Rußland! 2. Teil

Thomas Engelhardt

fährt in seinen Betrachtungen über Rußland fort:

Nach außen (und ebenso in der Innenpropa-ganda) stellte sich Rußland und nicht weniger die Sowjetunion in der Vergangenheit stets als Friedensmacht dar.

Rußlands Ausdehnung (Bild: diercke.de)

Daß die Sowjetunion die auf Expansion orientierte Politik des zaristischen Rußland nicht nur fortsetzte, sondern perfektionierte und ausweitete, ist eine These, die belegt werden muß.

Hinsichtlich der staatsrechtlichen Organi-sation stellte die Sowjetunion als Nachfolge-staat des Zarenreichs den Zusammenschluß Rußlands und der von ihm kolonisierten und beherrschten Gebiete dar. Auch diese Inter-pretation ist eine These, die belegt werden müßte, was hier aber nicht Gegenstand der Betrachtung ist.

Nachstehend sollen lediglich Rußlands Kriege und Expansionen seit dem 18. Jahrhundert betrachtet werden.

Historiker differenzieren, wenn sie die Ge-schichte der Sowjetunion darstellen, in der Regel zwischen den Ereignissen und Abläufen des russischen Bürgerkrieges und der Sowje-tisierung der von der Roten Armee eroberten und besetzten Gebiete, die danach de facto annektiert und in den neuen Staatsverband der Union der Sowjetrepubliken[1] eingegliedert wurden.

Letztlich vollzogen die Sowjets, im Bürger-krieg als die „Roten“ bezeichnet, jedoch lediglich die geopolitischen Vorstellungen der russischen Eliten zu Beginn des 20. Jahrhun-derts. Diese Tatsache wird jedoch in der Regel außer Acht gelassen.

Eine Geschichte Rußlands soll hier nachste-hend nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Ebenso wenig können Einzelaspekte wie bei-spielsweise der Russische Bürgerkrieg be-handelt werden. Lediglich werden Eckpunkte genannt, die die These russischer Expansion der vergangenen 250 Jahre belegen.

Rußland fiel im Verlauf des 19. Jahrhundert aufgrund seiner wirtschaftlichen Rückstän-digkeit gegenüber den anderen europäischen Großmächten zunehmend zurück. Erst im Jahre 1861 – also rund 50 Jahre später als in Preußen – kam es zur Aufhebung der Leibei-genschaft, und die zunächst nur schleppend vorankommende Industrialisierung drang nur langsam bis in die russischen Provinzen bzw. Gouvernements vor.

Die in den ländlichen Gebieten vorherrschen-de Armut sowie der verlorene Krimkrieg von 1856 schürten die Unzufriedenheit der Be-völkerung, die sich überwiegend  aus der Bauernschaft zusammensetzte.

Einen Ausweg aus den prekären Verhältnissen sahen die Führungsschichten des zaristischen Rußland, insbesondere Adel und Militär, in der Expansion des Landes nach Süden und nach Osten.

Aufgrund der beschriebenen Verhältnisse wurde in  der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hunderts die  kontinentale Ausdehnung des Russischen Reichs über die bestehenden Grenzen hinaus erweitert.

Das mit dieser geplanten Expansion verbun-dene Hauptziel war, neue Absatzmärkte für russische Erzeugnisse zu schaffen, bevor andere Mächte

  • (das Osmanische Reich in der Kaukasusregion,

  • das Vereinigte Königreich (Großbritannien) in Zentralasien,

  • das Kaiserreich China in Turkestan (heute Kasachstan) und

  • Ost-Turkestan und in der Mandschurei bzw. ab 1871 das Deutsche Reich ebenfalls in der Mandschurei )

diese Gebiete an den Grenzen Rußlands vollständig kontrollieren würden.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte Rußland enorme Auslandsschulden angehäuft, und die Expansion und Gebietserweiterungen in Ost-asien (Mandschurei, Ferner Osten) dienten der Aufgabe, mittels Absicherung von Roh-stoffimporten und forcierten Kapital- und Warenexports die Industrialisierung voranzu-treiben, die bis zu diesem Zeitpunkt überwie-gend durch Auslandskapital finanziert wor-den war.

Auf diese Art und Weise sollten langfristig die russischen Auslandsschulden beglichen wer-den können. Die langfristige Erschließung von Absatzmärkten und deren Sicherung, die

„friedliche Durchdringung“ ökonomisch unentwickelter und machtentleerter Territorien … [dienen] der  Stärkung der imperialen Position des Zarenreiches.“[2]

Heute, ein Jahrhundert nach der Liquidierung des Zarenreichs, sieht sich Rußland geopoli-tisch in der Defensive und aufgrund der Ge-bietsverluste als Folge des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums als Verlierer. Finnland und das Baltikum gehören nicht mehr zum russischen Einflußbereich.

Historisch betrachtet aber waren die Grenzen des russischen Zarenreichs bis zum Jahr 1917 weit über die eigentlichen Grenzen des histo-rischen Rußland hinausgeschoben.

Und in der Zeit der sowjetischen Herrschaft gelang es mittels Ultimaten, Verträgen und militärischer Erpressung oder Besetzung noch einmal, die Grenzen des Imperiums auf Ko-sten der Nachbarstaaten entscheidend zu er-weitern. Nahezu alle Nachbarstaaten wurden zu Gebietsabtretungen gezwungen[3] oder 1944/1945 erobert und besetzt[4] und dann die Grenzen verschoben.

Fortsetzung folgt

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Anmerkungen

[1]  Als Union der sozialistischen Sowjetrepubliken am 30. Dez. 1922 gegründet. Gründerstaaten:  Sowjet-Rußland (einschl. Turkestan und Kirgisische (= Kasachische) Autonome Republik), Ukrainische Sowjetrepublik, Weißrussische Sowjetrepublik, Transkaukasische Föderative Sowjetrepublik.

[2]  Qu.: Dietrich Geyer, Der russische Imperialismus. Studien über den Zusammenhang von innerer und auswärtiger Politik 1860-1914 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 27). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977.

[3]   Gebietsabtretungen leisteten Finnland, Polen, die Slowakei, Ungarn (Karpatoukraine), Rumänien. Litauen, Estland und Lettland wurden annektiert, ebenso die Moldau (Bessarabien, jetzt Moldauische Republik).

[4]Sowjetische Besatzungszone Deutschlands, Polen, Tschechei, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien.