Robert Schumann (3)

Schumann als „Davidsbündler“

Das Jahr 1830 hatte die Julirevolution in Frankreich gesehen. Die reaktionäre Politik König Karls X. mit dem Ziel, die Vorherrschaft des Adels wiederherzustellen und das Parlament aufzulösen, führte zum Aufstand der Pariser Handwerker, Arbeiter und Studenten, die den König zur Abdankung zwangen, damit zum endgültigen Sturz der Bourbonen in Frankreich und zur erneuten Machtergreifung des (Geld-)Bürgertums unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philipp.

Robert Schumann, von Kindheit an

in freiheitlichem Geiste aufgewachsen,

notierte in sein Tagebuch ein

Französisches Vaterunser nach dem Straßburger Original,

das er mit den Zeilen begann:

Unser gewesener König, der du bist ein Hallunke, dein Name werde verwünscht …

Schon 2 Jahre zuvor war Schumann in München Heinrich Heine begegnet, von dem er sehr angetan war und zu dessen Gedichten er später einen ganzen Liederzyklus komponieren würde. Aber letztlich mißfiel ihm an Heine wie auch an andern Schriftstellern jener Zeit das

Wühlen im Schlechten der Gegenwart ohne „Auflösung“.

Heine hatte den „großen Weltriß“, der auch durch sein Herz ging, beschrieben. Schumann dagegen trat dafür ein, daß auch dieser Riß heilbar sein müsse und „Widersprüche … durchschaut und versöhnt“ werden könnten:

Schmerzen im Leben sind wie Dissonanzen in der Musik; sie haben großen Reiz; aber man verlangt doch nach der Auflösung.

So sieht er mit Sorge die tiefe Kluft zwischen Heines Ironie und dem Humor Jean Pauls, seines Lieblingsdichters. Ironie betrachtet die Mißlichkeiten des Lebens mit einer gewissen kalten Bitterkeit, der Humor dagegen läßt liebende Nachsicht durchschimmern.

Schleicht sich aber schon die Ironie in unsere Kunst, so ist wahrhaft zu befürchten, sie stehe ihrem Ende wirklich so nahe, als manche vermuten, wenn anders kleine lustige Kometen das größere Sonnensystem aus seiner Ordnung zu bringen vermöchten,

notierte Schumann 1836. Zwei Jahre zuvor hatte er mit einem Freundeskreis, den „Davidsbündlern“, die

Neue Zeitschrift für Musik

gegründet, deren Chefredakteur und Eigentümer er Ende des Jahres 1834 wurde. Darin haben die Autoren Phantasienamen. Schumann verfügte über zwei: Florestan und Eusebius, die seine zwei Seelen in seiner Brust verkörperten, die kämpferische und die verträumte.

Mit der Zeitschrift wollte Schumann gemeinsam mit seinen Mitarbeitern gegen „die damaligen musikalischen Zustände in Deutschland“ zu Felde ziehen, Zustände, die er so beschreibt:

Auf der Bühne herrschte noch Rossini, auf den Klavieren fast ausschließlich Herz und Hünten. Und doch waren nur erst wenige Jahre verflossen, daß Beethoven, Carl Maria von Weber und Franz Schubert unter uns lebten …

Mit den Namen kennzeichnete er den Absturz des Musikbetriebes von einstiger Gottverbundenheit zu oberflächlicher Lustbarkeit und Effekthascherei.

Da fuhr denn eines Tages der Gedanke durch die jungen Brauseköpfe: laßt uns nicht müßig zusehen, greift an, daß es besser werde, greift an, daß die Poesie der Kunst wieder zu Ehren komme. So entstanden die ersten Blätter einer “Neuen Zeitschrift für Musik“.

10 Jahre lang redigierte Robert Schumann die Zeitschrift. Daß er neben dem dafür notwendigen Arbeitsaufwand noch Zeit zum Komponieren fand, ist ganz erstaunlich. Der Zeitschrift verdanken wir heute viele wichtige musikgeschichtliche Einblicke.

Hier kamen Schumanns schriftstellerische Begabung wie auch seine Erfahrungen zum Zuge, die er im elterlichen Verlagshaus gesammelt hatte. Bald verfügte er über einen Stab tüchtiger Mitarbeiter, die aus allen wichtigen Musikstädten Europas Bericht erstatteten. Doch die meisten Beiträge stammten von ihm selbst, einem musikalischen Fachmann, dessen Urteile besonderes Gewicht hatten.

So verdammte Robert Schumann 1836 in seiner Rezension die neuerschienene Oper Meyerbeers Die Hugenotten in aller Schärfe. Nachdem er im Gegensatz dazu 1837 Mendelssohns Oratorium Paulus im Zwickauer Mariendom gehört hatte, notierte er in sein Tagebuch bezüglich Meyerbeers Oper:

Gesamtverzeichnis aller Mängel und einiger weniger Vorzüge seiner Zeit

und nannte Mendelssohns Oratorium das Werk des

Propheten einer schönen Zukunft.

Schumann hatte sich entschieden: Er war

des Wortes “Romantiker” von Herzen überdrüssig, weil es mit dem Materialismus, worin sich die französischen Neuromantiker gefallen, (und mit dem) vagen, nihilistischen Unwesen (gleichgesetzt werde).

Schumann schuf mit der Zeitschrift und vor allem mit seinem eigenen musikalischen Werk

ein Bollwerk gegen den Ungeist seiner Zeit.

An seiner Seite im Wirken für das Echte, für die Poesie und Heiligkeit der Kunst wußte er Mendelssohn, Clara Wieck-Schumann, später Brahms, Joachim und viele andere.

Fortsetzung folgt.

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Schrifttum siehe Teil 1