“Jene, die keine Täter waren, werden zu Opfern von zu Tätern gewordenen Opfern.”

In seiner Abhandlung

Zusammenbruch 1945 und Nachkriegsdeutschland

berichtet Thomas Engelhardt

über historische Forschungen und Veröffentlichun-gen, die das propagierte Täter-Opfer-Verhältnis der Zeit vor, während und nach dem Weltkrieg hinter-fragen und die Wirklichkeit aufzeigen.

Während die zu Opfern umgelogenen Täter aus der Niederlage des Deutschen Reiches kräftig profitie-ren, und sei es nur, die unbezwingbare Konkurrenz eines geistig, moralisch und an Tüchtigkeit überle-genen Deutschland niedergerungen zu haben, liegt das wirkliche Opfer Deutschland als „ewiger Täter“ am Boden.

Folgen wir nun Thomas Engelhardt:

Eine der interessantesten Veröffentlichungen zur Situation bei Kriegsende 1945 und in den Monaten und Jahren danach veröffentlichte der britische Historiker Keith Lowe bereits 2012: Keith Lowe: Der wilde Kontinent: Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950 (aus dem Englischen übersetzt von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt, Klett-Cotta) Stuttgart 2014. (Original: Savage Continent: Europe in the Aftermath of World War II, St. Martin’s Press, New York 2012).

Aufschlußreich, daß bei Erscheinen des Bu-ches kaum Rezensionen in den bundesdeut-schen Zeitungen zu lesen waren. Dies ganz im Gegensatz zu der Aufmerksamkeit, die dieses Buch in anderen Ländern fand.

Die Feststellungen und Zusammenfassungen des Autors stehen tatsächlich im krassen Ge-gensatz zu dem allgemein in Bundesdeutsch-land gezeichneten Bild, wonach mit dem gro-ßen Befreiungstag vom 8. Mai 1945 angeblich eine lichte neue Zeit begonnen hätte, durch-drungen von Frieden, Freiheit und Demokra-tie.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich diese Zeichnung der jüngeren deutschen und euro-päischen Geschichte als Zerrbild, um nicht zu sagen als Trugbild!

Wenngleich Deutschland und die Verhältnisse in den Besatzungszonen nicht im Mittelpunkt der Betrachtung des Autors standen, erfährt der Leser, daß die Nachkriegsgeschichte ganz anders war.

Mit dem 8. Mai 1945 endete nicht etwa Krieg, Terror, Gewalt und Verfolgung. Nein, dann fing es erst richtig an.

„Zusammenbruch, Rechtlosigkeit, Anar-chie: Mit der deutschen Kapitulation war das Töten noch nicht beendet. Zum er-sten Mal macht Keith Lowe das ganz Eu-ropa umfassende Ausmaß der materiellen und moralischen Verwüstungen deutlich: die ergreifende Darstellung einer Welt, die aus den Fugen geraten war.“ (aus dem Klappentext).

„Eindrucksvoll beschreibt Keith Lowe in seinem international viel beachteten Buch den Abstieg eines ganzen Kontinents in die Anarchie.

Dabei zeigt er die Gewalteruption des Zweiten Weltkrieges als ein komplexes Geschehen über die sogenannte Stunde Null hinaus. Im Zentrum seiner ausge-wogenen Neudarstellung der Nachkriegs-zeit stehen die vielen auf dem Kontinent aufflammenden regionalen Konflikte, die auch noch nach den klassischen Kriegs-handlungen stattfanden:

Bürgerkriege wüteten, ethnische Span-nungen und Säuberungen dauerten an, Juden und Minderheiten wurden weiter-hin verfolgt. Der Krieg hatte – trotz Hit-lers Niederlage – eine Gewaltdynamik entfacht, die sich nicht mit der Kapitu-lation stoppen ließ.

Zugleich läßt der Autor die Menschen und die einzelnen Schicksale in den betroffenen Ländern sichtbar werden. Eine unerläßliche Lektüre für ein tieferes Verständnis der Schreckensgeschichte Europas.“ (aus dem Klappentext).

Nachzutragen und anzuerkennen ist, daß sich viele Menschen in Europa am 8. Mai 1945 befreit fühlten. Von Krieg, von Elend, von Heimatlosigkeit. Zu leugnen ist das nicht, und das soll auch durchaus nicht geleugnet werden.

Aber:

„Opfer können zu Tätern werden. Und jene, die keine Täter waren, werden zu Opfern von zu Tätern gewordenen Opfern.“ [Erhard Schütz, Der Freitag; in einer Zusammenfassung zum Buch von Keith Lowe].

Ein Beispiel: Insgesamt wurden zwischen September 1944 und April 1945 über 126.000 Personen in Frankreich wegen Kollaboration mit den Deutschen interniert, mindestens ebenso viele fielen der Lynch-justiz und der Rache der Résistance zum Opfer, darunter zehntausende Frauen, die verfolgt wurden, weil sie Beziehungen mit den Besatzern eingegangen waren.

Der US-amerikanische Historiker Peter Novick arbeitete heraus, daß bereits vor dem 6. Juni 1944 5.234 Exekutionen erfolgten, während die Zahl für die Monate danach bei 4.439 lag. Das sind die offiziellen Zahlen. (Qu.: Vgl. Peter Novick, L’épuration française 1944–1949, Paris 1985.)

International fand das o. g. Buch von Keith Lowe bei seinem Erscheinen durchaus viel-beachtete Aufmerksamkeit, wurde ungezählte Male rezensiert. Im BRD- Staat dagegen weit-hin peinliches Schweigen. Kein Thema für das Fuilleton! Weshalb auch!

Der britische Historiker Ian Kershaw urteilte:

„Keith Lowes exzellentes Buch malt ein wenig bekanntes und erschreckendes Bild eines Kontinents in den Fängen von Gesetzlosigkeit, Chaos und Gewalt“.

Und einige der Naivlinge meinen wohl wirklich, am 8. Mai 1945 sei ein Schalter umgelegt worden, und ein Zeitalter des Friedens hätte Einzug gehalten … Das Gegenteil war der Fall. Ganz abgesehen von den 1945 ff. geführten Kriegen der „demo-kratischen“ Mächte.

Im SPIEGEL fand sich immerhin folgende Rezension zum Werk von Keith Lowe:

„Keith Lowe räumt mit der Vorstellung auf, dass mit dem Sieg über Hitler- Deutschland der Kontinent sein neues ziviles Leben begann … Die unmittelbare Nachkriegszeit war politisch komplexer …“

Und am besten folgende Einschätzung, die den Nagel auf den Kopf trifft:

„Man kann aus seinem aufwühlenden Buch lernen, was uns im Verhalten wie im Urteil vorsichtiger machen sollte: Opfer können zu Tätern werden. Und jene, die keine Täter waren, werden zu Opfern von zu Tätern gewordenen Opfern.“ [Erhard Schütz, Der Freitag].

Im BRD- Staat gibt es demgegenüber heute nur noch eine eindimensionale Gedenkkultur, eine selektive Wahrnehmung von Tätern und Opfern und entsprechendes Gedenken.

Ende 1945 befanden sich europaweit und in den besetzten Zonen insgesamt 3,2 Mill. Deutsche in Internierungs-, Spezial- und Haftlagern. Und noch 1947 befanden sich 4,5 Mill. als Zwangsarbeiter in der Hand der Kriegssieger. [Qu.: John Dietrich: The Mor-genthau Plan: Soviet Influence on American Postwar Policy, 2002, ebda. S. 123]

Die „demokratischen“ Mächte, die Deutsch-land und seine Verbündeten niederrangen, waren 1944/1945 nicht nach Mitteleuropa eingefallen, um die Deutschen, Polen, Tschechen, Franzosen und andere vom Nationalsozialismus zu befreien. Gegen Deutschland und die Deutschen wurde wie stets in der Geschichte Krieg um Macht, Einfluß und Dominanz geführt.

Dieses gewaltige Völkerringen, das sich auf die Formel Deutschland und Europa vs. raumfremde Mächte reduzieren läßt, resul-tierte aus dem Versuch Deutschlands, eine Neuaufteilung der Rohstoff- und Absatz-märkte sowie eine geopolitische Neuordnung des Kontinents auf dem militärischen Wege zu erzwingen.

Der 1941 begonnene Krieg gegen die stalinfaschistischen Sowjetunion war angesichts der erklärten Ziele Stalins und seiner Funktionärsclique (Lazar Moissejewitsch Kaganowitsch, Georgij Malenkow, Wjatscheslaw Molotow, Kliment Woroschilow, Anastas Mikojan, Nikolai Bulganin) und vor dem historischen Hintergrund sowjetischer Expansion und Unterdrückung alternativlos.

Heute werden die Gesamtabläufe der 1940er-Jahre stark ideologisiert betrachtet. Das beginnt beim angeblichen „Überfall auf die Sowjetunion“ und endet bei der angeblichen „Befreiung“ durch die die Truppen der „Roten Armee“.

Völlig vernachlässigt und außer Acht gelassen werden die durch die atlantischen Mächte bereits ab Mitte bis Ende der 1930er-Jahre formulierten Kriegsziele, die nicht nur auf eine militärische Bezwingung Deutschlands hinausliefen, sondern von Beginn an die nachhaltige Schwächung, politische Margi-nalisierung, militärische Enthauptung sowie die Zerstückelung und Zerreißung Gesamt-deutschlands zum Ziel hatten! [1*]

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß in den Westzonen nach 1945 ein Bild gezeichnet wurde, dem gemäß die Stalin‘sche Sowjetunion die sog. Westver-schiebung Polens vorgenommen hätte und für die Abtrennung und Annexion Ost-deutschlands verantwortlich war.

Richtig ist aber, daß die Westmächte von Beginn an nicht nur eine Zerstückelung Deutschlands planten, sondern – um unser Land und unser Volk entscheidend zu schwächen – auch die Abtrennung Ost-deutschlands von Beginn an auf der Agenda hatten.

Lediglich war die endgültige Grenzlinie zu Polen bis Kriegsende unklar. Die vollständige Teilung Deutschlands in mehrere Teilstaaten aber war bis zur Konferenz von Jalta noch fester Plan der Westmächte und wurde erst nach der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) relativiert und in der Folge dann aufgegeben (wohlgemerkt im Eigenin-teresse, da sich die Sowjetunion nach der Bezwingung Deutschlands nun als der neue Gegner erwies).

Statt also den „Großen Krieg“ 1939-1945, den Ernst Nolte auch als den Europäischen Bürgerkrieg charakterisierte, wird er – nicht unrichtig – heute auch als Teil des 2. Dreißigjährigen Krieges bezeichnet, als Kampf der Weltmacht Vereinigtes Königreich sowie der aufkommenden Weltmacht USA gegen das erstarkende Deutschland zu definieren, wird das gesamte Geschehen als Kampf gegen den Nazismus und für Freiheit und Demokratie umgedeutet.

In gleichem Maße ideologisch bewertet wird der deutsch-sowjetische Krieg. Deutschland wurde und wird bis heute aggressives Vor-gehen gegen seine Nachbarn vorgeworfen und unterstellt.

Daß die Sowjetunion unter Stalin bis 1941 nahezu alle Nachbarstaaten entweder mit diplomatischen Noten erpreßt und Gebiets-abtretungen erzwungen hatte (Finnland, Rumänien), andere Staaten überfallen und annektiert oder teilannektiert hatte (Finnland, Lettland, Litauen, Estland, Polen), wird heute unterschlagen und ist aus der Geschichtsbe-trachtung gleichsam verschwunden.

Der Pakt der westlichen sog. Demokratien mit der stalinfaschistischen Sowjetunion diente einem einzigen Ziel: Der Bezwingung Deutschlands und der Ausschaltung Deutschlands als Konkurrent auf dem Weltmarkt.

Das heißt aber nichts anderes, als daß die Westmächte bereit waren, sich mit dem Teufel zu verbünden, um den angeblichen „Beelzebub“ zu besiegen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Und weil das so war, müssen die führenden Persönlichkeiten des nationalsozialistischen Deutschland bis heute als die sprichwörtli-chen Teufel in Menschengestalt gezeichnet werden, müssen, um von den eigenen Ver-brechen im Krieg und nach dem Krieg abzu-lenken, die vorgeblichen oder auch tatsäch-lichen Verbrechen Deutschlands überzeichnet und qualitativ und quantitativ überhöht werden.

Die zwischen 1938 bis 1944 erfolgte Dissi-pation der mittel- und osteuropäischen Juden ist dabei lediglich einer der Vorgänge, wenn-gleich einer für unser Volk bedeutendsten Anklagen.

Die im Nachkriegsdeutschlands herrschenden Verhältnisse wurden 1945 und im Folgejahr von Zeitzeugen ausreichend analysiert und beschrieben.

Nur leider sind diese Berichte und histori-schen Beschreibungen meistenteils der Vergessenheit anheim gefallen. Die Jugend und Jungerwachsene erfahren in den Bil-dungsgängen in Schule, Lehre und Universität nichts mehr über die Ereignisse in Nach-kriegsdeutschland 1945-1949. Stattdessen allerorten Vorträge, „Workshops“, Hausar-beiten usw. zur Judenvernichtung!

Niemand stellt die Frage, woher die Juden kamen, die in mehreren Einwanderungswellen Palästina besiedelten und die Araber vertrie-ben. Die, die diese Frage stellten, wurden verfolgt, verurteilt, eingesperrt.

Wo steht Deutschland heute? Eine Antwort muß schwer fallen.

Offensichtlich ist Deutschland nur noch ein Schatten seiner selbst. An Geist und Gliedern schwer verwundet, an allen seinen Grenzen und Rändern seines früheren Territoriums beraubt, mehrfach zerstückelt und bis heute geteilt.

Die inländische deutsche wie auch die fremd-stämmige Bevölkerung (Anteil einschl. der Paßdeutschen etwa 1/4 der Gesamtbevöl-kerung) sieht in der sog. BRD Deutschland und versteht unter diesem Begriff auch nur noch dieses Staatsterritorium.

Andere deutsche oder deutschsprachige oder ehemalige deutsche Gebiete (Österreich, Luxemburg. Südtirol, Elsaß, Lothringen, Oberschlesien, Hinterpommern, Masuren, Nord-Ostpreußen, Ostbrandenburg) werden entsprechend diesem Selbstverständnis nicht mehr als deutsche Territorien, deren Bewoh-ner, soweit deutsch, auch durchaus nicht als Deutsche angesehen.

Hinzu kommt die 1945 durch die Kriegs-sieger vorgenommene vollständige militä-rische Enthauptung Deutschlands. Die sog. Bundeswehr ist die einzige Armee weltweit ohne Generalstab, darüber hinaus wird sie vom sog. Bundestag geführt und überwacht. Der Hauptgrund, weshalb Deutschlands zur Zeit nicht wehr- und verteidigungsfähig ist.

Den politischen Willen und die bekannte deutsche Tüchtigkeit und Organisations-fähigkeit nutzend könnte dieser desolate Zustand innerhalb von 5-10 Jahren über-wunden werden. Noch ist Deutschland nicht verloren.

Freilich müßten dann andere ideologische Frachten über Bord gehen und aufgegeben werden.

Der Rechtswissenschaftler Helmut Quaritsch (* 1930 Hamburg, † 2011 Speyer) stellte 1993 fest,

„daß ‚die Bundesrepublik […] sich seit ihrer Gründung im ideologischen Kriegs-zustand mit dem Dritten Reich [befände]. Darum würden alle damaligen Werte zu Unwerten erklärt und ihr Gegenteil zum Wert‘.“

Hieraus sind die entsprechenden Schlußfolgerungen zu ziehen.

Einige Veröffentlichungen zum oben dargelegten Thema seien nachstehend genannt (die Auswahl ist weder repräsentativ noch vollständig):

Karlheinz Weißmann: Die Besiegten. Die Deutschen in der Stunde des Zusammen-bruchs 1945.

Schnellroda: Antaios, 2005 (Neuausgabe 2021).

Günter Sagan: Kriegsende 1945. Die dramatischen Wochen vor und nach der Kapitulation.

Petersberg: Imhof Zeitgeschichte, 2008.

aus schwedisch-neutraler Sicht: Stig Dagermann: Deutscher Herbst (3. Aufl.). Berlin: Guggolz, 2022.

aus britisch-amerikanischer Sicht: Freda Uthley: Kostspielige Rache (Originaltitel: The high Cost of vengeance) Freda Utley. [aus. d. Amerikan. übertr. v. Rudolf Andersch] Tübingen: Schlichtenmayer, 1962. [Bericht der britischen Journalistin Freda Uthley über ihre Beobachtungen im Deutschland der Nachkriegszeit]

eine ortsspezifische Darstellung: Manfred Thiele: Vae Victis. Mühlhausen unter sowjetischer Besatzungsdiktatur. Mühlhausen: Selbstverlag, 2004.

sowie Hans Jürgen v. Wilckens: Die große Not. Danzig-Westpreußen 1945. Münster: Truso-Verlag, 1982.

Werner H. Krause: Totentanz im Oderland. Der Einmarsch der Roten Armee in Ostbrandenburg 1945. Naunhof: Audoria. 2021.

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Anmerkung

1* Vgl. Gotthold Rode, Wolfgang Wagner: Quellen zur Entstehung der Oder-Neiße-Linie in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges. Stuttgart: Brentano, 1956.