Der Sieg rationalen Denkens über verlogene Geschichtsschreibung – 2. Teil

Fortsetzung der geschichtswissenschaftlichen Ab-handlung von

Gerhard Bracke

In Moskau wurde inzwischen eine Reihe bisher streng geheimer Dokumente veröf-fentlicht, die eine Nachzeichnung der Ge-schichte der sowjetischen militärischen Pla-nung 1940/41 ermöglichen.

Deutlich erkennbar sind damit auch die Ab-sichten der politischen Führung. Nach Un-terzeichnung des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages, schon Ende Septem-ber 1939, beauftragte Stalin den Generalstab mit der Ausarbeitung von Plänen für einen Krieg mit Deutschland.

Auf dokumentarischer Grundlage konnte Dr. Walter Post die Geschichte der operativen sowjetischen Planungen darstellen.

„Die sowjetische Führung wurde weder auf politischer noch auf strategischer Ebene überrascht, sondern hatte die Ge-schwindigkeit des deutschen Aufmar-sches falsch eingeschätzt. Mit diesem Buch wird die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Krieges, die nach wie vor heftig umstritten ist, weitgehend geklärt.“,

heißt es im Klappentext des Verlages Mittler & Sohn.

• Bogdan Musial: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin 2 Aufl. 2008 (585 Seiten)

Dem polnischen Historiker Bogdan Musial gelang es erstmals, anhand neuer Archivfunde die Kriegspläne der sowjetischen Führung, denen die gesamte Innen- und Außenpolitik untergordnet war, minutiös aufzuzeigen.

Lückenlos ist es ihm gelungen, die klaren Angriffsabsichten von Partei- und Militär-führung nachzuweisen. Er schreibt über die sog. Präventivkriegskontroverse:

„Unbestreitbar ist, daß im Frühjahr 1941 Stalin dabei war, entlang der deutsch-sowjetischen Grenze die größte Invasi-onsarmee aller Zeiten aufzubauen, um im geeigneten Moment seinen deutschen Verbündeten zu überfallen.

Diese Absicht resultierte nicht aus der Furcht, Deutschland würde die Sowjet-union bald angreifen, sondern aus der kommunistischen Ideologie der Weltre-volution. Das Ziel war, Mittel- und West-europa, ja ganz Europa zu sowjetisieren, die nächste und entscheidende Etappe der Weltrevolution zu realisieren.

Denn ein Sieg über Deutschland wäre damals der Herrschaft über ganz Europa gleichgekommen. Der deutsche Angriff vom 22. Juni 1941 überraschte diese In-vasionsarmee inmitten ihrer Vorberei-tungen.“ (S. 456)

• Stefan Scheil: 1940/41 Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs München 2005

Der Historiker Stefan Scheil zeigt, daß Hitlers Strategie 1940/41 nicht auf Eroberung neuer „Lebensräume“ beruhte, sondern auf dem vielfach wiederholten Versuch, den Krieg zu beenden. Es wird deutlich, daß der Angriff auf die Sowjetunion eine Folge militärstrategischer Zwänge gewesen ist und prinzipieller Aus-druck machtpolitischer Schwäche.

• Stefan Scheil: Präventivkrieg Barbarossa. Fragen, Fakten, Antworten 4. Aufl. Schnellroda 2011

„Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß der deutsche Angriff auf die UdSSR im Jahr 1941 militärische und strategische Gründe hatte und sich gegen eine als solche richtig erkannte, drohende sowje-tische Offensive richtete.“ (S. 77)

• Bernd Schwipper: Deutschland im Visier Stalins. Der Weg der Roten Armee in den Europäischen Krieg und der Aufmarsch der Wehrmacht 1941. Eine vergleichende Studie anhand russischer Dokumente

Mit einem Geleitwort von Dr. Stefan Scheil und einem Nachwort von Dr. Franz Uhle-Wettler, Generalleutnant a.D. Gilching 2015

Der Autor, Dr. rer. mil. Bernd Schwipper, Generalmajor a.D., Absolvent der Offiziers-schule Potsdam-Geltow, 1973-76 Studium an der Militärakademie Friedrich Engels, Dres-den, Abschluß als Militärwissenshaftler mit Sonderdiplom, 1977 Promotion an der Militärakademie, 1980-82 Studium an der Akademie des Generalstabes der Sowjetarmee in Moskau, zuletzt (1985-1990) Komman-deur der 3. Luftverteidigungsdivision der Nationalen Volksarmee, hat viele Jahre zum Thema „Überfall“ oder „Präventivschlag“ ge-forscht.

Mit intensiven Kenntnissen der russischen Archive und der russischen Sprache sowie der militärischen Strukturen der Roten Armee konnte er das 1939 beginnende Vorrücken der Sowjetunion nach Westen explizit nach-vollziehen.

Stalins Aufmarschpläne ließen sich auf Mai 1940 datieren, während die deutschen Aufmarschpläne gegen die Sowjetunion erst im Winter 1940/41 – nach dem Molotow-Besuch und den damit bekanntgewordenen Forderungen Stalins – Gestalt annahmen. Es begann ein Wettlauf um den Erstschlag, den die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 für sich entschied.

Dem Verfasser gelang es, vor allem russische Dokumente und Militärakten auszuwerten, die von der deutschen Forschung bisher unbeachtet blieben.

„Das Deutsche Militärlexikon definiert den Präventivkrieg als ‘Angriffskrieg, der dem geplanten oder auch nur vermuteten Angriff des Gegners zuvorkommt.‘

  • Die permanent gegen Deutschland gerichteten Teil-/Mobilmachungen (1923, 1938),

  • die Gespräche mit den Militärmissionen Großbritanniens und Frankreichs 1939,

  • die Feldzüge zur Formierung und zum Ausbau des westlichen Kriegsschau-platzes (Westweißrußland, Westukraine, Finnland – 1939; Litauen, Lettland, Estland, Bessarabien – 1940),

  • die Planung, Teilmobilmachung und begonnene Konzentration weit über-legener Verbände der Roten Armee für einen Ostpreußenfeldzug 1940,

  • der Ausbau und die Strukturierung der Roten Armee als Offensivinstrument 1940/41 sowie

  • der Aufmarsch der teilmobil gemachten Roten Armee, deren Konzentration und Entfaltung (1941) beweisen – die Rote Armee wurde für eine Offensive nach Deutschland bereitgestellt.

Hitler kam Stalin, die Wehrmacht kam der Roten Armee ca. 8 – 18 Tage zuvor.“ (S. 535)

Der Aufschrei etablierter Präventivkriegleug-ner, die in allem Apologetik (Verteidigung) wittern, erfolgte prompt. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 29.11.2016 konnte man unter der Schlagzeile „Seiten-wechsel eines DDR-Generals“ lesen:

„Bernd Schwipper wärmt die alte These vom Präventivkrieg wieder einmal auf.“

Mit der bewußten Herabsetzung „Verschwö-rungstheorien führen auf dem Buchmarkt ein zähes Leben“ behauptet der Rezensent dreist:

„Wissenschaftlich ist die alte Propagan-dalüge längst widerlegt.“

Unwillkürlich kommt einem dazu der dia-lektische, drastisch formulierte Ausspruch Bertold Brechts in den Sinn:

„Wer die Wahrheit nicht kennt und auch nicht sucht, ist ein Dummkopf; wer aber die Wahrheit kennt und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher“.

Da den Verfechtern der etablierten Ge-schichtsschreibung sachliche Argumente ausgehen, stützen sie sich auf die Behauptung, einen Präventivschlag könne es allein aus dem Grunde nicht gegeben haben, weil die deutsche Führung von den Vor-bereitungen der Roten Armee angeblich keine Ahnung hatte.

Dem tritt der Autor, dessen Studie einst der FAZ-Rezensent „wissenschaftliche Mindest-standards“ meinte absprechen zu müssen und ihn als „militärhistorisch dilettierenden Veteranen“ verunglimpfte, mit seiner neuen, zweibändigen, insgesamt über 1000 Seiten umfassenden Untersuchung entgegen.

Untersucht werden die profunden Ergebnisse der Aufklärung über die Offensivvorberei-tungen der Roten Armee, über die syste-matische Eskalation der Bedrohung aus dem Osten, die deutlichen Provokationen Stalins an der Nordflanke (Skandinavien) wie an der Südflanke (Balkan) des Deutschen Reiches, die Aufklärung der zunehmenden Luftbe-drohung sowie aller Hinweise auf eine erneute Einkreisung Deutschlands.

Der Verfasser legt in beiden Teilbänden Hunderte von Dokumenten der Wehrmacht vor, die aus den Beständen des Deutschen Historischen Instituts Moskau (Beutestücke), einem privaten Archiv sowie dem MgFA Freiburg stammen.

Schwipper hinterlegt diese Dokumente mit Zitaten, analysiert sie sachkundig in Tabellen und Grafiken, veröffentlicht sie mit farbigen Faksimiles und erbringt den Beweis, daß Wehrmachtsführung und Reichsregierung über die Bestrebungen der Einkreisung Deutschlands und die Angriffsvorbereitungen der Roten Armee vollständig und bis ins Detail informiert waren.

Eindrucksvoll gelingt es dem Autor, das zunehmende Anwachsen der Bedrohungslage im Osten vom ursprünglichen Friedenswillen Deutschlands nach dem Westfeldzug über die dringlicher werdenden Reaktionen der Wehr-macht bis zum Präventivschlag darzulegen.

5 Bernd Schwipper: Die Aufklärung der Bedrohung aus dem Osten. Die Prävention durch die Wehrmacht. Bd.1 1939 bis Dezember 1940 Eine vergleichende Studie anhand deutscher Dokumente. 480 Seiten, Bd.2 Januar bis 22. Juni 1941 Eine vergleichende Studie anhand deutscher Dokumente, 640 Seiten, jeweils mit über 500 Dokumenten. Gilching 2021

Auch für den informierten Zeithistoriker dürfte der Zusammenhang von erkannter Gefahr aus dem Osten und der Absetzung des Unternehmens „Seelöwe“ (Landung in England) neu sein.

Band 1 betrachtet die Aufklärungsdokumente der Wehrmacht und deren Reaktionen im Zeitraum 1939 bis Dezember 1940, Band 2 untersucht und analysiert wesentliche Auf-klärungsdokumente der Wehrmacht und de-ren Reaktionen im Zeitraum vom Januar 1941 bis zum 22. Juni 1941.

Es sind die nicht hoch genug einzuschät-zenden Verdienste des ehemaligen Gene-ralmajors der NVA, Dr. Bernd Schwipper (Jg. 1941) und des ehemaligen Generalmajors der Bundeswehr, Gerd Schultze-Rhonhof (Jg. 1939), mit seinem Werk „Der Krieg, der viele Väter hatte“, daß es ihnen überzeugend gelungen ist, gegenüber der verordneten Geschichtsschreibung den Grundsätzen Leo-pold von Rankes wissenschaflich  zum Durchbruch verholfen zu haben.

 

Leopold von Ranke

Die gern zitierte Macht rationalen Denkens bleibt stets illusorisch, wenn dogmatisch fixierte Denkschemata sich der Aufklärung verschließen. Deshalb sei jedem, der Wert legt auf historische Wahrheitsfindung, unbe-dingt empfohlen, die hier vorgestellten Forschungsergebnisse sorgfältig zu studieren gemäß der Forderung des Königsberger Philosophen Immanuel Kant:

„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!