Robert Schumann (1)

Die Wurzeln, Kindheit und Jugend

Das Wetter war fürchterlich am 8.ten Juni, doch unsere Seelen lebten im herrlichsten Sonnenschein, und so war es schon gut. Oh, wir waren sehr selig diesen Tag, und ich danke Gott innig, daß er uns diesen ersten 8ten Juni unserer Ehe so glücklich verleben ließ, und vor Allem mir und der Welt einen so lieben ausgezeichneten Menschen schuf.[1]

Als Clara Schumann diese Worte 1841 ins „Ehetagebuch“ eintrug, war sie mit ihrem Robert noch keine 9 Monate verheiratet. Mit ihrer Hochzeit einen Tag vor Claras Geburtstag, am 12. September 1840, hatte ihre Künstler-Ehe ihren Anfang genommen, eine Ehe, die wohl einerseits erfüllte, was Robert gewünscht hatte:

Die Nachwelt soll uns ganz wie ein Herz und eine Seele betrachten–,

eine Ehe andererseits voller Schmerzen bis hin zur Tragik, eine Ehe aber auch, die einzigartig in der deutschen Kulturgeschichte dasteht.

Robert Schumann wurde

vor 200 Jahren, am 8. Juni 1810, in Zwickau

als jüngstes Kind seiner Eltern Christiane und August Schumann geboren. Vier Geschwister waren ihm vorangegangen: Emilie (1796), Eduard (1799), Carl (1801) und Julius (1805). Das Nesthäkchen Robert aber, das „schöne Kind“, wurde von allen besonders geliebt.

In der Schule war Robert ein

mäßiger Kopf, mehr träumerisch und unachtsam,

erinnert sich Schumanns Schul- und Studienfreund Emil Flechsig, der später die Dichtung aus „Lalla Rookh“ von Thomas Moore bearbeitete, zu der Schumann die Musik komponierte für Soli, Chor und Orchester op. 50 „Das Paradies und die Peri“. Und Flechsig fügt hinzu, daß ihm bald Schumanns

absolute Gewißheit (auffiel), künftig ein berühmter Mann zu werden – worin berühmt, das war noch sehr unentschieden, aber berühmt unter allen Umständen.

Eine

wahnsinnige Vorliebe, für geniale Menschen

soll er bereits als Kind gezeigt und

mit scheuer Ehrfurcht

schon in seiner Jugendzeit die Bedeutung Hölderlins erkannt haben, lange bevor dieses damals in geistiger Umnachtung lebende Genie allgemein anerkannt worden war.

Seine beiden Begabungen

Er hatte das Glück, in seinem

Vater

(geboren 1773) einen Liebhaber der Literatur vorzufinden. Der hatte schon mit 26 Jahren im ostthüringischen Ronneburg eine Buchhandlung gegründet, die er gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich 1807 nach Zwickau verlegte und der die Brüder einen Verlag angliederten, dessen Erfolg sich alsbald einstellte und die Familie zu Wohlstand brachte.

Denn die Brüder erreichten breite Leserschichten mit der Herausgabe von „Billigausgaben klassischer Literatur, Periodika und enzyklopädischer Literatur, u. a. ein 18-bändiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen und eine Bildergalerie der berühmten Menschen aller Völker und Zeiten …“[2]

So wundert es nicht, daß Robert sich schon früh als schriftstellerisch begabt zeigen konnte. Schon als 14-Jähriger lieferte er Textbeiträge zur „Bildergalerie“. Diese Begabung hatte er offensichtlich von seinem Vater geerbt, der selbst Romane und Novellen verfaßte und Werke Byrons übersetzte. Hier war Robert also bereits die Richtung für einen Lebensberuf vorgegeben.

Er geriet aber für Jahre seiner Jugendzeit mit seiner anderen – wohl von seiner Mutter vererbten –, der musikalischen Begabung in Zweifel, welchen Weg er gehen sollte: den des Literaten oder den des Musikers. Seine

Mutter

Christiane stammte aus Zeitz, wo sie als Tochter des Stadtchirurgen Abraham Gottlob Schnabel in eine zwar kleinstädtisch geprägte, aber gutsituierte Familie hineingeboren worden war. Zu ihren Vorfahren gehört Robert Schumanns Urgroßvater Carl Heinrich Lessing, ein Musiker und Vetter zweiten Grades von Gotthold Ephraim Lessing.

Christiane selbst galt als hochmusikalisch, ohne allerdings selbst ein Instrument zu spielen – eines der unzähligen weiblichen Schicksale, wo Fähigkeiten durch Vernachlässigung vertan wurden. Christiane diente und verbrauchte sich als Ehefrau im Familienunternehmen „in tausend ohne Murren durchwachten Nächten“.

Robert war äußerst fleißig.

Er nutzte die elterliche Bibliothek, um die Weltliteratur kennenzulernen, wobei er die „belletristischen Sachen“ bevorzugte. Deren freiheitlicher Geist kam seiner Seele entgegen.

Seine musikalischen Fähigkeiten professionell auszubilden, war nicht so einfach. Es fehlte in Zwickau an geeigneten Lehrern. Mit 7 Jahren bekam er seinen ersten Klavierunterricht.

Sein Lehrer erkannte Roberts überragende Begabung, fühlte sich ehrlicherweise als nicht befähigt, Schumann zu fördern, und empfahl ihm, sich allein weiterzubilden. Das tat Robert Schumann mit dem gleichen Eifer, mit dem er sich seine Literaturkenntnisse erworben hatte.

Er studierte die Opern Mozarts und Rossinis, schrieb Variationen darüber, erlangte ein beachtliches Können im Vom-Blatt-Spiel und im Improvisieren.

Robert soll schon damals fähig gewesen sein,

Gefühle und charakteristische Züge mit Tönen zu malen. Er soll das verschiedene Wesen um ihn herumstehender Spielkameraden durch gewisse Figuren und Gänge auf dem Piano so präcis und komisch haben bezeichnen können, daß jene in lautes Lachen über die Ähnlichkeit ihre Portraits ausgebrochen seien.

So fing

der 14-jährige Autodidakt

zu komponieren an. Sein Wesen soll sich in diesem Alter grundlegend verändert haben. Der muntere, offenherzige Knabe wurde träumerisch, still, in sich gekehrt.

Ob man gleich oft mit ihm zusammen gewesen ist, kann man doch eigentlich nicht viel von seinem innern Wesen sagen, er war nicht so klar und offen, daß er sich ganz decouvrirt hätte und durchsichtig geworden wäre,

berichtet später sein Leipziger Studienfreund Eduard Röller, was Schumanns erster Biograph und Zeitgenosse Wasielewski aufgezeichnet hat.[3]

Schumann selbst notiert 1828 in sein Tagebuch:

Es macht mir Spaß, einen lichten Schleyer über meine Seele zu werfen u. die beobachtenden Menschen auf d. Glatteis zu führen.

Dieses Verhalten behielt er bei, ja überzüchtete es bis zur völligen Schweigsamkeit in gesellschaftlicher Runde, was so manchen Besucher bei den Schumanns unangenehm berührte.

Er begann zudem mit seiner intensiven Selbstbeobachtung, wobei er bei sich – wohl wirklich zutreffend – entdeckte:

Vorzüglich stark ausgebildet sind Organe der Vorsicht, – Ängstlichkeit, die sogar meinem Glück im Wege stünde, – der Musik, der Dichterkraft – edlen Strebens – großen künstlerischen, aber edlen Ehrgeizes – großer Wahrheitsliebe – großer Redlichkeit – großen Wohlwollens – ,Gemüth durch und durch‘ – Formensinn – Bescheidenheit – Festigkeit –[4]

Mit 16 Jahren schrieb er in sein Tagebuch:

Was ich eigentlich bin, weiß ich selbst noch nicht klar. Phantasie, glaub ich, hab ich, und sie wird mir auch von keinem abgesprochen. Tiefer Denker bin ich nicht; ich kann niemals logisch an dem Faden fortgehen, den ich vielleicht gut angeknüpft habe. Ob ich Dichter bin – denn werden kann man es nie – soll die Nachwelt entscheiden. Es ist sonderbar, daß ich da, wo meine Gefühle am stärksten sprechen, aufhören muß, Dichter zu sein.[5]

Und 1828 kommt der 18-Jährige zu der Erkenntnis:

Die politische Freiheit ist vielleicht die eigentliche Amme der Poesie: sie ist zur Entfaltung der dichterischen Blüten am meisten notwendig; in einem Lande, wo Leibeigenschaft, Knechtschaft etc. ist, kann die eigentliche Poesie nie gedeihen: ich meine die Poesie, die in das öffentliche Leben entflammend und begeisternd tritt.[6]

Das sind bereits reife Einsichten. Auf seiner Suche nach „hohen Idealgestalten“, wie er sie besonders bei dem Dichter Jean Paul gefunden und lieben gelernt hatte, geriet er 1830 an den erfolgreichen, weithin anerkannten Klavierlehrer Friedrich Wieck, den er für eine „romantische Figur“ hielt. Wie sehr er sich hier irrte, sah er sehr bald ein, als er in die Wiecksche Wohnung in der Grimmaischen Gasse 36 in Leipzig als Untermieter eingezogen war.

Sein Vater, der Roberts musikalische Bestrebungen stets unterstützt hatte, war 1826 gestorben. Seine Mutter hätte lieber gesehen, daß Robert Jura studiert hätte. Robert war noch unentschlossen, verbrachte ein Jahr in Heidelberg, reiste von dort nach Italien, komponierte die „Abegg-Variationen“ und Teile der „Papillions“, eine Folge musikalischer Miniaturen für Klavier, rauchte, trank mit Vorliebe – und oft zu viel – Champagner und verliebte sich mehrmals heftig. Möglich, daß er sich schon damals mit der Syphilis infizierte, die ihm – unerkannt – noch in jungen Jahren und fortan immer schwerer zu schaffen machen und ihn schließlich zerstören sollte.

Ende August 1830 schrieb er – nach Leipzig zurückgekehrt – seiner Mutter:

Mein ganzes Leben war ein zwanzigjähriger Kampf zwischen Poesie und Prosa, oder nenn es Musik und Jus … In Leipzig hab ich unbekümmert um einen Lebensplan so hingelebt, geträumt, geschlendert und im Grunde nichts Rechtes zusammengebracht; hier hab ich mehr gearbeitet, aber dort und hier immer innig und inniger an der Kunst gehangen. Jetzt steh ich am Kreuzwege, und ich erschrecke bei der Frage: wohin? – Folg ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst, und ich glaube, zum rechten Weg. Aber eigentlich – nimm mir’s nicht übel, und ich sage es Dir nur liebend und leise – war mir’s immer, als verträtest Du mir den Weg dazu …

Die Mutter war tief enttäuscht, wie auch der Vormund und die Geschwister zweifelten, ob der verwöhnte, sprunghafte Robert den richtigen Weg wählte. Die Mutter holt – auf Roberts Wunsch – Erkundigung und Rat bei Friedrich Wieck ein:

… Beinahe drei Jahre hat er nun studirt und viel, sehr viel gebraucht – jetzt, wo ich glaubte, daß er balde am Ziel steht, sehe ich ihn wieder einen Schritt thun, wo er wieder anfängt, sehe, wenn die Zeit errungen ist, wo er sich zeigen kann, daß sein ganzes unbedeutendes Vermögen dahin ist, und er dann immer noch von Menschen abhängt, und ob er Beifall erhält – Ach! ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie niedergedrückt, und wie traurig ich bin, wenn ich mir die Zukunft des Robert denke, er ist ein guter Mensch, die Natur gab ihm Geistesgaben, was Viele mit Mühe erringen müssen, kein unangenehmes Aeußere, – so viel Capital, ohne Sorgen sein Studium zu verfolgen, wovon noch, ehe er sich selbst erhalten konnte, so viel bleiben konnte, daß er anständig leben konnte, und jetzt will er auf einmal in ein Fach einschlagen, was er vor 10 Jahren hätte anfangen sollen…

Hatte sie von ihrem Standpunkt aus nicht recht?

Wieck antwortete:

Ich mache mich anheischig, Ihren Sohn, den Robert, bei seinem Talent und seiner Phantasie binnen 3 Jahren zu einem der größten jetzt lebenden Klavierspieler zu bilden.

Diese starken Worte unterstrich er, indem er Frau Schumann zugleich seine strengen Anforderungen an Robert darlegte: ein Jahr lang täglich eine Stunde Klavierunterricht bei ihm und „die trockene kalte Theorie, mit allem, was daran hängt“ bei Weinlich, dem Lehrer, bei dem schon Richard Wagner studiert hatte.

Wird unser liebenswürdiger Robert jetzt anders, besonnener – fester – kräftiger und darf ich’s sagen – kälter und männlicher sein?

Er ließ auch einigen Zweifel durchblicken, ob Robert die nötige Selbstdisziplin aufbringen würde, wenn er, Wieck, mit seiner Tochter Clara auf Konzertreisen und Robert somit zu Hause ohne Kontrolle sei. Als Musiker werde er später nicht darum herumkommen, sein Einkommen mit Stundengeben aufzubessern. Würde Robert dazu bereit sein?

Der erklärte darauf seinem Klavierlehrer – wiederum schriftlich:

Glauben Sie mir, ich bin bescheiden … aber ich bin auch mutig, geduldig, vertrauensvoll und bildsam. Ich vertraue Ihnen ganz und gebe mich Ihnen ganz.

(Fortsetzung folgt)


[1] Clara Schumann in ihrem Eintrag ins „Ehetagebuch“ 1841, Ehetagebücher, Herausgegeben von Gerd Nauhaus und Ingrid Bodsch, Stroemfeld 2007, S. 82
[2] Arnfried Edler, Robert Schumann und seine Zeit, Laaber 2008, S. 290
[3] Wilhelm Joseph von Wasielewski, Robert Schumann. Eine Biographie. Dresden 1858, entnommen Edler, Robert Schumann, a. a. O., S. 292
[4] Edler, a. a. O., S. 294
[5] Höcker, a. a. O., S. 15
[6] Karla Höcker, Clara Schumann, dtv 1978, S. 16

Schrifttum:

  1. Arnfried Edler, Robert Schumann und seine Zeit, Laaber-Verlag 2008
  2. Karla Höcker, Clara Schumann, dtv, 3. Auflage 1981
  3. Nancy B. Reich, Clara Schumann, rororo 1997
  4. Clara Schumann, … daß Gott mir ein Talent geschenkt, Clara Schumanns Briefe an Hermann Härtel und Richard und Helene Schöne, hrg. von Monica Steegmann, Atlantis Musikbuch-Verlag 1997
  5. Clara Schumann/Johannes Brahms Briefe, Im Auftrage von Marie Schumann herausgegeben von Berthold Litzmann, Leipzig 1927
  6. Eugenie Schumann, Erinnerungen, Stuttgart 1927
  7. Robert und Clara Schumann, Ehetagebücher, herausgegeben von Gerd Nauhaus und Ingrid Bodsch, Bonn 2007