Vor 70 Jahren: Englands Kriegsausweitungsstrategie und die Besetzung Norwegens (2. Teil)

Fortsetzung der Geschichtsbetrachtung

von Gerhard Bracke

Plan “Weserübung”

Großadmiral Raeder (aus: Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland. Das Foto hatte Raeder einst dem Verfasser gewidmet.)

Großadmiral Raeder (aus: Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland. Das Foto hatte Raeder einst dem Verfasser gewidmet.)

Auf deutscher Seite betonte dagegen am 23.2.1940 Großadmiral Raeder im Vortrag bei Hitler, daß die Neutralität Norwegens am wünschenswertesten sei, daß es jedoch unmöglich sein würde, die Engländer aus einem von ihnen besetzten Norwegen hinauszudrängen. Innerhalb der SKL (Seekriegsleitung) waren nämlich die Ansichten hinsichtlich einer Invasion in Norwegen durchaus geteilt. Die Überlegung stand ebenso im Raum, ob es nicht besser sei, abzuwarten und den Gegner das Odium der Aggression auf sich nehmen zu lassen, um danach mit militärischer Kraft die Räumung des Landes von den Alliierten zu erzwingen. Raeder selbst war stets überzeugt von der bevorstehenden Aktion der Westmächte und der Notwendigkeit, ihr zuvorzukommen. Wörtlich erklärte er am 23. Februar 40:

Untragbar ist die Besetzung Norwegens durch England. Denn sie ist nicht rückgängig zu machen…22

Daher begann am 24.2.1940 die Ausarbeitung des Planes „Weserübung“, den Hitler am 1.3.40 billigte, ohne den Zeitpunkt festzulegen. Das bedeutete: kein endgültiger Beschluß, sondern nur ein Plan, wenn es die Lage in Skandinavien erfordert.23

Die Bereitstellung britisch-französischer Expeditionstruppen war Anfang März 1940 beendet, und am 2.3.40 boten die Alliierten Norwegen und Schweden eine militärische Garantie im Falle des deutschen Angriffs an. Beide Regierungen lehnten wiederum ab. Am selben Tag beschloß Daladier, ohne die englische Regierung zu konsultieren, die Entsendung von 50 000 Freiwilligen und 100 Bombern nach Finnland.

Aufgrund alarmierender Nachrichten befahl Hitler am 4. März 1940, die Vorbereitung für „Weserübung“ zu beschleunigen.

Zwei Tage vor Beendigung des russisch-finnischen Winterkrieges bestätigte Premierminister Chamberlain am 10.3.40 amtlich die Hilfeleistung für Finnland, falls Rußlands Forderungen bei den Friedensverhandlungen zu hoch ausfielen. Um den

Friedensschluß zwischen Finnland und Rußland

zu verhindern, gab Churchill in Paris gemeinsam mit Daladier dem finnischen Gesandten das Versprechen sofortiger Hilfe.

Die alliierte Forderung an Norwegen und Schweden auf Durchmarsch nach Finnland am 11./12. März 40 wurde erneut abgelehnt, da am 12. März 1940 zwischen Finnland und Rußland der Friedensschluß zustande kam.

An diesem 12. März beschloß das Britische Kabinett für den 20. März Landungen in Norwegen, verschob jedoch die Ausführung wegen des finnisch-russischen Friedensschlusses.

In Frankreich wurde die Regierung Daladier am 21. März 1940 gestürzt, der Nachfolger Reynaud zur Bildung einer neuen Regierung aufgefordert mit dem Ziel einer energischen Kriegführung einschließlich der skandinavischen Unternehmung.

Der Ob.d.M. Großadmiral Raeder unterbreitete Hitler am 26. März 40 den Vorschlag, die Operation „Weserübung“ am 7. April durchzuführen. Hitler befahl daraufhin die Durchführung, behielt sich den Tag aber noch vor.

Churchill kündigt Verschärfung der Kriegführung an

Auf alliierter Seite faßte der Oberste Kriegsrat zwei Tage später (am 28.) den endgültigen Beschluß, am 5. April 1940 in norwegischen Hoheitsgewässern Minen zu legen (Deckname für den Plan: „Wilfred“) und Stützpunkte in Norwegen selbst zu bilden sowie das Auslaufen von Transportern dafür ebenfalls für den 5.4. vorzusehen (Deckname des Planes „R4“). Das spätere Abriegeln von Lulea am Bottnischen Meerbusen bedeutete klar die Ausdehnung des Kriegsschauplatzes über Schweden hin.

Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als Churchill am 31.3.40 im Rundfunk eine Verschärfung der Kriegführung ankündigte und Chamberlain am 2.4.40 eine Rede im gleichen Sinne hielt.

Erst an diesem 2. April 1940 befahl Hitler die Durchführung der Operation „Weserübung“ für den 9.4.40.

Einen Tag später (3.4.40) forderte Churchill im Rundfunk erneut die Neutralen auf, ihre die Deutschen begünstigende Haltung aufzugeben, während Chamberlain am 4.4.40 im Unterhaus siegessicher verkündete:

Hitler hat den Anschluß verpaßt. 24

In einer Note an Norwegen und Schweden vom 5.4.40 behielten sich die Alliierten das Recht vor, alle Maßnahmen gegen die deutsche Erzzufuhr zu ergreifen. Aber noch am selben Tag teilte das Britische Oberkommando dem Französischen Oberkommando die Verschiebung der Unternehmung auf den 8.4.mit. Der Grund der Verzögerung lag darin, daß Churchill in Paris mit dem französischen Kabinett über ein gleichzeitiges Verminen des Rheins verhandelte, das Kabinett aber aus Sorge vor Vergeltung ablehnte.

Beginn des Krieges um Norwegen

Am 7. April 1940 befanden sich sämtliche deutschen Kriegsschiffe und Transporter der 1. Staffel gemäß „Weserübung“ in See, und zur gleichen Zeit erfolgte die Einschiffung von Expeditionstruppen auf englischen Kriegsschiffen und Transportern, lief ein englischer Verband für das Minenunternehmen „Wilfred“ aus. Nachdem aber die englische Luftaufklärung einen deutschen Flottenverband am Ausgang des Skagerrak mit nördlichem Kurs gemeldet hatte, erging der Befehl für die Ausschiffung der englischen Truppen von den Kriegsschiffen. Zugleich lief die Homefleet gegen den deutschen Verband aus.

Am nächsten Tag versicherte der englische Militärattaché in Oslo dem norwegischen Außenminister , englische Seestreitkräfte seien im Anmarsch nach Kattegat zum Kampf gegen deutsche Schiffe. Und

an diesem 8. April 1940 legten englische Streitkräfte zwei Minenfelder in norwegischen Hoheitsgewässern,

und das ohne den Widerstand seitens anwesender norwegischer Streitkräfte. Allerdings gaben die Alliierten der norwegischen Regierung die Lage der Minenfelder bekannt.

Seit dem 9. April 1940 wurde die Operation „Weserübung“ planmäßig durchgeführt.

Wenden wir uns aber zunächst einmal der Auswertung der chronologischen Abfolge der dramatischen Ereignisse zu. Hermann Boehm, zugleich ein maßgeblicher Zeitzeuge, setzt sich in seinem Buch auch kritisch mit englischen Kriegshistorikern auseinander. Es geht um die Darstellung der Norwegen-Besetzung in „The Campaigne in Norway,“ Her Majesty’s Stationery Office London 1952 von T. K. Derry und Roskill:„The War at Sea 1939-1945“ Volume I, Her Majesty’s Stationery Office London 1954.

Diese Ausführungen des englischen Historikers (Derry, bemerkt Boehm dazu) erweisen klar, daß auf alliierter Seite ein nach Stunden und Tagen abgestimmter Plan für die Besetzung Norwegens bestand, zeitlich aufs engste verbunden mit dem Minenlegen in norwegischen Gewässern, wobei das Erkennen einer deutschen Reaktion auf letztere Maßnahme in dieser kurzen Zwischenzeit überhaupt nicht möglich war. Die Darstellung in den beiden amtlichen Werken, welche der deutschen Kriegführung die Ausweitung des Kampfes auf Norwegen zuzuschieben versucht, ist also unannehmbar und wird durch eigene Eingeständnisse widerlegt. Sie ist offenbar durch politische Rücksichten bestimmt.25

Für Boehm ergibt sich aus den Darstellungen aber eine klare Schlußfolgerung:

Ein Plan von der Kühnheit, wie ihn die deutsche Seekriegführung durchführte, wurde einfach nicht für möglich gehalten. … Der Stoß der deutschen Seekriegführung in Gebiete, die die britische Flotte beherrschte, durchkreuzte die sonst ohne Zweifel eingetretene Durchführung von ‘Plan R 4’, weil man auf englischer Seite ein Risiko wie die Deutschen nicht eingehen wollte.(25)

Churchills “Gewissen”

Als Ergebnis faßt Generaladmiral Boehm, der übrigens als junger Offizier bereits 1916 an der Skagerrak-Schlacht teilgenommen hatte, daher zusammen:

Es kann nicht der geringste Zweifel darin bestehen, daß bei den Alliierten die feste Absicht einer Besetzung Norwegens bestand, – zwar in der Hoffnung, daß kein Widerstand geleistet würde, aber ebenso in dem Willen, die Aktion auch mit Waffengewalt durchzuführen. Ebenso bestand klar der Plan einer Ausweitung des Krieges über schwedisches Gebiet hin, wobei in Kenntnis der neutralen Haltung Schwedens mit schweren Kämpfen gerechnet werden mußte. Die treibende Kraft aber dabei war Churchill, der den Anspruch auf ein behauptetes Recht, sich über die zwischen den Völkern getroffenen Vereinbarungen und bindenden Regeln hinwegzusetzen, mit folgenden Worten in seiner Denkschrift an das Kabinett vom 16.12.1939 zu rechtfertigen glaubt:

„Unser Gewissen ist unser oberster Richter … Als tatsächliche Vertreter der Prinzipien des Völkerbundes haben wir das Recht, ja die Pflicht, vorübergehend die Gültigkeit gerade der Gesetze aufzuheben, denen wir wieder Geltung und Sicherheit verschaffen wollen.“26

Liddell Hart zum Thema “Nürnberger Tribunal”

Aufschlußreich ist das Urteil des bekannten englischen Militärschriftstellers Liddell Hart in einem Artikel „Geheimnisse um den Angriff auf Norwegen“:

Es ist schwer zu verstehen, wie die Regierungen von Britannien und Frankreich die Stirn hatten, die Planung und Durchführung der Invasion Norwegens in die Reihe der Anklagen bei den Nürnberger Verfahren aufzunehmen …27

Auf der anderen Seite haben die Nürnberger Tribunale

es ängstliche vermieden, sich auf den unsicheren Grund der Forschung nach den Kriegsursachen zu begeben,

wie Rechtsanwalt Otto Kranzbühler, der Verteidiger von Großadmiral Dönitz, betonte.

Vor dem Internationalen Militärtribunal war der Verteidigung die Erwähnung des Versailler Vertrages ausdrücklich verboten.28

“Die Reichsregierung hat diese Entwicklung nicht gewollt.”

Wenden wir uns einmal den Gründen zu, weshalb Hitler lange Zeit dagegen war, eine Besetzung Norwegens auch nur als Eventualität zu erwägen.

Die der deutschen überlegene englische Flotte hatte von Kriegsbeginn an Deutschland vom Überseehandel abgeschnürt. Nur zwei Seewege blieben noch: die Ostsee, über die Schiffsladungen aus der nun befreundeten Sowjetunion eintrafen, und entlang der norwegischen Küste für Zufuhren aus dem russischen Eismeerhafen Murmansk und die noch wichtigeren schwedischen Eisenerzlieferungen aus den Gruben von Kiruna und Gällivarek über den norwegischen Hafen Narvik.

Wenn Norwegen nicht mehr neutral wäre, sei es infolge einer deutschen Besetzung, könnte die schwache deutsche Flotte die deutschen Handelsschiffe kaum wirksam vor dem Zugriff der britischen Flotte schützen. Das war eine ganz pragmatische Sichtweise. Dagegen zielten die alliierten Planungen gerade darauf ab, Hitler zum Handeln zu nötigen.

Als das „Unternehmen Weserübung“ anlief, war, um das Hinterland zu sichern, zugleich die Besetzung Dänemarks unvermeidbar. Aber beide Länder wurden nicht als Feindstaaten betrachtet, vielmehr hoffte die Reichsregierung bei ihrer Reaktion auf die Bedrohung von Norden in dieser militärstrategischen Notlage auf eine friedliche Besetzung.

Ein Memorandum der Reichsregierung an die norwegische Regierung vom 9. April 1940 wurde vom deutschen Gesandten in Oslo, Dr. Bräuer, in der Frühe des Tages der norwegischen Regierung überreicht.29

Nach ausführlichen Erklärungen zur Entstehung der gegenwärtigen Kriegslage mit entsprechenden Hinweisen , daß die norwegische Regierung den bisherigen Übergriffen Englands keinen Widerstand entgegengesetzt und schwerste Eingriffe in die Hoheitsrechte … geduldet habe, heißt es dann wörtlich:

In dieser entscheidenden Phase des dem deutschen Volke von England und Frankreich aufgezwungenen Existenzkampfes kann die Reichsregierung aber unter keinen Umständen dulden, daß Skandinavien von den Westmächten zum Kriegsschauplatz gegen Deutschland gemacht und das norwegische Volk, sei es direkt oder indirekt, zum Krieg gegen Deutschland mißbraucht wird.

Deutschland ist nicht gewillt, eine solche Verwirklichung der Pläne seiner Gegner untätig abzuwarten oder hinzunehmen. Die Reichsregierung hat daher mit dem heutigen Tage bestimmte militärische Operationen eingeleitet, die zur Besetzung strategisch wichtiger Punkte auf norwegischem Staatsgebiet führen werden. Die Reichsregierung übernimmt damit während dieses Krieges den Schutz des Königreiches Norwegen. Sie ist entschlossen, von jetzt ab mit ihren Machtmitteln den Frieden im Norden gegen jeden englisch-französischen Angriff zu verteidigen und endgültig sicherzustellen.

Die Reichsregierung hat diese Entwicklung nicht gewollt. Die Verantwortung hierfür tragen allein England und Frankreich. […]

Die deutschen Truppen betreten den norwegischen Boden daher nicht in  feindseliger Gesinnung. […]

Die Reichsregierung erwartet daher, daß die Königlich Norwegische Regierung und das norwegische Volk dem deutschen Vorgehen Verständnis entgegenbringen und ihm keinerlei Widerstand entgegensetzen. […]

Ein gleichlautendes Memorandum vom gleichen Tage wurde der dänischen Regierung überreicht.

Reibungslos und beinahe ohne jeden Widerstand verlief die Besetzung Dänemarks.

In Kopenhagen regelten bereits am frühen Morgen neben dänischen Polizisten deutsche Soldaten an den Straßenkreuzungen den Verkehr.

Dagegen stieß die Besetzung in Norwegen auf teilweise harten Widerstand. In der Dröbak-Enge des Oslo-Fjords wurde der Schwere Kreuzer „Blücher“ versenkt, vor Bergen der Leichte Kreuzer „Karlsruhe“ durch Torpedos schwer getroffen. Dennoch gelangen die Landungen überall, konnten die deutschen Truppen den Weg ins Landesinnere antreten. Vor Lillehammer kam es zum erstenmal in diesem Krieg zum Gefecht mit englischen Truppen, denn inzwischen waren die Alliierten an drei Stellen in Norwegens ebenfalls an Land gegangen.

Zu wirklich schweren, lange andauernden Kämpfen kam es nur in Narvik.

Zehn deutsche Zerstörer, die Gebirgstruppen unter Führung des Generals Eduard Dietl zu diesem nördlichen Hafen bringen sollten, waren wegen des weiten Anmarschweges schon Tage vor den anderen Schiffsgruppen aufgebrochen, die ganze Zeit stürmischem Wetter ausgesetzt.

Von allen Häfen Norwegens war, abgesehen von dem tapferen, aber unglücklichen Einsatz zweier norwegischer Küstenpanzerschiffe, der geringste Widerstand geleistet worden. Doch es sollte um Narvik der schwerste Kampf im Norwegenfeldzug entbrennen. Das isolierte Narvik galt der britischen Flotte als bester Angriffspunkt, weshalb die bereits auf englischen Zerstörern eingeschifften Truppen kurzfristig wieder ausgeschifft worden waren.

Deutscherseits sah man diese Gefahr und gab den eigenen Narvik-Zerstörern strikten Befehl, sofort nach dem Ausladen der Gebirgsjäger Treibstoff zu ergänzen und wieder auszulaufen. Die deutsche Kriegsmarine verfügte nur über 22 Zerstörer, und davon saßen nun zehn, die modernsten überhaupt, in der Falle Narvik.

Da nur ein Treibstoffversorger bereit lag – die anderen waren unterwegs von britischen Seestreitkräften versenkt worden – , dauerte die Ölübernahme viel zu lange. Am 10. April lagen die Zerstörer immer noch im Erzhafen, als die englische Zerstörerflotte, begleitet vom Schlachtschiff „Warspite“, sich im Fjord dem Narviker Hafen näherte.

Infolge unglücklicher Umstände traf der massive Feuerüberfall der Briten die Deutschen völlig überraschend. Fünf feindliche Zerstörer liefen direkt in den Hafen ein, und auf Anhieb wurden 27 Schiffe aller Nationen vernichtet, darunter die zwei gerade beim Tanker liegenden Zerstörer und dieser selbst. Unter den Gefallenen befand sich der deutsche Flottenchef, Kommodore Bonte.

Beim Angriff in einem Nebenfjord auf fünf deutsche Zerstörer gingen auch zwei britische Zerstörer unter (neben zwei deutschen), zwei weitere wurden schwer beschädigt.

Am 13. April brach das Unheil über die deutschen Zerstörer vollends herein. Ohne Rücksicht auf die hohe Überlegenheit der gegnerischen Flotte griffen sie verzweifelt und tapfer an, aber einer nach dem anderen wurde vernichtet. Das Ausnutzen ihrer Beweglichkeit und Schnelligkeit war in den engen Binnengewässern unmöglich, wo sie den schweren 38-cm-Geschützen des Schlachtschiffes „Warspite“ fast hilflos ausgeliefert waren.

Die 2100 überlebenden Marinekameraden verstärkten an Land die Gebirgsjäger General Dietls.

Mit historischer Genauigkeit

schildert Captain Peter Dickens in seiner beiden Seiten gerecht werdenden Dokumentation „Brennpunkt Erzhafen Narvik“ die Seegefechte bei Narvik. Übersetzt wurde das verdienstvolle Buch aus dem Englischen von Kapitän z.S. Hans Dehnert, der selbst als Torpedooffizier an Bord des deutschen Zerstörers „Diether von Roeder“ am Kampf um Narvik teilgenommen hatte und somit Zeitzeuge war. Der mit ihm befreundete Verfasser urteilt:

Das Risiko wurde klar erkannt, aber die zwingende Notwendigkeit einer Sicherung Norwegens war so stark, daß nötigenfalls sogar ein Verlust von nicht weniger als der Hälfte der Überwasserstreitkräfte bei Erfolg des Unternehmens als gerechtfertigt angesehen wurde. Was sich der Welt daher weithin als ein brutaler Übergriff gegenüber einem friedlichen, unschuldigen und wehrlosen Neutralen darstellte, hielten die Deutschen für lebenswichtig zur Verteidigung ihres Vaterlandes gegen die gnadenlose und unmenschliche britische Blockade.30

Am gleichen Tage landeten außerdem starke britische Seestreitkräfte in Harstad auf den Narvik vorgelagerten Lofoten-Inseln.

Ebenso landeten Engländer und Franzosen in Mittelnorwegen, in Andalsnes und Namsos, um von Norden und Süden das deutschbesetzte Trondheim zu erobern. Nach geringen Anfangserfolgen warfen die deutschen Truppen sie trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit zurück. Geschlagen begannen die Engländer am 28. April mit der Räumung von Namsos, am 30. April auch von Andalsnes. Bei Trondheim zerbrach zugleich der letzte Widerstand norwegischer Truppen.

Andererseits zwangen die seit dem 12. Mai vor Narvik versammelten englischen und französischen Truppen Dietls Gebirgsjäger und die Seeleute, am 28. Mai Narvik zu räumen. Erst der Sieg über Frankreich entschied zugleich über die endgültige Inbesitznahme von Narvik durch die deutsche Wehrmacht.

Die politische Zukunft Norwegens entwickelte sich jedoch nicht als das von Hitler erhoffte Einvernehmen mit einem unter deutschen Schutz gestellten Land.

Quisling

Vidkun Abraham Lauritz Jonssøn Quisling, ein Autogramm gebend (1943) (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Vidkun_Quisling)

Vidkun Abraham Lauritz Jonssøn Quisling, ein Autogramm gebend (1943) (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Vidkun_Quisling)

Die Flucht des norwegischen Königs und seiner Regierung veranlaßte den Staatsrat Vidkun Quisling noch am 9. April 1940 in Oslo eine provisorische Regierung zu bilden.

Der Name dieses norwegischen Patrioten, der mit seiner „Nasjonal Samling“ das Beste für sein Land anstrebte und dieses keinesfalls an Deutschland verriet, wurde zum Synonym für Landesverrat.

Quisling trat dann zwar wieder zurück und nahm erst 1942 erneut das Amt des Ministerpräsidenten an, aber seinem Wirken für Norwegen war eine persönliche Tragik beschieden. Das hatte verschiedene Gründe.31

Es sollte sich nämlich die von Hitler angeordnete „Zweigleisigkeit“ von Befugnissen der militärischen Machthaber und der zivilen Verwaltung als verhängnisvoll erweisen. Dies war nach Auffassung des ehemaligen Marineoberbefehlshabers von Norwegen, Generaladmiral Boehm,

letzten Endes von unheilvollem Einfluß auf die politische Entwicklung gewesen.32

Gemäß „Erlaß des Führers“ vom 24.4.1940 wurden, um „die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben sicherzustellen“, die besetzten norwegischen Gebiete einem „Reichskommissar“ unterstellt, und zum Reichskommissar ernannte Hitler den bisherigen Gauleiter und Oberpräsidenten des Rheinlandes PG Terboven. Ihm hatte Hitler bei seiner Entsendung nach Norwegen das zu erstrebende politische Ziel mit den Worten zum Ausdruck gebracht:

Sie werden mir keine größere Freude machen, als wenn Sie mir dieses Volk zu Freunden machen!33

Josef Terboven, April 1942 (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Terboven)

Josef Terboven, April 1942 (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Terboven)

Dem Reichskommissar war eine fast unbegrenzte Macht übertragen, aber vor allem auch eine staatspolitische Aufgabe von höchster Bedeutung zugewiesen, deren Lösung entscheidend sein mußte für das Verhältnis Norwegens zum Deutschen Reich. Dieser hohen Aufgabe war Terboven charakterlich keineswegs gewachsen. Boehm kennzeichnet ihn als

ehrgeizig und sehr auf seine Stellung bedacht, im Wesen eiskalt und in der Wahl seiner Mittel bei seiner Politik völlig skrupellos. […]

Es läßt sich kaum ein krasserer Gegensatz denken als zwischen einem Manne wie Terboven und seinem politischen Gegenspieler in Norwegen, Quisling, der mit seiner großen und starken nordischen Gestalt schon rein äußerlich sich von dem Reichskommissar unterschied, vor allem aber mit seinem bedächtig abwägenden Verstande und seiner Geradheit von völlig anderer Wesensart war als Terboven mit seinem verschlagenen Intellekt…“34

Dieser Reichskommissar schadete vor allem mit seinen Gewaltakten sehr dem deutschen Ansehen und einer vernünftigen Politik des Ausgleichs. Deshalb wandte sich der Marineoberbefehlshaber in völligem Einvernehmen mit dem Ob.d.M. Großadmiral Raeder direkt an Hitler mit Beschwerden über das Verhalten Terbovens. Zwar gab sich Hitler aufgeschlossen und stellte Abhilfe in Aussicht, doch sah er aufgrund der Gesamtkriegslage (1942) offensichtlich in der Frage der Norwegen-Politik kein vordringliches Problem.

Ähnlich unentschlossen zeigte sich Hitler gegenüber dem Memorandum Quislings vom 9. Juni 1942, in dem dieser für Friedensverhandlungen zwischen Norwegen und Deutschland eintrat sowie für die Wiederherstellung der norwegischen Selbständigkeit.

Die breite Masse der Norweger

war in der ersten Zeit der Besetzung schwankend, das Ansehen der Regierung nach der Flucht erschüttert, die Mißstimmung gegen England groß. Generaladmiral a.D. Boehm beurteilt die Situation anderthalb Jahrzehnte danach so:

In jener Zeit des Sommers 1940 hatte die deutsche Politik Aussicht auf Erfolg, wenn sie klug und ehrlich handelte. Durch Unklarheit der Ziele, durch Mangel an Geradlinigkeit des Weges und durch Unaufrichtigkeit wurde das Vertrauen als Grundlage jeden politischen Erfolges erschüttert – das Verlassen des Rechtes zerstörte jede Aussicht auf gedeihliche Entwicklung. Hierin liegt der Hauptgrund des Mißerfolges – neben sonstigen Mißgriffen.35

In den 50er Jahren konnte der frühere Marineoberbefehlshaber noch beklagen, in Norwegen sei die Einsicht,

daß Deutschland aus strategischen Gründen des Krieges zu dem ihm selbst höchst unerwünschten Schritte sich gezwungen sah,

kaum vorhanden. Siebzig Jahre nach den tragischen Ereignissen muß dagegen festgestellt werden, daß in Deutschland selbst weder Einsicht noch vor allem Kenntnis vorauszusetzen sind, wie es im Frühjahr 1940 zu jener strategischen Zwangslage kam. Mit Fernsehsendungen unter der Generalschuldzuweisung „Hitlers Angriff auf Europa“ wird die allgemeine Unwissenheit aus volkspädagogischen Gründen zusätzlich bewußt gefördert.

Wer Ehrlichkeit und Klarheit erhofft,

muß heutzutage auf Bewertungen aus dem ehemaligen gegnerischen Lager zurückgreifen. Beispielsweise betonte Lord Hankey in seinem Buch „Politics, Trials and Errors“:

Wenn unsere Operation nicht aggressiv war, dann war ihre (der Deutschen), als einzige Möglichkeit, sich vor der Erdrosselung zu retten, ebenfalls nicht aggressiv. Ich war damals Mitglied des Kabinetts. Jeder wußte, daß die Deutschen es tun mußten.36

Wenn wir sie nur ergreifen, ermöglicht uns die historische Wahrheit jederzeit den Mut zum aufrechten Gang – anstelle von Demutsgesten und Betroffenheitsritualen.

Noch im März 1937 hatte General Erich Ludendorff anläßlich einer letzten Aussprache mit Hitler diesen ernsthaft davor gewarnt, sich in einen Krieg verwickeln zu lassen. Manches deutet darauf hin, daß der Diktator selbst davon überzeugt war, seine außenpolitischen Ziele ohne Krieg verwirklichen zu können. General Ludendorff jedenfalls glaubte ihm nicht.

Aber selbstbewußt äußerte Hitler am 23. Mai 1939 nach dem Zeugnis des Oberbefehlshabers des Heeres, Generalfeldmarschall v. Brauchitsch:

Ich müßte ein Idiot sein, wenn ich wegen Polen in einen Krieg schlittern würde wie die Unfähigen vom Jahre 1914. 37

Und doch trieb dieser durch Provokationen und durch die englische Haltung ständig verschärfte Konflikt mit Polen, bei dem Hitler bis zuletzt auf eine einvernehmliche Lösung hoffte, Deutschland schließlich in den Krieg, mit der englisch-französischen Kriegserklärung in den europäischen Krieg. Dieser wurde durch die Strategie der Westmächte 1940 zunächst nach Nordeuropa verlagert und aufgrund der Offensive gegen Frankreich in den Westen. Nach dem siegreichen Frankreich-Feldzug hatte jedoch Hitler die Initiative zugunsten seiner Gegner endgültig verloren, denn inzwischen hatte sich gezeigt, was Churchill voraussagte:

Hitler kann den Krieg beginnen, doch wann er beendet wird, bestimmen wir.

Die Kriegsausweitung

  • auf dem Balkan war das Ergebnis des unheilvollen Bündnisses mit dem faschistischen Italien, als Mussolini Griechenland angriff und deutsche Unterstützung brauchte.
  • Die Einbeziehung Nordafrikas als weitere Folge kam der Kriegsausweitungspolitik Englands ebenso höchst gelegen,
  • schließlich auch die erpresserische Außenpolitik Stalins, die spätestens seit dem Mototow-Besuch in Berlin im November 1940 Hitlers Entschluß zum Rußlandfeldzug auslöste. 1941 begann damit und
  • mit der Einbeziehung der USA der eigentliche Zweite Weltkrieg. Die Kriegspolitik des amerikanischen Präsidenten Roosevelt hatte ihr Ziel erreicht, denn lange vor der Kriegserklärung gab es den „undeclared war“ zur See, als Churchill und Roosevelt die „Atlantik-Charta“ formulierten und Hitler den deutschen U-Booten den Befehl erteilte, auf die Beschießung durch amerikanische Kriegsschiffe nicht zu reagieren.

Bereits der Krieg von 1939 hatte, wie Gerd Schultze-Rhonhof in seiner akribischen Arbeit nachwies, „viele Väter“, noch weniger war der Zweite Weltkrieg allein „Hitlers Krieg“, er war in erster Linie Churchills Krieg, Stalins Krieg und Roosevelts Krieg. …

Die Formel „Angriff auf Europa“ wird wissenschaftlichen Ansprüchen keinesfalls gerecht. Und auf die sollte niemals verzichtet werden.

"Deutscher Soldatenfriedhof Narvik" (1471 Gefallene des 2. Weltkrieges), Foto: H. J. Gräsing, aus: Peter Dickens, "Brennpunkt Erzhafen Narvik". Captain Peter Dickens war Urenkel des bekannten englischen Schriftstellers Charles Dickens.

"Deutscher Soldatenfriedhof Narvik" (1471 Gefallene des 2. Weltkrieges), Foto: H. J. Gräsing, aus: Peter Dickens, "Brennpunkt Erzhafen Narvik". Captain Peter Dickens war Urenkel des bekannten englischen Schriftstellers Charles Dickens.

Anmerkungen:

22 Boehm, a.a.O., S. 40 IMT Bd. XXXIV, Dok. 100C, S. 334
23 Boehm, a,a,O., S. 17
24 Boehm, a.a.O., S. 19
25 Boehm, a.a.O., S. 24
26 Boehm, a.a.O., S. 25
27 Boehm, a.a.O., S. 27
28 Otto Kranzbühler: Rückblick auf Nürnberg (1949), S. 21
29 „Völkischer Beobachter“ (VB) vom 10.April 1940, „Monatshefte für Auswärtige Politik“, Jahrg. 7 (1940), S. 347 ff.
30 Peter Dickens: Brennpunkt Erzhafen Narvik. Kampf deutscher und britischer Zerstörer um schwedisches Erz in den Fjorden Norwegens. Motorbuch Verlag Stuttgart, 1975, S. 22
31 Auf einen Einwand Adelindes bzgl. faschistoider Erlasse Quislings merkt der Verfasser G. Bracke hier an: “Mir kam es nur auf die Gegenüberstellung Quisling – Terboven an, so wie Boehm die Sache erlebt hat. Daß Quisling heute als Synonym für Verräter angesehen wird, ist mir klar. Boehm hielt ihn für einen norwegischen Patrioten, das zu betonen ist heute zwar politisch unkorrekt, sollte aber gerade deswegen auch einmal zum Ausdruck gebracht werden. Auch wenn wir das NS-Regime kritisch beurteilen oder ablehnen, sollten wir auf Gerechtigkeit im Bemühen um die Wiederherstellung des Friedens, um der geschichtlichen Wahrheit willen, nicht verzichten.”
32 Boehm, a.a.O., S. 87
33 Boehm, a.a.O., S. 92 Diese Worte hat Terboven Boehm selbst mitgeteilt.
34 Boehm, a.a.O., S. 93
35 Boehm, a.a.O., S. 174
36 Lord Hankey, a.a.O., S. 62, zit. nach Boehm, S. 179
37 IMT, Bd. XX, S. 623 Dieser Satz steht nicht im sog. Schmundt-Protokoll, jener dubiosen „Quelle“, aus der immer wieder zitiert wird, vor allem der Hitler unterstellte Satz: „Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht…“