Auf den Spuren des deutschen Erbes in Ungarn

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Ungarn aus erster Hand

folgte

Kinga Fodor (Bild: corvinak.hu_)

Kinga Fodor

den

„Spuren des deutschen Erbes in Ungarn“

und berichtete am 13. Juni 2021 darüber unter der Überschrift

Von Pesth über Ofen bis nach Wudersch

In der Geschichte Ungarns und damit Buda-pests kommt den auf dem Gebiet des Karpatenbeckens lebenden Deutschen eine wichtige Rolle zu.

Aufzeichnungen zufolge kamen die ersten deutschsprachigen Siedler zusammen mit Königin Gisela um 996 in Ungarn an.

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte fe-stigten sich die Ansiedlungsbewegungen aus den deutschsprachigen Gebieten und führten daher zu einer mal größeren, mal kleineren, aber konstanten Einwanderung.

Gewisse historische Ereignisse – wie der Tatarenzug oder der Sieg über die Türken – verliehen der Migration aus den deutschen Ländern einen neuen Schwung, da die wegen der Kriege entvölkerten Gebiete neu bevöl-kert werden sollten.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts nahm in-folge der Vertreibung des osmanischen Heeres die erste organisierte Ansiedlungs-welle nach Ungarn ihren Anfang.

Im Rahmen dieser Welle kamen aus den süddeutschen Gebieten, in erster Linie aus Schwaben, neue Bewohner nach Ungarn. Zu dieser Zeit entstanden viele schwäbische Siedlungen im Umland von Budapest – von daher stammt auch die für die Ungarn-deutschen im Allgemeinen verwendete Be-zeichnung „Schwaben“, die sich auch in den Sprachen der anderen Völker des Donauraum durchsetzte.

Im mittelalterlichen Buda (von den Deutschen früher Ofen genannt) und Pest (Pesth) waren die deutschen Bewohner den anderen Natio-nalitäten gegenüber in der Überzahl.

Sie bildeten das Rückgrat der städtischen bürgerlichen Handwerker- und Händlerklas-se, wodurch sie eine bedeutende Rolle bei der Stadtentwicklung und später bei der Indu-strialisierung spielten.

Die Wohnhäuser und Kirchen der Deutschen in Pesth wurden entlang der bedeutenden Hauptstraßen gebaut. Das findet sich auch in den – später magyarisierten – Namen öffent-licher Plätze wieder, wie etwa im Falle des Waitzener Thors, des Serviten Gässls oder der Herrn Gasse.

Es ist eine durchaus bemerkenswerte Tat-sache, daß sich die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, auf den Straßen von Budapest spazierend, auch heute noch beobachten lassen:

Ein Beispiel dafür ist der Spielplatz bei der Kreuzung der Bástya-Straße und der Veres-Pálné-Straße, wo die alte Steinmauer und die in die Wand des Nachbarhauses eingebauten Schießscharten sichtbar sind.

Die deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit von Pesth und Buda bestand bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Deutschen von Buda-pest, die auch vonseiten des Wiener Hofs unterstützt wurden, hatten zudem eine bedeutende Rolle bei der Stadtverwaltung inne.

Auf diese Weise waren der Stadtrichter, der Bürgermeister und die Mitglieder des Stadt-rates oftmals deutscher Herkunft, wodurch die Aneignung des Deutschen als der führenden Sprache Budapests auch für die ungarischen Bürger eine Pflicht war.

Neben der Hochsprache wurden in Pesth 37 und in Buda 50 unterschiedliche deutsche Dia-lekte gesprochen.

Das veranschaulicht, wie vielfältig die Be-völkerung der ungarischen Städte damals war.

Daß Pesth in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum wirtschaftlichen, kulturellen und politi-schen Zentrum des Königreichs Ungarn wur-de, ist teilweise den Aktivitäten der Deut-schen zu verdanken.

Sie gründeten nämlich zahlreiche bedeutsa-me Hotels, Restaurants, Theater und Druk-kereien. Von dieser Epoche zeugen mehrere Unternehmen, die auch heute noch in Budapest besucht werden können, wie das Restaurant Gundel, die Schokoladenfabrik Stühmer oder die Bierbrauerei Dreher.

Solange die Monarchie bestand, galt neben dem Gastgewerbe auch die Architektur als typisch deutsche Profession.

Das Stadtbild von Budapest wurde von Meistern, Handwer-kern und Architekten deutscher Nationalität und Abstammung elementar geprägt.

 

Josef Hild (Bild: Corveniak)

Aus dem Sudetenland kam der Architekt Johann Hild (ca. 1760-1811) nach Ungarn, der das erste offizielle, vom Palatin Joseph initiierte Stadtentwicklungsdokument von Bu-dapest, den Verschönerungsplan, schuf und zum Teil durchführte.

Der Verschönerungsplan beinhaltete den Grundriß des heutigen Vörösmarty-Platzes und des József-Nádor-Platzes wie auch Ent-würfe für den Bau klassizistischer Paläste am Donauufer.

Das Werk von Johann Hild wurde von seinem bereits in Ungarn geborenen Sohn József Hild (1789-1867) weiterentwickelt. Ihm sind u.a. das Palais Gerbeaud auf dem Vörösmarty-Platz, das Haus Károlyi-Trattner auf der Petőfi-Sándor-Straße oder das Gross-Haus am József-Nádor-Platz zu verdanken.

 

St.-Stephans-Basilika Budapest (Bild: Wikipedia)

Darüber hinaus begannen auch die Bauar-beiten an der St-Stephans-Basilika auf der Grundlage seiner Entwürfe.

Zahlreiche weitere ikonische Gebäude der Stadt lassen sich mit dem Namen von Michael Pollack (1773-1855) in Verbindung bringen, der aus Wien nach Ungarn übersiedelte. Hierzu zählen etwa die evangelische Kirche auf dem Deák-Platz, das Palais Sándor in der Burg, das Ludoviceum, das Schloß Festetics sowie das Ungarische Nationalmuseum.

Den damaligen Stadtplan betrachtend ist es leicht nachvollziehbar, welche rasante Ent-wicklung ab dem Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Buda-pest stattfand.

Nach 1786 wurde nördlich der alten Stadt-mauer ein neuer Stadtteil aufgebaut, der anläßlich der Krönung von Leopold II. den Namen Leopoldstadt bekam.

Der Bau der 1787 entstandenen Schiffbrücke, die durch eine Verkettung von Schiffen den Übergang zwischen Ofen und Pesth noch weit vor dem Bau der Kettenbrücke sicherte, wirkte sich auf die Entwicklung der Gegend sehr belebend aus.

Auf dem Stadtplan können wir zahlreiche, heute nicht mehr stehende, Gebäude sehen, die vom ehemaligen kulturellen und ge-sellschaftlichen Leben der Deutschen zeugen.

Ein Beispiel dafür ist das Deutsche Theater Pest (Pesti Német Színház), das sich auf dem heutigen Vörösmarty Platz befand und über die größte Kapazität unter den europäischen Theatern seiner Zeit verfügte.

Ein anderes Beispiel ist das Neugebäude (Újépület), das ursprünglich als Volkswohl-fahrtsinstitution, dann als Kaserne und G-fängnis diente und nach dessen Abriß dort später der Freiheitsplatz entstand.

Es ist ebenfalls aufschlußreich, einen Blick auf die Namen der öffentlichen Plätze des Stadtplanes zu werfen, von denen viele auch heute noch den ursprünglichen deutschen Sinn bewahrt haben, wenngleich in unga-rischer Form.

Zum Beispiel gehören hierzu die Alte Post-gasse, die als eine Station der Postkutsche nach Wien fungierte, oder die den Namen des ehemaligen Stadtrichters tragende Karpfen-steingasse.

In den 1890-er Jahren bekannten sich bloß nunmehr 13% der Bevölkerung des bereits aus seinen beiden Stadtteilen Ofen und Pesth vereinigten Budapests als Deutsche.

Dies läßt sich einerseits auf die natürliche Assimilation, andererseits auf die sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verstärkende Magyarisierungspolitik zurück-führen.

Die Magyarisierung hatte hingegen auf die in der Gegend von Budapest lebenden Schwaben einen geringeren Einfluß, so daß dort meh-rere auch heute noch auffindbare Denkmäler das Erbe ihrer früheren Gemeinschaften be-wahren.

Ein Beispiel hierfür ist das zum 2. Bezirk von Budapest gehörende Hidikut (Pesthidegkút), in dessen Altdorf sich die ursprüngliche schwäbische Kirche und ein unverfälschtes Stückchen des Dorfes besichtigen lassen.

Eine ebenfalls bedeutende schwäbische Be-völkerung lebte auf dem Gebiet des heutigen zum 22. Bezirk gehörenden Budafok (Pro-montor) bzw. Budatétény (Kleinteting) und des zum 23. Bezirk gehörenden Soroksár (Markt).

In der Bevölkerung der zuvor florierenden schwäbischen Dörfer richteten die Aussied-lungen nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch unumkehrbare Schäden an.

Zwischen 1946 und 1947 wurde zum einen ein Teil der un-garndeutschen Bevölkerung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, zum anderen wur-den viele Donauschwaben nach Deutschland vertrieben.

Trotz der Vertreibungen bewahren zahlreiche ungarische Familien bis heute die Traditionen ihrer deutschen Vorfahren.

Der Vertreibung der Ungarndeutschen ge-denkt das in Soroksár im Jahre 2016 aufgestellte Denkmal des Bildhauers Sándor Kligl, das den Namen „Elűzetés“ (Vertreibung) trägt. Das Denkmal stellt ein Kind mit seiner Mutter dar – des Vaters beraubt –, wie sie von ihrer geliebten Heimat in den letzten Augenblicken vor ihrer Aussiedlung Abschied nehmen.

Die Ungarndeutschen – deren Zahl landesweit auf rund 180.000 geschätzt wird – sind zur Zeit eine der bedeutendsten Minderheiten in Ungarn.

Die Weitergabe und die Bewahrung der deut-schen Sprache wie auch der Traditionen werden durch ein breites institutionelles Sy-stem ermöglicht.

Eine der bedeutendsten Einrichtungen ist das in der Nähe des Heldenplatzes liegende Un-garndeutsche Kultur- und Informationszen-trum, das mit deutschsprachigen Ausstellun-gen, Puppentheatern, Filmvorführungen, Konzerten und Festivals zum Bekannt-werden der Nationalitätenkultur beiträgt.

Wir könnten ebenso das landesweite Netz-werk der Nationalitätenkindergärten, -schu-len, -theater und -bibliotheken erwähnen, dessen Ziel es ist, daß auch die neue Generation die Kultur ihrer Vorfahren ken-nenlernen kann.

Die erhalten gebliebenen geistigen Überlie-ferungen und materiellen Denkmäler der deutschen Nationalität werden in zahlreichen ungarischen Museen bewahrt.

In der unmittelbaren Nähe von Budapest können wir im Jakob Bleyer Heimatmuseum zu Wudersch in die Geschichte und Wohn-kultur der Schwaben in der Gegend von Budapest eintauchen.

Für diejenigen, die sich für die Geschichte der Ungarndeutschen interessieren, ist es un-bedingt empfohlen, das Ungarndeutsche Museum in Tata zu besuchen, welches auf 500 mdie Kultur und die Lebensweise der Ungarndeutschen vorstellt.

Autorin Kinga Fodor ist Mitarbeiterin des „Deutsch-Ungarisches Institut für Europäi-sche Zusammenarbeit“.

 

Budapest Parlamentsgebäude (Bild: Wikipedia)