Hat die Machtgruppe der Juden ihr “Wort Gottes” mißverstanden? 2. Folge

Der Bibelkenner

Matthias Köpke  

fährt fort in seinem

Beschwerdebrief an die Othodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands

Was ist eigentlich Gehorsam?

„Die Religion des Judentums stellt sich die Aufgabe, die Menschen zu erziehen und zur sittlichen Vollendung zu führen. Daher wird die Bibel nicht müde, Gehorsam gegen ihre Gesetze zu fordern.

Sie verheißt Lohn und droht Strafe an, weil sie mit kindlicher Torheit und Unreife und mit menschlicher Leidenschaft rechnet.

Ein Gehorsam aber, der aus Furcht oder um eines Lohnes willen geübt wird, gilt in der Bibel nicht als die reinste Form des Gehor-chens. Der Fromme erfüllt aus Ehrfurcht vor Gott in freudiger Liebe das Gebot des Glau-bens. Kein Opfer ist ihm zu groß, um zu tun, was Gott ihm befiehlt. Die Erzählung von der Opferung Isaaks (Gen. 22) ist das Hohelied religiösen Gehorchens. Auf dem Scheiter-haufen dankt Rabbi Akiba Gott dafür, daß er das Gebot (Deut. 6,5) erfüllen kann:

,Du sollst deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft (b.Bĕr.61b). Nicht knechtische Unter-werfung, grundloses Gehorchen schreibt die Bibel vor, sondern Nachdenken über ihre Gebote und sinnendes Forschen (Ps. 1,2; 63,7). ,Erkennen sollst du und es dir zu Herzen nehmen, daß der Ewige Gott ist. Auch der Talmud befindet sich im Einklang mit der Bibel, wenn er lehrt, daß eine religiöse Pflicht um ihrer selbst willen geübt werden muß. ,Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn um des Lohnes willen dienen (P.A.1,3; b. Bĕr.17 a).“ (2)

„Alles stammt von Gott, nur nicht die Gottesfurcht; sie ist das einzige, was man Gott geben kann.“

Können die Israeliten als „gottesfürchtig“ bezeichnet werden, wenn sie meinem Recht und Gottes Befehl in Genesis 27,40 (Esausegen) mißachten? Meine Antwort: Nein.

„Was für das talmudische Gesetz besonders kennzeichnend ist und vor allem anderen seine Eigenheiten verstehen läßt, ist der Umstand, daß es auf dem unerschütterlichen Glauben basiert, daß Gott selbst alle in der Tora, als dem Wort Gottes, kein Wort und kein Buchstabe zu wenig oder zu viel steht, daß nichts in der äußeren Form Zufall ist, sondern alles seine Bedeutung hat, daß die Tora in allen ihren Einzelheiten dazu be-stimmt ist, nach feststehenden, schon von der Offenbarung am Sinai her überlieferten Regeln gedeutet zu werden; … Sind ferner die Gesetze und Lehren der Tora der geoffenbar-te Wille Gottes, so ist es die oberste Pflicht und Aufgabe des Menschen, sie mit möglich-ster Genauigkeit und Absolutheit überall im Leben zur Geltung zu bringen. …“ (3)

Bringen die Israeliten den geoffenbarten Willen Gottes, das Tora-Gesetz in Gen. 27,40 (Esausegen) mit möglichster Genauigkeit und Absolutheit überall im Leben mir gegenüber zur Geltung? Meine Antwort: Nein.

Kiddusch haschem und Chillul haschem ,Heiligung und Entweihung (Profanation) des göttlichen Namens‘ bezeichnen eig. den höchsten und den tiefsten Grad jüdisch-religiöser Moral.

Sie besagen: der Jude ist verpflichtet, alles zu tun, was irgend in seiner Macht steht, um Gottes Namen durch sein Tun zu verherr-lichen, und andererseits alles zu vermeiden, was Gottes Namen in den Augen der Welt herabwürdigen könnte, gemäß Lev. 22,32:

,Und entweiht nicht meinen heiligen Namen, so daß ich geheiligt werde inmitten der Kinder Israels, ich bin der Ewige, der euch heiligt.‘ Insbesondere aber sollte Israel als Priestervolk (Ex. 19,5) es als seine Aufgabe betrachten, Gottes Namen bis zur Hingabe des eigenen Lebens für die Religion zu heiligen.

,Unter der Bedingung habe ich euch aus Ägypten herausgeführt, daß ihr euer Selbst hingebt, meinen Namen zu heiligen (Sifra zu Emor 138). So galt es denn ursprünglich als Pflicht jedes Juden, eher sein Leben zu opfern, als daß er wegen Androhung des Todes sich entschlösse, durch die öffentliche Übertretung eines göttlichen Gebots den Namen Gottes zu entweihen (b. Sanh. 74a und b). (Anm. M.K.: Die religiösen Märtyrer werden daher ,Heilige‘ genannt).

… Bemerkenswert ist der Spruch: ,Alle Sünden werden durch Buße, den Versöh-nungstag oder die läuternde Kraft der Leiden vergeben, nur nicht die Entweihung des göttlichen Namens, wie geschrieben steht:

„Wahrlich, diese Missetat soll euch nicht vergeben werden, bis ihr sterbt“ (Mĕchilta zu Jitro 7; b. Joma 86a).“ (4)

Entweihen die Israeliten den Namen Gottes, wenn sie mir mein Recht des Esausegens (Gen. 27,40), die Freiheit von Israels Joch, verwehren? Meine Antwort: Ja.

Gerichtswesen. Das Gericht ist nach jüdischer Auffassung in erster Linie eine göttliche Institution. Wer vor dem Gericht erscheint, tritt daher gleichsam vor Gott (Deut. 19,17); denn ,das Gericht ist Gottes (Deut. 1,17). Die Richter werden als Organe Gottes betrachtet, sie werden darum in der Bibel auch bisweilen mit dem gleichen Ausdruck wie Gott (elohim) bezeichnet (Ex. 22,7f.; 1. Sam. 2,25), die das Recht zu suchen haben, indem sie gleichsam Gott selbst befragen (Ex. 18,15).

Gott gilt als beim Gericht an-wesend, in seinem Namen wird Recht gesprochen. Durch diese hohe Auffassung von der Stellung und Aufgabe des Gerichtes wurde jeder Gewalt und Willkür von Anfang an entgegengetreten.

… In anschaulicher Weise kommt das Streben des Königs Josaphat, die Gerechtigkeit in Israel zu fördern, in seiner Mahnung an die Richter zum Ausdruck: ,Seht zu, was ihr tut; denn Ihr haltet das Gericht nicht für Men-schen, sondern für den Ewigen, und er ist bei Euch im Rechtsspruch; darum sei die Gottes-furcht Euch gegenwärtig, hütet Euch bei Eurem Tun; denn beim Ewigen, unserem Gott, gibt es nicht Ungerechtigkeit, Ansehen der Person und Annahme von Bestechung (2. Chron. 19,6).“ (5)

Können die Israeliten noch im Namen Gottes Recht sprechen, wenn sie das Recht des Esause-gens (Gen. 27,40) mir und anderen gegenüber mißachten? Meine Antwort: Nein.

„613 Gebote und Verbote der Tora. Nach einer alten, bereits auf die tannaitische Zeit zurückgehenden Tradition (Mĕchilta, Jitro, Bachodesch; Sifre, Deut. § 76) beginnt ein bekannter Ausspruch des Haggadisten Simlaj (3. Jhdt. n.), der die große Zahl der biblischen Gebote durch David und die Propheten auf einen immer kürzeren, religiös-ethischen Ausdruck bringen läßt, mit den Worten:

  • 613 Gebote sind dem Moses geoffenbart worden,

  • 365 Verbote, gleich der Anzahl der Tage des Sonnenjahres, und

  • 248 Gebote, gleich der Anzahl der Glieder des menschlichen Körpers‘ (b. Makk. 23b).

Die für die Zahlen 365 und 248 angegebenen Parallelen sollen nach Juda b. Simon besagen: Jeder Tag spricht zum Menschen: ,Ich bitte dich, übertritt nicht an mir dies Verbot!‘ Und jedes Glied spricht zum Menschen: ,Ich bitte dich, übe mit mir dies Gebot aus!‘ (Pĕssikta 101a; Tanchuma, Ki teze 2, Ausg. S. Buber). Maimonides (Rambam) stellte in seinem Buch „Sefer hamizwot“ (Buch der Gebote) vierzehn Leitsätze auf, die er seiner Aufzählung zu-grunde legte und die von einigen Aufzäh-lungen anderer Gelehrter etwas abweichen.“ (6)

Hier an dieser Stelle möchte ich aus diesen 613 Geboten und Verboten diejenigen aufzählen, die zu miß-achten m.E. sich die Israeliten schuldig machen, wenn sie den Esausegen Gen. 27,40 an mich, mein Volk und jeden, der sich darauf beruft, nicht einhalten. Die nachfolgende Aufzählung ist der Liste des Maimonides entnommen, die im „Jüdischen Lexikon“ Band II von Herlitz und Kirschner (s. o.) abgedruckt ist.

Verstoß gegen folgende Gebote (von 248):

3. Liebe zu Gott (Deut. 6,5); 4. Ehrfurcht vor Gott (Deut. 6,13); 6. Hangen an Gott (Deut. 10,20); 8. Wandeln in den Wegen Gottes (Deut. 28,9); 9. Heiligung des göttlichen Namens (Kiddusch haschem, Lev. 22,32); 172. Gehorsam gegen jeden Propheten, insoweit dieser innerhalb der Vorschriften der Tora blei3. bt (Deut. 18,15); 177. Unparteilichkeit beim Gericht (Lev. 19,15); 179. Sorgfältige Prüfung der Zeugen (Deut. 13,14); 207. Liebe zum Fremdling (Deut. 10,19); 235. Dauernde Sklaverei kanaanitischer Sklaven (Lev. 25,46. Anm. Matthias Köpke: kanaanitischer = aus den heidnischen, nichtjüdischen Völkern. Dieses Gebot ist m.E. falsch, weil es nicht mit dem Esausegen Gen. 27,40 in Einklang zu bringen ist, m.E. irrt sich hier Maimonides).

Verstoß gegen folgende Verbote (von 365):

2. Ein Bild von Gott zu machen oder zu haben (Ex. 20,4);

48-49. Mit den sieben Völkern Kanaans Frieden zu schließen oder sie am Leben zu erhalten(Ex. 23,32; Deut. 7,2; 20,17. Anm. M. Köpke: Auch hier irrt m.E. Maimonides, weil er den Esausegen Gen. 27,40 nicht beachtet.);

60. Den heiligen Namen Gottes zu lästern (Lev. 24,16; Ex. 22,27); 61. Eine eidliche Zusage zu brechen (Lev. 19,12. Anm. Matthias Köpke: Wenn jemand auf die Bibel schwört, schwört er auch auf den Esausegen Gen. 27,40, wenn er dann den Esausegen nicht beachtet ist er Eidbrüchig!);

63. Gottes Namen zu entweihen (Lev. 18,21; 22,32);

64. Gott zu versuchen (Deut. 6,16);

273. Im Gericht Unrecht zu tun (Lev. 19,35);

275-276. Als Richter das Ansehen der Person zu achten oder sich zu fürchten (Lev. 19,15; Deut. 1,17. Anm. M. Köpke: Die Richter fürchten sich m.E. davor, meinen Fall, mit der Beanspruchung von Gen. 27,40, vor ihren Gerichten zu verhandeln, oder auch nur Kontakt mit mir aufzunehmen.);

280. Das Recht der Fremdlinge, Ausländer oder Waisen zu verdrehen (Deut. 24,17);

284. Gesetzesunkundige als Richter anzustellen (Deut. 1,17. Anm. M. Köpke: Anscheinend kennt kein Richter den Esausegen in Gen. 27,40.);

312. Dem obersten Gericht den Gehorsam zu versagen (Deut. 17,11. Anm. M. Köpke: Und wenn der Esausegen Gen. 27,40 bekannt ist, warum hält sich niemand daran?);

313-314. Etwas vom Gesetz hinzuzufügen oder von ihm wegzunehmen (Deut. 13,1. Anm. M. Köpke: M.E. wird der Esausegen Gen. 27,40 als sehr wichtiges Gesetz nicht beachtet oder weggenommen!).

Im Juden- und Christentum herrscht die Anschauung, daß alle Gebote in der Tora, also auch der Esau-segen Gen. 27,40, ewig gültig sind: die absolute Geltung der religiösen Wahrheit übertragen sie auf die Einzelvorschriften der Tora.

Fortsetzung (Schluß) folgt

_______________________

Anmerkungen

2) Israel Shahak u. Norton Mezvinsky: „Jewish Fundamentalism in Israel“, 176 Seiten, London 1999, Pluto Press, 345 Archway Road, London N6 5AA.

3) Roland Bohlinger: „Denkschrift auf der Grundlage des geltenden Völkerrechts und des im Alten Testament verkündeten Jakob- und Esausegens“, veröffentlicht in „Freiheit und Recht“, Viöl im Nov. 2002.

4) „Die Ankunft des Messias selber ist an unmögliche, jedenfalls höchst paradoxe Bedingungen gebunden, niemals wohl melancholischer und menschlich-vertrackter als in dem, einen Gedanken des Sohar zuspitzenden Wort, der Messias werde nicht eher kommen, als bis die Tränen Esaus versiegt sein werden. (Als Sohar-Zitat bei Benjamin aus Solositz, Ture Sahab, Mohilew 1816, f. 56b. Die Formulierung ist eine Zuspitzung einer Stelle im Sohar II, 12b). Unter allen Bedingungen der Erlösung wahrlich die überraschendste und zugleich unmöglichste! Denn die Tränen Esaus sind die, die er nach Gen. 27, 38 (1. Mose) vergoß, als er von Jakob“ (Anm. M.K.: Israel) „um den Segen Isaaks betrogen wurde.“ (Quelle: Gershom Scholem in seinem Buch „Judaica“ Suhrkamp Verlag 1968, S. 72: Zum Verständnis der messianischen Idee im Judentum.) Warum verwehrt man mir – den sog. Heiden – den Esausegen, der doch Teil der jüdischen und christlichen Verfassung (Bibel) ist? Richten sie sich da nicht gegen ihren eigenen Glauben und ihr eigenes biblisches Verfassungsgesetz? Was sieht die Bibel für Strafen für einen solchen biblischen Verfassungs- und Gesetzesbruch vor? Etwa die Vernichtung? Oder 5. Mose 30, 15-16: „Siehe, ich habe dir heute das Leben und das Gute, und den Tod und das Böse vorgelegt, da ich dir heute gebiete, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu wandeln und seine Gebote und seine Ordnungen und seine Rechtsbestimmungen zu beobachten, damit du lebst und zahlreich wirst …“ 19-20: „Ich nehme heute den Himmel und die Erde zu Zeugen gegen euch: das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, auf daß du lebst, du und deine Nachkommen, indem du deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhängst; denn das ist dein Leben und die Länge deiner Tage, …“  Würde nicht auch ich den Fluch wählen, wenn ich den Esausegen nicht beanspruchen würde? Es ist ja die Verheißung Gottes an mich – als sog. Heiden – und muß von mir umgesetzt werden.

5) Siehe Teil II Punkt 5: „Eine verhängnisvolle Mythologie“ (Die Noachidischen Gebote) in M. Köpke’s „Denkschrift – Warum soll unsere natürliche Welt zerstört werden?“ 7. erw. Auflage 2021

6) Wissen die Israeliten überhaupt, was es heißt, ein gehorsames, auserwähltes Volk zu sein? In „Jüdisches Lexikon“ Band 1-4 von Dr. Herlitz und Dr. Kirschner, Jüdischer Verlag Berlin 1927-1930 steht unter Auserwähltes Volk (1) Gehorsam (2) Gesetze, Talmudische (3) Kiddusch Haschem (4) Gerichtswesen (5) Gebote und Verbote der Tora, 613 (6) Gerechtigkeit