Der Sieg rationalen Denkens über verlogene Geschichtsschreibung (Gerhard Bracke)

Wohltuend für uns mit verlogener Geschichtsschrei-bung niedergehaltene Deutsche:

Der Historiker Gerhard Bracke zeigt die Macht rationalen Denkens in der Geschichtsschreibung, die zu ganz anderen Ergebnissen gelangt, als die ver-breiteten Geschichtslügen uns weismachen wollen:

Geschichte und die Macht ratio-nalen Denkens

„Profil“, das Magazin des Deutschen Philo-logenverbandes „für Gymnasien und Ge-sellschaft“, geht in seiner Ausgabe vom Juni 2021 unter dem Titel „Geschichte hat Zu-kunft“ der Frage nach „Warum Geschichts-unterricht heute so wichtig ist.“

Die Autoren Dr. Peter Johannes Droste, Bundesvorsitzender des Verbandes der Ge-schichtslehrer Deutschlands e.V. (VGD) und Dr. Frank Schweppenstette, stellv. Landes-vorsitzender des VGD in Nordrhein-Westfalen und Mitglied im VGD-Bundesvorstand, leiten die Beiträge zum Thema mit einer grund-legenden Abhandlung „Zur Aktualität der historisch-politischen Bildung im Geschichts-unterricht“ ein.

Ausgehend von der Feststellung, daß der moderne Geschichtsunterricht einen erhebli-chen Beitrag zur politischen Bildung unserer Jugendlichen leistet, verweisen sie auf das Prinzip der Problemorientierung über die Betrachtung von Ereignissen und historischen Personen hinaus. Dabei käme es auf die Unterscheidung von Sachurteil und Werturteil an.

Das Sachurteil bedeutet bei einem histo-rischen Sachverhalt Verzicht auf persönlichen Wertebezug, d.h. aus der Zeit heraus zu urteilen mit Hilfe von Quellen und Dar-stellungen.

„Die Schülerinnen und Schüler betrachten diesen Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven, sie beziehen auch aktuelle Forschungsergebnisse in ihre Sachurteile mit ein“.

Problematischer erscheint das Werturteil, das zusätzlich einen historischen Sachverhalt vom „heutigen Standpunkt“ aus betrachten läßt. Dabei legen die Autoren Wert darauf, daß die Wertmaßstäbe auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung basieren.

Mit Skepsis begegnet man jedoch der An-nahme, in Deutschland reflektiere der mo-derne Geschichtsunterricht seine „Narratio-nen“ (Darstellungen) und führe deshalb zu einer „unideologischen“ Geschichts- und Ge-genwartsauffassung.

Der Geschichtsunterricht solle vor allem Me-thodenkompetenz vermitteln, aber daß dazu in erster Linie die Entwicklung der Fähigkeit zum quellenkritischen Umgang gehört, bleibt leider unerwähnt.

Die Verfasser sind überzeugt, und dieser Prämisse ist unbedingt zuzustimmen die einzige Chance, Manipulation und Indoktri-nation zu unterbinden, ist die „Macht des rationalen Denkens“. Das gelte es zu ver-mitteln, das rationale und vernünftige Ar-gument zu suchen und zu verwenden. Denn:

„Die Überlegenheit der Wissenschaften gegenüber den vielen -Ismen liegt in der Rationalität und ihrer Methoden, die zu differenzierten Urteilen führen. Vorur-teile und Dogmen sind für den Weg der Erkenntnis wenig hilfreich.

Der Vorteil des Faches Geschichte ist, daß es die Methoden und Dogmen der Ideologien und -Ismen untersucht und zum Teil historisch herleiten kann. Es geht hierbei nicht um ein ‚Rechthaben‘, sondern um ein Differenzieren und Verstehen.“ (S. 15)

Einschränkend muß allerdings angemerkt werden, daß die Aussage, Vorurteile und Dogmen seien für den Weg der Erkenntnis „wenig hilfreich“, das eigentliche Problem doch etwas zu verharmlosen scheint. Um es klar zu formulieren:

Vorurteile und Dogmen

erschweren geradezu jegliches Geschichts-verständnis, unterschlagen wesentliche Tat-sachen und verstellen somit den Blick auf die geschichtliche Wahrheit insgesamt.1

Doch was ist, wenn, wie häufig in zeit-geschichtlichen Darstellungen der Fall, die Lernenden und meist selbst die Unter-richtenden Dogmen als solche gar nicht wahrnehmen, nicht erkennen können, sie vielmehr gemäß politischen Vorgaben für gesichertes Geschichtswissen halten?

Dann versagt die Macht des rationalen Denkens ohne weiteres, sobald es an sach-licher Vermittlung von Fakten, Zusammen-hängen und komplexen Kausalstrukturen mangelt, sobald das oft berufene kritische Hinterfragen auf einmal ausbleibt. Rationales Denken bedarf eben der Ergänzung durch solide erarbeitetes Faktenwissen.

Problematisch ist ohnehin, daß der heutige Geschichtsunterricht keinen Abstand zur po-litischen Wertung nach heutigen Maßstäben schafft. Bereits die Zielvorgabe, politische Bildung durch Geschichtsunterricht zu ver-mitteln, führt zur unwissenschaftlichen Ver-mengung von Vergangenheitsdarstellung und politischer Wertung.

Zur Veranschaulichung wählen wir aus ak-tuellem Anlaß ein besonders krasses Beispiel. Anläßlich des 80. Jahrestages des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion bemühte Bun-despräsident Frank-Walter Steinmeier eine in allen Medien ständig präsente dogmatische Formulierung.

Die Stereotype vom „Überfall auf die („fried-liebende“) Sowjetunion“ geht ursprünglich zurück auf die Antwort des sowjetischen Außenministers Molotow am 22. Juni 1941 gegenüber dem deutschen Botschafter in Moskau, Grafen von der Schulenburg:

„Wir sind überfallen worden!“

Daß der ukrainische Botschafter der Gedenk-veranstaltung und Steinmeiers Rede bewußt fernblieb, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, begrüßten doch damals große Teile der ukrainischen Bevölkerung (wie auch des Baltikums) die deutschen Truppen als Befreier vom Stalinistischen Joch.

Peinlicher dürfte indes sein, daß das deutsche Staatsoberhaupt mit dem Hinweis auf das angebliche Motiv vom „Lebensraum im Osten“ einen alten Hut aus Hitlers Buch „Mein Kampf“ hervorholte.

Denn rationale Bemühungen (seines Reden-schreibers) hätten zu der Einsicht führen müssen, daß die militärstrategische Situation 1941 sich gewaltig unterschied von der Zeit, in der Hitler sein Buch niederschrieb.

Damals waren erst wenige Jahre vergangen, nachdem die noch schwache Rote Armee sich vor dem polnischen Aggressor zurückziehen und die Sowjetunion im Frieden von Riga 1921 die Verschiebung der Grenze über die Curzon-Linie hinaus akzeptieren mußte, wo-bei 6 Millionen Ukrainer und rund 2 Millionen Weißrussen unter polnische Herrschaft gerie-ten.

Für das Erkennen der dogmatischen Ver-wendung des Ausdrucks „Überfall“ sind aber noch ganz andere Faktoren zu berück-sichtigen. Ein Dogma ist ein unumstößlicher Lehrsatz, ein fester Glaubensbestandteil aus dem Bereich verbindlicher, allgemein aner-kannter Überlieferungen.

Der Begriff „Überfall“ suggeriert die absolute Ahnungslosigkeit des Überfallenen; trifft die Situation so aber nicht zu, liegt eine Ver-fälschung des Sachverhalts vor. Es ist daher keineswegs übertrieben, bei nicht gegebenen Voraussetzungen von einer Geschichtsfäl-schung zu sprechen.

Im Jahre 1991, anläßlich des 50. Jahrestages von „Barbarossa“, erklärte das Niedersäch-sische Schulverwaltungsblatt, es sei unstatt-haft, den Ausdruck „Präventivkrieg“ für den deutschen Angriff zu verwenden. Wenn auch im nichtamtlichen Teil veröffentlicht, ordnete damit das Kultusministerium für alle Ge-schichtslehrer die verbindliche Sprachrege-lung an.

Immerhin lagen seinerzeit bereits neuere wissenschaftliche Forschungen vor, die das rationale Denken unbedingt herausfordern mußten.

Aber seit dem Nürnberger Prozeß gilt die Verbindlichkeit der Siegergeschichtsschrei-bung und besteht das Spannungsverhältnis zwischen Geschichtswissenschaft, histori-scher Wahrheit und politischen Interessen mit ihren volkspädagogischen Erfordernissen.

Kein Journalist und kein Politiker kann es sich heute leisten, in diesem Spannungsfeld von den Möglichkeiten rationalen Denkens öf-fentlichen Gebrauch zu machen.

Als der renommierte Historiker und Kenner der deutsch-russischen Beziehungen, Philipp W. Fabry, in den 60er Jahren im Rahmen zeitgeschichtlicher Sendungen des Deutsch-landfunks nachwies, daß für den Anlaß des deutsch-sowjetischen Krieges „Lebensraum“ -Vorstellungen keine Rolle gespielt haben, waren die Moskauer Archive der Forschung noch nicht zugänglich.

Nur einzelne zeitgenössische Verlautba-rungen ließen Schlüsse zu, die spätere Archivforschungen bestätigten.1 So schrieb der frühere sowjetische General Alexei Markow, der im Frühjahr 1941 ein Trup-penkommando an der sowjetischen West-grenze hatte, in der amerikanischen Zeit-schrift „Saturday Evening Post“ von 13.5.1950, Stalin habe bereits 1940 nach der Niederlage Frankreichs

„Kriegsvorbereitungen gegen Deutsch-land“ angeordnet, „weil Hitler zu schnell siegte“.

Markow erwähnte weiter, der sowjetische Generalstabschef habe ihm seinerzeit erklärt, man werde im Herbst fertig sein, und man werde losschlagen,

„sobald es für uns günstig ist.“2

Aber so sicher wie das Amen in der Kirche tauchte zum 22. Juni 2021 die Phrase vom „Überfall“ in sämtlichen Medien und Politi-kerverlautbarungen pflichtschuldigst wieder auf. Mit Recht bemerkte der Historiker Stefan Scheil:

„Der Kontrast zwischen gängigem Ge-schichtsbild und historischen Fakten könnte kaum größer sein.“3

Denn:

„Alle haben sich darauf eingerichtet, von deutschen ‘Überfällen‘ auf andere Länder zu sprechen, sie gedenkpolitisch routi-niert zu bewältigen und immer wieder einmal als Grund für finanzielle For-derungen vorzuzeigen.“ (ebd.).

Seit langem ist bekannt, daß Josef Stalin am 5. Mai 1941 beim Empfang für junge Offiziere verkündete, es sei nun Schluß mit der Friedenspolitik gegenüber Deutschland:

„Jetzt aber, da wir unsere Armee um-gestaltet haben, sie reichlich mit Technik für den modernen Kampf ausgestattet haben, da wir stark geworden sind, jetzt muß man von der Verteidigung zum Angriff übergehen.“4

Solche Aussagen werden wie der Schukow-Plan vom 15. Mai 1941 vom politischen Dogmatismus ausgeblendet, obwohl nach den Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit jeder vernünftige („rationale“) Zweifel an der Be-reitschaft der UdSSR, 1941 einen An-griffskrieg gegen Deutschland zu führen, ausgeschlossen werden kann. Die wissen-schaftliche Forschung ergibt eine stattliche Reihe von Belegen:

1 Philipp W. Fabry: Der Hitler-Stalin-Pakt 1939-1941. Ein Beitrag zur Methode sow-jetischer Außenpolitik. 535 Seiten, Darmstadt 1962
Ders.: Die Sowjetunion und das Dritte Reich. Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis 1941, 485 Seiten, Stuttgart 1971
2 Deutschland-Journal, Dezember 1979, Folge 12, S. 8
3 Stefan Scheil: Aus eigenem Aufmarsch rasch losschlagen. Am 15. Mai 1941 drängte Marschall Schukow Stalin eindringlich, einem deutschen Angriff zuvorzukommen. JF, 14. Mai 2021
4 Zitiert nach Stefan Scheil, a.a.O.
Erich Helmdach: Überfall? Der sowjetisch-deutsche Aufmarsch 1941 Neckargemünd 1975

Prof. Dr. Ernst Topitsch: Stalins Krieg – Die sowjetische Langzeitstrategie gegen den Westen als rationale Machtpolitik, München 1985
Max Klüver: Präventivschlag 1941. Zur Vorgeschichte des Rußland-Feldzuges, Leoni 1986
Prof. Dr. Werner Maser: Der Wortbruch. Hitler, Stalin und der Zweite Weltkrieg, München 1994

„Angesichts der beiderseitigen Einstel-lung und Vorbereitungen erwies sich Hitlers Krieg als eindeutiger ‘Präventiv-krieg‘, nicht aus operativ-taktischer, sondern aus strategisch-taktischer Sicht. Die ideologischen Dimensionen erschie-nen in diesem Zusammenhang zweit-rangig.

Der von Andreas Hillgruber seit 1965 programmatisch komponierte, jedoch von zahlreichen Historikern als ver-meintlich wissenschaftlich abgesicherte Tatsachenanalyse übernommene ‘Stufen-plan‘ Hitlers ist angesichts des For-schungsstandes und der Quellenlage unhaltbar.

Bereits die Analyse des Kriegsverlaufs, der mehrfachen … Umorientierungen der Rüstungswirtschaft und der Truppen-stärkenregelungen bis zum 22. Juni 1941 lassen Hitlers Gesamtstrategie weitaus eher als aufwendig betriebene Improvi-sation erscheinen.

Zweifellos spielen Hitlers Vorstellungen von der ‘notwendigen‘ Gewinnung neuen ‘Lebensraumes‘ im Osten, von der ebenso unerläßlichen Zerstörung der Ein-heit der Sowjetunion und deren wirt-schaftliche Ausbeutung eine Rolle im Rahmen seines Kalküls, doch die dogmatische Fixierung des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion zum programmatisch geplanten Raubkrieg im Rahmen eines ‘Stufenplanes‘ im Hinblick auf eine deutsche ‘Weltmacht‘-Position erweist sich ebenso als ideologische Instrumentalisierung der Geschichte wie die Behauptung, daß das Unternehmen ‘Barbarossa‘ als ‘rassenideologischer Vernichtungskrieg‘ geplant worden sei.“ (Werner Maser, Der Wortbruch, S. 249 f.)

Viktor Suworow: Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül, 3. Aufl. Stuttgart 1989

Der in der Sowjetunion geborene Autor ab-solvierte zwei militärische Lehranstanstalten und die Diplomatische Militärakademie in Moskau. Anschließend arbeitete er im Ge-neralstab der Streitkräfte der UdSSR und war als Offizier des sowjetischen militärischen Geheimdienstes GRU und Diplomat in Westeuropa tätig. 1978 bat er in England um polisches Asyl.

Intensiv widmete er sich mit Moskauer Ar-chivkenntnissen zeitgeschichtlicher und mili-tärhistorischer Forschungsarbeit. In seinem Buch „Der Eisbrecher“ (in England als Dissertation entstanden) geht Suworow u.a. auf den sowjetischen Schnellpanzer BT-7 ein, der für Operationen auf deutschen Auto-bahnen konstruiert war, dessen Ketten abgeworfen werden konnten (nach der Durchquerung Polens) und der mit nie dagewesener Marschgeschwindigkeit und großem Aktionsradius sich im Feindgebiet bewegen konnte. Suworow:

„In einem Verteidigungskrieg waren derar-tige Panzer allerdings völlig wertlos.“
Viktor Suworow: Der Tag M Stuttgart 1995
Viktor Suworow: Stalins verhinderter Erstschlag Selent 2000
Joachim Hoffmann: Stalins Vernichtungs-krieg 1941-1945, 6. überarbeitete und ergänzte Neuauflage München 2000

Der Verfasser, seit 1960 Angehöriger des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr und Wissenschaftlicher Direktor, stützt seine Untersuchung (400 S.) auf um-fangreiche Archivalien und Literatur deut-scher und russischer Provenienz.

„Die Quellenzeugnisse und Tatsachen, die rein militärisch gesehen für einen bevorstehenden Angriff der Sowjetunion sprechen, sind in der Tat heute schla-gend, doch kann auch das Vorhanden-sein entsprechender politischer Pläne hinreichend belegt werden.

Es handelt sich hierbei um ein Wis-senschaftsergebnis, das, vorzugsweise von manchen Kreisen in der Bundes-republik, nicht zur Kenntnis genommen wird, da es der herrschenden Ideologie widerspricht.

Und wenn der Forscher bisweilen ge-zwungen ist, gleichsam gegen eine Wand zu argumentieren, so hat dies Gründe, die tief in der deutschen Nachkriegs-psychologie verborgen und rational da-her kaum zu erklären sind.“ (Joachim Hoffmann, Vorwort zur Neuauflage, S. 15)

Hoffmann bezieht sich auch auf Prof. Dr. Richard C. Raack von der California University in Hayward, Verfasser des BuchesStalin‘s Drive to the West“, der „Stalins Vernich-tungskrieg“ in den wissenschaftlichen Zu-sammenhang einordnet, wenn er dessen Hinweis auf das Verlangen, Geschichtsbücher aus politischen Gründen verbieten zu wollen, aufgreift:

„Das waren ähnliche Worte, wie sie Prof. Dr. Dr. Günther Gillesen in der Be-sprechung des Buches „Stalins Ver-nichtungskrieg“ in der FAZ am 10. Oktober 1995 gebraucht hatte, als er von einem ‘selbstgewählten Erkenntnisverbot der Forschung‘ in der Bundesrepublik aus ‘politischen Rücksichten‘ sprach.“ (ebd., S. 16)

Walter Post: Unternehmen Barbarossa. Deutsche und sowjetische Angriffspläne 1940/41 2. Auflage, Hamburg 1996

Fortsetzung folgt