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Thomas Engelhardt

Die Besetzung der Krim.

Die russische Inbesitznahme der Krim im Jahre 2014 wurde zum Zeitpunkt der Er-eignisse in der Tendenz kaum kritisch gewürdigt. Nach den Euromaidan-Protesten und dem Sturz des pro-russischen ukraini-schen Präsidenten Wiktor Janukowytsch besetzen als „grüne Männchen“ bezeichnete Soldaten russischer Spezialkräfte ohne Hoheitsabzeichen strategische Punkte und Regierungsgebäude auf der Krim.

In der Nacht vom 21. auf den 22. Februar wurden Marine-Einheiten und Angehörige der Speznas-Verbände auf die Krim verlegt, der Flughafen Anapa wurde zum Logistikzentrum der Invasion. 11.000 russische Soldaten wurden per Schiff auf die Krim entsandt. 

Am frühen Morgen des 28. Februar drangen Bewaffnete in den Flughafen von Simferopol ein und besetzten diesen. An ebendiesem 28. Februar wurden auf dem Militärflugplatz bei Simferopol etwa 1.400 Speznas-Soldaten von Rußland aus auf die Krim eingeflogen.

Bereits am 16. März 2014 wurde ein inter-national nicht anerkanntes, verfassungs-widriges „Referendum“ abgehalten. Ein Verbleib der Krim im Staatsverband der Ukraine und eine Erhaltung des damaligen Status quo stand nicht zur Wahl. Am 18. März 2014 unterzeichnete der russische Präsident in Moskau den formellen Eingliederungsver-trag. Die (völkerrechtswidrige) Annexion wird kurz darauf vollzogen.

Die damaligen Vorgänge standen in engem Zusammenhang mit den zeitgleich ablau-fenden ebenfalls von Rußland forcierten und beeinflußten Ereignissen in Kiew.

Rußland war aus politischem Kalkül an einer Rußland gegenüber freundschaftlich und loyal eingestellten Regierung in Kiew inter-essiert. In den zwei Jahrzehnten Unabhän-gigkeit seit 1991 war jedoch eine neue Generation erwachsen geworden. Diese hatte (im Gegensatz zu ihren Eltern und Großel-tern) keinerlei innere Bindungen mehr zu Rußland. Diese junge Ukrainer verstanden sich als Angehörige eines unabhängigen Volkes.

Rußland verletzte mit der vollzogenen Annexion der Krim das Budapester Memo-randum aus dem Jahre 1994. Mit der Unter-zeichnung desselben hatte Rußland die Anerkennung der bestehenden Grenzen der Ukraine bestätigt. Auch der im Jahr 2008 verlängerte russisch-ukrainische Freund-schaftsvertrag hatte die territoriale Integrität der Ukraine garantiert.

Rußland unternahm mit der Annexion der Krim 2014 den ersten Versuch einer Revision der territorialen Gegebenheiten, die eine Folge des Zusammenbruchs der UdSSR waren.

Der Einmarsch der russischen Streitkräfte in die Ukraine am 24. Februar 2022 stellt somit lediglich die Fortsetzung dieser Politik dar. Um diese vor der eigenen Bevölkerung und gegenüber dem Ausland zu rechtfertigen, wurden mit Beginn der Aggression alle Mittel der Manipulation und der Agitation und Propaganda eingesetzt. Daß diese bei einem nicht unerheblichen Teil der Bundesdeut-schen heute so leicht verfangen, ist erstaunlich.

Wenige Tage vor Beginn des in Rußland „Militärische Spezialoperation“ genannten Einmarsches in die Ukraine anerkannte Rußland am 21. Februar 2022 die in der Ostukraine von Freischärlern gegründeten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk.[23]

Die militärischen Auseinandersetzungen hatten freilich schon sehr viel früher be-gonnen. Gegründet worden waren diese „Volksrepubliken“ mit Hilfe des russischen Militärgeheimdiensts GRU. Die direkte militärische Hilfeleistung seitens Rußlands setzte unmittelbar nach der Gründung dieser „Volksrepubliken“ ein und waren der eigent-liche Grund der Eskalation. Die „Volksrepu-bliken“ waren dabei aber lediglich Mittel zum Zweck.

Behauptet wurde, die russischsprachigen Bewohner dieser Territorien seien durch die ukrainische Staatsverwaltung unterdrückt und drangsaliert worden. Richtig ist, daß administrative Entscheidungen hinsichtlich des Gebrauchs der ukrainischen Sprachen und insbesondere des Nichtgebrauchs des Russischen als Unterrichtssprache in den Schulen in den russischsprachigen Gebieten der Ostukraine auf Ablehnung stieß.[24]

Der zweite Aspekt war die bereits ange-sprochene zunehmend wachsende West-orientierung breiter Teile der Bevölkerung vor 2014. Politisch war das Land bereits 2012 deutlich gespalten. Bei den ukrainischen Parlamentswahlen im Jahre 2012 wählte die Bevölkerung östlich des Dnjepr mehrheitlich die „Partei der Regionen“.[25]

Dieses Wahlverhalten kam aber nicht von ungefähr. Die russischsprachigen Ostukrainer nutzten überwiegend russische Medien, sahen russisches Staatsfernsehen. 16 Millionen Ukrainer hatten (und haben) familiäre Beziehungen nach Rußland.

Letztlich führte erst die stete russische Einflußnahme zu einer Verschärfung der Lage in der Ostukraine, die dann ab 2014 in den militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Milizen der Volksrepubliken und der regulären ukrainischen Armee gipfelten.

Bei diesen bereits kriegsähnlichen Gefechten und Angriffen kamen 14.000 Menschen ums Leben, vornehmlich Zivilisten. Rußland be-zeichnete diese Zivilopfer in der Propaganda stets als „unsere Leute“, die angeblich von einer erbarmungslosen ukrainischen Solda-teska ermordet worden seien. Nichts davon ist freilich wahr.

Wer mit aus der Ostukraine vertriebenen oder geflüchteten Ukrainern spricht, wird anderer Tatsachen gewärtig. Die Milizen der „Volks-republiken“ nahmen Zwangsrekrutierungen vor, russische Armeeangehörige wurden ohne Rangabzeichen in diese Milizenverbände eingegliedert. Von den Ukrainern wurden Treuebekenntnisse gegenüber den Institu-tionen der selbsternannten Republiken eingefordert.

Der Alltag war geprägt von Unrecht, Willkür, Überwachung, Zwang und Gewalt. Alles das wird hierzulande meist nicht zur Kenntnis genommen. Es dominiert seltsamerweise ein die Vorgänge beschönigendes und eine in Bezug auf Rußland romantisierende Sicht-weise. Daß seit 2014 nicht die Ukraine, sondern Rußland die provozierende und Kriegsmacht war und bis heute ist, wird ausgeblendet.

Und ein weiterer Aspekt muß in diesem Zusammenhang genannt werden.

Das Völkerrecht behandelt die grundlegende Frage der Abspaltung eines Teils eines Staatsgebietes unterschiedlich. Grundlage kann stets nur die jeweilige Verfassung eines betroffenen Staates sein.

Im allgemeinen reagieren aber alle Staaten auf den Versuch der Sezession eines Gebietes mit militärischer Gewalt. Aus diesem Grund waren in der jüngeren Geschichte derartige Vorgänge selten von Erfolg gekrönt.

Beispiele gibt es mehrere. Die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) waren ein von 1861 bis 1865 existierender, international nicht anerkannter Unabhängigkeitsstaat aus elf abgespaltenen US-Südstaaten. Das Ende ist bekannt.

In jüngerer Zeit waren zwei Versuche einer Abspaltung erfolgreich. 1971 spaltete sich Ostpakistan von Pakistan ab und erlangte die Unabhängigkeit. Das Land heißt seitdem Bangladesch (= Bengalisches Land). 2011 spaltete sich der Südsudan vom Sudan ab und wurde unabhängig (der heutige Sudan ist mit 1,9 Mill. km² jedoch flächenmäßig immer noch dreimal größer als der Südsudan mit 645.000 km²).

Diese Staatenneugründungen sind mit den Vorgängen in der Ostukraine jedoch in keiner Weise vergleichbar. Insbesondere nicht, weil im Falle der „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk Rußland der eigentliche Organisator und Initiator war und der Ukraine staats- und ebenso völkerrechtlich jegliches Recht zufiel, diese Abspaltungen zu unterbinden bzw. rückgängig zu machen.

Rußland selbst reagierte in der Vergangenheit auf Versuche der Abspaltung russischer Teil-republiken erbarmungslos. Tschetschenien erklärte 1991 unter Präsident Dschochar Dudajew einseitig seine Unabhängigkeit von Rußland, was Moskau nicht anerkannte.

Am 11. Dezember 1994 marschierten russische Truppen ein. Die russische Armee stieß damals auf heftigen Widerstand der Tschetschenen und erlitt schwere Verluste bei der Eroberung der Hauptstadt Grosny. Nach dem Tod Dudajews und der Rückeroberung Grosnys durch tschetschenische Kämpfer im August 1996 wurde ein Waffenstillstand vereinbart (Abkommen von Chasawjurt). 

Im Ergebnis dessen wurde die de-facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens anerkannt und der Abzug der russischen Truppen vereinbart. Die endgültige Klärung des Status der Republik Tschetschenien wurde aufgeschoben.

Der Krieg kostete Zehntausende tschet-schenischer Zivilisten das Leben, Hundert-tausende wurden vertrieben. Nach dem Einmarsch tschetschenischer Milizen in die Nachbarrepublik Dagestan und einer Anschlagsserie auf Wohnhäuser in Rußland (für die tschetschenische Separatisten verantwortlich gemacht wurden) startete Rußland am 1. Oktober 1999 eine erneute Offensive unter Premierminister Wladimir Putin.

Der 2. Tschetschenienkrieg begann. Dieser sollte zehn Jahre dauern. Rußland setzte massive Artillerie und Luftangriffe ein, die Grosny erneut schwer verwüsteten. Die Separatisten gingen zu Guerillataktiken und Terroranschlägen über (z. B. Geiselnahmen im Dubrowka-Theater in Moskau 2002 und in Beslan 2004).

Am 16. April 2009 wurde der offizielle Militäreinsatz für beendet erklärt. Der 2. Tschetschenenkrieg endete mit dem mili-tärischer Sieg der russischen Streitkräfte und Wiedereingliederung Tschetscheniens als Föderationssubjekt Rußlands.

Rußland installierte ein treues Regime unter dem Diktator Ramsan Kadyrow. Insgesamt haben die beiden Tschetschenienkriege mehr als 100.000 Zivilisten und über 10.000 russischen Armeeangehörigen das Leben gekostet. Alles das scheint heute vergessen.

Die beiden Beispiele zeigen, daß Rußland Selbständigkeitsbestrebungen je nach eige-ner Interessenlage völlig unterschiedlich bewertet.

Deutlich wird aber wie bereits in den beiden genannten Tschetschenenkriegen so auch im seit 2022 währenden Ukraine-Krieg, daß weder die politische noch die militärische Führung Rußlands Rücksichten auf die in den Kriegsgebieten lebende Zivilbevölkerung noch auf die eigenen Soldaten nimmt.

Der Erreichung militärischer Ziele wird gemäß althergebrachter russischer Militärdoktrin alles untergeordnet. Das Leben und das Schicksal der eigenen Soldaten besitzt überhaupt keinen Wert.

Das war im I. oder II. Weltkrieg nicht anders als heute. Ebensowenig wird die betroffene Zivilbevölkerung geschont. Ganz im Gegen-teil. Unterschiedslose und rücksichtslose Gewaltanwendung und Kriegführung ins-besondere gegen die Zivilbevölkerung waren und sind wesentliche Grundzüge russischer Kriegsführung auf allen Kriegsschauplätzen, zu allen Zeiten, früher ebenso wie heute.

Wie brutal und erbarmungslos die Russen dabei vorgehen, haben sie zuletzt bei den Bombardierungen syrischer Städte im Bür-gerkrieg 2015-2024 an den Tag gelegt. Rußland griff offiziell am 30. September 2015 mit Luftangriffen (unter anderem nahe Homs) in den syrischen Bürgerkrieg ein, um das Regime von Baschar al-Assad zu stützen.

Moskau begründete diesen militärischen Einsatz mit der Bekämpfung der Terror-organisation IS. Tatsächlich richteten sich die Angriffe der russischen Luftwaffe jedoch vorrangig gegen zivile Bereiche und oppo-sitionelle Rebellengruppen, um die Herrschaft ihres Verbündeten Assad abzusichern.

Die russische Kriegsführung war durch massive Bombardierungen von Städten (wie der Zerstörung von Ost-Aleppo Ende 2016), Krankenhäusern, Schulen und Wohngebieten gekennzeichnet, wodurch Zehntausende Syrer zur Flucht gezwungen wurden.

Die Zahl der der russischen Luftwaffe zum Opfer gefallenen Syrer kann nur annähernd geschätzt werden, beläuft sich jedoch auf mehrere Zehntausend Menschen, wenn nicht sogar einige Hunderttausend. Die Angaben hierzu variieren stark.

Angesichts dieser von der russischen Armee zu verantwortenden Kriegsverbrechen mutet es ausgesprochen seltsam an, daß es hier-zulande immer noch Unentwegte gibt, die Rußland der Solidarität versichern und meinen, in der Ukraine wären die westlichen Staaten die vorrangigen Kriegstreiber.

Deutlich gemacht werden sollte, wie Pro-paganda heute wirkt und wie leicht es fällt, Unrecht als Recht zu verkaufen. Niemand von den Zeitgenossen, die heute meinen, sich auf Rußlands Seite stellen zu müssen, scheinen je Carl von Clausewitz „Vom Kriege“ gelesen zu haben.

Die Lektüre dieses Werks aber sei all denen empfohlen, die wider besseren Wissens in russophilen Anwandlungen Verständnis für die Vorgehensweise Rußlands in der Ukraine entwickeln.

Zudem stellt der Autor dieses Beitrag immer wieder fest, daß die meisten jener selbster-nannten Experten und Kommentatoren die Ukraine oder auch Rußland meist selbst nie bereist haben und von den tatsächlichen Verhältnissen daher auch keinen blassen Schimmer haben.

Ihr Halbwissen beziehen diese Leute heute in der Regel aus Halbsätzen und Kurznachrich-ten, den Bildschirmen ihrer Smartphones oder den algorithmengesteuerten Netzseiten ihrer Tablets und Notebooks entnommen.

Der Autor legt Wert auf die Feststellung, kein Rußlandhasser zu sein. Ganz im Gegenteil. Mehrere Individualreisen nach und durch Rußland sowie (vor 2014)  in die Ukraine vermittelten ihm die übergroße und herzliche Gastfreundschaft der Russen und ebenso der Ukrainer. Deutlich wurde aber auch, daß die vielgepriesene Seelenverwandtschaft zwi-schen Deutschen und Russen eine Fiktion um nicht zu sagen Unfug ist.

Richtig ist aber ebenso, daß uns Deutschen bis heute wohl kein Volk mit so viel Achtung und auch Bewunderung entgegenkommt wie die Russen. Auch der Autor wünscht sich einen Ausgleich zwischen Deutschland und Rußland. Derzeit muß dieses Ansinnen an den handelnden Personen hier wie dort scheitern. Daß die Ukraine zwischen die Mühlsteine der Geopolitik geraten ist, erscheint für das Land und seine Bevölkerung als eine Tragödie, die auf Jahrzehnte nachwirken wird.

Absehbar ist jedoch ebenso, daß das tra-ditionell enge Band zwischen Russen und Ukrainern für die überschaubaren kom-menden zwei bis drei Generationen zerrissen sein wird.

Das, was Putin also eigentlich zu verhindern trachtete, wird so oder so eintreten. Mittel- oder langfristig wird die Ukraine ein Teil Europas sein, Rußland aber wird abgehängt werden. Diese Zwangsläufigkeit der Ent-wicklung wird heute so meistens noch nicht gesehen.

NB.

Die hier vorliegende Zusammenfassung wird Widerspruch und Gegendarstellungen her-vorrufen. Sei’s drum. Der Beitrag schien angesichts der zunehmenden Verirrungen notwendig. Vor vorschnellen harschen Reaktionen seien die, die sich unbedingt auseinandersetzen wollen, aufgefordert, sich mit der Gesamtmaterie eingehender zu beschäftigen. Einem Diskurs verweigert sich der Autor des Beitrags aber grundsätzlich nicht.

Auch beansprucht er keineswegs die allein seligmachende Weisheit für sich. Komplexe Sachverhalte sind immer und in jedem Falle sehr unterschiedlich interpretier- und darstellbar.

Vorgelegt werden sollte hier lediglich eine Handreichung für eine abweichende Betrachtungsweise.

Es erscheint absurd, daß deutsche Patrioten der Sichtweise und den Interpretationen eines ehemaligen Kriegsgegners folgen, dessen geo- und raumpolitische Interessen und Am-bitionen sich in den vergangenen Jahrzehnten in keiner Weise verändert haben.

Das Ziel Großdeutschlands und seiner Ver-bündeten bestand 1941 ff. in der Abtrennung der Ukraine und deren Einbindung in den zu bildenden europäischen Großwirtschafts-raum. Gelingen konnte das nur und aus-schließlich durch die militärische Niederrin-gung der Roten Armee und die Liquidierung der bolschewistischen Diktatur.

Diese politische Zielstellung wurde nach 1945 einer moralischen Kategorisierung unterworfen. Verbrecherisch, nazistisch, rassistisch, verdammenswert. Alle Mächte dieser Welt handelten jedoch stets ent-sprechend dieser Maxime: Politik ist die Wahrnehmung eigener Interessen, und Krieg ist gemäß der Clausewitz’schen Definition die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

In diesem Sinne ist das aktuelle Vorgehen Rußlands in der Ukraine legitim. Wohlgemerkt im russischen Sinne. Jedoch ergibt sich hier ein Interessengegensatz. Einmal zwischen Ukrainern und Russen, zum anderen zwi-schen dem Westen (im Wesentlichen reprä-sentiert durch die Vereinigten Staaten) und der Europäischen Union auf der einen und Rußland auf der anderen Seite.

Die Interessen der Vereinigten Staaten in der Ukraine erscheinen diffus. Die traditionell wichtigen Rohstoffe (Kohle, Eisenerze) spie-len heute nur noch eine marginale Rolle (bzw. überhaupt keine). Von größerer Bedeutung sind die Lagerstätten der sog. „seltenen Erden“ insbesondere in der Ostukraine (auf die jetzt Rußland zugreifen kann), mehr noch aber die reichen Schwarzerde-Böden.

Die Ukraine besitzt rund ein Viertel bis ein Drittel der weltweiten Schwarzerde-Vor-kommen und ist damit im Besitz der frucht-barsten Landschaften der Erde. Etwa 32 bis 33 Millionen Hektar (75 bis 80 % der Lan-desfläche) sind landwirtschaftlich nutzbar (zum Vergleich BRD: landwirtschaftliche Nutzfläche 16,6 Mill. Hektar).

Im Jahr 1997 beschrieb der US-Politikberater Zbigniew Brzezinski[26] die Bedeutung der Ukraine für Rußland. Sein Buch liest sich heute wie eine Prophezeiung:

„Die Unabhängigkeit der Ukraine beraubte Rußland seiner beherr-schenden Position am Schwarzen Meer, wo Odessa das unersetzliche Tor für den Handel mit dem Mittelmeerraum und der Welt jenseits davon war.“ –

„Ohne die Ukraine ist Rußland kein eurasisches Reich mehr.“ –

„Unter geopolitischem Aspekt stellte der Abfall der Ukraine einen zentralen Ver-lust dar, denn er beschnitt Rußlands geostrategische Optionen drastisch.“[27]

Im Grunde genommen kann Rußland also gar nicht anders als die Ukraine oder zumindest einen großen Teil derselben wieder in den russischen Staatsverband einzugliedern. Der Westen, die EU und namentlich aber auch bundesdeutsche Politiker brandmarken dieses Vorgehen als aggressiven Akt, als brutalen Raubkrieg, als rücksichtsloses militärisches Abenteuer. Im Deutschen gibt es das Sprichwort „Wer wagt, gewinnt“. Wladimir Putin hat sich für diesen Schritt entschieden. Ob es die richtige Entscheidung war, wird sich erweisen.

Daß der Westen und die EU hier andererseits dagegen halten und gewillt sind, ebenfalls die eigenen Interessen durchzusetzen, liegt auf der Hand. Das Engagement der EU wird dabei ebenfalls propagandistisch verbrämt. Niemand der Beteiligten legt die Karten offen auf den Tisch und sagt, um was es wirklich geht. Um Macht, Einfluß, Ressourcen.

Gelänge es, die Ukraine zu halten und in den EU-Raum einzubeziehen würde, sich eine politische Zielstellung vollenden, die Großdeutschland bereits im II. Weltkrieg hatte.

Politik und politische Interessen bleiben sehr oft undurchsichtig. So auch hier. Um so mehr verbietet es sich, einen Interessenkonflikt wie seit nunmehr nahezu fünf Jahren in der Ukra-ine mit moralischen Kategorien zu bewerten und Rußland oder eben den Westen und die EU aufgrund ihres Handelns böser Absichten zu bezichtigen. In der Nachbetrachtung erweist sich dies immer als naiv und höchst einseitig.

Ein abschließendes Nachwort zur Ukraine. Wer sich mit diesem Land näher befaßt oder es bereist, erkennt die Vielgestaltigkeit der Naturräume wie auch die Dreiteilung dieses nach Rußland flächengrößten Landes Europas (603.550 km²).

Die heutige Ukraine besteht im Wesentlichen aus drei großen Gebieten, die aus histori-schen Gründen eine unterschiedliche Ge-schichte aufweisen und deren Bevölkerungen demzufolge auch unterschiedlich geprägt sind. Die Verhältnisse in der stark russisch geprägten Ostukraine weichen erheblich ab von jenen in der mittleren oder Zentralukra-ine und in noch weitaus größerem Maße von jenen in der mitteleuropäisch beeinflußten Westukraine (Ostgalizien und die Bukowina waren österreichische Kronländer).[28]

Auch aufgrund dieser wechselvollen und hinsichtlich der einzelnen Territorien unterschiedlichen Geschichte und der von-einander abweichenden historischen Er-fahrung der jeweiligen Bevölkerung gelang es dem jungen Staat, nach der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1991 eine neue Nation zu formen.

Nach etwas mehr als einer Generation erwuchs bis heute ein neues ukrainisches Nationalbewußtsein. Diese Feststellung läßt sich durch die durchgeführten soziologischen Studien belegen.[29] Je mehr aber die Exi-stenz eines ukrainischen Volkes zur unab-änderlichen Realität wird, desto mehr wird diese Tatsache durch öffentliche Äußerungen russischer Offizieller, auch durch Wladimir Putin selbst, in Abrede gestellt.

Der Fortgang der weiteren Ereignisse ist derzeit offen. In der Ukraine findet ein Abnutzungs- und Zermürbungskrieg statt. Aktuell triumphiert weder die eine noch die andere Seite.

_________________

Anmerkungen

[23]Die „Volksrepubliken“ stellten sezessionistische Gebilde und russische De-facto-Protektorate ohne wirklichen staatlichen Charakter dar. Allenfalls handelte es sich um Marionettenstaaten, die 2014 von prorussischen Separatisten auf Veranlassung und mit Unterstützung Rußlands gegründet wurden. Direkt beteiligt war der russische Militärgeheimdienst GRU.

[24]Seit den Ereignissen um die Annexion der Krim und die russische Intervention im Donbass gewann der Schutz der ukrainischen Sprache an politischer Bedeutung. 2017 wurde das Ukrainische in Schulen ab der fünften Klasse zur Pflichtsprache im Unterricht. 2019 trat ein Gesetz in Kraft, das die Verwendung des Ukrainischen im öffentlichen Raum ausweitete, um der ukrainischen Sprache als Amtssprache Geltung zu verschaffen. Die Minderheitensprachen – insbesondere Russisch – werden seither zurückgedrängt.

[25]Die „Partei der Regionen“ stellte zwischen dem 25. Februar 2010 und dem 22. Februar 2014 mit dem rußland-freundlichen Viktor Janukowitsch den Präsidenten der Ukraine.

[26]Zbigniew Brzezinski war Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Brzezinskis Familie, die zum polnischen Adel gehörte, stammt aus der heutigen Ukraine, der Stadt Brzezany, daher abgeleitet der Familienname.

[27]Brzezinsk veröffentlichte 1997 das Buch „Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ („The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives“).

[28]Ab 1772: Königreich Galizien und Lodomerien u. ab 1848 Herzogtum Bukowina (Hauptstadt: Czernowitz).

[29]Mit dem Euro-Maidan setzten Identitätsveränderungen in der Ukraine ein, die sich seit der russischen Invasion beschleunigt haben. Seit dem Jahr 2000 haben Meinungsforscher die Ukrainer gefragt, wie sie sich selbst sehen, und ihnen verschiedene Optionen für eine lokale, subnationale u. nationale Identität gegeben. In den letzten zwei Jahrzehnten ist der Anteil derer, die sich als „Bürger der Ukraine“ bezeichnen, von 41 % im Jahr 2000 auf 65 % kurz vor der Invasion im Februar 2022 gestiegen. Bis Juli 2022 war der Anteil auf 85 % angewachsen.

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3 Kommentare
Peter
Peter
4 Stunden zuvor

Was hat diese Geschichtsklitterung eines West-Propagandisten auf dieser ansonsten guten Seite verloren?

KWHugo
KWHugo
2 Stunden zuvor

Für mich ist die aktuelle Lage ein Beweis, daß das heutige Rußland und die uSA von derselben Dunkelmacht beherrscht wird, deren Ziel es ist, die Menschen zu zentralisieren, um sie besser kontrollieren zu können. Die USA erkämpften sich ihre Einheit durch einen Bürgerkrieg (dem JP Morgan seinen Reichtum verdankt, wie Wolfgang Effenberger in seinem neusten Video nachwies), und auch Rußland verteidigt mit Klauen und Zähnen den entstandenen Völkerbrei durch die UdSSR, indem man alle ehemaligen Sowjetrepubliken in der GUS zusammenfaßte. Daß wir und die Russen verschieden sind, hat wohl auch Putin begriffen, da er die Eigenständigkeit wenigstens der Balten zuläßt.

Jetzt will Trump Selensky ablösen lassen, ein Schritt, der zeigt, was die beiden Kumpane im Osten wie im Westen schon im Kalten Krieg vorgeführt haben. Denn wenn es darum geht, Gesicht zu zeigen, kämpfen sie Seite an Seite wie der 1. und 2. Weltkrieg und die Position beim Spanischen Bürgerkrieg gezeigt haben. Rußland wird immer als friedliebend dargestellt, aber es dehnt sich langsam aus wie eine Amöbe, und was es eingenommen hat, gibt es auch nicht mehr zurück. Alle vergessen auch den 21 Jahre andauernden Nordischen Krieg und die vielen Kriege gegen die Osmanen.

Thomas, ich teile Deine Einschätzung zu Rußland und verstehe Deutsche nicht, die immer meinen, sich einem Mafioso anschließen zu müssen. Unsere Mittelmacht und die des Osmanischen Reiches wurden nicht umsonst zerstückelt und entmachtet, weil sie den 2 Welt-Banditen im Wege standen.

Ernst Cran
Ernst Cran
31 Minuten zuvor

Dieser 2-teilige Beitrag erfordert größte emotionale Disziplin beim Lesen, ansonsten droht sofortiges Abgleiten in bereits vorgefertigte Meinungspfade. Andernfalls ermöglicht die Lektüre erhellende Neuzuordnungen von Zusammenhängen und Vorgaben. Respektabel ist die Aussage des Autors, auf letztgültige Zuordnungen zu verzichten – was auch sonst …

Nachzufragen wäre: Welche handelnden Kräfte sind denn jeweils gemeint, wenn von „Rußland“, den „USA“, dem „Westen“ oder anderen politischen Großgebilden die Rede ist. Und werden diese handelnden Kräfte denn wirklich benannt?

Zudem: Sind es wirklich die Völker, die „etwas gegeneinander haben“? Oder werden sie lediglich durch völlig irre und bindungszerschneidende politisch-taktische Willkürmaßnahem dazu getrieben, die Hände gegeneinander zu erheben?

Abschließend: Die empfohlene Clausewitz’sche Lektüre ist längst erfolgt. Gelehrt wird hier auch die Tatsache der schier unvorstellbaren körperlich-menschlichen Anstrengungen (und auch Verluste) alleine beim Transport und dem In-Stellung-Bringen von Armeen (das galt früher und gilt heute!). Insofern ist es wohl doch auch eine moralische Frage an die Entscheidenden, wieviel ihnen an Leib und Leben ihrer Soldaten gelegen ist. Den Krieg als anderes „Mittel der Politik“ zu wählen, fällt indes nicht jedem gleich leicht – zumindest behaupte ich dies von den auf deutscher Seite Agierenden im sog. „WK2“. Deutsche und Russen mögen nicht derselben Volkseeele angehören – wie denn auch; doch sie sind in der Lage, sich gegenseitig zu schätzen und den Vorteil eines Zusammenklanges zu erkennen! Dafür braucht es weder die VSA noch den „Westen“!

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