Roosevelts Krieg – Folge 3

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Gerhard Bracke

Roosevelts Krieg und das geschichtspolitische Problem seiner Akzeptanz

Trotz seiner „Germany first“- Strategie richtete Roosevelt deshalb sein Augenmerk auf die Möglichkeit, durch die „Hintertür“ im pazifischen Raum schließlich auch im Atlantik zum Ziel zu kommen.

„Backdoor to War“

Die Hintertür zum Kriege – Das Drama der internationalen Diplomatie von Versailles bis Pearl Harbor,

lautet der Titel des bereits in den 50er Jahren auch in Deutschland veröffentlichten Buches von Charles Callan Tansill, Professor für Geschichte der amerikanischen Diplomatie an der Georgetown University in Washington.

Das Buch eines hervorragenden Kenners der Diplomatiegeschichte übt scharfe Kritik an der Missions- und Kreuzzugspolitik Amerikas.

Der Titel zielt auf den eigentlichen Beginn des Zweiten Weltkrieges am 7. Dezember 1941, als japanische Trägerflugzeuge die im Hafen von Pearl Harbor wie auf dem Präsentierteller liegende amerikanischen Pazifik-Flotte überraschend angriffen, was den offiziellen Kriegseintritt der USA auslöste.

Im Gegensatz zum deutschen „Blitzkrieg“ 1939/40 war Roosevelts Krieg in seinen Anfängen so unauffällig, daß man ihn in den Geschichtsbüchern vergeblich sucht.

Dieser Krieg hat aber im Grunde nicht erst im Dezember 1941 als Reaktion auf den japanischen Angriff begonnen, auch nicht im Juni 1940 als Reaktion auf den deutschen Blitzsieg in Frankreich oder im September 1939 als Reaktion auf den Polenfeldzug, sondern bereits acht Monate vorher, nämlich

am 4. Januar 1939!

An diesem Tage setzte Roosevelt die gesamte amerikanische Flotte von der kalifornischen Küste Richtung Panama-Kanal in Bewegung.

Der 4. Januar war nicht zufällig der Tag vor Hitlers letztem Versuch, sich mit dem polnischen Außenminister Beck friedlich zu einigen. Es war die erste rein militärische Operation der Vereinigten Staaten vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, die nachweisbar ist, Roosevelts zeitlich genau auf die europäische Krise abgestimmter Eröffnungszug. (24)

Es schlossen sich mit den neu in Dienst gestellten Flugzeugträgern und Schlachtschiffen die amerikanischen Flottenmanöver des Jahres 1939 in der Karibik an, als machtvolle Demonstration ihrer Beweglichkeit und Schlagkraft.

Roosevelt präsentierte demonstrativ sein zukunftweisendes Konzept der Seekriegsführung.

Ab Januar 1939 wuchs das Kraftfeld Amerikas immer weiter in den Atlantischen und den Pazifischen Ozean hinein.

Inzwischen gelang den Amerikanern, den diplomatischen Purpur-Code der Japaner zu knacken.

Der Präsident der Vereinigten Staaten konnte somit anhand der MAGIC-Transkripte den Schriftverkehr zwischen der Regierung in Tokio und den diplomatischen Vertretungen in aller Welt mitlesen.

Von nun an wechselte Amerika seine Beziehungen zu Japan zwischen Scheinverhandlungen, etwa in der China-Frage, und Exportbeschränkungen für bestimmte Güter.

Am 27. Mai 1941 rief der Präsident den nationalen Notstand aus

und gab am 9. Juli die Weisung für die Erarbeitung des VictoryProgramms.

Am 24. Juli ließ er die japanischen Guthaben in den USA einfrieren, und damit eröffnete sich gleichzeitig

im Pazifik eine Hintertür, durch die er doch noch in den Krieg schlüpfen konnte. (25)

Auch Kriegsminister Henry Stimson und Finanzminister Morgenthau drängten den Präsidenten zum Krieg. 

Durch das rein amerikanische Konvoi-System gelang eine dramatische Verstärkung der Flottenpräsenz im Atlantik, die nach den Worten des Generalstabschefs der US-Navy, Admiral Starks,

uns fast sicher in den Krieg verwickeln würde.

Auf der Atlantik-Konferenz im August 1941 mit dem Ergebnis der „Atlantik-Chartaversprach der amerikanische Präsident dem britischen Premierminister Churchill, selbst dann demnächst in den Krieg (aktiv) einzutreten, wenn Japan die USA nicht angreifen würde. (26)

Roosevelt (Foto: usnews.com)

Es kam jetzt nur noch darauf an, Japan zum Angriff zu provozieren.

  • Deshalb suchte Präsident Roosevelt in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 nach Mitteln und Wegen für den offenen, uneingeschränkten und vor der Nation gerechtfertigten Kriegseintritt.
  • Immerhin hatte er sich zwei Jahre lang vergeblich bemüht, Deutschland durch eine militärische Eskalation zum Angriff auf die USA zu provozieren.
  • Seit dem Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion erkannte Roosevelt in der Bündnisverpflichtung des Drei-Mächte-Paktes Ende 1941 zumindest theoretisch eine Chance, Deutschland auf dem Umweg über Japan in einen offenen Krieg gegen die USA hineinzuziehen.

Auch in dem unerklärten Krieg gegen Japan leitete Roosevelt in den Septembertagen 1941 seine aggressive und offensive Phase dadurch ein, daß die ersten B-17-Bomber zur Verteidigung heimlich auf die Philippinen verbracht wurden, um in Wirklichkeit die Luftherrschaft über dem Südchinesischen Meer erringen und Japans Städte angreifen zu können.

Beide Häuser des Kongresses revidierten jedenfalls am 7. und 13. November 1941 auf Antrag des Präsidenten die Neutralitätsgesetze, womit die USA auch formal auf einen Kriegseintritt vorbereitet wurden.

Die wirtschaftliche Quarantäne ließ Japan bis Ende September noch einige Schlupflöcher, doch ließ Roosevelt durch entsprechende Abmachungen mit britischen und niederländischen Stellen den Ölhahn so endgültig zudrehen, „daß sich Japan von nun an in einem tödlichen Würgegriff befand.“ (27)

Bis November versuchte Amerika die Japaner noch von aggressiven Aktionen mit Scheinverhandlungen abzulenken, aber für Roosevelt lautete die entscheidende Frage auch Ende November noch,

wie wir sie (die Japaner) in eine Position manövrieren können, in der sie den ersten Schuß abfeuern, ohne daß dies mit allzu großen Gefahren für uns verbunden ist. (28)

Vor seinem engsten Führungskreis äußerte sich Roosevelt mit aller Deutlichkeit am 25. November:

Wenn man weiß, daß der Feind im Begriff ist zuzuschlagen, dann ist es im allgemeinen nicht gerade klug, zu warten, bis er einen überraschend anspringt.

Wenn wir es aber trotz des darin liegenden Risikos den Japanern überlassen würden, den ersten Schuß abzufeuern, dann würden wir das tun, um der vollen Unterstützung des amerikanischen Volkes sicher zu sein.

Aus diesem Grunde wäre es ratsam, sicherzustellen, daß es die Japaner waren, die den Anfang machten, so daß es für niemand einen Zweifel geben kann, wer der Angreifer gewesen ist.“ (28)

Vorsorglich hatte der Präsident bereits im April 1940 seine Pazifik-Flotte nach Hawaii vorgeschoben und gegen den verzweifelten Widerstand seiner Admiräle im Hafen von Pearl Habor versammeln lassen.

Er war schließlich zu der Überzeugung gekommen, nur ein erfolgreicher Angriff der Japaner auf Pearl Harbor werde die Amerikaner, denen er auf Wahlveranstaltungen wiederholt feierlich versprochen hatte, ihr Land nicht in den Krieg hineinzuziehen, zu einem einhelligen Sturm der Entrüstung bringen und kriegsbereit machen.

  • Der damalige Befehlshaber der Pazifik-Flotte, Admiral James O. Richardson, protestierte energisch in der Erkenntnis, daß die Marinebasis auf der Insel Oahu noch nicht vorbereitet war, eine so große Flotte für längere Zeit aufzunehmen.
  • Auch sein Nachfolger (Richardson mußte gehen), Admiral Husband E. Kimmel, machte Roosevelt gegenüber im Juni 1941 dieselben Bedenken geltend: Die Pazifik-Flotte sei in dieser exponierten Lage und unter den gegebenen Umständen bei feindlichen Angriffen aus der Luft und unter Wasser wehrlos.
  • In der Tat schien das Ganze einer stillschweigenden Einladung an die Japaner gleichzukommen, bei passender Gelegenheit einen vernichtenden Schlag durchzuführen.
  • Nicht weniger als acht Untersuchungsausschüsse haben sich später in Washington bemüht, das Geschehen um den japanischen Angriff auf Pearl Harbor in seinen Hintergründen aufzuklären.
  • Immerhin waren große Teile der Pazifik-Flotte vernichtet oder beschädigt worden, fanden insgesamt 2326 amerikanische Offiziere und Matrosen den Tod.

Um nur einiges zu nennen: Zu den zweifelsfreien Tatbeständen gehört, daß Roosevelt auf der Konferenz der Alliierten in Teheran 1943 zu Stalin gesagt hat:

Ohne Pearl Harbor wäre es ihm unmöglich gewesen, in diesem Krieg amerikanische Truppen nach Europa zu schicken.

Er hat damit zugegeben, daß es des japanischen Angriffs bedurfte, um den Sieg über Hitler herbeizuführen.

Er hat also den inneren Zusammenhang zwischen seinen beiden Teilkriegen im Pazifik und Atlantik selbst bestätigt. (29)

Tatsache ist außerdem, daß der Befehlshaber der Marinestation Hawaii, Admiral Kimmel, und der Befehlshaber des Armeeaußenkommandos Hawaii, General Walter C. Short, dem japanischen Überraschungsangriff völlig wehrlos ausgesetzt waren, denn ihre Vorgesetzten bis hinauf zum Präsidenten hatten es „versäumt“, sie rechtzeitig und umfassend zu warnen.

Auch verfügten sie nicht über die erforderlichen Abwehrmittel.

Aber noch nie in der Geschichte war ein Oberbefehlshaber so vollkommen über die Absichten seines nächsten Kriegsgegners  unterrichtet wie Roosevelt, dank der seit 1940 gelungenen Entschlüsselung des diplomatischen Funkverkehrs der Japaner.

Von den verfügbaren Entschlüsselungsmaschinen, die den japanischen Purpur-Code lesen konnten, stand wohl den Befehlshabern der amerikanischen Marine und der Armee auf den Philippinen ein Gerät zur Verfügung, nicht hingegen Admiral Kimmel und General Short auf Hawaii.

Diese konnten sich von der sich zuspitzenden Krise in den amerikanisch-japanischen Beziehungen kein Bild machen.

Kimmel, der bis August aus Washington gelegentlich MAGIC-Meldungen erhalten hatte, wurde just zu dem Zeitpunkt von diesem entscheidenden Informationsfluß abgeschnitten, als das Ölembargo der USA zu wirken begann. (30)

Konteradmiral a.D. Husband E. Kimmel schrieb dazu im Dezember 1953:

Die Befehlshaber in Pearl Harbor erhielten niemals Kenntnis vom Wortlaut oder auch nur eine summarische Wiedergbe der amerikanischen Note, die dem japanischen Botschafter am 26. November 1941 übergeben wurde, dieser Note, die allen weiteren Verhandlungen ein Ende machte, so daß der Krieg im Pazifik unvermeidlich wurde. […]

Während der letzten drei Monate vor dem Angriff wurden mir verschiedene Abhörberichte nebensächlicher japanischer Sendungen zugeleitet, aber eine große Zahl lebenswichtiger Nachrichten, die Klarheit über die japanischen Absichten brachten, wurden den kommandierenden Offizieren in Pearl Harbor vorenthalten, im besonderen … (es folgen Einzelheiten). (31)

Das 1981 erschienene Buch „Pearl Harbor“ von Peter Herde gilt heute noch als internationales Standardwerk, durch das die Meinung weit verbreitet ist, Roosevelt habe vorher von dem japanischen Angriff doch nichts gewußt.

Der Verfasser muß jedoch zugeben, den Eindruck gewonnen zu haben, daß einige mit Pearl Harbor befaßten Offiziere vor den späteren Untersuchungen „unter Druck gesetzt“ worden seien,  nicht die volle Wahrheit zu sagen.

Offenbar wurden wichtige Dokumente vernichtet, oder sie werden, wie andere Autoren erfahren haben, bis heute der Forschung vorenthalten.

Dirk Bavendamm stellt klar, daß er Herdes Auffassung von Roosevelts Ahnungslosigkeit nicht teilt.

Im Gegenteil, durch die hier zum ersten Mal geschilderte Krise seiner globalen Strategie sind wir zu der Überzeugung gelangt:

In der schier ausweglosen Situation des zweiten Halbjahres 1941 hat Präsident Roosevelt den Einstieg in den Krieg bewußt über Pearl Harbor gesucht – es war der einzige Weg, auf dem er glaubte, die Selbstlähmung der angelsächsischen Seemächte überwinden, Rußland vor der Niederlage bewahren und die amerikanische Nation von der Notwendigkeit des Kriegseintritts überzeugen zu können. (32)

Auch wenn letzte Beweise nicht zu erbringen sein dürfte, faßt Bavendamm zusammen,

spricht doch eine überwältigende Evidenz dafür, daß er einen Teil seiner Pazifik-Flotte kaltblütig, das heißt im vollen Bewußtsein der Folgen geopfert hat,

nur um endlich mit voller Wucht weltweit gegen Deutschland, Italien und Japan Krieg führen zu können.

Dafür sprechen auch seine ersten Reaktionen auf das Desaster, das für ihn offenbar gar kein Desaster war, sondern vielleicht sogar eine Erlösung. (33)

Am 8. Dezember 1941 unterschrieb der amerikanische Präsident  die Kriegserklärung an Japan.

Und obwohl die Beistandsklausel des Dreimächtepaktes Deutschland in diesem Falle nicht ausdrücklich dazu verpflichtete, erklärte Hitler ebenfalls am 8. Dezember vor dem Reichstag in der Berliner Krolloper den USA den Krieg.

Erneut war das Deutsche Reich in einen Weltkrieg verwickelt, der, wie Gerd Schultze-Rhonhoff mit Recht betont, „viele Väter hatte“.

Deutschland war seit dem 3. September 1939 in eine Lage geraten, vor der General Erich Ludendorff zwei Jahre zuvor Hitler dringend gewarnt hatte, ausdrücklich mit dem Hinweis auf die Rolle der Vereinigten Staaten, die sich in einem neuen Krieg noch viel verheerender auswirken würde als im Ersten Weltkrieg.

wird fortgesetzt

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Anmerkungen

24 Bavendamm, a.a.O., S. 375
25 Ders., a.a.O., S. 397
26 Ders., a.a.O., S. 398 Anm. 8
27 Ders., a.a.O., S. 405
28 Stimson Tagebuch 25.11.1941, Bavendamm, a.a.O., S. 406
29 Bavendamm, a.a.O., S. 409
30 Ders., a.a.O., S. 410
31 Admiral Kimmels Vorwort zu „Das letzte Geheimnis von Pearl Harbor“ von Konteradmiral a.D. Robert A. Theobald, „The Final Secret of Pearl Harbor“, New York 1963 (deutsche Übersetzung), S. 7
32 Bavendamm, a.a.O., S. 420
33 Ders., a.a.O., S. 423 George Morgenstern: Pearl Harbor 1941 Eine amerikanische Katastrophe, hrsg. und ins Deutsche übertragen von Walter Post München 1998 Titel der Originalausgabe: Pearl Harbor The Story of the Secret War (1947)