Malwida von Meysenbug – die große Zeitzeugin der 1848er Revolution – 5. Teil

Was zog Malwida von Meysenbug nach Hamburg? Das war

Emilie Wüstenfeld!

Emilie Wüstenfeld (Wikipedia)

Dort hatte Emilie Wüstenfeld mit

muthigen und begeisterten Frauen, welche, denselben Ideen huldigend, wie ich, in Hamburg eine Hochschule für das weibliche Geschlecht eröffnet …, an welcher den Mädchen dieselben vollständigen Mittel zu geistiger Entwicklung geboten werden sollten, wie dies auf den Universitäten für die jungen Männer der Fall ist.

Emilie Wüstenfeld war die Gründerin und Leiterin der Schule. Das Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium besteht in Hamburg noch heute.

Meysenbug schildert Emilie Wüstenfeld als

eine von den mächtigen Persönlichkeiten, die, zu scharf ausgeprägt, zunächst durch einige eckige und gleichsam absolute Seiten ihres Wesens auffallen, die aber durch nähere Bekanntschaft immer mehr Achtung und Liebe einflößen und wahrhaft mit ihren höher steigenden Zwecken wachsen. –

Sie empfing mich auf das Herzlichste, und indem sie mir ihre Pläne auseinandersetzte, ersah ich, daß meine Träume hier eine Form gewinnen würden … für die Frauen, wie für das Volk, (gab es) nur ein Mittel, die Freiheit zum Segen zu gestalten: Bildung! …

Für die Vorlesungen waren die ersten Gelehrten der Stadt gewonnen worden. Im Anfang hatten diese Herren wenig Vertrauen in die Sache gehabt, weil sie an der Ausdauer und Energie der Frauen bei ernsten Studien zweifelten. Sie hatten den Versuch nur aus Achtung und Freundschaft für die edeln Unternehmerinnen, besonders für Emilie, gewagt.

Doch zu ihrer Überraschung fanden sie

eine viel regere Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit unter dem weiblichen Auditorium, als sie je unter dem männlichen gefunden hatten, und die Fragen, mit denen man sie meist noch nach den Stunden bestürmte, zeigten ihnen, daß sie nicht ins Leere gesprochen hatten.

Die Vorlesungen wurden aber nicht nur von Mädchen, sondern

außerdem von vielen Damen der Stadt besucht, und es fand sich mitunter, daß Großmutter, Tochter und Enkelin zu gleicher Zeit am Lehrtisch saßen. Es … entspannen sich (oft) lebhafte Verhandlungen, so daß die Vorlesungen nie monoton oder ermüdend wurden.

Das Institut blühte innerhalb kürzester Zeit auf. So war ihm bald „ein Kindergarten und eine Elementar-klasse“ angegliedert,

wo die jungen Mädchen, die Kindergärtne-rinnen und Lehrerinnen werden wollten, praktische Uebung fanden.

Auch das System des Kindergartens, von dem genialen Friedrich Fröbel erfunden, hatte sich in Deutschland zugleich mit der politischen und (frei-)religiösen Bewegung rasch entwik-kelt. Ich hatte davon reden hören, sah es aber hier zuerst in der Praxis und war entzückt davon. …

Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war eine wahrhaft beglückende. Später sah ich es oft entstellt in den Händen der Unwissenheit oder des bösen Willens …

Es kommt eben auch hier nicht so sehr auf die Art des Systems an als vielmehr auf die Art der jewei-ligen Führungs-Persönlichkeit.

Wo immer ich es aber in den rechten Händen und im rechten Geist geleitet sah, da fand ich stets die schönsten Erfolge, und mehr als ein Lehrer von Elementarklassen hat mir versi-chert, daß der Unterschied in der geistigen Empfänglichkeit und Schnelligkeit der Auffassung zwischen den Kindern, die nicht im Kindergarten waren, und solchen, die dort waren, durchaus zum Vortheil der letzteren wäre.

Meysenbug wird in den Vorstand der Hochschule gewählt und bewährt sich als beliebte Lehrerin und Kollegin. So ist sie entscheidend beteiligt an den Beratungen über die Gestaltung der Schule.

Bemerkenswert, was sie weiter berichtet:

Die Religion wurde völlig aus den Unter-richtsgegenständen ausgeschlossen, indem man es den Familien überließ, hierfür im Hause je nach persönlichen Ansichten zu sorgen.

Die Schule sollte nur unterrichten und das sittliche Gefühl wecken durch wahre Bildung, durch humane Anschauungen und Vorfüh-rung edler Beispiele und durch die Hinwei-sung auf die Pflichten des Individuums in Familie, Gesellschaft und Staat.

Das sind bedeutende, wesensmäßig echt deutsche Ansätze zu einer modernen Schulform. Doch die „unermüdlichen Stifterinnen der Hochschule“ gründen noch zusätzlich die freie Gemeinde als Kirchenersatz und den Armenverein. So bekam Meysenbug, wie sie schreibt,

… auch meine Anzahl armer Familien zu besuchen. Welches namenlose Elend sah ich da in der reichen, üppigen Stadt – welche tiefe moralische Versunkenheit!

Sie sieht in das Elend der Prostituierten und stellt empört fest,

daß diese Unseligen eine Taxe an die Stadt bezahlen müssen, um ihre scheußliche Bestimmung ausüben zu können. Also profitiert der Staat von der Erniedrigung der Frau, von diesem schwarzen Flecken der Gesellschaft, von dieser Todsünde des öffentlichen Lebens!

Mich ergriff ein glühender Wunsch, meine Anstrengungen nach dieser Seite hin zu wenden … Aber ich sah ein, daß auch für diese Reform der Boden erst bereitet werden mußte durch die Verwirklichung des Princips der öconomischen Unabhängigkeit der Frau mittelst einer bessern Erziehung.

… Wie sollte man sonst eine moralische Revolution, die so tief in das Innerste des menschlichen Lebens eingriff, in Staaten hervorbringen, welche die Unsittlichkeit beschützen und alle Infamie auf die Opfer des Elends und der Sclaverei zurückwerfen, während die wahren Missethäter vielleicht mit unter denen sitzen, welche den Staat regieren und die Gesetze machen helfen.

Wie wahr bis heute!

Angefüllt mit sinnvollen Aufgaben war nun ihr Leben, und sie sagte sich:

Ich bin wieder glücklich.

Doch schon bald hatte ein Professor des Instituts auf einer Reise ins südliche Deutschland

Gelegenheit gehabt …, den Umtrieben auf die Spur zu kommen, welche die pietistische Partei, die eine starke Organisation in Hamburg hatte, gegen die Hochschule ins Werk setzte.

Er hatte sogar bis in kleine Orte des Schwarz-walds hinein bei Pfarrern gedruckte Pamphle-te vorgefunden, welche von einer pietisti-schen Druckerei in Hamburg herrührten, in welchen die Hochschule als ein Herd der Demagogie dargestellt wurde, wo, unter dem Mantel der Wissenschaft, revolutionäre Pläne geschmiedet würden, und in welchen dem-nach Eltern davor gewarnt wurden, ihre Töchter diesem Institut anzuvertrauen.

Man machte uns also einen offenen Krieg! Die Freunde der Unwissenheit und des Aberglau-bens, die sich von jeher der Religion bedient haben, um ihre Zwecke durchzusetzen, hatten sich gegen uns bewaffnet …

Dabei waren

die Vorlesungen der Hochschule … äußerst besucht … Unter den jungen Mädchen … waren ausgezeichnete Persönlichkeiten, große Intelligenzen; besonders zeigten sich überraschende Fähigkeiten für die Mathematik.

Nun aber

fingen schwere Sorgen an, auf uns zu liegen, wegen des materiellen Bestands der Hoch-schule … Ein Theil der Geber in der Stadt wurde nach und nach kälter gegen das Insti-tut; das waren die schwachen Charaktere, welche vor Drohungen erschraken oder Einflüsterungen Gehör gaben.

Die intime Verbindung der Hochschule mit der freien Gemeinde gab den Pfaffen (die wüthend waren, weil ihre Kirchen leer blie-ben, während der Gemeindesaal die Zahl der Zuhörer nicht fassen konnte) einen Vorwand, um die Anstalt anzugreifen und ihr die Sympathien derer, die nicht offen mit Gott brechen wollten, abwendig zu machen.

Emilie und ich hatten lange, traurige Berathungen mit einander. Man warf uns vor, zu radical gewesen zu sein, unsere Grundsätze zu offen bekannt zu haben …

Zu Kompromissen mit der alten Welt aber waren sie nicht bereit. Lieber wollten sie die Hochschule schließen. Sie trösteten sich in dem Gedanken, mit ihrem Werk wenigstens schon einmal ein gutes Beispiel in die Welt gesetzt zu haben.

Bei den Reden auf der feierlichen Abschiedsveran-staltung waren die

Professoren … so gerührt, daß sie kaum ihre Thränen zurückhalten konnten; ich fühlte die meinen fließen, während sie sprachen.

Sie begrub, wie sie schreibt,

die Jugend, die Hoffnung, den freudigen Muth, der noch an eine Erfüllung in der Zukunft glaubt. Die Illusionen des Lebens erloschen für immer. Ich nahm das Leben noch auf mich als eine Aufgabe, aber ich war tief müde.

… Was thun? In meine Familie zurückkehren war unmöglich … Wenn noch ein Wunsch in mir war, so war es der, nach England zu gehen, wo eine große Anzahl politischer Flüchtlinge lebte, unter denen ich Freunde hatte, die mich dorthin riefen“ – heraus aus „dem wieder geknechteten Vaterland.

Meysenbug folgt zunächst der Einladung einer Freundin nach Berlin. Dort erhält sie eines Tages einen Besuch, der das reaktionäre Denken jener Zeit noch einmal so richtig verdeutlicht:

Der jüngste meiner Brüder war als Gesandter der deutschen Regierung, in deren Diensten er sich befand, nach Berlin gekommen …

Er wollte ihr „die wahre Bestimmung der Frau,“ aufzeigen und ihren Platz, „den ihr Gott angewiesen“ habe.

Was haben die, zu deren Gefährtin Du Dich gemacht hast, der Menschheit Gutes gethan? Sie haben alle Fragen der Gerechtigkeit und der Moral gefälscht, weil sie die einzige wahre Basis verlassen haben: die Gesetze Gottes, die er uns durch seinen Sohn offenbart hat.

Als die “Welt noch in Ordnung” war: Männer im 19. Jh. (Bild: startpage.com)

„Die Männer“, meinte er, „denen Gott die Führung der andern Menschen anvertraut hat, arbeiten seit lange an dem schweren Werk und halten die Fäden in der Hand, welche das Gewebe der Geschicke der Völker bilden. Die nur können dies Werk verstehen und es leiten.“

Und der Herr Bruder empfiehlt:

„Wirf Dich auf Deine Knie und flehe Deinen Heiland an!“

Das sind die abrahamitischen Lehren in Reinkultur. Der Bruder

fuhr noch lange in diesem Ton fort …,

berichtet sie. Sie aber

sah klarer denn je, daß die beiden Despotis-men (die im Staat und die in der Familie) ein und dieselbe Sache sind und aus derselben Quelle fließen. Es ist die ewige Bevormun-dung der Individuen wie der Völker: verordneter Glaube, verordnete Pflichten, verordnete Liebe.

Paul A. Weber, Der Denunziant

Ihr Bruder vertrat die Reaktion. Die aber wurde, wie Meysenbug erzählt,

„immer finsterer, immer miß-trauischer, und wir hielten es nicht für unmöglich, daß man einmal eine Haussuchung bei mir vornehmen könne … Mehrere Damen, demokrati-scher Gesinnung verdächtig, waren schon in dieser Weise heimgesucht worden.“

Und tatsächlich: Eines Morgens erscheint ein frem-der Mann in ihrer Wohnung zur Hausdurchsuchung und nimmt Papiere, darunter Privatbriefe!, an sich. Er verabschiedet sich dann mit den Worten:

Ich bitte Sie als Mensch um Verzeihung für das, was ich als Beamter habe thun müssen.

Meysenbug erwidert:

Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, im Gegentheil: ich bedaure Sie. Es muß traurig sein, wenn die Pflichten des Beamten und die des Menschen unter sich in so großem Widerspruch stehen.

Unverzüglich macht sie sich auf die Flucht nach London, um nicht im Gefängnis zu landen.

Paul A. Weber, Die Angst regiert

„Während der Fahrt nach Hamburg empfand ich vollständig das abscheuliche Gefühl der Furcht, welches despotische, unreine, argwöhnische Regierungen einflößen, denen gegenüber die Unschuld kein Schutz ist.

Ich dachte mit Grauen an alle die edlen Opfer, die in ihre Hände gefallen und durch die Martern durchgegan-gen waren, welche sie zu verhängen wissen; an Alle, die ich in den Gefängnissen meines Vaterlands … und den anderen traurigen Orten zurückließ, in denen die brutale Gewalt die Intelligenz, die Tugend und den Patriotismus gefangen hielt.“

Malwida von Meysenbug (Gemälde von Lendorff, Malwida-von-Meysenbug-Gesellschaft e.V.)

Auf den Landungsbrücken in Hamburg reichen die Professoren der Emilie-Wüstenfeld-Schule, die sie zum Schiff begleitet haben, und sie einander die Hände.

„Wir werden uns nur wiedersehn, wenn das Vaterland frei ist, sonst sterb’ ich fern von ihm,“ sagte ich zu ihnen. Sie antworteten nicht, sie waren zu bewegt.

Malwida von Meysenbug ging einer Zukunft entgegen, die große An-forderungen an ihre Tragfähigkeit stellte.

Das  Schlimmste aber blieb ihr erspart, die Greuel, Zerstörungen und Lügen des 20. und 21. Jahrhun-derts. Sie starb 1903 in Rom.

 

Grabmal für Malwida von Meysenbug in Rom (Bild: Malwida-von-Meysenbug-Gesellschaft e.V.