“Wir wurden mit Peitschenhieben wie eine Herde Vieh getrieben” – Tschechoslowakei 1945 – 3. Teil

Thomas Engelhardt

fährt fort mit seinem Bericht über das Kriegsende 1945 in der Tschechoslowakei:

„Wir wurden mit Peitschenhieben wie eine Herde Vieh getrieben“,

erinnert sich Walter Saller, der wegen einer Kopfverletzung keine Zwangsarbeit leisten mußte und sich deshalb in den Vertreibungs-zug einzureihen hatte.

„Viele zogen ihr weniges Gepäck ent-kräftet an Schnüren über die Straße, bald zerbrachen die Koffer, und der Inhalt verstreute sich überall.“

„Wir Kinder haben erst gedacht, es geht auf einen Ausflug“,

erinnert sich Maria Pekárová, die als sieben-jähriges Mädchen am Todesmarsch teilnahm.

„Aber dann merkten wir schnell, daß etwas Schreckliches geschah.“

Die Kleinen sahen, wie ihnen am Straßenrand hilflose, erschöpfte Greise die Hände entge-genstreckten; Schwangere wurden mit Ge-wehrkolben malträtiert, alte Frauen totge-schlagen. Die Kinder hörten nachts die Schreie vergewaltigter Mädchen.

Es herrscht um diese Zeit Pogromstimmung in Böhmen und Mähren. Wilde Gerüchte über deutsche Freischärler („Werwölfe“) laufen um, und Waffen sind schnell beschafft. Denn die einzige Ordnungsmacht – die Rote Armee – muß kein Tscheche fürchten.

Deren Generalissimus Stalin war es gewohnt, in seiner Sowjetunion ganze Völker hin und her zu schieben. Einige Millionen Deutsche zu vertreiben, so sein Außenminister Wjatsches-law Molotow, sei „eine Kleinigkeit, das ist leicht“.

Aussig im Sudetenland, 31. Juli, 15.30 Uhr: Das Waffenlager Schönpriesen der tsche-chischen Armee, etwa zwei Kilometer elb-abwärts, explodiert. Die Druckwelle schleu-dert Eisenbahnwaggons durch die Luft und läßt noch im Stadtzentrum Fensterscheiben bersten. 27 Menschen sterben: Tschechen und deutsche Zwangsarbeiter.

Nahezu gleichzeitig beginnt an mehreren Plätzen der Stadt eine Hatz auf Deutsche. Die lassen sich an ihrer weißen Armbinde, die sie immer zu tragen verpflichtet sind, gut erken-nen.

Vor dem Bahnhof liegen zwei Dutzend Tot-geschlagene. Das Wasser im Feuerlöschteich färbt sich blutrot, johlende Männer ertränken hier wahllos, wen sie gerade zu greifen ver-mögen. Auch auf der 20 Meter hohen Brücke von Aussig tobt der Mob. Menschen jeglichen Alters stürzen hinab in die Elbe. Wer nicht gleich stirbt, auf den wird geschossen.

Die Rechtfertigung für die Ausschreitungen schiebt am nächsten Tag die tschechische Regierung nach: Deutsche Werwölfe hätten das Munitionsdepot gesprengt. Doch Vladimir Kaiser, heute Stadtarchivar in Aussig und der wohl beste Kenner aller Quellen, widerspricht dieser Behauptung:

Das Massaker sei eine abgekartete Sache ge-wesen. Inszeniert von den neuen Machtha-bern in Prag, die der Weltöffentlichkeit be-weisen wollten, daß es sich mit den nach wie vor gefährlichen Deutschen nicht friedlich zusammenleben lasse.

In vielen Sudetengebieten mit geschlossen deutscher Besiedlung bleibt es zunächst noch ruhig – bis die selbst ernannten revolutio-nären Garden auftauchen. Den Tschechen, die sich ihnen anschließen, winkt reiche Beu-te. Der Landbesitz der Deutschen soll an all jene verteilt werden, so haben es die neuen Machthaber versprochen, die „ihren Wert im nationalen Befreiungskampf bewiesen“ ha-ben.

Die Plakate, etwa in Komotau, haben große rote Buchstaben. Als der Facharbeiter Adalbert Ehm am Samstag, dem 9. Juni, um sechs Uhr auf die Straße geht, hängen sie schon weithin sichtbar an den Mauern. Sämtliche männlichen Einwohner von 13 bis 65 sollen sich auf einem alten Sportplatz melden, mitzubringen: eine Garnitur Leib-wäsche und Verpflegung für drei Tage.

Was haben die mit ihm vor? In der gleißenden Morgensonne müssen alle Zusammengetrie-benen die Oberkörper entblößen und die Arme emporstrecken. Milizionäre untersu-chen sie auf SS-Tätowierungen. Der Mob reißt einem Dutzend der Männer auch noch die restlichen Kleider vom Leibe. Dann werden die Nackten so lange mit Knüppeln geschla-gen, bis sie leblos liegen bleiben.

Tschechen türmen die toten Körper zu bluti-gen Fleischhaufen auf – Adalbert Ehm und die anderen Überlebenden müssen in Fünferrei-hen an den Opfern vorbeiparadieren, ehe sie anschließend unter Hieben davongejagt wer-den.

„Lauft, ihr Schweine, ihr deutschen Schweine“

– und die Männer kriechen Serpentinen rauf ins Erzgebirge. Immer im Trab und über Stunden hinweg mit den Gewehrkolben und Maschinenpistolen der Milizen im Rücken.

Abends ist endlich die Grenze erreicht – bei Deutschneudorf. Doch die Russen im benach-barten Sachsen wollen die Vertriebenen von Komotau nicht aufnehmen. Sie haben ihrer-seits bereits genug Elend zu verwalten. In Fünferreihen sitzend, muß Ehm mit den an-dern die Nacht auf der Straße vor dem Schlagbaum verbringen. Den nächsten Tag geht der Marsch zurück – ins Arbeitslager.

Europa, berichtete damals das amerikanische Magazin „Time“, war

„aus dem schrecklichsten Krieg der Geschichte in den fürchterlichsten Frieden übergegangen“.

Und niemand, bei dem die tschechischen Räumungskommandos nächtens an die Tür donnerten, konnte wissen, welche der drei ihm drohenden Qualen auf ihn zukommen würde: Fußmarsch bis zur Erschöpfung nach Irgendwo, Verschleppung zur Zwangsarbeit in ein böhmisches Bergwerk oder Einweisung in ein Lager zum späteren Abtransport in Koh-lewaggons nach Westen.

Wie das Leben weiterging – manchmal schien es sich durch Los zu entscheiden. Ein Be-triebsführer aus dem böhmischen Reichen-berg berichtet für die Vertriebenen-Doku-mentation, wie er sich am 19. Juli zusammen mit Hunderten anderer auf einem Sportplatz einzufinden hatte. Erst mußten er und seine Leidensgenossen im Freien kampieren, dann alle Papiere abgeben.

„Danach erhielt jeder entweder einen roten, gelben oder weißen Zettel“.

Rot war Abschiebung – gelb und weiß hießen Lager. Wer rausdurfte aus der CSR, hatte einen Hauptgewinn gezogen.

Fakten schaffen – das ist das Motto der Stunde, denn in der amerikanischen und britischen Öffentlichkeit gibt es Kritik am brutalen Austrieb der Deutschen.

Und noch glauben alle an eine baldige Frie-denskonferenz, auf der die neuen Grenzen gezogen werden. Benes macht deshalb Druck. Er ordnet in mehreren Dekreten an, die Deutschen grundsätzlich zu entrechten und zu enteignen.

Nicht noch einmal sollen die Westmächte Ge-legenheit bekommen – wie 1938 in München -, sich auf die Seite der Sudetendeutschen zu schlagen. Die sollen weg, so schnell es geht, um jeden Preis.

In Langenbruck im Kreis Reichenberg passiert es wie vielerorts. Am 16. Juni um zwei Uhr nachts kommt der Befehl ans Dorf, am näch-sten Morgen die Häuser zu räumen. Ein Mann, der erst wenige Tage zuvor aus dem Lazarett entlassen worden und endlich wieder „zu Hause“ ist, erschießt seine Kinder im Alter von drei und fünf Jahren, dann die Frau, dann die Schwiegermutter und bringt sich am Ende selbst um.

Die aus dem Dorf am Leben bleiben, ein Trüppchen von 2000 Leuten, werden in Koh-lewagen verfrachtet und nach Schlesien zu den Polen geschickt. Dort irren sie zehn Tage lang hustend durch die Ödnis, um schließlich vom polnisch besetzten Terrain aus durch die Neiße nach Sachsen zu waten, das die Russen kontrollieren.

In diesen Tagen wird die Neiße, ein schmales, unscheinbares Flüßchen aus dem Isergebirge, zur historischen Wasserscheide.

Westlicherseits erstreckt sich das, was noch von Deutschland übrig ist, das verwüstete Sachsen, die Lausitz, unter sowjetischer Ver-waltung. Im Osten regieren die von den Rus-sen abhängigen Polen, im Süden die Tsche-chen. Den provisorisch arbeitenden Behörden und der ausgehungerten Bevölkerung werden die Überflüssigen von hüben und drüben je-weils vor die Tür gekippt – Hunderttausende irren herum, ohne Ziel, ohne Obdach.

„Du kannst nach links, du kannst nach rechts, oder du kannst ins Wasser!“

Die zynische Antwort eines Rotarmisten auf die ratlose Frage eines Vertriebenen am Neiße-Ufer ist mehrfach überliefert. Das war offenbar so ein Spruch, den sich die Besatzer zurechtgelegt hatten. Wehe den Besiegten!

Und die meisten wollten nicht nach rechts oder links, die wollten zurück in ihre Heimat. Der Krieg war zu Ende, und die Rote Armee stand an der Elbe. Statt im überfüllten Berlin oder im zerbombten Dresden auszuharren, machten sich viele auf den Weg nach Hause. Sie wußten ja nicht, daß sie gegen den Strom der Geschichte liefen. Schlesien und Pom-mern – das schienen doch zunächst nur Teile der großen sowjetischen Besatzungszone.

In Görlitz, heute zwischen Deutschland und Polen geteilte Grenzstadt, in der so wunder-schöne Häuser stehen, daß sie ein halbes Jahrhundert später zum Kulturerbe der Menschheit erklärt werden sollen, lag damals eine der wichtigsten Brücken über die Neiße nach Schlesien. Und auf dieser Brücke bran-dete das Elend jetzt aus zwei Richtungen ge-geneinander: Vertriebene aus dem Osten prallten auf Rückkehrer-Ströme, die von Westen her kamen.

Der Pfarrer Franz Scholz von der Görlitzer Bonifatius-Gemeinde, die am östlichen Ufer der Stadt siedelt, notiert am 26. Mai:

„Draußen immer stärkere Elendshaufen. Sie bitten um Suppe, Brot.“

Die kommen nicht aus dem Osten,

„die wollen in ihre Heimat in Richtung Osten zurück.“

Die wenigsten, die nun über die Neiße nach Schlesien drängen, machen sich klar, was sie „daheim“ erwartet: verbrannte Erde, zerstörte Häuser. Denn das Land war beim Rückzug der deutschen Wehrmacht verwüstet worden, dann waren die russischen Panzer darüber gerollt, und schließlich hatten marodierende Rotarmisten geplündert und gebrandschatzt, was noch übrig geblieben war.

Und trotzdem: Über eine Million quälen sich über die kaputten Straßen nach Hause.

Noch ist die Heimat für zwei Mark zu haben: So viel kosten die „Passierscheine“, die die Polen an alle Rückkehrer-Flüchtlinge mit einem Zielort östlich der Neiße ausstellen. Die Zettel gibt es freilich nur langsam und zögernd, und das ist Absicht. Sollen so viele Deutsche wirklich nach Breslau, Gleiwitz und Stettin zurückkehren?

Während die zerlumpten hungrigen Gestalten von Pfarrer Scholt und anderen wenigen Hilfskräften mit Suppe versorgt werden und der Stau der Menschen, die sich hier von Osten nach Westen und umgekehrt entge-genlaufen, immer größer wird, herrscht höheren Orts erstmal eine andere Art von Chaos.

Wie die Geschichte mit Deutschlands Ost-gebieten eigentlich weitergehen soll, scheint niemandem klar zu sein.

Denn die Grenzen nach dem Sieg waren von den Alliierten bis dahin nur in groben Zügen vorbesprochen. Schon am 28. November 1943 hatten sich Winston Churchill, Josef Stalin und Franklin D. Roosevelt in der ameri-kanischen Botschaft in Teheran zusammen-gesetzt.