Schöpfungsgeschichten

Bevor die christlichen Europäer in ihr Land einfielen, lebten die Indianer im Einklang mit der Natur

Der Indianer und die anderen Geschöpfe, die hier geboren wurden und lebten, hatten eine gemeinsame Mutter – die Erde. Deshalb war er verwandt mit allem, was lebt, und er gestand allen Geschöpfen die gleichen Rechte zu wie sich selbst. Was mit der Erde verbunden war, liebte und verehrte er,

schreibt der Indianer Luther Standing Bear)[1] und fährt fort:

Die Haltung des Weißen war anders:

Er verachtete die Erde und was sie hervorbrachte. Da er sich selbst für ein höheres Geschöpf hielt, nahmen die übrigen Geschöpfe in seiner Rangordnung eine niedrigere Stellung ein. Aus diesem Glauben heraus handelte er.

Er maßte sich an, über Wert und Unwert des Lebens zu bestimmen, und so ging er schonungslos an sein Zerstörungswerk. Wälder wurden abgeholzt, der Büffel wurde ausgerottet, der Biber umgebracht und seine bewundernswert gebauten Dämme gesprengt, sogar die Vögel der Luft wurden zum Schweigen gebracht. Riesige grasbewachsene Prärien, die die Luft mit süßem Duft erfüllten, wurden umgeackert; Quellen, Bäche und Seen, die ich in meiner Kindheit noch kannte, sind ausgetrocknet und verschwunden.

Ein ganzes Volk wurde gedemütigt und dem Tod preisgegeben. So ist der weiße Mann für alle Wesen auf diesem Kontinent zum Sinnbild der Vernichtung geworden. Zwischen ihm und dem Tier gibt es keine Verständigung, und die Tiere haben gelernt zu fliehen, wenn er sich nähert, denn wo er lebt, ist kein Platz für sie.

Die weißen Siedler Amerikas waren Christen.

Ihre Priesterschaft nahm das Wort ihres „Gottes“ JHWH ernst:

Gehet hin und lehret alle Völker![2]

JHWH hatte sogar in einer der biblischen Schöpfungsgeschichten befohlen:

Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht.[3]

Und die an ihn glaubten, sollten ihm die Völker der Erde unterwerfen bzw. im Falle der Gegenwehr ausrotten:

Du wirst alle Völker verzehren,

spricht JHWH im 5. Buch Mose (7, 16) zu seinem von ihm auserwählten Volk.

Du sollst ihrer nicht schonen.

Häuptling Joseph (aus: Käthe Rechneis et al., Die Weisheit der Indianer)

Und so sehen wir die Tragik eines untergehenden Volkes im Antlitz dieses indianischen Häuptlings, der noch alles versucht hatte, sein Volk vor den scheinheiligen und  teuflischen Eindringlingen zu retten. Und wir sehen

zwei einander entgegengesetzte Weltanschauungen mit ihren ebenso entgegengesetzten Auswirkungen:

Zum einen die der Völker, die der göttlichen Schöpfung und ihrem Wesen zugewandt gedacht und gelebt haben, ehe die entgegengesetzte über sie kam, die eines sog. Gottes, der nicht Teil der Schöpfung ist. Fern von ihr verachtet er sie, die er selbst angeblich gemacht hat.

Eine stark wirkende Hemmung seiner Glaubens-Freiheit erfährt der Mensch nun durch die Gehirnwäsche in seiner Kindheit mit einer Welt- und Gottanschauung, deren Wahrheitsgehalt das Kind noch nicht beurteilen kann.

Das zu früh an es Herangetragene sinkt ins Unterbewußtsein ab, und es bildet sich, wie Schopenhauer das nennt, die „Insel der Verblödung“. Sie ist mit dem Bewußtsein, mit der Vernunft kaum erreichbar und lebt somit zäh im Menschen fort.

Eine der jüngsten Schöpfungsgeschichten lesen wir in der Bibel,

in zwei verschiedenen Fassungen. Da heißt es im Johannes-Evangelium (1, Vers 1), allerdings abgeschrieben aus den indischen Veden:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Im 1. Buch Mose (Kapitel 1) dagegen lesen wir:

1. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 3. Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.

Nachdem er die Tiere gemacht hatte, ging er daran, die Menschen zu machen, so wie er alles „machte“:

26. Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische …

usw. – wir lasen den Spruch vom Herrschen über die Natur schon. In Vers 27 heißt es dann:

… und schuf sie (die Menschen) einen Mann und ein Weib.

Den Schreibern geht es ums Herrschen, und ihr Denken in Hierarchien kommt deutlich zum Ausdruck. Die ersten Menschen aber werden in diesem Bericht noch nebeneinander, nicht in einer Rangordnung zueinander hingestellt. Das steht in Gegensatz zum 2. Kapitel des 1. Buches Mose. Dort heißt es (in Vers 7):

Und Gott der HErr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.

Die Schöpfung wird sich nach der Bibel also zunächst als unbeseelt vorgestellt, erstmal wird sie „gemacht“, dann erst bläst der „Gott“ ihr seinen Odem ein.

Diese Anschauung ist in der Mythengeschichte neu.

In weit älteren Mythen sehen wir die Schöpfung von Anfang an beseelt.

Sie wird nicht „gemacht“, sie wird „geboren“. Der Mensch ist nach diesem 2. Schöpfungsbericht der Bibel der Mann Adam. JHWH machte nun den Garten Eden

und setzte den Menschen drein (Vers 8). 9. … und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Von diesem Baum sollte der Mensch auf JHWHs Geheiß nicht essen, sonst sei er des Todes.

18. … Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen.

Wir kennen die Geschichte: Aus der Rippe des Mannes wurde das 2. Geschlecht gemacht, die Frau, Eva.

Die kluge Schlange klärte Eva auf, sie werde mitnichten des Todes sterben, wenn sie vom Baum des Lebens und der Erkenntnis äße, sondern sehend werden und das Gute vom Bösen unterscheiden können, was aber wiederum altindischen Quellen entnommen und dann verzerrt wurde.

Eva aß vom Baum des Lebens und der Erkenntnis und reichte Adam den Apfel – das uralte Sinnbild von Vollkommenheit und Weisheit –, daß auch er davon äße.

In der biblischen Darstellung ist Eva die von Adam Abgeleitete und diejenige, die ihre angebliche Sündigkeit an die Menschheit vererbt, die Erbsünde.

In den indischen Quellen, aus denen der Mythos von Adima und Heva entliehen und verzerrt wurde, ist Eva diejenige, die die Initiative zur Erkenntnis von Leben und Moral ergreift und den Mann teilnehmen lassen will.

Dieser ganze uralte Mythos voller Weisheit wird von den Schriftgelehrten der Bibel völlig verkannt.

Aus der „Erbsünde“ sich selbst zu erlösen, ist dem Menschen nach der Bibel nicht möglich. Ein Gottessohn muß den Märtyrertod sterben, um alle Menschen von ihren Sünden zu erlösen.

Die Sonne in den uralten Mythen

Ehe diese Art Schöpfungsgeschichte den Völkern aufgezwungen wurde, sahen sie – rund ums Mittelmeer bis hoch in den Norden Europas – dagegen im täglichen Auf- und Untergang der Sonne das Sinnbild des Werdens und Vergehens und des sich Erneuerns des Lebens.

Die Sonne als Voraussetzung und Erweckerin des Lebens wurde als Himmelskönigin und Lichtgöttin verehrt. Sie war die Gebärerin der Schöpfung, ihres göttlichen Kindes, des Gottessohnes, den sie aber auch allabendlich und alljährlich mit hinab ins Meer, in die Unterwelt, nahm, nach Hel, in die Höhle, später als Hölle verteufelt, wo die Goldmarie Frau Holle antraf, die zugleich vom Himmel den Schnee brachte.

Frau Holle mit der Goldmarie ist eins der Sinnbilder der alten dreifaltigen Großen Mutter – auch wenn sie in unseren Märchen nur in verkürzter Zweifach-Form übriggeblieben ist. Goldmarie ist die verjüngte Holle. Ihr Gold und ihre Wesensart sind Sinnbild der mütterlichen Sonne, während die alte Frau Holle die mythische Allmutter in ihrer Greisengestalt am Ende des Jahreskreises verkörpert.

Zwar vom Christentum überdeckt, feiern wir noch heute Weihnachten, unser Fest der Wiederauferstehung des Lichtes. In Skandinavien versinnbildlichen bis heute zur Julzeit junge Mädchen mit langem blondem Haar in weißen Gewändern mit einem Lichterkranz auf dem Kopf die Sonnengöttin Luzia.

Unser Fest der Wiederauferstehung der Natur, Ostern, trägt noch heute den Namen der wieder ganz jungen Großen Mutter Ostara, aber nur noch ihre Sinnbilder der Fruchtbarkeit.

Aber auch die Rosetten an den gotischen Kathedralen erinnern noch an die alte Verehrung der Sonne. In riesigen Steinsetzungen beobachteten die Menschen vor Jahrtausenden den genauen Lauf der Sonne, was in ihren bäuerlichen Kulturen mit Aussaat und Ernte von großer Wichtigkeit war, aber auch die Weltallweite ihres Denkens beweist. Somit waren

unsere Altvorderen der Steinzeit den Bibelredakteuren weit voraus in Wissen und Weisheit.

JHWH schuf zuerst Himmel und Erde, dann das Licht und erst dann die Sonne. Nicht das lebenschaffende Licht der Sonne mit ihrer Wärme steht an erster Stelle, sondern der zum Herrschergott erhobene ehemalige Vegetationsheros JHWH.

Augengöttin auf Stein (aus: Barbara Hutzl-Ronge, Feuergöttinnen, Sonnenheilige, Lichtfrauen)

In den alten Mythen weltweit, auch im alten Israel, war am Anfang die göttliche Schöpferkraft, die ursachlos, aus sich heraus alles hervorbringt, im Bild der Großen Mutter dargestellt, die ewig jungfräulich das Leben immer wieder neu gebiert.

Die Sonne

Somit wurde sie gleichzeitig zur Weisheitsgöttin. Das Auge, das ihr Licht wahrnimmt, ist zugleich auch Sinnzeichen für sie, die Eule mit ihren großen Augen, die auch in der Nacht sehen können, ihr Symboltier: die Eulen Athens waren heilige Tiere, Sinnbild der Weisheit.

Die in Stein eingeritzten Sonnensymbole stammen aus spanischen Großstein-Gräbern, also aus megalithischer Zeit. Die Vulva weist die Sonne ausdrücklich als weibliche Lebenskraft aus.

Sonnensymbole aus Irland (a.a.O.)

Das Sonnen-Augen-Motiv sehen wir auch auf einem Stein aus Irland. Das Alter dieser Steinritzungen wird auf etwa 20.000 Jahre geschätzt.

Löwin und Apfel

Wie wir es noch in neuer Zeit von den Indianern erfahren, so müssen sich auch unsere Altvorderen in die Tierseelen versetzt und sich mit ihnen gleich empfunden haben. Das bezeugen u.a. auch zahlreiche uralte Darstellungen der Göttin mit der Löwin.

Die Löwinnen jagen bekanntlich in Gemeinschaft miteinander in großer Ruhe, Konzentration und Klugheit ihre Beutetiere und sind umsichtige, fürsorgliche Mütter. Diese Eigenschaften mögen vorbildlich gewesen sein für die gesamte Lebensführung, aber auch beim Hervorbringen, beim Gebären, das auch als Gleichnis für die Erschaffung und Erhaltung der Welt galt.

Die göttliche Löwin aus dem Hohlenstein (a.a.O.)

Das wohl älteste Abbild einer Löwin-Frau wurde in Baden-Württemberg in der Höhle Stadel im Hohlenstein gefunden. Die Statue aus Mammut-Elfenbein ist 28 cm hoch und wird auf ein Alter von ungefähr 30 000 Jahren geschätzt.[4]

gebärende Göttin auf dem Löwinnenthron (a. a. O.)

Aus Çatal Hüyük in der Türkei stammt diese Statuette einer gebärenden Frau auf dem Löwinnenthron.

Ihre Hände ruhen auf Kopf und Rücken der Tiere. Zwischen den Beinen der Frau kommt der Kopf eines Kindes zum Vorschein. Die Figur wurde in einem Getreidebehälter eines Tempels aufgefunden. Sie ist knapp 12 cm hoch und wird auf 6000 v.u.Z. … datiert.

Sachmet, die altägyptische Sonnengöttin mit dem Löwinkopf (a. a. O.)

Auch die alt-ägyptische Sonnengöttin mit dem Löwin-Kopf Sachmet ist so ein Beispiel.

van Eyck, Maria auf dem Löwinnenthron mit dem Kind und Apfel

Das Bild der Göttin in Verbindung mit Löwen hat sich bis in christliche Zeit gehalten, wie wir auf verschiedenen Marienbildern sehen können, z. B. auf dem von van Eick aus dem 15. Jh.: 4 Löwen zieren den Marienthron, und Maria hält den Apfel in der Hand.

Matthias Grünewald, Stuppacher Madonna

Aber auch noch das Bild von Matthias Grünewald von der Stuppacher Madonna zeigt die „Mutter Gottes“, wie sie ihrem Sohn den Apfel reicht.

Dürer, Maria mit dem Kind und Apfel

Die alten Meister haben die Würde der Großen Mutter offenbar durchaus erschaut, sonst hätten sie sie nicht so überzeugend wiedergeben können, hier z.B. Dürer.

Und auch seine Mutter Gottes hält das Sinnbild des Lebens und der Weisheit in ihrer Hand, den Apfel, den sie ihrem Sohn darbietet.

Wir beginnen zu begreifen, warum die JHWHisten das Apfelessen als so sündhaft hinstellen: Es ging darum, die vorgefundene mutterrechtliche Macht zu brechen und die Bedeutung aller ihrer Insignien in ihr Gegenteil zu verdrehen.

Die „Umwertung aller Werte“ fand in großem Stil statt, ein schleichender Vorgang allerdings, der Jahrtausende benötigte. Zu Zeiten der großen Maler des 15. Jahrhunderts waren die alten Mythen noch untergründig am Leben, trotz Hexenverfolgung.

Welch eine Entwicklung in unseren Breiten!

Samoa

Wie anders das Gotterkennen, das Emil Reche 1924 in seinem Buch über das ferne, einsam in den Weiten der Südsee liegende Samoa schildert.

„Tangaloa – Das große Sehnen

schuf die Welt,

antwortete auch Kifanga, die samoanische Häuptlingstochter von Fangatonga auf die Frage ihres deutschen Freundes Emil Reche.

Und wer war es, der sich sehnte?

fragte der Deutsche sie weiter.

Das große Sehnen war es.

Und wonach sehnte es sich?

Sich selbst zu schaffen … sich selbst zu singen in tausendfältigem Akkord.

An anderer Stelle sagt sie ihm die Weisheit über das Göttliche:

Es ist ewig, aber nicht ein Ewiges.

Das heißt: Wie der Gesang, die Musik, ein Gleichnis des Ewigen ist, das von der Veränderung, vom Wandel lebt, so offenbart sich auch das Ewige nicht als ein Ewiges, ehern Unwandelbares, sondern zeigt sich als Lebensstrom in unendlicher Mannigfaltigkeit seines immer neuen Ausdrucks.

Tangata nennen sich die Samoaner,

das Ich der Ichheit – das Einzelne der Einheit im Selbstbewußtsein (des Göttlichen).

Sie empfinden sich als gottdurchdrungen, als Teil des Göttlichen, des großen Sehnens, nach sich selbst. Welche Weisheit eines sog. „primitiven“ Urvolkes!

O, Ihr lieben, guten Deutschen! Ihr und wir – wir gehören ja doch zueinander,

begeisterte sich Kifanga dem mitschwingenden deutschen Freund gegenüber, ohne zu ahnen, daß zur selben Zeit im jüdisch-christlich verkrusteten Deutschland eine Philosophie entstand, deren „Schöpfungsgeschichte“ zu demselben Ergebnis kommt:

Das Göttliche hat sich im Menschen ein Bewußtsein seiner selbst geschaffen, ist die große Erkenntnis Mathilde Ludendorffs. Seelenverwandtschaft zweier Völker über Erdteile und Meere hinweg!

In der Ura-Linda-Handschrift heißt es:

Wralda (Uralda) ist alles in allem, denn ES ist ewig und unendlich. Das sagt ja schon dies wunderschöne Wort: Wralda, Ur-al-da. Das sächliche Es steht hier als Fürwort für Uralda, DAS Göttliche.

Gott war im vorchristlichen Germanien ein Neutrum und wurde erst durch die Christianisierung orientalisch-mediterran „männlich“,

erklärt Herman Wirth.

Das weitere hi („er“) im Text erweist daher die Hand der späteren Abschreiber.

In den Schriften von Adelbrost und Apollonia lesen wir:

Wralda ist überall einwärtig, aber nirgends zu besehen.

In dem Buch der Folger Adelas heißt es:

Wralda, der – eigentlich das – allein gut und ewig ist, machte den Anfang, dann kam die Zeit; die Zeit schuf alle Dinge, auch die Erde (Irtha).

Irtha gebar alle Gräser, Kräuter, Bäume, all das liebe und all das arge Getier. Alles, was gut und lieblich ist, brachte sie am Tage, und alles, was übel und arg ist, brachte sie zur Nachtzeit hervor. Nach dem zwölften Julfest gebar sie drei Maide:

Lyda ward aus glühendem,

Finda ward aus heißem und

Frya aus warmem Staube.

Da sie bloß kamen, speiste Wralda sie mit seinem Odem. Od (Gottes Odem) trat zu ihnen ein, und nun gebar jede zwölf Söhne und zwölf Töchter, eine jegliche Julzeit zween. Davon sind alle Menschen gekommen.

Der erste Mensch ist nach der Ura-Linda-Chronik also weiblich in dreierlei Gestalt. Die drei „Maide“ sind die Urmütter der drei Großrassen. Die Ur-Schöpferkraft ist zunächst sächlich, dann männlich.

Einen Anklang an das biblische Machertum JHWHs findet sich in dieser Form der Ura-Linda-Handschrift, daß erst nach Erschaffung des Menschenleibes ihm der Odem eingehaucht wird.

Nach der Edda hatte Frigga das Geschlecht der Asen geboren.

Sie wohnen in Asgard. Ihre „heiligste Stätte“ aber ist die Weltesche:

Ich weiß eine Esche, die Weltenbaum heißt,
Ein weißlicher Nebel benässet den Wipfel,
Draus fällt der Tau, der die Tiefen befruchtet,
Immergrün steht sie am Brunnen des Werdens,
Dort wohnen die Nornen, die Wissenden drei,
Im weiten Gewirre der Wurzeln des Baumes,

lesen wir in der Völuspá.

Sie schnitten Runen, maßen das Leben und gaben Bestimmung den Menschen und Schicksal.

In den Nornen tritt uns die Dreigestaltigkeit der alten Schöpferin der Welt wieder entgegen. Sie wirken in der Tiefe. Im Mythos der Märchen gilt:

Alles Gute kommt von unten.

Der Mythos von der Weltesche weist zurück auf uralte Weisheit. Da ist Wotan nicht der wild Wütende, sondern Odem, Seele.

Die Bildgleichnisse, die das Welteschenepos enthält und deren tiefe Weisheit Mathilde Ludendorff deutet in ihrem Werk „Des Menschen Seele“, stammen inhaltlich und in ihrer Erhabenheit aus dem gleichen Geist wie

die Skulpturen, die unsere frühen Vorfahren, die Megalithiker, in offener Landschaft aus Felsen herausgearbeitet haben.

Elisabeth Neumann-Gundrum etwa 1965-70

Elisabeth Neumann-Gundrum hat viele dieser Skulpturen an den Felsen des Istenberges im Hochsauerland und an den Externsteinen im Teutoburger Wald entdeckt und in ihrem Monumentalwerk dargestellt.

Neumann-Gundrum bemerkt dazu (S. 17):

Je älter die Skulpturen wirken, desto regelmäßiger befindet sich … das auffallend besondere Weisheitsauge auf der Rechten, das realistische Pupillen-(Sinnes-)Auge auf der linken Gesichtshälfte.

In der Kulturgeschichte wurde von jeher alles als relativ höherwertig Angesehene, soviel wir wissen, der rechten Seite zugeordnet, was auch, allgemein europäisch, allein schon der Wortgebrauch „Recht“ und das „Un-recht“ vergegenwärtigt.

Offenbar hat auch dieses außer- oder überrealistisch „andere“ Auge die Stellung des Höhergewerteten, Ausgezeichneten besessen.

Mathilde Ludendorff hat die innere Schau, die Intuition, das sich Versenken in seelische Vorgänge neben der Vernunft als zweite Erkenntniskraft anerkannt, eine Erkenntniskraft, die nicht Vermutungen, sondern tatsächlich Wahrheit hervorbringt.

So ist es ihr ja auch gelungen, eine einzig dastehende „Schöpfungsgeschichte“ zu schreiben. Sie gründet zum einen auf naturwissenschaftlichen, also vernunftmäßigen Forschungsergebnissen, die ihr mittlerweile im 20. Jahrhundert zur Verfügung standen. Sie bieten sich sozusagen dem klar nach außen blickenden Auge der Vernunft dar.

Der Vernunft ist es aber nicht möglich, das innere Wesen der Natur zu erkennen. Das erschließt sich dem inneren Auge, und das, weil – wie Mathilde Ludendorff darlegt – die weltenschaffenden göttlichen Willensenthüllungen auch in der Menschenseele leben und somit dem „inneren Auge“ erschaubar sind.

Neumann-Gundrum schätzt die Großstein-Bilder auf ein Alter von etwa 20.000 Jahren und älter, geschaffen also von Cro-Magnon-Menschen. Ebenso alt muß das Welteschenepos sein.

In Gylfaginning heißt es:

Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht und erstrecken sich überaus in die Breite: Die eine zu den Asen, die andere zu den Eisriesen, wo vormals das Nichts, ,Ginnungagap’, klaffte, die dritte aber ragt über Nebelheim hin. Unter dieser liegt der Brunnen Springkessel. Der Neidwurm Niedertracht benagt sie von unten. …

Unter der zweiten Wurzel aber, die zu den Eisriesen reicht, steht ein Brunnen, darin Weisheit und Vernunft verborgen sind, und der heißt Mimir, das heißt Ich-selbst oder auch Erinnerung …

Zwiegesicht Feldstein/Sauerland (aus Neumann-Gundrum, Großskulpturen)

verdeutlichende Zeichnung des Zwiegesichtes (N.-G.)

Und nun kommt ein Teil, der aus anderer Wurzel zu stammen scheint als die Großskulpturen, die Neumann-Gundrum als Urbilder Europäischer Geisteskultur bezeichnet, Urbilder, geschaffen von der beharrungsmenschlichen, schwerblütigen Rasse der Chromagnon-Menschen, deren Lebensraum von der zwar geistesverwandten, aber feingliedrigeren, wandelfroheren nordischen Rasse überlagert wurde.  Neumann-Gundrum:

Mythisch spät erzählen von jener verschiedenäugigen Gestalt Inhalte der Lieder-Edda, die nach literarhistorischer Erkenntnis und Geltung aus dem altdeutschen Raum durch fahrende Sänger, Kaufleute und Flüchtige nordwärts getragen worden ist.

Keine Hauptrolle spielt hier, daß diese Gestalt erst im Verlaufe einer sinnbildlichen Handlung zwiesichtig wird – wie die Edda es darstellt –, der alteuropäisch groß-skulpturelle Typus aber es ist.

Dieser Wandel im Bilde, von einem aus sich All-Sehenden zu einem faustisch Suchenden und schließlich durch auch Ein-Sicht (neben der Aus-Sicht) Erleuchteten, wird mit zu den Folgen der genannten Überwanderung gehören …

Schauen wir nun, wie sich das Faustisch-Suchende in der Edda anhört:

Einst kam Allvater zu Mimir, das will heißen zu sich selbst, und bat um einen Trunk aus dem Brunnen Erinnerung, aber der konnte ihm erst gewährt werden, als er eines seiner Augen zum Pfande gab …

Die erste Wurzel der Esche aber erstreckt sich über den Himmel, und unter ihr ist jener Brunnen gelegen, der der heiligste ist und Brunnen der Urda, das ist des Werdens oder des Anfangs oder der Wurt heißt.

Über den Brunnen Mimir, der Quelle Erinnerung, schreibt Mathilde Ludendorff:

Ihr Wesen wird in wenige Worte gefaßt, von denen jedes einzelne wichtig und erschütternd weise ist. Dieser … Born liegt unter der Wurzel, die über das Nichts … zum Riesenheim führt. Dies Nichts … war … vor der Schöpfung. Somit führt also diese Wurzel über alle Stufen der Weltenschöpfung, über alle Vorzeit der Menschen zu dem Vorgeschlechte, den Eisriesen, hin. Daher denn auch der Name dieses Brunnens Erinnerung heißt.

Es wußten also unsere Ahnen, daß das Erberinnern vergangener Weltepochen, welches von Geschlecht zu Geschlecht im Unterbewußtsein weiter getragen wird, unser Gotterkennen befruchtet. Es wußten unsere Ahnen, daß all die fantastischen Mythen, die sie ersannen, aus diesem Erberinnern geboren wurden …

Der Name des … heiligen Bornes ,Mimir’ heißt aber nicht nur Erinnerung, sondern auch ,Ich selbst’, und somit lehrt die Edda hier wie anderwärts: Selbsterkenntnis, Lauschen auf die innerste Seele ist heilige Weissagung, Gotterleben in der eigenen Seele ist Gottoffenbarung. Eine stolze gottbewußte Weisheit, die sich gar wohl mit unserer Gotterkenntnis deckt.

Und um zu dieser Weisheit hinabblicken zu können, muß „Allvater“ ein Auge opfern.

Als Einäugiger sieht er mehr, als er je zuvor an Weisheit erblicken konnte, als seine beiden Augen der Erscheinungswelt zugewandt waren,

schreibt Mathilde Ludendorff 1923 in ihrem Werk „Des Menschen Seele“, und daher ohne Kenntnis der Felsbilder, die erst später von Elisabeth Neumann-Gundrum wiederentdeckt worden sind. Deren Bildband wurde erst über ein halbes Jahrhundert später, nämlich 1981, veröffentlicht.

Die Edda und die Felsbildwerke zeigen gemeinsam auch ihre innere Verwandtschaft mit den indischen Veden, die die Erscheinungswelt Maja nennen, Blendwerk, das mehr verwirre als zu Weisheit führe.

Edda und Felsbilder aber belassen – anders als die Veden – dem bewußt erkennenden Lebewesen Mensch auch das Auge der Vernunft. Dazu schreibt Mathilde Ludendorff:

Einung von Gotterleben mit philosophischem und naturwissenschaftlichem Erkennen erst bringt die klare Gotterkenntnis!

Und so schuf Mathilde Ludendorff ihre Schöpfungsgeschichte.

Mathilde Ludendorff etwa 1924

Sie beschreibt ihr Erkennen (Stoßen Sie sich nicht an der Wir-Form, die war seinerzeit üblich):

Im Lauschen auf das Erberinnern vergangener Schöpfungsstufen, wie wir es im Unterbewußtsein unserer Seele tragen, durchlebten wir das Aufwärtsringen der Vorwesen zum Menschen.

Als wir dann dies Wissen einten mit den Kenntnissen der Entwicklungsgeschichte und dem göttlichen Wollen in unserem Bewußtsein, also mit dem ,Ich selbst’, da wurde uns die göttliche Erkenntnis des letzten Sinnes des Todesmusses und hierdurch der tiefe Sinn unseres Lebens.

Sie erkennt, daß das Sterben in den ersten Lebewesen, den Einzellern, zunächst nur ein möglicher Tod durch Unfall war, daß aber der Einzeller grundsätzlich nicht sterben mußte.

Volvox entläßt ihre Keimzellen, danach ist ihr Leben nicht mehr möglich

Denn er lebt ja nach seiner Teilung in den zwei Tochterzellen ohne irgendwelche übrig bleibende Leichenteile weiter. Er ist somit, wie der bedeutende Naturforscher und Lehrer Mathilde Ludendorffs, August Weismann, klarstellte, potentiell unsterblich.

Erst mit dem ersten Mehrzeller, der Volvox, die ihre Keimzellen, wenn sie reif sind, aus sich entläßt und als allein nicht lebensfähiger Rest übrig bleibt und stirbt, tritt das Todesmuß in die Schöpfung ein. Die Keimbahn bleibt potentiell unsterblich, wenn sie an Kind und Kindeskind weitergegeben wird und nicht durch Kinderlosigkeit unvererbt mit dem Leib ins Grab sinkt. Die Körperzellen aber unterliegen unerbittlich dem Tod.

Diesem Entwicklungsschritt mißt Mathilde Ludendorff äußerste Bedeutung und tiefen Sinn bei: Das Todesmuß drängt zur Höherentwicklung der Arten zum einen. Zum andern fordert es Verantwortung des Menschen für die durch den Tod begrenzte Zeit seines Lebens heraus, es sinnvoll zu gestalten im Sinne seines Amtes als einziges Bewußtsein des Göttlichen.

Der Glaube an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod des Leibes ist im Hinblick auf das Milliarden Jahre währende Schöpfungsgeschehen hin zur Entstehung des menschlichen Großhirns mit seinen so erstaunlichen Fähigkeiten, Bewußtsein des Göttlichen zu sein, schlechthin Wunschdenken, geboren aus dem Selbsterhaltungswillen und der Vorstellung von einer dualen Welt, in der Leib und Seele nicht als Einheit gesehen werden.

Beide aber sind ohne einander nicht existent: der Leib ohne Seele nicht und die Seele ohne Leib – ohne Gehirn –  nicht.

Der dualen Sicht entspricht der biblische Schöpfungsmythos, in dem ein außerweltlicher Gott als Macher die geschaffenen Erscheinungen erst mit seinem Odem beleben muß. Der dualen Welt entspricht nicht das allmähliche Entfalten der von Anfang an beseelten Welt aus sich selbst heraus.

Und ein Zeichen alles Lebendigen ist: Altes vergeht und Neues entsteht. Wie in der Musik Harmonien kurz aufscheinen und vergehen, der Fluß der Musik kaum erschienen, schon wieder vergangen ist, so ist der Fluß des Lebendigen durch Werden und Vergehen der Einzelerscheinungen ermöglicht.

Der göttliche Wille zum Wandel will Veränderung. So ödet unser Empfinden auch das Immergleiche an.

Mathilde Ludendorff 1947 (Zeichnung von WW)

Mathilde Ludendorff fährt fort:

An die Stelle fantastischer Mythen trat ein klares Schauen des Aufstieges von den unsterblichen Lebewesen zum Menschen, und als heilige Flamme leuchtete nun der Sinn dieses Weges über all dem Werden und Vergehen:

Den Menschen, das Ziel der Weltenschöpfung, erkannten wir nun als den einzigen Träger der Gottesbewußtheit … an Stelle der altindischen Lehre: „Im Anfang war das Wort“ und des Goetheirrtums: „Im Anfang war die Tat“ leuchtete uns die Erkenntnis: Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit! …

Die seiende Welt, die vollendete, durften wir als erhabene und vollkommene Erfüllung des göttlichen weltenschaffenden Wunschzieles erkennen.

So ist die Weisheit der Ahnen in unseren Tagen zu Wahrheit geworden … So grüßen wir über die Jahrtausende hin ihr Schauen und sehen uns heimgekehrt in unserer Mütter Land mit reichen Schätzen der Weisheit …


[1] in seinem Buch: „Land of the Spotted Eagle“, zitiert bei Käthe Recheis/Georg Bydlinski/Lene Mayer-Skumanz/Edward S. Curtis, Weisheit der Indianer, Wien 1993

[2] Matth. 28,19

[3] 1. Mos. 1, 28

[4] a.a.O., S. 150

[5] a.a.O., S. 151, nach Marija Gimbutas, Die Sprache der Göttin