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Thomas Engelhardt

berichtet über einen Sowjetfunktionär und national-sozialistischen Amtsträger[1] in der folgenden Zusammenfassung:

Karl Albrecht, ursprünglich Karl Low[2], wechselte im Laufe seines Lebens mehrfach radikal die Fronten, die Weltanschauungen bzw. Ideologien und ebenso seine Berufe und Betätigungen.

Sein Lebensweg spiegelt eine der bizarrsten und extremsten politischen Biografien des 20. Jahrhunderts wider. Als Absolvent einer württembergischen Militärschule dient er im Ersten Weltkrieg als königlich-württembergi-scher Unteroffizier und Vizefeldwebel im kaiserlichen deutschen Heer.

Nach seiner Hinwendung zum Kommunismus und der entsprechenden politischen Radikali-sierung flieht er 1924 in die junge Sowjet-union. Dort brachte er es im Staatsdienst bis zum sowjetischen Spitzendiplomaten und erlangte den Rang eines stellvertretenden Volkskommissars (Ministers) für die Forst-wirtschaft und Holzproduktion. Zeitweise besaß er den Rang eines Offiziers der Roten Armee.[3]

Nachdem er 1932 im Zuge von politischen Säuberungen von der sowjetischen Geheim-polizei verhaftet worden war, wurde er 1934 in das Deutsche Reich abgeschoben. Die deutschen Behörden inhaftierten ihn aufgrund seiner Vergangenheit erneut.

1938/39 veröffentlichte er seine General-abrechnung mit dem bolschewistischen Regime. Das Buch „Der verratene Sozialis-mus“, erstmals erschienen im November 1938 in Berlin und Leipzig, wurde im nationalsozialistischen Deutschland massiv als Aufklärungswerk beworben und erreichte bis 1944 eine Auflage von mehr als zwei Millionen. Damit war es eines der meist-verkauften Bücher des 20. Jahrhunderts.

Der Autor Karl Albrecht wurde durch sein erstes Buch, 1939 im Nibelungen-Verlag[4] erschienen, einem breiten Lesepublikum bekannt.[5] Das Buch stellt eine Abrechnung mit dem in der Sowjetunion etablierten bolschewistischen System dar.[6]

Er schildert die katastrophalen Folgen der sowjetischen Zwangswirtschaft für die Arbeits- und Lebensbedingungen und berichtet über die Auswirkungen der Gesetzlosigkeit und Willkür der Diktatur.

Da Albrecht in der UdSSR eine typische Funktionärskarriere durchlief, gewann er genaue Kenntnisse über den sowjetischen Partei- und Verwaltungsapparat. Von be-sonderer Bedeutung war auch die Tatsache, daß mit Karl Albrecht erstmalig ein ehema-liger ranghoher Funktionär die Seiten gewechselt und zu den Nationalsozialisten übergelaufen war. Aufgrund der seinerzeit hohen Auflagen erlangte der Autor große Popularität.[7]

Ungeachtet dessen war über den Autor nur wenig bekannt. Bis heute muß angesichts seines ungewöhnlichen Lebensweges eine abschließend sichere Einordnung Karl Albrechts schwerfallen.

Der Name Karl Albrecht war ein Pseudonym. Geboren ist Karl Albrecht als Karl Matthäus Löw 1897 in Weingarten im württembergi-schen Kreis Ravensburg.[8] Sein Vater Johan-nes Löw, früh verstorben, war Feldwebel in der württembergischen Armee.[9]

Mit Mutter und Geschwistern wächst er in ärmlichen Verhältnissen auf. Früh trat er in Beziehung zur kommunistischen Bewegung. Als Jugendlicher war er Mitglied in einem Sozialistischen Jugendverband. Nach dem Besuch der Volksschule in Weingarten be-suchte er eine königlich-württembergische Militärschule, um die Unteroffizierslaufbahn einschlagen zu können.[10]

Im I. Weltkrieg diente Karl Albrecht, zu dieser Zeit noch als Karl Löw, seit Kriegsbeginn in der württembergischen Armee[11] und erlitt als Vize-Feldwebel 1918 eine schwere Verwundung.[12]

Er erhält hohe militärische Auszeichnungen, darunter das Verwundetenabzeichen in Gold und das Eiserne Kreuz und wird wegen Tap-ferkeit vor dem Feind zum aktiven Offizier vorgeschlagen.[13]

Nach Kriegsende trat er in den württem-bergischen Polizeidienst ein. Ende Dezember 1918 wird er Angehöriger der württembergi-schen Ordnungs-Truppe, die im Auftrag der sozialdemokratischen Regierung die innere Sicherheit gegen den aktiver werdenden Spartakusbund[14] und aufrührerische Kommunisten garantieren soll.

Er wird zum Vorsitzenden des Soldaten-Rats seines Bataillons und später zum stellver-tretenden Kommandeur des Bataillons ge-wählt. Zur Zeit des Berliner Spartakusauf-stand[15] im Januar 1919 war er Sicherheitswehrmann in Stuttgart und begleitete einen Transport verhafteter Führer des Stuttgarter Spartakusauf-standes von Stuttgart nach Ulm.

Während des Transports ermöglicht er die Flucht des kommunistischen Funktionärs Willi Münzenberg[16] und weiterer Linksrevolu-tionäre, die bei der Überführung in das Staatsgefängnis Ulm „auf der Flucht erschossen“ werden sollten.

In diese Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit der KPD.[17] Albrecht verbleibt aber bei den Freikorps und kämpft in München unter General Epp gegen die Räterepublik, im Ruhrgebiet unter General Watter gegen die Rote Ruhrarmee.

Danach beginnt er eine Ausbildung als Förster. Nach einer Fachausbildung im württembergischen Staatsforstdienst übernimmt er im Januar 1921 die Leitung eines Rent- und Forstamtes in Württem-berg[18], anschließend das Forstamt eines großen Privatgutes.

Bereits 1924 emigrierte Karl Löw in die Sowjetunion und entzog sich damit einer Haftstrafe wegen illegaler Arbeit für die zeitweise im Deutschen Reich verbotene KPD.[19]

Die Flucht aus Deutschland wurde von der Roten Hilfe[20] organisiert und finanziert. Den Namen Karl Albrecht nahm er während seines langjährigen Aufenthalts in der Sowjetunion an (dort hieß er amtlich Karl Iwanowitsch Albrecht).[21]

Karl Löw wird Mitglied der Kommunistischen Partei[22] und beginnt in der russischen Provinz eine Lehre als Forstassistent. Zwi-schen 1924 und 1926 lebte Albrecht in Murmansk und in Leningrad.

1928 ist er Mitglied des Zentralkomitees der Gewerkschaft der Waldarbeiter und der Arbeiter der Holzindustrie und erhält eine Berufung nach Moskau. Im selben Jahr wurde Karl Löw wegen des Vorwurfs, Anhänger des Trotzkismus zu sein, vorübergehend aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.

Von 1928 bis 1931 leitete Albrecht in der Zentralkommission der Kommunistischen Partei und Arbeiter- und Bauerninspektion der Sowjetunion (ZKK-RKI) die Sektion für Forstwirtschaft und mechanische und che-mische Holzbearbeitungsindustrie in der UdSSR.

In dieser Funktion wird ihm vom Sekretariat des Zentralkomitees der kommunistischen Partei (Kommunistische Allunions-Partei/Bolschewiki) der Sonderausweis eines lei-tenden Staats- und Parteifunktionärs ausgestellt.

1929 absolviert Albrecht eine erste wissen-schaftliche Arbeit über Rationalisierung und Mechanisierung in der Waldwirtschaft und erhält den Spezialausweis eines kommuni-stischen Parteifunktionärs der Partei, verbunden mit der Ermächtigung, den Kreml, die Räume des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und alle Büroräume der Partei- und Staatsbehörden und sogar das Vorzimmer von Josef Stalin zu betreten.

Zu diesem Zeitpunkt muß er demzufolge bereits rehabilitiert gewesen sein bzw. hatte sich Karl Löw offenbar selbst verleugnet und vollständig den Forderungen der Partei untergeordnet.

Am 6. Februar 1930 heiratet er in Moskau eine Staatsbürgerin der Sowjetunion, eine gebürtige Russin (diese wurde 1932 wie er von der Geheimpolizei OGPU[23] verhaftet). Aus der 1933 geschiedenen Ehe geht eine Tochter Eleonore hervor.

Im Sommer 1930 wird Albrecht zu einem einjährigen Studium an die Internationale Lenin-Schule in Moskau delegiert, einer vom Exekutivkomitee der Kommunistischen In-ternationale (EKKI) errichteten stalinistischen Kaderschmiede, die ihn zu einem von 370  deutschen „Kursanten“ nominierte.

In einem symbolischen Aufnahmeakt als „Parteigenosse“, der sich völlig der Herrschaft der kommunistischen Lebenswelt und deren Partei unterwirft, bekam Karl Löw in dieser Zeit seinen neuen Parteinamen Karl Albrecht zugeteilt, den er auch während der sich an-schließenden konspirativen Kaderschulung in Moskau führte.

Im September 1931 hält er einen Vortrag im Politbüro der Kommunistischen Partei über eine vollständige Neuorganisation der rus-sischen Holzindustrie und eine notwendige Ergänzung des sowjetischen Gesetzes vom 27.08. 1929[24] zur Entwicklung der Forst-wirtschaft in der UdSSR. Über diese Rede Karl Albrechts wird ein umfassender Bericht in der sowjetischen Zentralzeitung der Partei, der „Prawda“, abgedruckt.

Im Dezember 1931 ist er „Außerordentlicher Bevollmächtigter“ der Partei für die sowjeti-sche Forstwirtschaft, erhält einen Ausweis mit der Unterschrift Stalins und Molotows, ver-bunden mit der Befehlsbefugnis, in den Waldgebieten des Ural die Holzproduktion anzukurbeln.

Die besondere damit verbundene Aufgabe war jedoch primär die eines für die Über-prüfung der Haft- und Zwangsarbeitslager verantwortlichen Kontrolleurs. Karl Albrecht gehörte nun zum Nomenklatur-Kader der Kommunistischen Partei Sowjetrußlands (Kommunistische Allunions-Partei/Bolsche-wiki) und war für den Posten eines stell-vertretenden Volkskommissars (Minister) für Waldwirtschaft vorgesehen.

In seiner Position als Außerordentlicher Bevollmächtigter für Forstwirtschaft erhält er durch eigenen Augenschein Kenntnis von den entsetzlichen Verhältnisse in den Zwangsar-beitslagern der GPU.[25]

Zu dieser Zeit setzte seine innere Abwendung vom bolschewistischen System ein. Aufgrund seiner Interventionen und versuchter Hilfe-leistungen für Zwangsarbeiter des GuLag[26] wird er zu einer Bezirksregierung im sowjetischen Fernen Osten strafversetzt.

Im März 1932 wird Albrecht in eine Außen-handelsvertretung nach Noworossijak, einer Hafenstadt an der Küste des Schwarzen Meeres, versetzt[27], um sich auf eine künftige Tätigkeit im sowjetischen Außenhandel vorzubereiten.

Im Juni 1932 wurde Albrecht vom sowjeti-schen Geheimdienst OGPU[28] unter der Beschuldigung, Spion der deutschen Reichswehr zu sein, verhaftet. Albrecht wird nach Moskau überführt und verbleibt 18 Monate in Haft, wobei er verschiedene Gefängnisse durchläuft.

Dabei erlebt er das Schicksal eines der sowjetischen Geheimpolizei ausgelieferten Häftlings: Isolation im Wechsel mit dem Dasein in völlig überfüllten Zellen, Hunger, Kälte, Schmutz, Ungewißheit über das Schicksal der Angehörigen und die eigene Zukunft, Dauerverhöre, Schlafentzug, Dahinvegetieren ohne Beschäftigung und ohne Tageslicht, plötzliche Haftver-günstigungen und ebenso plötzliche Haftverschärfungen.

Seine russische Frau muß sich von ihm scheiden lassen, um ihre Aufenthalts-Erlaub-nis für Moskau, die bisherige Wohnung und nach seiner Verurteilung das gemeinsame Eigentum behalten zu können. Sie nimmt für sich und die 1932 geborene Tochter Eleonore wieder ihren Mädchennamen an.

Kurz nach der Zustellung des Scheidungs-urteils wird Karl Albrecht Ende 1933 als deutscher Militärspion zum Tode verurteilt. Ein Sondergericht, ein sog. Revolutions-gericht, unter dem Vorsitz von Genrich Jagoda[29] und Nikolai Krylenko[30] verurteilt Karl Albrecht Ende 1933 zum Tode.[31]

Das Urteil wurde nicht vollstreckt.[32] Noch während der Haft wird er vom (noch heute existierenden) Militärgeheimdienst GRU[33] als Perspektivagent angeworben.[34]

Das Vorgehen dieses sowjetischen Ge-heimdienstes war nicht untypisch und wurde auch von anderen sowjetischen Geheim-diensten, später auch vom DDR-Geheim-dienst MfS, angewandt.

Drei Wochen nach dem Prozeß wird Albrecht begnadigt und mit Auflagen aus der Haft entlassen, nachdem er eine Verpflichtung unterschrieben hat, über alle seine Erlebnisse in der Sowjetunion einschließlich der Haftzeit strengstes Stillschweigen zu bewahren.

Im März 1934 sucht er die Botschaft des Deutschen Reiches in Moskau auf und bittet um Hilfe bei der Ausreise aus der Sowjetuni-on. Zwei Wochen später reist Albrecht mit seiner kleinen Tochter nach Deutschland aus. Jedoch muß seine (von ihm geschiedene) Frau als „Geheimnisträgerin“ zurückbleiben, da sie in einem Rüstungsunternehmen als Sekretä-rin tätig ist. Die spätere Ausreise wird von den sowjetischen Behörden jedoch in Aussicht gestellt.

Nach der Abschiebung in das Deutsche Reich wird Albrecht bereits sechs Tage nach seiner Ankunft in Berlin von der Gestapo verhaftet und in das württembergischen Landesge-fängnis Hoher Asperg in Ludwigsburg überführt, jedoch im Juni 1934 entlassen.

Er ist erwerbslos, findet keine Arbeit und plant, ins Ausland zu gehen, beantragt deshalb einen Auslandsreisepaß. Im Juni 1935 wird er erneut inhaftiert. Es folgen Vernehmungen im Hauptquartier der Gestapo in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße. Von dort erfolgt eine Überführung in das K.L. Columbia in Berlin[35].

Aus der Haft entlassen verließ Karl Albrecht, möglicherweise auf Weisung aus Moskau, das Deutsche Reich. Es folgten ab Juni 1934 Auf-enthalte in der Türkei, wo er als Forstsach-verständiger arbeitete und sich – vergeblich – um die Genehmigung der Ausreise seiner Frau aus der Sowjetunion bemüht.

Da er damit rechnet, von sowjetischen Agenten aufgespürt und ermordet zu werden, weicht er 1935 in die Schweiz aus. Diese Entscheidung  mußte deshalb folgerichtig erscheinen, weil er in Deutschland zu dieser Zeit vollständig kompromittiert war. In der Schweiz begannen auch die Vorarbeiten für das Manuskript seines Buches „Der verratene Sozialismus“.

Im September 1938 geht Karl Albrecht, nun wieder in Deutschland lebend, eine neue Ehe ein. Aus dieser Ehe gehen drei Töchter und ein Sohn hervor.[36]

Im November 1938 erfolgt die Erstveröf-fentlichung seines Buches „Der verratene Sozialismus“.

Aufgrund der Vernehmungen während seiner Haftzeit in Berlin (die Verhöre fanden im Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße sowie im Columbia-Haus statt) war die mögliche Bedeutung Karl Albrechts für die nationalsozialistische Propaganda festgestellt worden.

Wohl noch während der Haft wurde er für eine Zusammenarbeit mit dem Propagan-daministerium angeworben. Sein Buch „Der verratene Sozialismus“ war möglicherweise ein Auftragswerk, das Albrecht für eine vorgesehene Veröffentlichung des Propagan-daministeriums[37] verfaßte. Für diese Annahme spricht allein schon der das Buch verlegende Nibelungen-Verlag.[38]

Bis August 1939 werden zehn Auflagen mit insgesamt hunderttausend Exemplaren (zum Stückpreis von 12,50 Reichsmark) heraus-gegeben. Gleichzeitig engagiert ihn das Propagandaministerium als Redner im Rundfunk, in Arbeitsdienstlagern und vor Betriebsbelegschaften. Dabei folgt er der Weisung, sich nicht als Nationalsozialist zu bekennen, sondern lediglich seine persönli-chen Erfahrungen in der Sowjetunion zu schildern.

Durch sein Buch „Der verratene Sozialismus“ wurde Karl Albrecht einem Millionenpublikum in Deutschland bekannt, und in der Zeit des Dritten Reiches war der Autor überaus populär.[39]

Infolge der Autoren-Honorare und weiterer Einnahmen aus Leserreisen und Rundfunk-vorträgen ergaben sich für Albrecht Einnah-men von mehreren Hunderttausend Reichs-mark.[40] Von den Verkaufserlösen des Buches und weiteren Honoraren (insgesamt 300.000 Reichsmark) erwarb Albrecht in einem Berliner Vorort eine Stadtvilla und kaufte eine Gemüsegroßhandelsfirma.[41]

1940 nimmt Karl Albrecht aufgrund einer Aufforderung des Gauleiters Josef Bürckel [42], sich in der Zivilverwaltung und im Wirtschaftsleben von Lothringen[43] zu betätigen, einen weiteren Wohnsitz in Metz. In der Folgezeit war Albrecht Mitarbeiter des Reichsstatthalters in der Westmark (geplanter Reichsgau Westmark). In Metz übernimmt er die kommissarische Leitung einer in franzö-sischem Besitz befindlichen Firma.

Mit Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges wird Karl Albrecht im Sommer 1941 als Propaganda-Redner vornehmlich in den besetzten Gebieten der Sowjetunion eingesetzt.

Anfang August 1941 eröffnet Albrecht mit Unterstützung des Propagandaministeriums in Berlin in den Räumen des vormaligen sowjetischen Reisebüros „Intourist“ (Unter den Linden) eine Antikomintern-Buchhand-lung als „Erste und einzige Spezialbuch-handlung für antibolschewistische Literatur“.

Im Herbst 1941 erfolgt durch das Propa-gandaministerium die Einberufung zur Propaganda-Ersatzabteilung in Potsdam. Er wird als Wachtmeister einer Ersatzeinheit der Propagandakompanien in Potsdam zugeteilt.

Seit Oktober 1941 mehren sich Anzeichen für Auseinandersetzungen und Probleme mit dem Propagandaministerium. Albrecht ver-einbart eigenmächtig Vortrags- und Rede-veranstaltungen, ohne das Ministerium ein-zuschalten, und spricht vor nationalsozialistischen Gliederungen, was aus propagandistischen Gründen und prinzipiellen Erwägungen nicht vorgesehen ist.[44]

Inhaltlich will er sich auf antibolschewistische und antijüdische Propaganda beschränken, nicht jedoch die Russen als „Untermenschen“ darstellen. Außerdem sträubt er sich, jedes Redemanuskript vorher vorlegen zu müssen und sich dann strikt daran zu halten.

Ab Mai 1942 wird er bei der Überprüfung von russischen Kriegsgefangenenlagern in den besetzten Gebieten der UdSSR eingesetzt, u.a. des Kriegsgefangenenlagers Wladimir-Wolinsk in der Ukraine. Albrecht ist dabei formell dem Stab Rosenberg unterstellt.[45]

1943 überschlagen sich die Ereignisse im Leben Karl Albrechts. Das Jahr beginnt mit einem Vortrag bei Generalfeldmarschall Kluge.[46] Es folgt ein Treffen Treffen mit Fürst Jussupoff[47], der als OT-Führer[48] einen Einsatz in einem Partisanen­gebiet in Dworezk in der Ukraine leitete.

Albrecht tritt in die Organisation Todt ein. In einem Telegramm an Albert Speer protestiert er gegen das Vorgehen gegenüber ukraini-schen Juden im Rahmen der Bandenbekämp-fung. Es folgte die Festnahme und Überstel-lung nach Berlin.

Albrecht wird daraufhin fristlos aus der Organisation Todt entlassen und dann ausgestoßen. Albrecht kehrt ins lothringische Metz zurück und eröffnet auch dort einen Gemüsegroßhandel. Es folgen Denkschrift an alle höchsten Stellen des Reiches sowie ein Vortrag bei Alfred Rosenberg.[49]

Seine Vorstöße bewirken einen veränderten und der Lage angepaßten Einsatz der sow-jetischen Kriegsgefangenen und Ostarbeiter. Unterstützung in seinen Bestrebungen erhält er u.a. durch SS-Brigadeführer Dunkern[50], Regierungspräsident Barth[51] und DAF-Gauobmann Stahl.[52]

Im Mai 1944 wird Karl Albrecht vom Wehr-bezirkskommando Metz zur Waffen-SS einberufen.

Im August 1944 tritt K. Albrecht, gefördert vom Leiter des SS-Hauptamtes Gottlob Berger, im Rang eines Hauptsturmführers in die SS ein.[53] Vom SS-Hauptamt in Berlin werden ihm besondere Aufgaben im Kriegs-gefangenenwesen übertragen, u.a. die Führung und Überwachung von Ostkriegs-gefangenen und Ostarbeitern.[54]

Obergruppenführer Berger hatte entschieden, ihn für die Propagandarbeit unter Ostarbei-tern und sowjetischen Kriegsgefangenen einzusetzen, die man für die neu aufgestellte Wlassow-Armee gewinnen wollte.

Gottlob Berger organisiert darüber hinaus auch die Übersetzung des Buches „Der ver-ratene Sozialismus“ ins Russische[55] und verfügt die Verleihung des Kriegsverdienst-kreuzes 2. Klasse an Karl Albrecht. Im Februar 1945 wird er, wiederum aufgrund einer Empfehlung Gottlob Bergers, einer der Adjutanten des Generals Andrej Wlassow (1901-1946), Oberbefehlshaber der Russischen Befreiungsarmee.

Ende April/Anfang Mai 1945 führt Albrecht eine Truppe von 900 Angehörigen der Waffen-SS bei Kämpfen mit Amerikanern bei Eferding in Oberösterreich. Nach schweren Verlusten kapituliert Albrecht am 5. Mai 1945 südöstlich von von Eferding gegenüber den US-Amerikanern.

Es folgen 27 Monate Gefangenschaft in den Lagern Hörsching und Ried[56], danach Überführung in das deutsche Haftlager Stadel-Paura[57] und das Lager Lambach.[58] Im Haftlager Schnuttenbach[59] bei Günzburg beginnt er die Vorarbeiten zu seinem zweiten, 1954 veröffentlichten Buch.

1947/1948 ist Albrecht Kriegsgefangener im US-Kriegsgefangenenlager in Hammelburg.[60] Anfang 1948 wird Karl Albrecht aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen.

Karl Albrecht war eine widersprüchliche um nicht zu sagen zwielichtig erscheinende Persönlichkeit. Sicherlich hatte er sich 1934 nur unter den gegebenen Umständen und letztlich unter Zwang zur Agententätigkeit für die Sowjets verpflichtet.

Andererseits war er (möglicherweise um seine Haut zu retten) im Mai 1945 in einer verdeck-ten Aktion der US-Amerikaner an der Auslie-ferung Andrej Wlassows an den sowjetischen Geheimdienst SMERSch beteiligt[61]

Dieser Vorgang in der unmittelbaren Zeit nach der Kapitulation der deutschen Streit-kräfte und ihrer Verbündeten gilt als einzige erfolgreiche Aktion des in der Zeit des Dritten Reiches offenbar verdeckt operierenden sowjetischen GRU-Agenten Karl Albrecht.[62]

In seinem 1954 erschienenen zweiten Buch „Sie aber werden die Welt zerstören“ veröf-fentlicht er eine teilweise scharf formulierte Kritik am staatsgewordenen System Drittes Reich und beschreibt die aus seiner Sicht begangenen Fehler hoher nationalsoziali-stischer Amtsträger und Funktionäre, deren Tätigkeit und Entscheidungen er hautnah erlebte.

Er identifiziert damit im Nachhinein den Widerspruch zwischen Anspruch und Realität des nationalsozialistisch regierten Deutschland und der ursprünglichen nationalsozialistischen Weltanschauung.

Karl Albrecht starb am 22. August 1969 in Tübingen.

Seine Bedeutung, einem breiten Lesepubli-kum den verbrecherischen Charakter der bolschewistischen Ideologie und des Stalin’schen Sowjetregimes vermittelt zu haben, bleibt bis heute aktuell.

Albrecht war politischer Idealist. Er hatte an den Sozialismus sowjetischen Typs geglaubt und sich entsprechend engagiert. Ebenso war er ehrlichen Glaubens den Verlautbarungen des deutschen Nationalsozialismus gefolgt, mußte aber erleben, daß auch dieser politisch erstarrt und entartet war. Das ist die große Tragödie dieses politischen Kämpfers.

Veröffentlichungen

Der verratene Sozialismus. 10 Jahre als hoher Staatsbeamter in der Sowjetunion. Berlin/Leipzig: Nibelungen-Verlag, 1939.

Sie aber werden die Welt zerstören. München: Verlag Herbert Neuner, 1954.

Anhang:

Auszug aus dem Buch „Sie aber werden die Welt zerstören…“ (Seite 267):

„Versuchen Sie, die anderen zu retten, Albrecht. Ich danke Ihnen, daß Sie Wort gehalten haben. Wir können beide nichts dafür, daß wir zu spät kamen. Und doch, hätte ich die Partisanen früher gerufen, all dies wäre nie geschehen. Aber ich habe den deutschen Offizieren geglaubt, die mir Schutz versprochen hatten, ehe ich mich bereit fand, dieses Juden­lager aufzubauen.“

Er brachte mich zu unserem Wagen zurück. „Ihr seid angemeldet, ihr braucht keine Angst zu haben. Fahrt auf den rot ge­zeichneten Straßen und Waldwegen.“ Ein letzter Hände-druck. Plötzlich umarmte er mich: „Leb wohl, Deutscher, Du bist ein Mensch.“

Ich fuhr zurück. Ich sah nichts mehr um mich her. Die Gedanken bohrten in meinem Hirn: Wie sollte ich diesen Achtzehn des Judenra-tes, die voll tiefster Sorge auf Nachricht von ihren Angehörigen warteten, sagen, daß alles umsonst gewesen war, daß es nichts mehr zu hoffen gab? Ich war müde. Sinnlos erschien mir das weitere Leben. Ein Abgrund hatte sich aufgetan. Wer konnte ihn jemals überbrücken?

Ich kannte zufällig den Gebietskommissar von Lidicl. Er war ein ehemaliger Ordens-junker von Krössinsee, vor denen ich im Jahr 1939 einen umstrittenen Vortrag über die Sowjetunion gehalten hatte. Ich hoffte, daß ich bei diesem Mann Unterstützung finden würde, um den weiteren Judenlagern der Gegend das Schicksal Dworezk zu ersparen. Der Gebietskommissar nahm mich herzlich auf und versprach mir, alles zu tun, um sein Judenlager rechtzeitig dem Zugriff der Mordkommandos zu entziehen.

Wir fuhren zusam­men ins Lager und be-sprachen alles mit dem Kommandanten, der eben­falls ein OT-Führer war, daß sein Lager in den nächsten Tagen „aufgelöst“ würde. Er wußte noch nichts von den furchtbaren Ereignissen in Dworezk. Er erstarrte vor Entsetzen, als ich ihm schilderte, was ich selbst gesehen hatte. Er kannte Jussupoff. „Dieser Gerechtigkeitsfanatiker wird furchtbare Rache nehmen“, waren seine ersten Worte. Aber wir durften keine Zeit verlieren.

Rasch wurde der Judenrat zusammengerufen, der auch hier die eigentliche innere Leitung und Verwaltung des Lagers unter sich hatte. Wir unterrichteten sie von dem Vorgefallenen, und sie dräng­ten flehentlich auf schnelle Verlegung des Lagers.

Rasch waren Formalitäten beendet. Die Fahrzeuge wurden vollgepfropft mit dieser unglücklichen Menschenfracht. Einen Teil der Wachmänner, die ich bei mir hatte, ließ ich zurück mit dem Auftrage, am nächsten Tage mit der Verladung des Lagers zu beginnen und mit der Waffe dafür zu sorgen, daß alle wohlbehalten in mein Ein­satzgebiet gelangten.

Dort würde schon Erich Schmidt mit seinem Ba­taillon OT-Wachmänner dafür sorgen, daß sie in Frieden leben konnten. Ich mußte fort. Ich verabschiedete mich von meinen künf-tigen Lager­insassen. „Herr Offizier! Vergessen Sie uns nicht. Bringen Sie uns fort, ehe diese Mörder kommen.“ „Ich verspreche es Euch bei Gott dem All­mächtigen, an den ich glaube, wie Ihr.“ Dann fuhren wir ab.

Nachtrag:

Heute kaum noch gewürdigt werden die an der Seite der Deutschen Wehrmacht und in den Reihen der internationalen Waffen-SS kämpfenden russischen Streitkräfte und Wehrverbände.

– Russische Befreiungsarmee (russisch Russkaja Oswoboditelnaja Armija (ROA))

– Russische Nationale Volksarmee (RNNA)

– Russisches Schutzkorps

– Kosaken-Kavallerie-Korps (1. Kosaken-Division)

– Kosaken-Kavallerie-Korps der Waffen-SS (General Andrei Schkuro)

– RONA-Brigade (später 29. Waffen-Grenadier-Division der SS [russisch])

– Waffen-Grenadier-Division der SS „RONA“ (russische Nr. 1):

– Waffen-Grenadier-Division der SS (russische Nr. 2)

– Infanterie-Division (russisch) (Deutsche Wehrmacht)[63]

– Kosaken-Kavallerie-Division

– Kosaken-Kavallerie-Division

– Waffen-SS-Sonderverband Drushina (Regiment Wladimir Gil (Pseudonym Rodajew))

– Fliegerregiment des Komitees der Befreiungsbewegung des russischen Volkes

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Anmerkungen

[1]Für den hier vorliegenden Beitrag wurde u.a. verwendet: Peter Boris: Im Zickzack durch die Zeit. Aus dem Leben des Vizefeldwebels, Försters, Offiziers der Roten Armee, Gemüsehändlers, SS-Hauptsturmführers und Schriftstellers Karl Albrecht. In: Die Zeit, Nr. 37, 1988 (9. September 1988), S. 44.
Andere genutzte Quellen erscheinen in den Fußnoten.

[2]Lt. Geburtsurkunde des Standesamtes Weingarten Karl Matthäus Low. Der Vater hieß Johannes Löw. In der veröff. Lit. wird Karl Albrecht jedoch als Karl Löw bzw. Karl Matthäus Löw genannt. 1938 läßt er seinen amtlichen Familiennamen Low in Loew-Albrecht ändern.

[3]In der Zeit zwischen 1925 bis 1930 nahm er als Offizier der Roten Armee an Reserveübungen teil und erreichte den Rang eines Brigadegenerals der Reserve.

[4]Der Nibelungen-Verlag war ein 1934 in Berlin und Leipzig gegründeter Verlag. Er diente während der Zeit des Nationalsozialismus als Tarn- und Propagandaverlag der Organisation „Antikomintern“ (Gesamtverband deutscher antikommunistischer Vereinigungen e. V.) und verlegte hauptsächlich antibolschewistische Bücher und andere Druckschriften.

[5]Sein zweites, 1954 erschienenes Buch „Sie aber werden die Welt zerstören“ ist dagegen weit weniger bekannt. Dessen einzige Auflage war auch weitaus kleiner als die Gesamtauflage des Buches „Der verratene Sozialismus“.

[6]Karl J. Albrecht: Der verratene Sozialismus. 10 Jahre als hoher Staatsbeamter in der Sowjetunion. Berlin/Leipzig: Nibelungen-Verlag, 1939.

[7]Der Titel „Der verratene Sozialismus“ erfuhr bis 1941 11 Auflagen. 1941/1942 wurde eine „Volksausgabe“ des Buches mit einer Auflage von 700.000 herausgegeben. 1944 überstieg die Gesamtauflage die Zwei-Millionen-Grenze. Das Buch erwies sich in dieser Zeit als das erfolgreichste des Nibelungen-Verlages.

[8]Weingarten, Oberamt Ravensburg, Donaukreis (später Kreis Ravensburg, Regierungsbezirk Tübingen), Königreich Württemberg.

[9]„Feldwebel im hiesigen Husarenregiment“ [Qu.: Eintrag in der standesamtlichen Geburtsurkunde von Karl Matthäus Löw]. Weingarten war bis 1898 Garnison des 2. Württembergischen Infanterieregiments Nr. 120.

[10]Die Offiziersstellen waren in den Armeen der Gliedstaaten des deutschen Kaiserreichs nahezu ausschließlich Adligen vorbehalten.

[11]Die württembergische Armee stellte im I. Weltkrieg mit dem XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps ein Kontingent des deutschen Heeres und war Kommandos der preußischen Armee unterstellt.

[12]1917 ist Karl Löw württemberg. Unteroffizier und wird am 29.01. leicht verwundet. [Qu.: Verlustlisten Deutsches Reich 1. Weltkrieg, Liste Nr. 511-526 (Württemberg), Seite 17361: Löw Karl (Weingarten, Ravensburg)]. Am 10.07.1917 wird Karl Löw. Unteroffizier, schwer verwundert. [Ebd., Liste 582 (Württemberg), S. 19565]. Am 2.09. 1918 wird Karl Löw als Vize-Feldwebel schwer verwundet. [Qu.: Ebd., Liste 692 (Württemberg), S. 25993].

[13]Karl Löw verläßt die Armee als Kriegsversehrter und ist 60 % erwerbsbeschränkt.

[14]Linksrevolutionäre Organisation, entstanden als Abspaltung eines radikalen Flügels der SPD. Ab 1916 veröffent-lichte die Gruppe die illegalen Spartakusbriefe und nannte sich fortan „Spartakusgruppe“ (benannt nach Spartacus, dem Anführer eines römischen Sklavenaufstands). 1917 schloss sich die Gruppe als linker Flügel der neu gegründeten USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) an. Am 11. November 1918 benannte sich der Bund während der Novemberrevolution in „Spartakusbund“ um und ging Ende Dezember 1918 / Anfang Januar 1919 in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) auf.

[15]Spartakusaufstand. Kommunistische Revolte in Berlin v. 5. – 12.01.1919. Zeitgleich kam es i.d.Z. vom 4. –12. Jan. zu einem Aufstand der Spartakisten in Stuttgart, der niedergeschlagen wurde.

[16]Willi Münzenberg, kommunistischer Funktionär, * 14.08.1889 Erfurt, † Juni 1940 Montagne (Saint-Marcellin), Département Isère, Frankreich (vom NKWD ermordet).

[17]Die KPD ging aus dem Spartakusbund hervor und wurde Ende 1918 gegründet (Gründungskonferenz in Berlin 30.12.1918 bis 1.01.1919).

[18]Ab 1919 Freier Volksstaat Württemberg.

[19]Wegen illegaler Parteiarbeit und Betätigung für die KPD war Albrecht zu einer Haftstrafe von 2 Jahren verurteilt worden. Nach dem gescheiterten Hamburger Aufstand (Oktober 1923) und infolge des Ausnahmezustands verbot die Heeresleitung am 23. November 1923 sämtliche kommunistischen Organisationen. Dieses reichsweite Verbot wurde bereits im März 1924 wieder aufgehoben. Die Verbote waren eine Reaktion auf gewaltsame Umsturz- und Aufstandsversuche der KPD in den Jahren 1921 (Märzkämpfe in Mitteldeutschland) und 1923 (Hamburg).

[20]Hilfsorganisation der KPD.

[21]Diese Verfahrensweise war durchaus üblich. Aus Gründen der Konspiration nahmen ins sowjetische Exil gegangene deutsche Kommunisten Aliasnamen an. Erich Honecker beispielsweise nahm 1930 auf Weisung der Partei den Namen Fritz Molter an.

[22]Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki) (WKP(B); ab 1952 KPdSU.

[23]OGPU. 1923 gegründete sowjetische Geheimpolizei (Vereinigte staatliche politische Verwaltung, russisch Objedinjonnoje gossudarstwennoje polititscheskoje uprawlenije), 1934 in den NKWD eingegliedert.

[24]Am 27. August 1929 wurde in der Sowjetunion das historisch bedeutsame Dekret über die Einführung der ununterbrochenen Arbeitswoche (Neprerywka) erlassen. Mit diesem Gesetz leitete die sowjetische Führung unter Josef Stalin eine radikale Umgestaltung des Arbeitslebens und des Kalenders ein. Der traditionelle, christlich geprägte Sonntag wurde als allgemeiner Ruhetag komplett abgeschafft. Es wurde eine neue Woche eingeführt, die nur noch aus fünf Tagen bestand (vier Arbeitstage, gefolgt von einem Ruhetag). 1940 wurde das alte Wochensystem einschl. des Sonntags wieder eingeführt.

[25]Eigtl. OGPU, vergl. Anm. 23. Die GPU ging 1922 aus der Tscheka hervor und wurde 1923 in die OGPU umge-wandelt.

[26]GuLag = Hauptverwaltung der Lager, Zentrale Verwaltung der Haft-, Zwangsarbeits- und Besserungsarbeitslager und der Konzentrationslager der OGPU bzw. später (ab 1934) des NKWD.

[27]Noworossijak (= Noworossijsk) ist eine russische Hafenstadt in der Region Krasnodar in Südrußland.

[28]Vgl. Anm. 23.

[29]Genrich Jagoda (eigtl. Jenoch Jehuda) (1891-1938), 1934-1936  Chef der OGPU und des NKWD.

[30]Nikolai Krylenko (1885-1938), Funktionär des sowjetischen Justizsystems, Generalstaatsanwalt.

[31]Beisitzer dieses Sondergerichts waren die deutschen kommunistischen Funktionäre Fritz Heckert (* 1884 Chemnitz, † 1936 Moskau) u. Heinz Neumann (* 1902 Berlin, † 1937 Moskau), die später vom NKWD liquidiert wurden. Margarete Buber-Neumann, die Frau Heinz Neumanns, veröffentlichte 1957 ihre Abrechnung mit dem sowjetischen Regime: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1957.

[32]Die Begnadigung erfolgte aufgrund einer Intervention der deutschen Botschaft in Moskau.

[33]Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU), Главное разведывательное управление (ГРУ)  =
Hauptverwaltung für Aufklärung.

[34]Zu den Beziehungen Karl Albrechts zu den sowjetischen Geheimdiensten siehe Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt. Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise. Wals: Ecowin, 2011,  ebd. S. 57–73. Koch verarbeitete zwei Darstellungen der Geschichte der GRU, die sowjetische Historiker in den Jahren 1965 und 1990 für interne Zwecke der GRU verfasst hatten. Die US-amerikanische CIA hatte sich diese 1992 beschafft und dem NARA (National Archives and Records (Washington) übergeben. Vgl. die Erklärung Peter-Ferdinand Kochs, S. 431.

[35]Konzentrationslager Columbia Berlin (Columbia-Haus).

[36]Qu.: Personalfragebogen der SS. [Qu.: Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, Abt. Deutsches Reich, Bestand SS-Personalhauptamt].

[37]Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda.

[38]Der Nibelungen-Verlag gehörte zu einer dem Propagandaminist. unterstehenden Verlagsgruppe. Vgl. Anm. 4.

[39]Der Titel „Der verratene Sozialismus“ erfuhr mehrere Auflagen (bis 1941 11 Auflagen). Zwischen 1939 und 1941 wurde der Vertrieb temporär unterbrochen. (Deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag v. 28.09.1939). 1941/1942 wurde eine „Volksausgabe“ des Buches mit einer Auflage von 700.000 herausgegeben. 1944 überstieg die Gesamtauflage die Zwei-Millionen-Grenze. Das Buch erwies sich in dieser Zeit als das erfolgreichste des Nibelungen-Verlages.

[40]Im Jahr 1941 betrug das durchschnittliche Einkommen (Arbeiter und Angestellte) in Deutschen Reich ca. 2.300 Reichsmark (RM) pro Jahr. Auf den Monat heruntergebrochen entsprach dies einem Bruttoverdienst von etwa 191 Reichsmark. Berücksichtigt man reine Industriearbeiter, lag der statistische Durchschnittslohn in diesem Jahr bei 161 Reichsmark im Monat.

[41]Großhandlung für Obst und Gemüse und Südfrüchte.

[42]Josef Bürckel, * 30.03.1895 Lingenfeld (Südpfalz), † 28.09.1944 Neustadt an der Weinstraße, 1926 NSdAP-Gauleiter Rheinpfalz, 1935 (nach der Rückgliederung des Saargebietes) Gauleiter Pfalz-Saar (ab 1936 Saarpfalz),
1940 Gauleiter des NSdAP-Gaues Westmark, 1935–1936 war Reichskommissar für die Rückgliederung des Saar-gebiets, 1940–1944 Reichsstatthalter der Westmark (geplanter Reichsgau Westmark) und Chef der Zivilverwaltung in Lothringen.

[43]Lothringen, 1871-1918 Landesteil (Bezirk) Lothringen der Reichslande Elsaß-Lothringen, 1918-1940 Département Moselle, ab 1940 unter deutscher Zivilverwaltung (sog. CdZ-Gebiet). Zur Eingliederung in den geplanten Reichs-gau Westmark vorgesehen. Hauptstadt des CdZ-Gebietes Lothringen war Metz.

[44]K. Albrecht wird zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NSdAP.

[45]Stab Rosenberg, eigtl. Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg unter der Führung von Alfred Rosenberg, Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSdAP, * 12.01.1893 Reval (Tallinn), Estland, † 16.10.1846 Nürnberg (gehängt).

[46]Günther von Kluge, * 30.10.1882 Posen † 19.08.1944 Verdun. 1941–1943 Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte.

[47]Die Identität dieses Fürsten Jussipow konnte nicht geklärt werden, möglicherweise handelt es sich um ein Pseudonym. Personenidentität mit dem 1887 in St. Petersburg geborenen Felix Jussupow ist auszuschließen.

[48]OT = Organisation Todt, 1938 gegr. von Fritz Todt.

[49]Vgl. Anm. 45.

[50]Anton Leonhard Dunckern, Befehlshaber der SiPo und des SD in Saar-Lothringen (seit dem 3. Oktober 1940 Lothringen-Saarpfalz), 1942 SS-Brigadeführer, Okt. 1944 bis Nov, 1944 Höherer SS- und Polizeiführer in Metz (Lothringen), *  29.06.1905 München, † 9.12.1985 München.

[51]Karl Barth, * 23.3.1896 St. Ingbert, † 02.08.1962 Saarbrücken, 1.05.1940–April 1945 Regierungspräsident beim Reichskommissar für die Saarpfalz (11.03.1941 Reichsstatthalter in der Westmark), ständiger Vertreter des Reichskommissars/Reichsstatthalters und ab 02.08.1940 auch des Chefs der Zivilverwaltung in Lothringen.

[52]Georg Leonhard Stahl, * 11.041895 Freudenbach/Creglingen, † 27.101971 Ludwigshafen, NSDAP-Funktionär, Gau-Obmann und Gauwalter der Deutschen Arbeitsfront (DAF) im Gau Rheinpfalz (später Saarpfalz, ab 1940 Gau Westmark).

[53]Eintritt in die SS als Hauptsturmführer am 28.08.1944. [Qu.: Bundesarchiv R 9361-III/514298].

[54]Albrecht untersteht in dieser Zeit direkt dem Leiter des SS-Hauptamtes, Obergruppenführer Gottlob Berger (1896-1975).

[55]Geplant war eine millionenfache Auflage für die Ostkriegsgefangenen, Ostarbeiter und die in den geplanten neuen Reichskommissariaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion lebende Bevölkerung. Der geplante Druck dieser millionenfachen Buchauflagen wurde bis Kriegsende nicht mehr realisiert.

[56]US-amerik. Lager Hörsching (Oberösterreich) u. US-amerik. Lager Ried (Oberösterreich). Im Lager Ried (bis Sommer 1945) harrten bis zur Auflösung des Lagers 16.000 Soldaten der Wehrmacht, denen der Status als Kriegsgefangenen entzogen wurde, unter freiem Himmel und bei unzureichender Verpflegung aus. Die Gefangenen galten als „Entwaffnete Feindkräfte“ (Disarmed Enemy Forces, DEF) (wörtlich: entwaffnete feindliche Kräfte).

[57]US-amerik. Kriegsgefangenenlager Stadel-Paura (Oberösterreich).

[58]US-amerik. Sammel- und Registrierungslager (POW-Lager) Lambach (Oberösterreich). Kriegsgefangenenlager (Prisoner of War).

[59]US-amerik. Kriegsgefangenenlager Schnuttenbach (Landkreis Günzburg, Bayern), ausschließlich für Angehörige der SS.

[60]POW-Lager Hammelburg (Unterfranken).

[61]Wlassow wurde aus dem US-amerikanisch besetzten Bayrisch-Eisenstein nach Klattau (Böhmen) gelockt und ging dort dem sowj. Greifkommando des SMERSch-Geheimdienstes in die Falle. Der ehemalige sowjetische General-leutnant und Kollaborateur Andrej Wlassow wurde am 12. Mai 1945 von den Sowjets gefangen genommen. Er hatte nach der deutschen Kapitulation versucht, sich nach Westen abzusetzen, um sich den US-Amerikanern zu ergeben. Am 12. Mai stoppten sowjetische Soldaten den Fahrzeugkonvoi der US-Armee unweit der tschechisch-böhmischen Stadt Klattau (Klatovy) bei Pilsen, entdeckten Wlassow in einem der Fahrzeuge und nahmen ihn fest.

[62]Zur Festnahme Wlassows vgl. Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt. Doppelagenten. Namen, Fakten, Beweise. Wals: Ecowin-Verlag, 2011, S. 68.

[63]Überführt in die 1. Infanterie-Division der Russischen Befreiungsarmee (ROA) unter Generalmajor Sergei Kusmitsch.

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