“… sagt ihnen nicht, daß wir verraten sind”

In ihrem anrührenden Epos auf die gefallenen deutschen Soldaten des Weltkrieges II

Unseren Toten

ruft die Dichterin Ursel Peter

Wind, Sterne, Sonne und Mond an, unsere Toten fern der Heimat zu grüßen:

… So grüß unsre Toten dort,
die Helden im fernen Land …

und schließt mit den Worten:

Eines nur, Mond und liebes Sonnenlicht,
eines nur sagt unseren Toten nicht,
verschweigt es tief, Sterne und leiser Wind,
sagt ihnen nicht — daß wir verraten sind.

In unserer Zeit des Volksverrats auf allen Ebenen soll hier – zum Volkstrauertag und Totensonntag – auch Hanna Reitsch einmal zu Wort kommen.

Sie vermittelt ein anderes Bild vom Schicksal unseres deutschen Volkes und von der Haltung damaligen deutschen Soldatentums, als was Sieger-Geschichtsschreibung und linke Häme den nachwachsenden Generationen bis auf den heutigen Tag mit allen Mitteln der Propaganda einzuhämmern versuchen, um am eigenen Volkstum zu verzweifeln.

Unter der Kapitel-Überschrift „Mein Wortbruch“ schreibt die überragende Fliegerin Hanna Reitsch in ihrem Buch „Das Unzerstörbare in meinem Leben“:

Ich brachte Feldmarschall von Greim, dessen Zustand sich von Tag zu Tag verschlechtert hatte, hochfiebernd in das Luftwaffennotlazarett in Kitzbühel, wo uns die Amerikaner verhafteten.

… Nach einigen Tagen unseres Aufenthaltes dort übermittelte mir Herr von Greim tieferschüttert die furchtbarste Nachricht meines Lebens:

Meine Familie, Vater, Mutter, meine jüngere Schwester Heidi (deren Mann als Major, kurz bevor sie ihr viertes Kind bekam, 1942, vor Leningrad gefallen war) und ihre reizenden Kinder waren nicht mehr am Leben.

Im Frühjahr 1945 war Hirschberg, unsere Heimatstadt im Riesengebirge (Niederschlesien), evakuiert worden, und so gehörte meine Familie wie Millionen andere aus Ober- und Niederschlesien, aus dem Sudetenland, aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern, Mecklenburg und aus Brandenburg zu den Heimatvertriebenen.

Die Meinen hatten durch Freunde Aufnahme im Schloß Leopoldskron bei Salzburg gefunden.

Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner war bekanntgeworden, daß

General Eisenhower beabsichtigte,

die aus dem Osten geflüchteten Frauen und Kinder soweit wie möglich in ihre Heimat, die inzwischen bereits von Russen besetzt war, zurückzuschicken.

Ihre mit ihnen geflüchteten Männer sollten von den Familien getrennt und von den Amerikanern gefangengesetzt werden.

Eisenhowers mörderisches Rheinwiesenlager für Hunderttausende deutscher Soldaten ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Hygiene, ohne Schutz vor Wetterunbill (Foto: Google)

Mein Vater hatte als Arzt in den zeitweise zurückeroberten Gebieten im Osten erfahren und mit eigenen Augen gesehen, was dort an Frauen und Mädchen Grauenvolles geschehen war.

Bevor er also von seiner ohne ihn schutzlosen Familie getrennt werden würde, wollte er den Seinen, die das Heiligste und Liebste bedeuteten, was ihm auf der Welt anvertraut war, ein solches Schicksal ersparen, wie er es nun ausweglos hier auf sie zukommen sah.

Von mir nahm er an, ich sei beim Flug mit Herrn von Greim nach Berlin gefallen …

Ich war wie gelähmt vor Schmerz: Das furchtbare Schicksal einer Grenzlandfamilie – eines unter unzähligen anderen.

Feldmarschall Robert Ritter von Greim (Bild: en.wikipedia)

Acht Tage danach ging Feldmarschall von Greim aus dem Leben.

Er war aus unserer Haft im Luftwaffennotlazarett von einem jungen, akzentlos Deutsch sprechenden amerikanischen Offizier abgeholt worden.

Er sollte als Gefangener nach England und anschließend nach Nürnberg vor ein Kriegsverbrechertribunal gebracht werden.

Er war zwar der letzte Oberbefehlshaber der Deutschen Luftwaffe, aber zum Zeitpunkt seiner Ernennung, am 26. April 1945 im Führerbunker, existierte sie praktisch kaum mehr.

So hatte er keinen Grund, sich diesem Tribunal in Nürnberg zu stellen, um den Siegern Rede und Antwort zu stehen über Dinge, für die nicht er die Verantwortung trug und die zu klären er vor allem als

eine rein deutsche Angelegenheit

ansah.

Jener Amerikaner, der ihn abholen sollte, verschob die Abreise wegen des dichten Nebels auf den nächsten Morgen und betrank sich derweilen mit Sekt und Wein.

Solche Getränke ließ Dr. Weidemann ihm bewußt in reichlicher Fülle bringen, anstelle „deutscher Mädchen“, nach denen er verlangt hatte.

So blieben Herrn von Greim und mir noch einige Stunden, um in Ruhe alles vor uns Liegende zu besprechen.

Seine Handlungsfreiheit war nur gelähmt und behindert durch die Verantwortung, die er vor meinen toten Eltern mir gegenüber empfand, da er von meinen Eltern die Erlaubnis für den Flug nach Berlin für mich erbeten hatte.

Jetzt nach dem Tod all der Meinen und dem Verlust meiner schlesischen Heimat mich einer feindlichen Welt ausgeliefert zu wissen, schien ihm undenkbar.

Ich empfand aber, wie wichtig es war, daß er völlige Handlungsfreiheit behielt. Falls er seinen Freitod für unausweichlich und richtig und für die einzige Lösung hielt, um keine Kameraden vor dem Tribunal belasten zu müssen, so versprach ich ihm, daß ich ihm acht Tage nach Verkündung seines Todes im Rundfunk darin folgen würde.

Wir beide hatten die Giftampullen, die wir im Hitlerbunker erhalten hatten, in unsere Kleidung eingenäht.

Die tendenziöse Feindpropaganda, die alles Deutsche in den Schmutz zog, sollte mit diesem Abstand von acht Tagen daran gehindert werden, unser beider Tod miteinander in Verbindung zu bringen.

So trennten wir uns – schweren Herzens.

Mit Feldmarschall von Greim schied in Salzburg, einen Tag nach unserem Abschied, einer der größten und edelsten Offiziere der deutschen Wehrmacht aus dem Leben, von jedem verehrt und geliebt, der ihn erlebt hatte.

Selbst die russischen Kriegsgefangenen, die im Bereich seiner Luftflotte zu arbeiten hatten, betrachteten ihn als einen Vater.

Bevor die acht Tage verstrichen waren, die ich nach der Todesnachricht auf meinem Bett liegend wie vor Schmerz gelähmt verbrachte, liebevoll umsorgt von Dr. Weidemann und Schwester Gertrud Huxel und nur sehnsüchtig den Tag herbeiwünschend, an dem ich folgen durfte, erschienen drei hohe amerikanische Offiziere.

Sie ließen sich von Dr. Weidemann nicht abwehren und verlangten Zutritt zu mir. Sie erklärten, vor meinem Bett stehend, sie hätten größte Hochachtung vor mir und meinem Leben.

Hanna Reitsch (Bild: historynet.com)

Ich wäre wohl einer der ganz wenigen Piloten der ganzen Welt, der all diese Typen geflogen hätte: von den größten Bombern und Verkehrsmaschinen sowie Raketenflugzeugen, der V 1, Stukas und Jagdflugzeugen bis zum rückwärts fliegenden Hubschrauber.

Sie bräuchten meine Erfahrungen und bäten mich, mit ihnen nach den USA zu kommen.

Ich würde berühmter werden als ich je war – ich würde eine der reichsten Frauen werden und fliegen dürfen, was ich an Typen nur wolle.

Gedächtnisstätte Guthmannshausen

Sie versprachen noch vieles mehr. Ich starrte sie an und fragte höflich, ob sie nicht wüßten, wen sie vor sich hätten.

  • Noch hätten wir keinen Frieden.

  • Bisher hätten sie während des Krieges meine Landsleute getötet und unser Land zerstört.

  • Nun hätte ich erfahren, daß sie alle namhaften Deutschen einsperren ließen, um die Führenden vor ein Gericht zu bringen.

  • Was würden sie mit diesen Eingesperrten machen?

  • Und wüßte ich, was sie mit meinen Erfahrungen drüben anfangen würden? Nein!

Niemals würden sie mich lebend zu diesem Zeitpunkt nach den USA bringen können.

Sie baten mich eindringlich, diese Entscheidung doch nochmals ernsthaft zu überlegen. In drei Tagen wollten sie wiederkommen.

Wenn ich nicht gewillt wäre, mit ihnen zu kommen, wären sie machtlos, mich vor dem Zugriff ihrer amerikanische CIC zu schützen. Diese würde mich unweigerlich in eine Gefängniszelle sperren.

„Schade für euch, nicht für mich,“ antwortete ich. „Niemals habe ich etwas getan, das Ihnen das Recht dazu geben würde.“

„Nach Recht fragt man bei dem Besiegten nicht,“

war die Antwort. Die Atmosphäre begann immer eisiger zu werden. Dann lenkten sie ein und versuchten, mich mit allen Mitteln zu überreden:

Ich würde in Deutschland gar nicht mehr Gelegenheit haben zu fliegen (sie wußten, daß ich ohne das Fliegen nicht leben konnte).

„Da haben Sie recht, ohne Fliegen sterbe ich,“ antwortete ich,

„aber lieber sterbe ich anständig und bald in Ihrem Gefängnis, als unanständig und reich drüben in den USA zu fliegen und zu leben.“

Darauf gingen sie, nicht ohne mich noch einmal zu bitten, die Sache zu überlegen.

Drei Tage später erschienen sie wieder. An meinem Entschluß hatte sich nichts geändert.

Sie waren tief betroffen, blieben jedoch ritterlich und höflich. Sie fragten, ob sie irgend etwas für mich tun könnten, und drückten mir ihre Teilnahme zum schmerzlichen Verlust all der Meinen aus. Sie hatten darüber von Dr.Weidemann erfahren.

Zu diesem Zeitpunkt war es für einen Deutschen unmöglich, von einem Ort zu einem anderen zu gelangen.

So bat ich sie, mich nach Schloß Leopoldskron und nach Salzburg zu bringen, wo meine Angehörigen umgekommen und begraben waren. Ich wollte erfahren, wie sich das Ende meiner geliebten Familie abgespielt hätte, und wollte ihnen und Herrn von Greim eine Blume aufs Grab legen, bevor ich mein Herrn von Greim gegebenes Wort einlöste.

Dr. Weidemann hielt aber eine solche Fahrt wegen meines schlechten gesundheitlichen Zustandes, bedingt durch ein Übermaß an schwersten seelischen Erschütterungen, nicht für möglich; er ließ sich indessen erweichen unter der Bedingung, daß er mich als Arzt begleiten dürfe.

So fuhren wir im Jeep, ich vorne zwischen zwei der hohen Offiziere sitzend, Dr. Weidemann hinten mit dem dritten Offizier. Keiner von ihnen konnte ahnen, daß es die letzte Fahrt meines Lebens sein sollte.

Auf dem Weg nach Salzburg entschied sich mein Schicksal und mein Entschluß, wortbrüchig werden zu müssen.

Die Offiziere fragten mich unterwegs, wie es denn möglich gewesen sei, daß ich einer solchen „Verbrecherregierung“ hätte dienen können …

Hier folgen nun groteske Darstellungen angeblicher Verbrechen des deutschen Volkes. Sie glaubte ihnen nicht:

Eines dagegen wußte ich todsicher, daß das deutsche Volk davon ebensowenig gewußt haben konnte wie ich selbst.

In der Zukunft würde es sich schon klären, was an solchen grauenhaften Dingen wirklich geschehen sei. In meinem Inneren hämmerte es:

Ich müsse mich vor Millionen anständiger Deutscher stellen, ich müsse versuchen, die Wahrheit ergründen zu helfen, was immer sie auch ergeben würde.

Und in solchem Augenblick sollte ich aus dem Leben gehen, um das gegebene Wort zu halten?

Ich rief im Geiste lautlos die Namen meiner Toten und vor allem den von Feldmarschall von Greim und bat um Rat und Hilfe.

Die Tränen liefen mir jetzt heiß und unaufhaltsam über die Wangen. Gesprochen haben wir kein Wort mehr. Mein Entschluß, um dieses Zieles willen aber weiterzuleben, stand fest, noch bevor ich schluchzend vor den Gräbern all der Meinen kniete.

Das frisch aufgeworfene Grab von Herrn von Greim war kaum 200 Meter von dem Grab meiner Familie entfernt. Sein Grab lag zwischen den Gräbern einfacher Soldaten. Es wäre dies ganz in seinem Sinn gewesen, wenn man ihn danach gefragt hätte.

Ich flehte ihn an, meinen Wortbruch zu verstehen.

Ich dürfte jetzt nicht nachkommen, so sehnlichst ich es mir auch wünschte. Ich müsse, was immer auch geschehen würde, mich vor ungezählte Deutsche stellen …

Hanna Reitsch wählte das Schwerere:

das Leben – aus Verantwortung.

So erkannte auch Hans Baumann, wieviel schwerer als die Gefallenen es die Hinterbliebenen haben:

Setzt ihr euren Helden Steine,
baut ihr einem Mann das Mal,
dann vergeßt der Mütter keine,
die da starben hundertmal.

Hundertmal in bangen Stunden,
wenn die Söhne in der Schlacht,
einmal nur den Tod gefunden,
fanden sie ihn jede Nacht.