Malwida von Meysenbug – die große Zeitzeugin der Revolution von 1848 (3. Teil)

Fortsetzung von Teil 2

Malwida von Meysenbug geht weiter ihren Weg

Nach der gescheiterten 48er Revolution ist ihr Leben zu Hause trostlos, nur die wöchentlich stattfindenden philosophischen Leseabende erhellen ihr Dasein.

Ludwig Feuerbach (Stich von August Weger) (Wikipedia)

Sie liest Feuerbach.

Bis jetzt war der mir geradezu verboten gewesen. Meine Mutter sah in ihm den Ausdruck des vollendeten Atheismus, und ich hatte selbst bisher noch eine Art Scheu gehabt, mich an die Freidenker zu wagen.

Jetzt war diese Scheu verschwunden.

Sie las „Das Wesen des Christentums“ von Feuerbach.

Gleich von den ersten Seiten an sagte ich sehr erstaunt:

„Aber das sind ja Gedanken, die ich längst kenne: meine eignen Folgerungen, die ich nur nicht zu gestehen wagte …

Feuerbach … vernichtete für immer die Idee einer andern Offenbarung als derjenigen, welche sich in den grossen Geistern und den grossen Herzen macht.“

Wieder ist sie bestärkt, sich nach sich selber zu richten:

Der philosophische und befreiende Fortschritt, der sich so in mir vollzog, vollendete natürlich auch meine vereinzelte Stellung in der Gesellschaft.

Man liess mich absichtlich Bemerkungen wie die folgende hören, die bei dem Urtheil über ein junges Mädchen gemacht wurde: „Welch ein liebenswürdiges Geschöpf: sie masst sich gar kein eignes Urtheil an.“

Man wollte mir zeigen, wie weit man mich vom rechten Wege abgewichen fände.

Aber weit davon entfernt, auf jenen Weg zurückzukommen, beschäftigte ich mich im Gegentheil immer mehr mit den Gedanken an die Emancipation der Frau, Emancipation von den Vorurtheilen, die sie bisher gefesselt hielten, zur ungehemmten Entwicklung ihrer Fähigkeiten und zur freien Ausübung der Vernunft, wie sie dem Manne seit lange gestattet sind.

Beim Tod der Mutter ihrer Freundin erfährt sie, daß sie als Frau an deren Beerdigung nicht teilnehmen dürfe, weil es „in jenen Gegenden Deutschlands … nicht Sitte (sei), dass Frauen mit zum Begräbniss gehen.“

Aus welchen Abgründen mußte sich die Frauenbewegung herausarbeiten! Welche Befreiung versprach doch 1848 die Revolution!

Welche plötzliche Blüthe und üppige Fülle! begeistert sich Malwida. Freiheit, Selbstregirung der Völker, Abschaffung der Klassenunterschiede, der Arme zu allen materiellen und geistigen Rechten der Menschen gerufen!

Und dies Alles verhältnissmässig ohne zu grosse Opfer errungen!

Von den Frauen ist allerdings nicht ausdrücklich die Rede! Und mit der allgemeinen Freiheit war es erstmal sowieso wieder vorbei.

Eines Tages trifft sie im Haus eines Bruders niemanden an – außer einem kleinen

Kind in der Wiege:

Ich beugte mich über das unschuldige Geschöpf, und indem ich es ansah, fasste mich ein vernichtender Schmerz.

Wie schrecklich war der Contrast! Auf der einen Seite dieses schlafende Kind, das nichts wusste von dem furchtbaren Kampf, der auch vielleicht seine Zukunft bestimmte: dem Kampf zwischen dem erwachten Bewusstsein, das nach Freiheit schreit, und der brutalen Gewalt, die sie vernichtet.

Auf der andern Seite das Volk, das mit seinem Blute diesen Schrei bezahlte. Und ich dabei, unmächtig, ohne mit helfen, ohne wenigstens mit sterben zu können!

Da stieg aus der Tiefe meines Herzens ein hehres, flammendes Verlangen: das Verlangen zu leben, um der gemordeten Freiheit in den Frauen Rächer zu erziehn dadurch, dass sie fähig würden, eine Generation freier Menschen zu bilden.

Nach der Bombardierung Dresdens durch preußische Truppen will jetzt

die Masse der Gesellschaft … wieder Ordnung um jeden Preis … Es war vorbei mit der Freiheit der Völker und mit meiner individuellen Freiheit.

Alles musste wieder unter das Joch.

Sie fährt mit zwei Freundinnen nach Ostende an die Nordsee.

Es gibt Dinge in der Natur, deren Anblick beinahe auf uns wirkt, wie ein grosses Ereigniss, die uns befreien von der Last der persönlichen Existenz, indem sie uns dem Unendlichen, dem universellen Dasein vereinen. So ist das Meer.

Und so ist Gotterleben.

Begegnung mit einem Jesuiten

Dort begegnet sie einem jungen katholischen Priester, mit dem sie ins Gespräch kommt. Natürlich sprechen sie über den Glauben.

Als ich ihm den Glauben an die Wunder entgegenhielt und ihn fragte, wie er den vertheidigen wolle, erwiderte er, dass der nur ein Mittel sei, die schwachen Seelen und die unwissenden Massen zu stärken; die aufgeklärten Diener der Kirche glaubten selbst nicht daran und es sei derselbe gar kein wesentlicher Bestandtheil der Dogmen.

Das erinnert uns doch an ein ganz ähnliches Gespräch, das Mathilde Ludendorff mit einem Vertreter der katholischen Kirche erlebte. Auch er sprach ja vom „Katholizismus der ecclesia sanctorum“, der ja sogar Mathilde Ludendorff – ungefragt – die „Ehre“ haben sollte anzugehören und der sich vom Glauben der Kirchen-Schafe völlig absetzt.

Sie sollte „nur“ Ihre Philosophie in die Hände der Priesterschaft übergeben!

Mathilde Ludendorff lehnte ab, und so zog der Bote des Vatikans enttäuscht vondannen.

Der von Ostende aber wurde sogar „endlich … böse,“ erzählt Meysenbug.

Eines Abends, als ich ihm gesagt hatte, ich glaube weder an die Gottheit Christi, noch an die Bibel als göttlicher Offenbarung, noch an den beschränkten persönlichen Gott, den die Kirche lehre, da rief er zornig: „Also sind Sie nicht einmal mehr Protestantin?“

„Nein,“ antwortete ich, „ich habe es Ihnen ja bewiesen, dass es Etwas giebt, was über den Protestantismus hinausgeht: der freie Gedanke und das Recht, Alles am Lichte der reinen Vernunft zu prüfen.“

„Sie sind verloren und ich bedaure Sie,“ sagte er, indem er kaum grüsste und uns eilig verliess. …

Wir erfuhren nachher, dass er ein belgischer Jesuit war …

Zurückgekehrt, prallten zu Hause die gegensätzlichen Ansichten wieder aufeinander:

Zum ersten Mal sagte ich es mir ganz klar, dass man sich von der Autorität der Familie befreien muss, so schmerzlich es auch sein mag, sobald sie zum Tod der Individualität führt und die Freiheit des Gedankens und Gewissens einer bestimmten Form der Ueberzeugung unterwerfen will.

Freiheit der individuellen Ueberzeugungen und ein Leben diesen gemäss – ist das erste der Rechte und die erste der Pflichten eines Menschen.

Bis dahin hatte man die Frauen von diesem heiligen Rechte und dieser ebenso heiligen Pflicht ausgeschlossen …

Doch wohin sollte sie sich wenden?

Ich sah nur ein Mittel vor mir: nach Amerika zu gehn – auf eine junge Erde … ich (hatte) … den Wunsch, dieses alte Europa zu verlassen, wo jeder Versuch, die Freiheit zu verwirklichen, misslang; wo der Despotismus in Staat, Religion und Familie die Völker, die Gedanken und die Individuen unterdrückte.

Sie hielt ihre Pläne vor der Familie geheim

und schrieb darüber an einen der edelsten Demokraten der Revolution Julius Fröbel, der bereits seit einiger Zeit in Amerika war, um ihn um Rath zu fragen … Er antwortete mir: „Kommen Sie!“

So hatte Deutschland bereits viele seiner Besten verloren und war dabei, einen weiteren hochstehenden Geist ans Ausland zu verlieren. Meysenbugs Weg aber nahm im letzten Augenblick doch noch eine andere Richtung: nach Hamburg.

Emilie Wüstenfeld

Emilie Wüstenfeld (Foto aus: Emilie Wüstenfeld. Marie Kortmann. Hamburg 1927.)

Dort hatte Emilie Wüstenfeld mit

muthigen und begeisterten Frauen, welche, denselben Ideen huldigend, wie ich, in Hamburg eine Hochschule für das weibliche Geschlecht eröffnet …, an welcher den Mädchen dieselben vollständigen Mittel zu geistiger Entwicklung geboten werden sollten, wie dies auf den Universitäten für die jungen Männer der Fall ist.

Emilie Wüstenfeld war die Gründerin und Leiterin der Schule. Das Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium besteht in Hamburg noch heute.

Meysenbug schildert Emilie Wüstenfeld als

eine von den mächtigen Persönlichkeiten, die, zu scharf ausgeprägt, zunächst durch einige eckige und gleichsam absolute Seiten ihres Wesens auffallen, die aber durch nähere Bekanntschaft immer mehr Achtung und Liebe einflössen und wahrhaft mit ihren höher steigenden Zwecken wachsen. –

Sie empfing mich auf das Herzlichste, und indem sie mir ihre Pläne auseinandersetzte, ersah ich, dass meine Träume hier eine Form gewinnen würden … für die Frauen, wie für das Volk, (gab es)

nur ein Mittel, die Freiheit zum Segen zu gestalten: Bildung.

Für die Vorlesungen waren die ersten Gelehrten der Stadt gewonnen worden. Im Anfang hatten diese Herren wenig Vertrauen in die Sache gehabt, weil sie an der Ausdauer und Energie der Frauen bei ernsten Studien zweifelten.

Sie hatten den Versuch nur aus Achtung und Freundschaft für die edeln Unternehmerinnen, besonders für Emilie, gewagt.

Doch zu ihrer Überraschung fanden sie

eine viel regere Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit unter dem weiblichen Auditorium, als sie je unter dem männlichen gefunden hatten, und die Fragen, mit denen man sie meist noch nach den Stunden bestürmte, zeigten ihnen, dass sie nicht ins Leere gesprochen hatten.

Die Vorlesungen wurden aber nicht nur von Mädchen, sondern

ausserdem von vielen Damen der Stadt besucht, und es fand sich mitunter, dass Grossmutter, Tochter und Enkelin zu gleicher Zeit am Lehrtisch sassen. Es … entspannen sich (oft) lebhafte Verhandlungen, so dass die Vorlesungen nie monoton oder ermüdend wurden.

Das Institut blühte innerhalb kürzester Zeit auf. So war ihm bald

ein Kindergarten und eine Elementarklasse (angegliedert), wo die jungen Mädchen, die Kindergärtne-innen und Lehrerinnen werden wollten, praktische Uebung fanden.

Auch das System des Kindergartens, von dem genialen Friedrich Fröbel erfunden, hatte sich in Deutschland zugleich mit der politischen und (frei-)religiösen Bewegung rasch entwickelt.

Ich hatte davon reden hören, sah es aber hier zuerst in der Praxis und war entzückt davon. …

Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war eine wahrhaft beglückende. Später sah ich es oft entstellt in den Händen der Unwissenheit oder des bösen Willens, der den Angriffen gegen dasselbe den Vorwand gab.

Es kommt eben auch hier nicht so sehr auf die Art des Systems an als vielmehr auf die Art der jeweiligen Führungs-Persönlichkeit an.

Wo immer ich es aber in den rechten Händen und im rechten Geist geleitet sah, da fand ich stets die schönsten Erfolge und mehr als ein Lehrer von Elementarklassen hat mir versichert, dass der Unterschied in der geistigen Empfänglichkeit und Schnelligkeit der Auffassung zwischen den Kindern, die nicht im Kindergarten waren, und solchen, die dort waren, durchaus zum Vortheil der letzteren wäre.

Meysenbug wird in den Vorstand der Hochschule gewählt und bewährt sich als beliebte Lehrerin und Kollegin. So ist sie entscheidend beteiligt an den Beratungen über die Gestaltung der Schule. Bemerkenswert, was sie weiter berichtet:

Die Religion wurde völlig aus den Unterrichtsgegenständen ausgeschlossen,

indem man es den Familien überliess, hierfür im Hause je nach persönlichen Ansichten zu sorgen.

Die Schule sollte nur unterrichten und das sittliche Gefühl wecken durch wahre Bildung, durch humane Anschauungen und Vorführung edler Beispiele und durch die Hinweisung auf die Pflichten des Individuums in Familie, Gesellschaft und Staat.

Das sind bedeutende, wesensmäßig echt deutsche Ansätze zu einer modernen Schulform. Doch die „unermüdlichen Stifterinnen der Hochschule“ gründen noch zusätzlich die freie Gemeinde als Kirchenersatz und den Armenverein. So bekam Meysenbug, wie sie schreibt,

… auch meine Anzahl armer Familien zu besuchen. Welches namenlose Elend sah ich da in der reichen, üppigen Stadt – welche tiefe moralische Versunkenheit!

Sie sieht in das Elend der Prostituierten und stellt empört fest,

dass diese Unseligen eine Taxe an die Stadt bezahlen müssen, um ihre scheussliche Bestimmung ausüben zu können. Also profitirt der Staat von der Erniedrigung der Frau, von diesem schwarzen Flecken der Gesellschaft, von dieser Todsünde des öffentlichen Lebens!

Mich ergriff ein glühender Wunsch, meine Anstrengungen nach dieser Seite hin zu wenden … Aber ich sah ein, dass auch für diese Reform der Boden erst bereitet werden musste durch die Verwirklichung des Princips der öconomischen Unabhängigkeit der Frau mittelst einer bessern Erziehung.

…Wie sollte man sonst eine moralische Revolution, die so tief in das Innerste des menschlichen Lebens eingriff, in Staaten hervorbringen, welche die Unsittlichkeit beschüt-zen und alle Infamie auf die Opfer des Elends und der Sclaverei zurückwerfen, während die wahren Missethäter vielleicht mit unter denen sitzen, welche den Staat regieren und die Gesetze machen helfen.“

Wie wahr bis heute!

Umtriebe gegen die Schule Emilie Wüstenfelds

Angefüllt mit sinnvollen Aufgaben war nun ihr Leben, und sie sagte sich:

Ich bin wieder glücklich.

Doch schon bald hatte ein Professor des Instituts auf einer Reise ins südliche Deutschland

Gelegenheit gehabt …, den Umtrieben auf die Spur zu kommen, welche die pietistische Partei, die eine starke Organisation in Hamburg hatte, gegen die Hochschule ins Werk setzte.

Er hatte sogar bis in kleine Orte des Schwarzwalds hinein bei Pfarrern gedruckte Pamphlete vorgefunden, welche von einer pietistischen Druckerei in Hamburg herrührten, in welchen die Hochschule als ein Herd der Demagogie dargestellt wurde, wo, unter dem Mantel der Wissenschaft, revolutionäre Pläne geschmiedet würden, und in welchen demnach Eltern davor gewarnt wurden, ihre Töchter diesem Institut anzuvertrauen.

Man machte uns also einen offenen Krieg! Die Freunde der Unwissenheit und des Aberglaubens, die sich von jeher der Religion bedient haben, um ihre Zwecke durchzusetzen, hatten sich gegen uns bewaffnet …

Dabei waren die Vorlesungen der Hochschule … äusserst besucht … Unter den jungen Mädchen … waren ausgezeichnete Persönlichkeiten, grosse Intelligenzen; besonders zeigten sich überraschende Fähigkeiten für die Mathematik.

Nun aber fingen schwere Sorgen an auf uns zu liegen, wegen des materiellen Bestands der Hochschule … Ein Theil der Geber in der Stadt wurde nach und nach kälter gegen das Institut; das waren die schwachen Charaktere, welche vor Drohungen erschraken oder Einflüsterungen Gehör gaben.

Die intime Verbindung der Hochschule mit der freien Gemeinde gab den Pfaffen (die wüthend waren, weil ihre Kirchen leer blieben, während der Gemeindesaal die Zahl der Zuhörer nicht fassen konnte) einen Vorwand, um die Anstalt anzugreifen und ihr die Sympathien derer, die nicht offen mit Gott brechen wollten, abwendig zu machen.

Emilie und ich hatten lange, traurige Berathungen mit einander. Man warf uns vor, zu radical gewesen zu sein, unsere Grundsätze zu offen bekannt zu haben …

Zu Kompromissen mit der alten Welt aber waren sie nicht bereit. Lieber wollten sie die Hochschule schließen.

Sie trösteten sich in dem Gedanken, mit ihrem Werk wenigstens schon einmal ein gutes Beispiel in die Welt gesetzt zu haben.

Bei den Reden auf der feierlichen Abschiedsveran-staltung waren die

Professoren … so gerührt, dass sie kaum ihre Thränen zurückhalten konnten; ich fühlte die meinen fliessen, während sie sprachen.

Sie begrub, wie sie schreibt, die Jugend, die Hoffnung, den freudigen Muth, der noch an eine Erfüllung in der Zukunft glaubt. Die Illusionen des Lebens erloschen für immer. Ich nahm das Leben noch auf mich als eine Aufgabe, aber ich war tief müde.

… Was thun? In meine Familie zurückkehren war unmöglich … Wenn noch ein Wunsch in mir war, so war es der, nach England zu gehen, wo eine grosse Anzahl politischer Flüchtlinge lebte, unter denen ich Freunde hatte, die mich dorthin riefen – heraus aus dem wieder geknechteten Vaterland.

Das Vaterland ist wieder geknechtet

Meysenbug folgt zunächst der Einladung einer Freundin nach Berlin. Dort erhält sie eines Tages einen Besuch, der das reaktionäre Denken jener Zeit noch einmal so richtig verdeutlicht:

Der jüngste meiner Brüder war als Gesandter der deutschen Regierung, in deren Diensten er sich befand, nach Berlin gekommen …

Er wollte ihr „die wahre Bestimmung der Frau,“ aufzeigen und ihren Platz, „den ihr Gott angewiesen“ habe.

„Was haben die, zu deren Gefährtin Du Dich gemacht hast, der Menschheit Gutes gethan? Sie haben alle Fragen der Gerechtigkeit und der Moral gefälscht, weil sie die einzige wahre Basis verlassen haben: die Gesetze Gottes, die er uns durch seinen Sohn offenbart hat.“

„Die Männer,“ meinte er, „denen Gott die Führung der andern Menschen anvertraut hat, arbeiten seit lange an dem schweren Werk und halten die Fäden in der Hand, welche das Gewebe der Geschicke der Völker bilden. Die nur können dies Werk verstehen und es leiten.“

Und der Herr Bruder empfiehlt: „Wirf Dich auf Deine Knie und flehe Deinen Heiland an.“

Das sind die orientalisch-abrahamiti-schen Lehren in Reinkultur.

Der Bruder „fuhr noch lange in diesem Ton fort …“, berichtet sie. Sie aber
sah klarer denn je, dass die beiden Despotismen (die im Staat und in der Familie) ein und dieselbe Sache sind und aus derselben Quelle fliessen.

Es ist die ewige Bevormundung der Individuen wie der Völker: verordneter Glaube, verordnete Pflichten, verordnete Liebe.

Ihr Bruder vertrat die Reaktion. Die aber wurde, wie Meysenbug erzählt,

immer finsterer, immer misstrauischer, und wir hielten es nicht für unmöglich, dass man einmal eine Haussuchung bei mir vornehmen könne …

Mehrere Damen, demokratischer Gesinnung verdächtig, waren schon in dieser Weise heimgesucht worden.

A. Paul Weber, Der Denunziant (Bild: A. Paul Weber Museum)

Und tatsächlich: Eines Morgens erscheint ein fremder Mann in ihrer Wohnung zur Hausdurchsuchung und nimmt Papiere, darunter Privatbriefe, an sich. Er verabschiedet sich dann mit den Worten:

„Ich bitte Sie als Mensch um Verzeihung für das, was ich als Beamter habe thun müssen.“

„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,“ erwidert Meysenbug, „im Gegentheil: ich bedaure Sie. Es muss traurig sein, wenn die Pflichten des Beamten und die des Menschen unter sich in so grossem Widerspruch stehen.“

Unverzüglich macht sie sich auf die Flucht nach London, um nicht im Gefängnis zu landen.

A. Paul Weber, Die Angst regiert (Bild: A. Paul Weber Museum)

„Während der Fahrt nach Hamburg empfand ich vollständig das abscheuliche Gefühl der Furcht, welches despotische, unreine, argwöhnische Regierungen einflössen, denen gegenüber die Unschuld kein Schutz ist.

Ich dachte mit Grauen an alle die edlen Opfer, die in ihre Hände gefallen und durch die Martern durchgegangen waren, welche sie zu verhängen wissen; an Alle, die ich in den Gefängnissen meines Vaterlands … und den anderen traurigen Orten zurückliess, in denen die brutale Gewalt die Intelligenz, die Tugend und den Patriotismus gefangen hielt.“

Auf den Landungsbrücken in Hamburg reichen die Professoren der Emilie-Wüstenfeld-Schule, die sie zum Schiff begleitet haben, und sie einander die Hände.

„Wir werden uns nur wiedersehn, wenn das Vaterland frei ist, sonst sterb’ ich fern von ihm,“ sagte ich zu ihnen.

Sie antworteten nicht, sie waren zu bewegt.

Malwida von Meysenbug 1885 (Bleistiftzeichnung: Franz von Lenbach)

Malwida von Meysenbug ging einer Zukunft entgegen, die große Anforderungen an ihre Tragfähigkeit stellte.

Das Schlimmste aber blieb ihr erspart: die Greuel, Zerstörungen und Lügen des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie starb 1903 in Rom.