Russische Machtpolitik und russisches Machtstreben
Montag, 26. Oktober 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt
nimmt sich wieder des aktuellen Themas „Rußland“ an:
Seit mehr als einem halben Jahrtausend sind die Deutschen mit der aus Osten vordringen-den Großmacht Rußland konfrontiert. Aber weder dem Deutsch-Ordens-Staat noch Preußen oder dem 1871 entstandenen Deutschen Reich gelang es, den Vorstoß Rußlands nach Mitteleuropa und die perma-nenten Einmischungsversuche des Zaren-reiches in die Geschicke der deutschen Territorien bzw. des Deutschen Reiches zu stoppen.
Im Gegenteil. Da auch, bedingt durch die Ereignisse in den vergangenen Jahren, er-staunlicherweise selbst im nationalen Lager russophile Ansichten um sich greifen, soll an den tendenziell expansiven Charakter russi-scher Außen- und Militärpolitik insbesondere der vergangenen 500 Jahre erinnert werden, die ganz offensichtlich aus dem Blickwinkel geraten sind.
Es soll hier keine Abhandlung der viel-schichtigen deutsch-russischen Beziehungen erfolgen. Der Focus liegt auf den Eckpunkten russischer Machtpolitik zuungunsten der deutschen Länder bzw. des 1871 geschaffe-nen kleindeutschen Einheitsstaates.
1561
Während des Livländischen Krieges (1558–1583) zerfiel der livländische Ordensstaat. Um Schutz vor den einfallenden Truppen des russischen Zaren Iwan IV. („dem Schreck-lichen“) zu suchen, unterwarfen sich im Sommer 1561 die Stadt Reval (Tallinn) sowie die Adelsritterschaften der nördlichen estnischen Regionen Harrien und Wierland freiwillig dem schwedischen König Erich XIV.Im Jahr 1561 war der Ordensstaat Livland[1] in ein weltliches Herzogtum umgewandelt worden. Das nördliche Estland wurde schwe-disch und die anderen Teile Alt-Livlands mit Kurland unterstellten sich (ab 1569) der Oberhoheit der Lubliner Union (Polen-Litau-en). 1620 wurde der größte Teil Livlands jedoch ebenfalls schwedisch, 1629 auch Süd-Estland.[2]
1721
Im Großen Nordischen Krieg kapitulieren die Stadt Reval und die Estländische Ritterschaft am 29. September 1710 vor den Truppen des russischen Zaren (Peter der Große).Im Frieden von Nystad, der den Nordischen Krieg beendete, fielen die nördlichen Gebiete (Estland, Livland) 1721 an das Zarenreich, Kurland blieb jedoch bis 1795 ein unter polnischer Oberhoheit befindliches autono-mes Herzogtum. Rußland bildete aus den neu gewonnenen erheblich deutsch geprägten Territorien die sogenannten Ostsee-Gouvernements.[3]
Diese drei russischen Ostsee-Gouvernements Estland, Lifland[4] (und ab 1795 Kurland)[5] hatten im Russischen Kaiserreich eine Son-derstellung inne, da sie infolge der jahrhun-dertelangen Dominanz und Herrschaft des deutsch-baltischen Adels protestantisch und stark deutsch beeinflußt waren.
Insbesondere die großen Städte (Reval, Dorpat, Riga, Pernau, Libau, Mitau, Windau, Arensburg, Dünaburg, Goldingen usw.) waren nahezu vollständig deutschsprachig.
Die Adelsprivilegien und die Selbständigkeit der Lutherischen Amtskirche wurden von Zar Peter I. bestätigt. Insbesondere die Livlän-dische Ritterschaft blieb die dominierende Instanz in Livland, entsprechend die Estländische Ritterschaft in Estland.
1757
Ende Juni 1757 begann nach einer Kanonade auf Memel der Einmarsch der russischen Ar-mee unter Feldmarschall Stepan Apraxin in Ostpreußen. Am 30. August 1757 siegte die russische Armee (ca. 54.800 Mann) bei Wehlau über die preußische Armee (ca. 24.700 Mann) unter Generalleutnant Johann von Lehwaldt.
Trotz dieses Sieges zogen sich die Russen zunächst wegen Versorgungsproblemen kurzzeitig wieder zurück. Durch einen Ukas (Erlaß) der russischen Zarin Elisabeth vom 31. Dezember 1757 wurde die Provinz Ostpreu-ßen zu russischem Besitz erklärt und die ostpreußischen Stände zur Huldigung gegenüber der neuen Landesherrin und zur Eidesleistung gezwungen.
Die preußischen Hoheitszeichen an allen öffentlichen Gebäuden wurden entfernt bzw. vernichtet und durch den russischen Doppeladler ersetzt. Mit der Besetzung und der ab Januar 1758 auch offiziell erklärten Annexion Ostpreußens verfolgte das Rus-sische Kaiserreich unter Zarin Elisabeth Petrowna vor allem geopolitische und strategische Ziele.
Das primäre Ziel Rußlands damals war es nicht zwingend, Ostpreußen dauerhaft in das eigene Reich einzugliedern. Die Provinz sollte vielmehr als strategische Verhandlungsmasse genutzt werden. Der Plan des russischen Kanzlers Bestuschew-Rjumin sah vor, Ost-preußen Polen-Litauen zu überlassen. Im Gegenzug sollte Polen das Herzogtum Kur-land und Semgallen (im heutigen Lettland) sowie strategisch wichtige litauische Grenz-gebiete dauerhaft an Rußland abtreten.
Rußland hatte insbesondere das Ziel, den rasanten Aufstieg Preußens unter Friedrich II. zur europäischen Großmacht zu stoppen und dessen Machtbasis dauerhaft zu schwächen.
Durch die Kontrolle über Königsberg und die ostpreußische Küste wollte Rußland seine maritime und wirtschaftliche Vormacht-stellung im Ostseeraum festigen und erweitern.
Es folgte eine fast fünfjährige russische Besatzung Ostpreußens, die bis bis 1762 währte. Ostpreußen wurde formell annektiert, ein direkter Bestandteil des Zarenreiches und vollständig in dieses eingegliedert. Erst nach dem Tod Elisabeths und dem Ausscheiden Peters III. aus dem Siebenjährigen Krieg fiel Ostpreußen 1762 im Frieden von St. Peters-burg an Preußen zurück.
Auch Pommern wurde 1757 von den Russen besetzt. Die strategisch wichtige pommer-sche Festungsstadt Kolberg (jetzt Kołobrzeg) wurde insgesamt dreimal von russischen Truppen belagert.
Im Dezember 1761 kapitulierte die Stadt schließlich nach einer monatelangen Blok-kade. Nach dem Fall Kolbergs stand fast das ganze Gebiet Hinterpommerns unter russischer Kontrolle. Die russi-sche Armee richtete eine eigene Verwaltung ein, die bis 1672 andauerte.
Anders aber als Ostpreußen wurde Pommern nicht annektiert. Die damaligen Geschehnis-se, die ein Indiz für die russische Machtpo-litik darstellen, sind im heutigen Deutschland so gut wie unbekannt, zumal die deutschen Ostgebiete nahezu völlig aus dem kollektiven Bewußtsein der Bundesdeutschen getilgt sind.
1795
Am 3. Januar 1795 unterzeichneten Katharina II. und der österreichische Herrscher Franz I. den Teilungsvertrag über Rest-Polen, dem sich der König von Preußen am 24. Oktober anschloß. Die drei Staaten teilten das rest-liche Polen entlang der Flüsse Memel, Bug und Pilica untereinander auf.
Rußland rückte infolge dieses Teilungsver-trages noch weiter nach Westen vor und besetzte sämtliche Gebiete östlich des Bug und der Memel, darunter Litauen sowie ganz Kurland und Semgallen (heute zu Lettland).[6]
Kurland und Semgallen jedoch waren in großem Maße deutsch dominiert, sowohl sprachlich als auch grundherrschaftlich. Die großen Städte waren deutsch-sprachig, die kleineren Land- und Marktstädte wiesen eine bedeutende deutsche Minderheit auf.
Mittels der drei polnischen Teilungen von 1772, 1793 und 1795 hatte Rußland in-nerhalb von 23 Jahren (1772–1795) seine Grenzen um etwa 600, zum Teil auch bis 800 Kilometer, nach Westen verschoben, womit die Entfernung zu den wichtigsten Zentren der europäischen Politik erheblich verkürzt wurde und Rußland zum direkten Anrainer Mitteleuropas wurde.
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, seit 1648 politisch im Grunde nicht mehr handlungsfähig, befand sich geopoli-tisch betrachtet in einer Situation voll-ständiger Inaktivität.
Das Reich stellt lediglich einen Staatenbund eigenständiger Territorialstaaten dar und war weder willens noch in der Lage, politische oder gar territoriale Ziele zu definieren geschweige denn diese durchzusetzen.
Österreich, der bedeutendste deutsche Großstaat, definierte eigene außenpolitische Interessen. Das Haus Habsburg sah die Schwerpunkte der österreichischen Aktivi-täten auf dem Balkan. Die Vorgänge im Baltikum waren für die Habsburger nur von untergeordnetem Interesse.
Wie alle Herrscherhäuser dachten diese in erster Linie dynastisch. Die Verfolgung nationaler deutscher Interessen hatte keinerlei Bedeutung.
Bis in das späte 19. Jahrhundert stellten die Deutschen in den Großstädten der russischen Ostseegouvernements (Riga, Reval, Dorpat) oft noch die relative oder sogar die absolute Mehrheit. Um 1900 sank ihr prozentualer Anteil durch die einsetzende Landflucht der estnischen und lettischen Bevölkerung sowie durch die staatlichen Russifizierungsmaß-nahmen drastisch (in Riga sank der deutsche Bevölkerungsanteil beispielsweise von über 40 % im Jahr 1867 auf unter 20 % vor dem Ersten Weltkrieg). Das Schicksal dieser deutschgeprägten Länder war damit besiegelt.
Um 1900 lebten noch etwa 170.000 bis 175.000 Baltendeutsche in den damaligen drei Ostseeprovinzen des russischen Zarenreiches (Estland, Livland und Kurland).
1815
Der russische Zar Alexander I. ließ in der Zeit des Wiener Kongresses[7] im Jahr 1814 dem österreichischen Staatskanzler Metternich [8] eine große Summe als Bestechungsgeld zukommen.
Dem voraus gegangen war eine eskalierende Auseinandersetzung. Zar Alexander und Metternich waren über die Neuordnung Europas – insbesondere über das Schicksal Polens und Sachsens – heftig aneinander geraten. Rußland forderte die vollständige Kontrolle über Polen, wogegen Metternich, die Interessen des Hauses Habsburg vertretend, strikten Widerstand leistete.
Am 24. Oktober 1814 eskalierte der Streit so sehr, daß der Zar Metternich verbal schwer beleidigte, wütend den Raum verließ und sogar erfolglos versuchte, Metternich beim österreichischen Kaiser Franz I. entlassen zu lassen.
Um seinen Willen dennoch durchzusetzen und den hartnäckigen Diplomaten gefügig zu machen, griff Zar Alexander I. zu verdeckten Mitteln. Am 30. Oktober 1814 wurde Metter-nich während eines Maskenballs in Wien von einer anonymen Person ein Schreiben über-reicht, das von einer hochrangigen russi-schen Stelle stammte und ein enormes finanzielles Schmiergeld enthielt, um seine politische Haltung zu kaufen.
Metternich wies den Bestechungsversuch zurück. Obwohl er einen luxuriösen Le-bensstil pflegte und chronisch verschuldet war, blieb er in dieser existenziellen Frage der österreichischen Geopolitik unbe-stechlich, da eine russische Vormachtstellung seinen Plänen für ein europäisches Gleichge-wicht der Mächte widersprach.
Rußland verfolgte auf dem Wiener Kongreß (1814/1815) unter Zar Alexander I. vor allem zwei Hauptinteressen:
1. Die Klärung der „Polnischen Frage“: Zar Alexander I. forderte die Annexion des gesamten polnischen Territoriums (des von Napoleon gebildeten Herzogtums Warschau [9]), um dort ein polnisches Königreich unter russischer Herrschaft zu errichten (in Perso-nalunion unter der zaristischer Herrschaft). Das Territorium wurde deshalb später auch als „Kongreßpolen“ bezeichnet. Im Gegenzug unterstützte der Zar Preußens Plan, das gesamte Königreich Sachsen zu annektieren.
Großbritannien (unter Außenminister Castlereagh) und Österreich (unter Staats-kanzler Metternich) sahen darin eine massive Bedrohung des europäischen Gleichgewichts. Sie befürchteten, daß Rußland zu weit nach Mitteleuropa vordringen und Preußen zu mächtig werden würde.
Der Widerstand gegen diese Pläne war so groß, daß Großbritannien, Österreich (sowie das neu hinzugenommene Frankreich) im Januar 1815 ein geheimes Militärbündnis gegen Rußland und Preußen schlossen, um deren Pläne notfalls mit Gewalt zu stoppen.
Rußland strebte eine führende Rolle im europäischen Mächtegleichgewicht (der Pentarchie aus Rußland, Großbritannien, Österreich, Preußen und Frankreich) an und setzte sich zudem für eine christlich-konservative Solidarität der Monarchen ein – unter anderem durch die Gründung der „Heiligen Allianz“ mit Preußen und Österreich, um revolutionäre und liberale Bestrebungen in Europa gemeinsam abzuwehren.
Um einen offenen Krieg abzuwenden, kam es schließlich zu einem Kompromiß, bei dem der russische Zar seine zentralen Pläne im Wesentlichen durchsetzen konnte.
Der große Gewinner des Wiener Kongresses war Rußland.
Rußland erhielt den größten Teil Polens („Kongreßpolen“), welches formal autonom, de facto jedoch vollständig und uneinge-schränkt der russischen Krone unterworfen war.[10]
Preußen erhielt zwei Fünftel des Territoriums Sachsens zugesprochen, erhielt zum Aus-gleich (da es die Überlassung ganz Sachsens gefordert hatte) Westfalen und das Rheinland (die künftige Rheinprovinz).
Österreich behielt Galizien. Krakau wurde zur neutralen Republik erklärt und ein Stadtstaat mit einem umfangreichen Landgebiet.
Österreich gelang es ebenso wie Rußland, seine geopolitischen Ziele durchzusetzen. Hauptziel war die Verhinderung eines starken deutschen National- und Einheitsstaates unter preußischer Führung (dies lag ebenso im Interesse Rußlands!). Stattdessen erfolgte vorrangig auf Betreiben Österreichs die Gründung des Deutschen Bundes als loser Staatenbund, aber unter österreichischem Vorsitz.
Durch dieses diplomatische Machtspiel konnte Rußland für das gesamte 19. Jahrhundert seine Vormachtstellung im östlichen Europa und vor allem auch über den größten Teil des polnischen Territoriums festigen und weit in den mitteleuropäischen Raum vorstoßen.
Preußen und das russische Kaiserreich gewannen dadurch eine sich über fast 2.000 km lange gemeinsame Grenze, die sich von der Ostsee bis in die Beskiden erstreckte. Der westlichste Punkt des russischen Kaiser-reiches befand sich in dem kongreß-polni-schen Städten Pyzdry unmittelbar an der Grenze zur preußischen Provinz Posen.[11] Die Entfernung bis nach Berlin: 330 Kilometer.
Der große Verlierer des Wiener Kongresses war das Königreich Sachsen. Die Verwaltung Sachsens wurde nach der Völkerschlacht bei Leipzig einem Zentralverwaltungsdeparte-ment unter dem preußischen Freiherr von Stein übertragen.
Dieser richtete am 21. Oktober 1813 als erste Behörde ihrer Art das Generalgouvernement Sachsen ein. Das von russischen Truppen besetzte Königreich stand seit 1813 unter der Verwaltung dieses „Generalgouvernements der Hohen Verbündeten Mächte“.[12]
Das Generalgouvernement Sachsen wurde von der russischen Armee, in der Hauptsache waren das Kosakeneinheiten, aber auch tatarische Hilfstruppen, besetzt. Die Ver-waltung des Generalgouvernements Sachsen übernahm der russische General Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski.
Gleichsam als Strafe für sein zu spätes Abrücken vom Bündnis mit Napoleon – in die Völkerschlacht bei Leipzig war Sachsen als französischer Verbündeter noch auf der Seite Napoleons gezogen– verlor das Königreich 1815 infolge der Festlegungen der Wiener Kongreßakte etwa 60 % seiner Fläche mit rund 40 % seiner Einwohner in den nördlichen und östlichen Gebieten sowie in Thüringen.
Diese Gebiete wurden durch Preußen an-nektiert und ein (preußisches) Herzogtum Sachsen gebildet, aus dem noch 1815 die neue preußische Provinz Sachsen hervorgehen sollte.
Das seit 1806 bestehende Königreich Sachsen schied damit aus dem Kreis der deutschen Großmächte aus. Hierdurch verstärkte sich jedoch auch der Dualismus zwischen Preußen und Österreich. Mit allen bekannten Folgen. Ohne die Großmacht- und Interventionspo-litik Rußlands wäre diese Entwicklung völlig anders verlaufen.
Das Schicksal des Königreichs Sachsen im Jahre 1815 war gewissermaßen ein Vorgriff auf die Geschehnisse, denen 130 Jahre später ganz Deutschland unterworfen war, wieder-um aufgrund wesentlicher in Moskau getroffener Entscheidungen!
1914
Bei seinem Kriegseintritt im August 1914 verfolgte Rußland, insbesondere dann auch mit der Formulierung konkreter Forderungen im Herbst 1914, vor allem geostrategische, territoriale und hegemoniale Ziele. Im so-genannten 13-Punkte-Programm (vorgestellt am 14. September 1914 von Außenminister Sergei Sasonow) forderte Rußland:
die Annexion des östlichen Teils von Galizien.
die Annexion des Unterlaufs der Memel (Memelland) und eines Teils von Ost-preußen, das Memelland und das ehemalige Preußisch-Litauen (= Regierungsbezirk Insterburg).
die Vereinigung der polnischen Gebiete (unter Einschluß des Ostens der Provinz Posen und Westgaliziens) zu einem unter der Oberhoheit des Zaren stehen-den, autonom erweiterten Polen.
Rußland zielte primär darauf ab, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn als Großmächte entscheidend zu schwä-chen, ihre Einflußsphären in Osteuropa zu zerschlagen und panslawistische Einheitsvorstellungen im kontinentalen Raum zu fördern.
Daß im I. Weltkrieg auch Preußen-Deutschland territoriale Interessen verfolgte, darf im gege-benen Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Mit der Gründung des Gebietes Ober-Ost[13] sollten Vorbereitungen für eine vollständige Neu-gliederung des baltischen Raums und dessen Anbin-dung an das Deutsche Reich geschaffen werden.
Ab 1917 gliederte sich das Land Ober-Ost in die drei Verwaltungsbezirke Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno (Weißrußland). 1918 entstand ein kurzlebiges Vereinigtes Balti-sches Herzogtum.
Andere Pläne sahen die Gründung deutsch dominierter Baltenstaaten und deren wei-testgehende Anbindung an das Deutsche Reich vor. Die normative Kraft des Faktischen machte alle diese Pläne zunichte.
Rußland hatte von jeher keinerlei Interesse an einem starken Deutschland. Bis 1871 sah das Zarenreich an seiner Westgrenze Preußen als den Hauptgegner an. Nach 1871 war es der neu entstandene deutsche Nationalstaat.
Selbstverständlich aber gab es Ausnahmen von dieser grundlegenden politischen Ausrichtung. Peter I. etwa pflegte enge diplomatische Kontakte zu Preußenkönig Friedrich Wilhelm I.
Beim berühmten Treffen in Havelberg 1716 tauschte man Geschenke aus – Peter I. erhielt unter anderem das Bernsteinzimmer als Ge-schenk sowie eine Staatsjacht. Mit Preußen ging Peter I. ein ihm im Großen Nordischen Krieg gegen Schweden wichtig erscheinendes Bündnis ein.
Preußen diente auch als Vorbild und Modell für die Modernisierung der russischen Ver-waltung und des Militärs. Von Zar Peter III. dagegen ist eine glühende, fast unterwürfige Verehrung Preußens, insbesondere Friedrichs d. Großen, bekannt. Er imitierte Friedrich II., trug preußische Uniformen und überließ 1762 die im Siebenjährigen Krieg eroberten Gebie-te in Ostpreußen und Pommern Preußen.[14]
Im nationalen Lager der BRD ist inzwischen die irrige Meinung weit verbreitet, Putin bzw. Rußland könnte die Rolle eines Befreiers übernehmen. In diesem Zusammenhang entstehen zwei grundsätzliche Fragen. Wel-ches Interesse könnte oder sollte Rußland an einem Deutschland haben, das sich von den Fesseln US-amerikanischer Dominanz und Vormundschaft befreit?
Oder anders gefragt: Welches Interesse sollte Rußland an einem Deutschland haben, das sich reformiert, neu organisiert, die Be-schränkungen von Potsdam 1945 hinter sich läßt und sich wie Phoenix aus der Asche erhebt? Niemand hat daran ein Interesse.
Ein zur Selbstbefreiung strebendes Deutschland müßte vielmehr die alten Verbündeten und befreundeten Nationen ansprechen. Nicht aber Rußland.
Ist Putin ein Freund Deutschlands? Ja, solange Deutschland am Boden, ohnmächtig und kraftlos ist, allemal. Aber auch nur so lange.
Rußland könnte bereits heute die „deutsche Karte“ ausspielen und die nach wie vor offene „deutsche Frage“ neu auf dem politischen Tablett präsentieren. Wobei diese „deutsche Frage“ vielgestaltig und facettenreich ist. Es geht dabei nicht nur um Ostpreußen und die Oder-Neiße-Linie.
Dem Vernehmen nach erwähnte Putin in den vergangenen Monaten bei verschiedenen Anlässen den Zwei- plus-Vier-Vertrag und – aus russischer Sicht – die vorgebliche Ver-letzung desselben. Das Problem ist, daß die NATO-Ost-Erweiterung im „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ nicht erwähnt wird, auch kein Vertragsgegenstand war![15]
Stellt sich die Frage: War das ein Bluff oder ist das politische Propaganda? Wohl beides. Auch geistern seit Monaten Nachrichten durch das Netz, Putin bzw. Rußland wären bereit, diesen Zwei- plus-Vier-Vertrag zu kündigen.
Auch hier stellt sich jedoch ein Problem. Der genannte Vertrag enthält keinerlei Kündi-gungsregeln. Daher ist eine einseitige Kün-digung nach Artikel 56 der Wiener Vertrags-rechtskonvention grundsätzlich ausge-schlossen. Der Ausstieg aus völkerrechtlichen Verträgen ist grundsätzlich durch Beendi-gung, Rücktritt oder eben auch Kündigung möglich.
Im Zwei-plus-Vier-Vertrag besteht jedoch keine Möglichkeit, das Abkommen nach Maßgabe spezieller Vertragsbestimmungen, wie von Art. 54 a) WVRK vorgesehen, zu kündigen. Der Art. 57 WVRK regelt den Fall der Suspendierung eines Vertrags aufgrund von besonderen Bestimmungen im Vertrag oder bei Vorliegen eines Einvernehmens zwischen den Vertragsparteien.
Da der Zwei-plus-Vier-Vertrag keine Rege-lung zur Suspendierung enthält, ist eine einseitige Suspendierung – gleich aus welchen Gründen – gem. Art. 57 a) WVRK ebenfalls nicht möglich.
Nein, das Putin’sche Getöse ist Propaganda. Nichts sonst. Vermeintliche oder tatsächliche Ansprüche als ehemalige Besatzungsmacht besitzt das heutige Rußland nicht mehr.
Das hindert törichte Stimmen im Umfeld der politischen Spitzen in Moskau nicht, von einer Wieder-Inbesitznahme Mitteldeutsch-lands zu faseln. Das aber ist nicht nur töricht, sondern gefährlich.
Auch war aus Moskau bereits zu hören, daß bei einer genaueren Betrachtung womöglich auch die 1945 an Polen gefallenen deutschen Ostprovinzen zur Disposition stünden. Das ist hochinteressant. Denn er läßt die bereits 1939 und dann erneut 1944 annektierten Gebiete Ostpolens, die immerhin die Hälfte der Fläche der 2. Polnischen Republik aus-machten, insgesamt 200.000 km², unerwähnt.
Der russische Präsident Wladimir Putin nutzt das Thema der ehemaligen deutschen Ost-gebiete (Schlesien, Pommern, Ostpreußens, Ostbrandenburg), die nach 1945 an Polen fielen, im Rahmen seiner geschichtspoliti-schen Argumentation, um Polen als Nutz-nießer damaliger sowjetischer Entschei-dungen darzustellen und entsprechenden geopolitischen Druck aufzubauen.
Er betont dabei regelmäßig, daß die heutigen Westgebiete Polens ein direktes Verdienst der Sowjetunion und insbesondere Josef Stalins seien. Im Sommer 2023 erklärte Putin bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates öffentlich, Polens westliche Territorien seien ein „Geschenk Stalins an die Polen“ gewesen. Er fügte warnend hinzu:
„Haben unsere Freunde in Warschau das vergessen? Wir werden sie daran erinnern.“
Im Gesamtzusammenhang muß es auf jeden Fall völlig unverständlich erscheinen, in Putin einen Erlöser oder Befreier zu sehen. Wer so denkt, weiß offenbar nichts von den Vorgän-gen im heutigen Rußland.
Die einstigen Haft- und Straflager im rus-sischen Norden und in Sibirien sind bis heute in Betrieb. Und sie füllen sich wieder ver-mehrt wie zu Sowjetzeiten mit politischen Gefangenen.
Jedem, der von Diktatur in der BRD faselt sei empfohlen, sich mit russischen Dissidenten bzw. Exilanten zu unterhalten.
Der vorstehende Beitrag soll noch einmal an den tendenziell aggressiven und expansiven Charakter russischer Politik mahnen. Rußland schützte in der Vergangenheit seine Grenzen, indem es sie verschob und sein Territorium erweiterte.
Es gilt das Prinzip der defensiv begründeten Expansion. Seit 2022 wird dieses Grund-konzept russischer Sicherheitspolitik in der Ukraine umgesetzt. Um potentielle Angreifer möglichst weit vom eigenen Kernland (ins-besondere von Moskau) fernzuhalten, wurde der Kontrollbereich durch Annexionen, Pufferstaaten oder Einflußsphären beständig nach außen verlagert.
Das Verschieben der politischen Grenzen zur Erhöhung der eigenen Sicherheit führte historisch oft dazu, daß neue Nachbarn und damit neue potenzielle Konflikte entstanden, was wiederum weiteren Expansionsdrang nährte. Diese Feststellung ist keine These, sondern belegbar.
Die Liste der russischen Kriege, Expansionen und Annexionen stellt der Autor interessier-ten Lesern gerne zur Verfügung.
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Anmerkungen
[1]Teil des Deutschordensstaates. Lifland wird 1561 säkularisiert. Aus dem Ordensland gehen das Herzogtum Kurland (und Semgallen) u. das Herzogtum Lifland hervor.
[2]1629 Vertrag von Altmark.
[3]Est(h)ländisches Gouvernement, bereits am 29. Mai 1719 als Gouvernement Reval gebildet.
[4]Livland: 1621–1772 Herzogtum Livland (Polnisch-Lifland), mit der Stadt Dünaburg.
[5]Kurland: 1561–1795 Herzogtum Kurland und Semgallen (unter polnischer Oberhoheit). Das 1795 gebildete Gouvernement Kurland bestand aus den Landesteilen Kurland u. Semgallen.
[6]Mit den Städten Libau, Windau, Mitau, Goldingen.
[7]Wiener Kongreß, 18. September 1814– 9. Juni 1815.
[8]Fürst Klemens von Metternich (Clemens Wenzel Lothar von Metternich), * 1773, † 1859.
[9]Herzogtum Warschau, von Napoleon 1807 geschaffener polnischer Rumpfstaat. Im Frieden von Tilsit (7./9. Juli 1807) wurde Preußen von Napoleon gezwungen, die im Zuge der 2. und 3. polnischen Teilung erworbenen Gebiete abzutreten. Aus ihnen gründete Napoleon das Herzogtum Warschau. Zum Herrscher ernannte Napoleon seinen Verbündeten, den sächsischen König Friedrich August. Napoleon erließ am 22. Juli 1807 eine Verfassung für den neuen Staat. Dieser umfasste 104.000 km² und hatte 2,6 Mill. Einwohner.
[10]1867 wurden das Amt des polnischen Vizekönigs und das Wappen von Kongresspolen abgeschafft. Das nun in zehn Gouvernements aufgeteilte polnische Gebiet wurde vollständig in das russische Zarenreich eingegliedert.
[11]Etwa 70 km südöstlich von Posen.
[12]Bereits im April/Mai 1813 zogen russische Haupttruppen in Dresden ein. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) wurde Sachsen (zu diesem Zeitpunkt auch noch große Teile Thüringens umfassend) voll-ständig von den Verbündeten besetzt.
[13]Der Begriff Ober-Ost (offiziell Gebiet des Oberbefehlshabers Ost) bezeichnet ein von November 1915 bis November 1918 vom deutschen Militär verwaltetes Besatzungsgebiet an der Ostfront des Ersten Weltkriegs.
[14]Frieden von St. Petersburg v. 5. Mai 1762. Rußland beendete im Siebenjährigen Krieg alle Kampfhandlungen gegen Preußen, trat aus der anti-preußischen Koalition aus und übergab alle im Verlauf des Krieges eroberten Gebiete (inklusive Ostpreußens) bedingungslos an Preußen. Der Separatfrieden von 1762 rettete das erheblich geschwächte Preußen vor dem finanziellen und militärischen Bankrott („Mirakel des Hauses Brandenburg“) und leitete das Ende des Krieges ein, gefolgt vom Frieden von Hamburg mit Schweden (22. Mai 1762) und dem Hubertusburger Frieden (1763).
[15]Im Artikel 5 des Vertrages wurde jedoch festgelegt, daß auf dem Gebiet der (ehemaligen) DDR und Berlins keine ausländischen Streitkräfte oder Atomwaffen stationiert werden dürfen.

