stanislaus II. August Poniatowski) durchzusetzen und die dortigen Minderheitenrechte zu nutzen, um Einfluß in Polen-Litauen zu behalten. Anmerkung: Stanislaus August Poniatowski wurde vom polnischen König August III. zur Zarin Elisabeth nach St. Petersburg entsandt, wo er die Großfürstin und spätere Zarin Katharina traf, mit der er mehrere Jahre eine intime Beziehung unterhielt. 1758 muß er Rußland verlassen.

30* Am 5. August 1772 wird im Petersburger Vertrag Polen-Litauen erstmals geteilt. Der 1569 gegründete Unionsstaat Polen-Litauen (Adelsrepublik, auch als Lubliner Union bezeichnet) war einer der flächengrößten Staaten Europas und umfasste 1772 etwa 730.000 km².

31* Rheinische oder auch Rheinländische Konföderation (la Confédération du Rhin).

32* Bayern: ca. 30.000 Soldaten, Königreich Westphalen: ca. 27.000 Soldaten, Königreich Sachsen: ca. 26.000 Soldaten, Preußen (Hilfskorps): ca. 20.000 bis 23.000 Soldaten.

33* Frankreich hatte 1797 das gesamte linke Rheinufer (inklusive Städten wie Aachen, Köln, Koblenz, Trier und Mainz) und durch den Frieden von Luneville im Jahre 1801 völkerrechtlich offiziell an Frankreich angegliedert.
Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre gegen Großbritannien annektierte Napoleon die gesamte deutsche Nordseeküste. Dies umfasste die Mündungsgebiete von Ems, Weser und Elbe mit den Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck.

34* In der Grande Armée von 1812 dienten schätzungsweise 180.000 bis 200.000 Deutsche (darunter rund 120.000 bis 130.000 Soldaten aus den Rheinbundstaaten sowie Hilfskorps aus Preußen und Österreich).

35* Bildung des Generalgouvernements Sachsen am 21. Oktober 1813 (korrekt: General-Gouvernement der Hohen Verbündeten Mächte, unterstellt dem Zentralverwaltungsdepartement).

36* Der 9. November erweist sich in mehrfacher Hinsicht als ein Schicksalsdatum in der deutschen Geschichte. (1918 Ausrufung der deutschen Republik, 1923 Hitler-Ludendorff-Putsch, 1989 Öffnung der Berliner Mauer).

37* Polen wurde im 18. Jahrhundert stark von Sachsen dominiert. Der sächsische Kurfürst war von 1697–1706 und von 1709–1763 in Personalunion zugleich König von Polen.  Diese staatsrechtliche Verbindung zwischen dem sächsischen Kurfürstentum und der Adelsrepublik Polen-Litauen endete 1763.

38* Die Kongreßakte (auch Schlussakte des Wiener Kongresses oder Acte final ) umfaßte 121 Artikel.

39* Nach der Niederlage gegen Napoleon wurde Tirol (Gefürstete Grafschaft Tirol mit dem Lande Vorarlberg) im Frieden von Preßburg (26. Dezember 1805) an das Kurfürstentum  Bayern abgetreten.

40* Infolge des Reichsdeputationshauptschlusses (1803) erlosch die weltliche Herrschaft der Erzbischöfe von Salzburg. 1803 ging Salzburg als säkularisiertes Kurfürstentum, vereint mit Freising und Passau, an den Großherzog Ferdinand III. und erhielt die Kurwürde. 1805 wurde es mit Berchtesgaden dem Kaiserreich Österreich zugeschlagen. 1810 wurde es ein Teil Bayerns.

41* Das Königreich Sachsen hatte zum Zeitpunkt der Gebietsabtretungen 2 Millionen Einwohner.

42* Zwischen 1807-1813 war die sich in russischem Besitz befindliche Herrschaft französisch besetzt. Zar Alexander I. von Russland – der Jever zuvor über das Haus Anhalt-Zerbst besessen hatte – trat die Herrschaft Jever am 7. Juli 1807 an das napoleonische Königreich Holland unter König Ludwig Bonaparte ab. Mit dem kaiserlichen Dekret vom 9. Juli 1810 wurde das Königreich Holland aufgelöst und die gesamte deutsche Nordseeküste – einschließlich Jever und Knyphausen – direkt in das Französische Kaiserreich eingegliedert.

43* Die Universität Dorpat war von ihrer Wiedereröffnung im Jahr 1802 bis etwa 1893 (im Zuge der Russifizierung unter Zar Alexander III. schrittweise bis 1895/1896 auf Russisch umgestellt) überwiegend deutschsprachig.  Verwaltungs- und Unterrichtssprache war von der Gründung bis ca. 1893 überwiegend Deutsch. Sie war die größte deutschsprachige Universität außerhalb des zusammenhängenden deutschen Sprachgebiets.

44* Hauptwerke: Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen, Die Brüder Karamasow.

45* Marija Alexandrowna Uljanowa, geborene Blank, * 1835, † 1916. Deren Mutter hieß Anna geb. Großschopf.

 

 

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