Das Martyrium der Deutschen in der Tschechoslowakei im Mai 1945 – 2. Teil

Thomas Entelhardt

fährt fort, das Martyrium der Deutschen in der Tschechoslowakei von 1945 zu schildern:

Im Strahov-Stadion am Stadtrand harrten 10 000 Gefangene ohne Essen und Trinken aus. Alte und Kinder starben zu Hunderten an der Ruhr. Vor den Augen der Häftlinge prügelten Milizionäre tatsächliche oder vermeintliche NS-Funktionäre zu Tode.

In Ungewissheit über ihr Schicksal verharrten viele in dem einstigen Konzentrationslager Theresienstadt, eingesperrt von den Tsche-chen. Die Überlebenden der Quälereien ge-langten schließlich Wochen später in Viehwa-gen in den Westen.

„Ethnische Säuberungen“ heißt so etwas heute. „Wilde Vertreibungen“ wurde die Jagd auf die Deutschen zwischen Mai und Juli 1945 genannt, als die Wut noch ungebremst war. Der Austrieb der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa sollte sich Jahre hinziehen – doch niemals wieder wurde es so schlimm, wie in jenen strahlend schönen Sommerwo-chen nach dem Sieg der Alliierten.

Und erst jetzt, wo sich Weltöffentlichkeit und Weltgerichte um die Aufklärung solcher Säu-berungen – wie zuletzt in Serbien – bemühen, weiß man mehr über Motive und Abläufe. Die blutigen Schergen derartiger Aktionen sind bei aller persönlichen Wut meist nur willige Werkzeuge eines kühl kalkulierenden Master-mind.

Die Vertreibung war nicht einfach nur der Ausbruch des von den Nazis gesäten und den Besatzern vor Ort aufgestachelten Hasses. Hinter fast allem steckte zugleich auch ein seit Jahren vorbereiteter und diplomatisch sorgsam abgesicherter Coup nationaler Interessenpolitik.

Der Wunsch, mit Hilfe ethnischer Säuberun-gen homogene Nationalstaaten zu bilden, war unter Hitlers Verbündeten und Feinden glei-chermaßen verbreitet. Bulgaren und Rumä-nen, Kroaten und Serben, Slowaken und Un-garn – alle wollten ihre jeweiligen Minderhei-ten loswerden. Sollte das mit geordneten „Transfers“, wie man die Vertreibung damals nannte, nicht möglich sein, blieb am Ende nur die Gewalt.

Die Londoner Exilregierungen Polens und der Tschechoslowakei planten so von Kriegsbe-ginn an, Millionen Deutsche zu verjagen. Der große Nachbar im Zentrum Europas sollte nie wieder deutsche Minderheiten als Brücken-köpfe nutzen können, aus deren Existenz die Berliner Regierungen Gebietsansprüche ab-leiteten.

So war es in den zwanziger und dreißiger Jahren gewesen, als sich die in Polen und der Tschechoslowakei lebenden Deutschen mit ihrer Lage nicht abfinden mochten – und die Regierungen in Warschau und Prag kaum etwas taten, um diese Bürger für sich zu gewinnen.

Und hatte nicht Hitlers Wehrmacht Polen 1939 in wenigen Wochen überrannt? Die polnische Exilregierung führte die Niederlage auch auf den Grenzverlauf zurück und for-derte zur Arrondierung ihres Reiches Teile Schlesiens, Danzig und Ostpreußen – ohne Deutsche natürlich.

Und die Tschechen mochten mit ihren sude-tendeutschen Landsleuten, Staatsbürger des Vielvölkerstaats CSR, ebenfalls nicht mehr zusammenleben. Jene – von der Weltwirt-schaftskrise besonders betroffen – hatten mit großer Mehrheit die nationalistische Sudeten-deutsche Partei selbst dann noch gewählt, als sich deren Vorsitzender Konrad Henlein willig dem „Führer“ unterwarf.

Auf der Münchner Konferenz 1938 gaben der britische Premierminister Neville Chamberlain und sein französischer Kollege Édouard Daladier gegenüber Hitler schließlich nach; das geschlossen deutsch besiedelte Sudeten-gebiet wurde dem Reich zugeschlagen. Daß das Gros der dort ansässigen Bevölkerung deutscher Nationalität freiwillig die demokra-tische Republik gegen die Nazi-Diktatur ein-tauschte („Führer, wir danken dir“), haben die Tschechen bis heute nicht verziehen.

Exil-Präsident Edvard Benes, ein Soziologie-professor aus Böhmen, dachte zuerst an ein Abtreten einiger deutsch besiedelter Gebiete und wollte einen zivilisiert ablaufenden Be-völkerungsaustausch aus dem dann noch bei der Tschechoslowakei verbliebenen Territo-rium vornehmen. Doch je länger der deutsche Besatzungsterror dauerte, desto unrealisti-scher wurden solche Pläne.

Über die Stimmung seiner Landsleute notierte Josef Kalla, der tschechische Militärattaché in London:

„Man sagt: Einen Teil bringen wir um, einen Teil vertreiben wir, viele fliehen aus Angst vor Rache, und den Rest werden wir durch die Umsiedlung der Deutschen bzw. Grenzkorrekturen los.“

Kallas Vermerk stammt vom Januar 1940 – Hitlers größte Verbrechen standen zu diesem Zeitpunkt noch bevor. Zwischen 1939 und 1945 brachten die Nazis mehr als vier Milli-onen Polen um.

Aus dem „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ wurden über 100 000 Menschen, vor allem Juden, in Konzentrationslager ver-schleppt. Die Ermordung der Einwohner von Lidice 1942 als Vergeltung für das Attentat auf Reinhard Heydrich, den Chef der Sicher-heitspolizei, zählt zu den schrecklichen Ver-brechen dieser Zeit.

So war es für den Nationalisten Benes leicht, die düsteren Erfahrungen seiner Landsleute mit den grausamen Nachbarn am Ende des Krieges als Treibstoff für einen Befreiungs-schlag zu nutzen.

„Den Deutschen wird erbarmungslos und vielfach alles das zurückgezahlt werden, was sie seit 1938 in unserem Land ange-richtet haben“,

hatte Benes schon 1943 aus dem Exil verkün-det.

Nun, da es so weit war, rief er seinen Lands-leuten zu:

„Werft die Deutschen aus ihren Woh-nungen. Kein deutscher Bauer darf auch nur einen Quadratmeter Boden unter seinen Füßen behalten.“

Im Ausweisungsbefehl des Militärortskom-mandanten von Böhmisch Leipa vom 14. Juni 1945 liest es sich dann so:

„Die Einwohner deutscher Volkszugehö-rigkeit der Stadtregion Böhmisch Leipa, Alt-Leipa und Niemes, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts, verlas-sen am 15. Juni um fünf Uhr früh ihre Wohnungen und marschieren durch die Kreuz- und Brauhausgasse auf den Sam-melplatz beim Brauhaus.“

Dann ging es zur Grenze, „heim ins Reich“.

Ethnische Säuberungen, so lautet eine Lehre aus dem 20. Jahrhundert, führen meist in jenen Gebieten zu besonders blutigen Ex-zessen, in denen verschiedene Nationen sich Dörfer und Städte teilen. Tödliche Nachbar-schaft.

In Brünn etwa befanden die Arbeiter des Rü-stungswerkes Zbrojovka Ende Mai, daß es nun genug sei mit den deutschen Mitbürgern. Der Vertreter der Belegschaft im örtlich regie-renden Nationalausschuß verkündete:

„Wir, die Arbeiter, nehmen die Abschiebung selbst in die Hand.“

Wollten sie mit einer Bluttat den Vorwurf entkräften, allzu fleißig und freiwillig für Hitlers Wehrmacht Waffen montiert zu haben, wie Überlebende vermuten?

Am 30. Mai 1945 mußten rund 26 000 deutschsprachige Bewohner der mährischen Stadt binnen weniger Stunden ihre Häuser verlassen und wurden in einem langen Elendszug unter brutalen Mißhandlungen Richtung Österreich aus ihrer Heimat ge-zwungen. Auch hier waren es vor allem Alte, Frauen und Kinder, von denen mindestens 2000 auf dem 80 Kilometer langen Marsch an Entbehrungen und Krankheit starben oder von ihren Bewachern getötet wurden.

Fortsetzung folgt