Marianne Fritzen ausgezeichnet

Marianne Fritzen, die “Symbolfigur des Wendlandes”  –

wie sie in der Presse tituliert wurde – die “Symbolfigur der Anti-Atom-Bewegung” – wie Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung sie in seiner Ladatio bezeichnete -, ist mit dem Petra-Kelly-Preis der Stiftung ausgezeichnet worden. Dieser Preis, so Fücks, wird verliehen an Menschen, die sich in der Politik von unten einmischen, das aber mit gewaltfreien Mitteln.

Als Mitbegründerin der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg kenne ich Marianne Fritzen als Frau der ersten Stunde aus langen Jahren gemeinsamer Arbeit im Widerstand gegen den Ausbau der Atomtechnologie seit 1973. Ihre Führungsqualitäten traten sehr bald zutage, und so wählten wir sie zur Vorsitzenden der BI.

Marianne Fritzen

Marianne Fritzen

Unvergeßlich sind mir die Stunden gemeinsamen Harrens am 22. Februar 1977 auf die Bekanntgabe des Endlagerstandortes für Atommüll. Als sie für Gorleben gefallen war, legte sich augenblicklich eine Riesenzentnerlast der Verantwortung auf unsere, besonders aber Marianne Fritzens  Schultern. Sie lief in innerer Aufgewühltheit im Raum hin und her. Mit ihrem stillen Hausfrauen-Dasein war es jetzt ein für alle mal vorbei. Jetzt hieß es, sich zu bewähren und den Mut zu fassen, sich dem grellen Licht der Öffentlichkeit auszusetzen.

Was ich stets bewunderte, war neben ihrer Klugheit, ihrem Fleiß, ihrer Lernfähigkeit ihre Toleranz. Mit dieser Menschlichkeit, diesem Grundvertrauen in den guten Willen des Anderen, gleich, aus welcher ideologischen Ecke er stammte, war es, die der BI ihren Zusammenhalt und ihr langes Leben ermöglichte. Marianne Fritzen

sei es gelungen, den »bunten Haufen zusammenzuhalten». Das sei wegen ihrer Glaubwürdigkeit und Integrationskraft möglich gewesen,

bestätigt sehr richtig, wie die Elbe-Jeetzel-Zeitung heute berichtet, auch Ralf Fücks. Rebecca Harms, ebenfalls eine Frau der ersten Stunde, hob zudem in ihrer Laudatio das hervor, was auch mir stets am Herzen lag, nämlich Fritzens Forderung:

Wir müssen verstanden werden.

Ein gewichtiges Wort, eine Einstellung, wie sie einer Demokratie würdig ist: sprecht eine Sprache, die verstanden wird und für das eigene Anliegen wirbt. Der Widerstand soll kraftvoll sein, aber sympathisch, vor allem gewaltfrei bleiben:

keine besserwisserische Abschottung, sondern offenes und offensives Zugehen auf die soziale Umgebung. Damit habe sie dem Widerstand eine andauernde Orientierung gegeben, sagte die Europaabgeordnete Rebecca Harms (Grüne) am Mittwoch in Berlin bei der Verleihung des Petra-Kelly-Preises 2010 an Fritzen. (EJZ)

Und die Elbe-Jeetzel-Zeitung berichte weiter:

Der Vorschlag, den Preis 2010 an Marianne Fritzen zu vergeben, kam von Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). Wie er, so waren unter den Gästen dieser Preisverleihung am Mittwoch in den Räumen der Böll-Stiftung in Berlin viele, die schon einmal im Kolborner Waldwinkel zu Gast waren, Ex-Minister darunter, Abgeordnete und Chefs von Bundesbehörden.

Der Kolborner Waldwinkel ist das Zuhause der Fritzens. Rebecca Harms berichtete lt. EJZ:

Die »Mutter der Bewegung», wie Fritzen gelegentlich genannt werde, sei sie dennoch nie gewesen. Eher schon deren Kopf. Die Preisträgerin kennzeichne auch der Umstand, daß sie bei der Anfrage für die Preisverleihung nicht gleich zusagte. Erst nach Bedenkzeit nahm sie den mit 10000 Euro dotierten Preis an. 3000 Euro sollen an Bundes- und Landesverband der Bürgerinitiativen gehen. Der Rest soll die finanziellen Probleme des Gorleben-Archivs lindern.

Ralf Fücks betonte:

Es geht uns dabei nicht nur um die rückblickende Würdigung einer Biographie, auf die das Wort vom „aufrechten Gang“ ohne falsches Pathos zutrifft. Pathos war sowieso nie die Sache von Marianne Fritzen. Wofür sie steht, ist Zivilcourage im besten Sinn – also genau die Bürgertugend, die wir als politische Stiftung befördern wollen. Auf sie paßt Heinrich Bölls Plädoyer für die „Einmischung von unten“ als Lebenselixier der Demokratie.

Wer je an der einen oder anderen Aktion im Wendland teilgenommen hat, bekommt eine Vorstellung von der Breite dieses Bündnisses, in dem die linke Szene aus Berlin oder Hamburg mit konservativen Bauern zusammengefunden hat, Schüler mit Rentnern, Alt-68er, Lebensreformer, Hausfrauen und ganz normale Angestellte.

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg begegnet man Marianne Fritzen allseits mit Hochachtung. Sie gilt als

Große Alte Dame.