Rußland! 7. und letzter Teil

Thomas Engelhardt 

beschließt seine Feststellungen über Rußland mit den folgenden Ausführungen:

1946    Die Sowjetunion annektiert den nördlichen Teil von Ostpreußen[1] und gliedert das Gebiet als Oblast Kaliningrad in die Russische Föderation (Russische Sowjetrepublik) ein.

Das Gebiet wird entsiedelt und entvölkert.[2] Die 1947 noch lebenden 146.000 Ostpreußen werden in die SBZ ausgesiedelt.[3]

Im Juli 1945 wird der besondere Militärbezirk Königsberg (Osobnij wojennij okrug Kenigs-bergskaja oblast) gebildet. Am 7. April 1946 erfolgt die Bildung einer neuen russischen Gebietseinheit Kenigsbergskaja oblast[4] und deren Angliederung an die Russische Födera-tion (RSFSR, Russische Sozialistische Födera-tive Sowjetrepublik).

Am 4. Juli 1946 wurde Königsberg in Kalinin-grad umbenannt. Gleichzeitig erfolgte die Bildung des Oblast Kaliningrad (Kaliningrads-kaja oblast, „Kaliningrader Gebiet“) und durch Beschluß des Präsidiums des Obersten Sow-jets erfolgt die förmliche Eingliederung des Gebietes in die Russische Föderation.[5]

Dieser formaljuristische Akt schloß den Pro-zeß der Annexion deutschen Staatsgebietes ab.[6]

Die neue Namensgebung im Juli 1946 war der Auftakt, um im gesamten Gebiet die Namen der Städte und Dörfer zu russifizieren (bzw. sowjetisieren).[7]

Nord-Ostpreußen blieb bis zum Ende des Kalten Krieges militärisches Sperrgebiet. Das Territorium beherbergte bis zu 250.000 Sol-daten der sowjetischen Armee und galt neben dem Gebiet Mitteldeutschlands (DDR) als das Gebiet mit der höchsten Militärdichte in Europa. Der Ostseehafen Pillau (Baltijsk) war Haupthafen und Hauptquartier der sowjeti-schen Ostseeflotte.[8]

1956    Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn. Der eigentliche Volksaufstand dauerte vom Okt. bis zum 4. Nov. 1956, als die sowjetische Armee mit überlegenen Kräf-ten einmarschierte und eine moskautreue Regierung einsetzte. Bis zum 16. November hatte sie dann das gesamte Land unter Kon-trolle.

Die Zeit danach war von Verfolgungen und Niederschlagung der letzten Widerstand lei-stenden Gruppen gekennzeichnet. Insgesamt forderte der Einmarsch in Ungarn mehr als 3000 Zivilopfer.

1968    Einmarsch in die Tschechoslowakei (Niederschlagung des „Prager Frühling“). In der Nacht vom 20. auf den 21. Aug. 1968 rücken Truppen von fünf Warschauer Pakt-Staaten in die Tschechoslowakische Soziali-stische Republik (CSSR) ein.

Damit werden die als „Prager Frühling“ be-zeichneten Reformversuche der kommuni-stischen Partei der CSSR gewaltsam beendet. In der Nacht zum 21. August 1968 mar-schierten etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb von wenigen Stunden alle strate-gisch wichtigen Positionen des Landes.

Es handelte sich um die größte Militärope-ration in Europa seit 1945.

1979   Afghanistan. Am 25. Dezember 1979 überschritten die ersten Einheiten der für den Afghanistan-Einsatz neu gebildeten sowjeti-schen 40. Armee unter Marschall Sergei Sokolow sowie die 5. und 108. Motorisierte Schützendivision bei Termiz und Kuschka die Grenze nach Afghanistan.

Gleichzeitig wurden 7000 Elitesoldaten der 103. Witebsker Luftlandedivision nach Kabul und Bagram eingeflogen. Am ersten Tag der Invasion kamen bei einem Absturz eines Militärtransportflugzeuges vom Typ Il-76 an einem Berg nahe Kanzak (nordöstlich von Kabul) der Pilot, 37 Fallschirmjäger und neun weitere Soldaten ums Leben.

1994-1996  Tschetschenien: 11. Dez. 1994 – 31. Aug. 1996  1. Tschetschenienkrieg

Noch vor Auflösung der Sowjetunion am 26. Dezember 1991 erklärte der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew am 1. Nov. 1991 die Unabhängigkeit des Landes.

Am 11. Dez. 1994 erteilte Präsident Boris Jelzin schließlich den Befehl zur militärischen Intervention, obwohl der tschetschenische Präsident Dudajew Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatte.

1999-2009   Tschetschenien: bis April 2009 2. Tschetschenienkrieg. Am 1. Oktober 1999 marschierte die russische Armee unter Bruch des Abkommens von Chassawjurt erneut in Tschetschenien ein, um die aus der Sicht Rußlands kriminelle und die Rebellen unter-stützende Regierung von Aslan Maschadow von der Macht zu entfernen.

Schon bald eroberte die Armee den Großteil des tschetschenischen Flachlandes und die Hauptstadt Grosny.

Literatur

  • Dietrich Geyer: Der russische Imperialismus. Studien über den Zusammenhang von innerer und auswärtiger Politik 1860–1914 (= Kritische Studien zur Geschichts-wissenschaft. Band 27). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1977.

  • Philipp W. Fabry: Die Sowjetunion und das Dritte Reich : Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis 1941 (Prolegomena von Ernst Deuerlein). Stuttgart-Degerloch : Seewald , 1971.

Nachtrag

Das russische Imperium hat seit dem 16. Jahrhundert expandiert, aber der Schlüs-selbegriff ist am ehesten Pragmatismus.

Neue Territorien wurden auf sehr unter-schiedliche Weise angeschlossen, es gab neben gewaltsamer Einnahme auch Verträge und Kooperationen mit lokalen Eliten.

Der jetzige Vernichtungskrieg gegen die Ukraine steht also ganz und gar nicht in der damaligen Motivation, neben der Erweiterung des eigenen Territoriums auch Arbeitskräfte und Steuerzahler dazuzugewinnen als viel-mehr in der Abwehr westlichen Vordringens in die von Rußland als Teil des historischen Rußlands definierten Territorien.

Adelinde dankt Thomas Engelhardt
für seine kenntnisreichen Ausführungen zur politischen Geschichte Rußlands, die bei Stellungnahmen zur augenblicklichen weltpolitischen Lage einen tragfähigen Grund darstellen.

Der Blick auf die steuernden Hintergrundmächte könnte nachgetragen werden.

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Anmerkungen

[1]Nord-Ostpreußen 15.100 km²

[2]In Nord-Ostpreußen (etwa so groß wie das heutige Bundesland Thüringen) existierten etwa 4.800 Ortschaften, Dörfer und dörfliche Siedlungen. 2.280 Ortschaften existieren nicht mehr. 2.520 Orte und Dörfer wurden umbenannt, teilweise zusammengelegt oder eingemeindet. Von den einst 224 Kirchen in Nordostpreußen sind 91 vollständig verschwunden, 67 Gotteshäuser befinden sich im Zustand stark fortgeschrittenen Verfalls und existieren nur noch als Ruinen.

[3]Ostpreußen hatte den höchsten Blutzoll von allen durch die Feindmächte eroberten deutschen Ländern zu zahlen. Beim Einmarsch der Roten Armee und während der Flucht aus Ostpreußen sind (geschätzt) 200.000-300.000 Menschen umgekommen. Zum Zeitpunkt der Besetzung Ostpreußen verblieben etwa 650.000 Ostpreußen in der Provinz, in der Regel vom schnellen Vorrücken der feindlichen Truppen überrollt. Von diesen etwa  650.000 Ostpreußen überlebten bis Mitte 1947 nur etwa 140.000. Durch den Geheimbefehl des Ministerrats vom 11. 10. 1947 – Nr. 3547 – 1169 s „Über die Umsiedlung der Deutschen aus dem Oblast Kaliningrad der RSFSR in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands“ verließen bis 1948 insgesamt 102.125 Deutsche zwangsweise das sowjetische Gebiet Nord-Ostpreußen.

[4]Ukas (Erlaß) des Präsidiums des Obersten Sowjet vom 7. April 1946.

[5]Ukas (Erlaß) des Präsidiums des Obersten Sowjet vom 4. Juli 1946

[6]Diese formaljuristische Eingliederung Nord-Ostpreußens durch Rußland widerspricht dennoch dem geltenden Völkerrecht, stellt demzufolge einen Unrechtsakt dar.

[7]Bei den Umbenennungen orientierte man sich an ideologischen Vorgaben, an der Sowjetunion und an dem gerade beendeten Krieg. Tilsit wurde in Sowjetsk und Pillau in Baltijsk umbenannt. Aus Gilge wurde Matrosowo (Matrosendorf), aus Heinrichswalde wurde Slawsk (= “ruhmreicher Ort”). Soldaten und Offiziere der Roten Armee, die sich beim Angriff auf Ostpreußen im Winter 1945 ausgezeichnet hatten und gefallen waren, wurden geehrt, indem man ostpreußischen Städten ihren Namen gab. So wurde Neuhausen im Kreis Königsberg-Land nach dem beim Angriff auf Pillau gefallenen Generalmajor Stepan Gurjew, Kommandeur des 19. Garde-Schützen-Korps, in Gurjewsk umbenannt. Stallupönen/Ebenrode erhielt den Namen Nesterov nach einem in Ostpreußen gefallenen stellvertretenden Korpskommandeur. Gumbinnen wurde nach dem Hauptmann Gussew umbenannt, aus Heiligenbeil wurde Mamonowo nach dem Führer des 331. Schützenregiments Nikolai Mamonow, dem hier ein Einbruch in stark befestigte deutsche Stellungen gelungen war, und Insterburg wurde nach Armeegeneral Tschernjachowski benannt, Oberbefehlshaber der 3. Weißrussischen Front, der hier sein Hauptquartier hatte und in der Nähe der Stadt Mehlsack gefallen war. Das berühmte Trakehnen wurde in Jasnaja Poljana (so hieß das Gut von Leo Tolstoi), aus Allenburg wurde Druschba (= Freundschaft), aus Gerdauen wurde Schelesnodoroschny (= Stadt der Eisenbahn).  Die Stadt Tapiau hieß jetzt Gwardejsk, die „Stadt der Garde“. Namenspate für Preußisch Eylau wurde Fürst Pjotr Bagration, der 1807 in dieser Stadt dem Angriff Napoleons widerstand und der später in der Schlacht bei Borodino fiel.

Qu.:  http://www.ostpreussen.net/index.php    (abgerufen 18.03.2022).

[8]Der Oblast Kaliningrad hat für Rußland unverändert große Bedeutung als Militärstützpunkt sowie als eisfreier Ostseehafen. In Kaliningrad ist heute die größte Fischereiflotte Rußlands stationiert. 1990 wurde das Königsberger Gebiet zur Sonderwirtschaftszone erklärt.