Ludendorff zum Röhmputsch 1934 und sein Vorschlag zur Beseitigung Hitlers

Der Feldherr des 1. Weltkrieges Erich Ludendorff (1865-1937) hatte sich bereits 1924 wegen erheblicher Unterschiede in den Moral-Auffassungen von Hitler distanziert

1. Zum Röhm-Putsch

In der Nacht vom 30.6. zum 1.7.1934 ließ Hitler in der als Röhm-Putsch bezeichneten Säuberungsaktion zahlreiche Deutsche ermorden. Historiker haben versucht, die Zahl der Toten zu ermitteln. Sie schwankt zwischen 77 und 150. Denn:

Wie der Historiker Hermann Mau in seiner Studie über die Röhm-Affäre von 1953 festgestellt hat, gibt es „kaum einen Vorgang der nationalsozialistischen Zeit, dessen Spuren mit so peinlicher Sorgfalt verwischt worden sind“. (Wikipedia)

In seinen Lebenserinnerungen von 1933 bis 1937 berichtet Ludendorff

als ein gewichtiger Zeitgenosse über das damalige Geschehen äußerst anschaulich für uns Nachgeborene auf Seite 88 bis 91:

Mitte Mai bis Mitte Juni weilten wir [das Ehepaar Ludendorff] wieder auf unserer Berghütte bei Klais und kehrten frisch von dort zurück; da machte bald ein furchtbarer Vorgang Deutschland tief erschrecken, ein Vorgang, wie er sich in Deutschland nie hätte ereignen dürfen. Ende Juni wurden die Deutschen durch die Mitteilung in der Presse überrascht, daß alle SA-Veranstaltungen verboten seien, die SA erhielte einen längeren Urlaub.

Hauptmann Ernst Röhm war langjähriger Führer der „Sturmabteilung“ (SA). Er selbst hatte den Urlaubs-Befehl herausgegeben mit der Begründung, in Bad Wiessee eine Kur anzutreten. Ludendorff fährt fort:

In München war aber doch von SA-Zusammenkünften die Rede. Auch mehrten sich Nachrichten über Bereitstellung der Reichswehr in verschiedenen Orten. Eine drückende Spannung machte sich immer fühlbarer …

Wann wir die Nachrichten von dem furchtbaren Geschehen in der Nacht vom 30.6. zum 1.7. erhielten, weiß ich nicht. Meiner Frau und mir graute es, voll Abscheu wandten wir uns von dem Geschehen.

Es galt, die damalige Lügenpresse, vor allem auch in dem, was sie zu verschweigen pflegt, zu durchschauen:

Ich habe Hauptmann Röhm scharf abgelehnt, nachdem ich seine unnatürlichen Neigungen erfahren hatte. Aber als einen Verräter an Herrn Hitler, dem er fanatisch zugetan war, konnte ich nicht glauben.

Ich habe auch nie das ganze Komplott, das am 1.7. in Wiessee abgekartet sein sollte, als vorliegend erachtet, auch habe ich später erst Beweise für die Unhaltbarkeit jener Behauptung erhalten. Sie gehen dahin, daß die Herren, die nach Wiessee geeilt waren, glaubten, einer Weisung des Herrn Hitler zu entsprechen.

Und Ludendorff war schon damals klar:

Die Geschichte dieser ernsten Nacht wird nie geschrieben werden.

Ludendorff fordert auch hier den Rechtsstaat

Die Nationalsozialisten, die in jener Nacht und am 1.7. ihr Leben verloren, hatten Herrn Hitler unbedingten Gehorsam geschworen. Glaubte dieser sich berechtigt, daraufhin allein derart vorzugehen, so meine ich, das Recht hatte zu sprechen; lag ein Komplott vor, woran ich nicht glaube, so hatte die Untersuchung dieses Komplott voll aufzudecken.

Aber was hat der Mord an General v. Schleicher und Frau, an den Herren v. Kahr, v. Lossow und Seisser mit dem Nationalsozialismus zu tun? Warum mußten auch andere ihr Leben lassen, wie Gregor Strasser usw., und warum oft auf völlig bestialische Weise?

Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt geworden. Die Zahl von etwa 70, zu denen sich Herr Hitler in seinen Reden vom 3.7. bekannte, dürfte kaum zutreffend sein.

Und wieder das Versagen seines Weltkriegsgefährten und derzeitigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der der Genialität Ludendorffs seinen Ruhm verdankte und nicht nur ihn verriet:

Ich sah nach Berlin auf das Reichsministerium, ich sah auf den Reichswehrminister und auf den Reichspräsidenten. Wie würden sich diese verhalten?

Und ich erlebte, daß Reichspräsident und Reichswehrminister das Vorgehen des Herrn Hitler billigten und das Reichsministerium ein Gesetz beschloß, daß die Ereignisse in der Nacht vom 30.6. zum 1.7. und am 1.7. „rechtens“ gewesen seien.

Ich konnte mich nun nicht mehr wundern, daß Millionen Deutsche das Komplott als vorliegend ansahen, „durch dessen Niederschlagung unsägliches Unheil für Deutschland verhütet“ sei.

Die Folge: Vielen Deutschen drohte das Rechtsempfinden abhanden zu kommen

Ich konnte mich nicht wundern, daß den Deutschen immer mehr das Gefühl für Recht verloren ging; das war für mich eine besonders ernste Erscheinung. Fehlt das Rechtsgefühl in einem Volke, so ist damit eine der wesentlichen Grundlagen völkischen Lebens zerstört.

Das Gefühl: „Was geht es mich an, wenn andere durch Rechtlosigkeit betroffen werden“, bahnt den Weg einem Denken, das jede Geschlossenheit des Volkes verhindert.

Meine Frau und mich hat das Ungeheuerliche, das andere betroffen hat, auf das tiefste bewegt.

2. Ludendorff rät 1934, Hitler zu verhaften

In „protokollarisch festliegenden Mitteilungen“, die in einer Anmerkung des Verlages im o. a. Werk zu lesen sind, erfahren wir, was Ludendorff einem General der Wehrmacht geraten hat und was, wäre es durchgeführt worden, den viel zu späten und mißglückten Attentatsversuch Stauffenbergs überflüssig gemacht hätte.

Es war kurz nach dem 30. Juni 1934, daß General v. Fritsch bei General Ludendorff anrief, ob er ihn besuchen könne. Er erhielt Zusage und kam in Uniform.

Nach Verlauf etwa einer halben Stunde ließ General Ludendorff seine Frau zu sich bitten, da er ihr den General vorstellen wollte.

Die Unterredung wurde dann sehr bald von General Ludendorff auf die Massenmorde vom 30. Juni gelenkt. Er gab seiner Empörung darüber Ausdruck, daß die der revolutionären Absichten beschuldigten Feinde Hitlers und andere unliebsame Gegner nicht verhaftet und vor ein Gericht gestellt worden waren, sondern daß sie sofort erschossen, also ermordet worden seien.

Er bezeichnete dies als ein Massenverbrechen, das durch keine „drohende Gefahr“ irgendwie entschuldigt werden könne.

Er sagte, daß er sich darüber entsetze, daß die Heerführer geschwiegen hätten.

Im Anschluß hieran sagte Frau Dr. Ludendorff, da Herr v. Fritsch schwieg:

„Das Blut der Gemordeten wird von mir als Fleck auf der Uniform der Wehrmacht solange gesehen, als diese solches Handeln durch einen weiteren Dienst unter Hitler billigt.“

Hierauf der Feldherr: „Meine Frau hat sehr recht, auch ich sehe die Sache so an.“

General v. Fritsch, der sichtlich stark beeindruckt war, erwiderte:

„Excellenz, seien Sie nicht zu streng! Sie ahnen nicht, wieviel wir schon versucht haben. Besonders der Stahlhelm war sehr tätig, aber

die Spionage ist zu furchtbar, es bleibt ihr nichts verborgen!“

Darauf erwiderte General Ludendorff:

„Die Empörung ist in weitesen Kreisen des Volkes, ja sogar in der Partei sehr groß. Hitler steht seither keineswegs mehr fest. Gerade jetzt müßte es den Heerführern ein leichtes sein, auf solche Verbrechen hin seine Regierung zu stürzen.

Aber in einem solchen Gewaltstaat mit solcher Spionage müssen die Pläne in dem Kopf eines einzigen, völlig verschwiegenen Menschen, der das Heer unter sich hat, entstehen, reifen und vollzogen werden! Sie werden ja an sich auch nicht viele Gleichüberzeugte unter den Stützen der Wehrmacht finden.“

Da nannte v. Fritsch den Generalstabschef Beck. Darauf sagte General Ludendorff:

„Nach Namen hatte ich Sie absichtlich nicht gefragt. Bei uns beiden ist dieser Name in guter Hut, aber Sie hätten ihn sogar hier nicht nennen dürfen. Nur die äußerste Verschwiegenheit kann hoffen, das Ziel zu erreichen, und deshalb wird auch von uns beiden keine Menschenseele erfahren, daß Sie hier waren.

Ich kann Ihnen nur raten, versäumen Sie diese Zeit nicht, in der Hitlers Macht durch sein Verbrechen so erschüttert ist. Eine solche Möglichkeit wird vielleicht in Jahren nicht wiederkehren.

Halten Sie doch ein Manöver ab und versammeln Sie 2 Divisionen um Berlin und verhaften Sie die Menschen, die einen Massenmord begingen; das Volk wird das wohl begreifen. Aber schweigen Sie gegenüber jedermann. Wir wollen auch über diese Fragen nie durch Mittelspersonen und immer nur persönlich sprechen.“

In dieser Unterredung fielen auch die Worte, die General v. Fritsch dem damaligen Obersten Hoßbach gesagt hat und die dieser in seinem Buch auf Seite 144 wiedergibt:

„Hitler hält keinem die Treue, er verrät auch Sie innerhalb von wenigen Jahren!” – Worte Ludendorffs an Fritsch, die mir dieser nach Rückkehr von seinem Besuch bei Ludendorff erzählte. –

General v. Fritsch aber fehlte es an Mut. Das Manöver und die Festnahme Hitlers und seiner Mordbuben fanden nicht statt.