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Welche Macht hat doch eine so etablierte Einrichtung wie die Papst-Kirche!

Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger (Wikipedia)

Davon können Normalsterbliche nur träumen: vor einer politischen Einrichtung wie dem deutschen Bundestag auftreten und seine Denkungsart zur Geltung bringen! Und das, obwohl zu einer aufgeklärten, freiheitlich-rechtstaatlichen Grundordnung, zu der wir Deutsche uns doch bekennen, gehört, daß die Politik Religionen gegenüber neutral bleibt.

Jetzt durfte der Vertreter des katholischen Christentums vor dem Deutschen Bundestag sprechen. Schon wird die Forderung laut, daß nun auch der Dalai Lama eingeladen werden müsse. Wann darf der Oberrabiner als Vertreter des Judentums, wann ein Hauptprediger des Islam im Deutschen Bundestag auftreten?!

Waren wir uns nicht darin einig, daß in Europa Religion Privatsache sei?

Nun zum Inhalt der Papstrede vor dem Deutschen Bundestag! Ratzinger sprach über die

Grundbegriffe Natur und Gewissen

- sehr klug – in einer Weise, die wohl jeden selbständig Denkenden anspricht, gleich welcher Denk- oder Glaubensrichtung er zugehört. Besonders gut gefällt mir sein Hinweis auf Hans Kelsens Worte, die das heute in der Wissenschaft weitgehend verfochtene Naturverständnis kennzeichnen, nämlich als

ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen.

Aus dieser rein materialistischen, d. h. von außen herangehenden Sicht auf die Natur kann in der Tat keine Weisheit erwachsen.

Die Natur ist kein mechanistisches Räderwerk. Sie birgt so viel Willenskraft, Schönheitssinn, Harmoniestreben, soviel Weisheit, daß der Erkennende nur voller Ehrfurcht ihr gegenüber stehen oder – noch besser – sich mit ihr verbunden und eins fühlen kann. Nur im Einklang mit diesem ihr innewohnenden Wesen entstehen die großen Kulturwerke der Menschheit. Alles andere landet auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Daher wies der Papst mit Recht diese materialistische Sichtweise zurück:

Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn.

Damit spricht der Papst den Krebsschaden unserer heutigen Welt an: das Machertum, das Vernutzen der Natur, der Mutter Erde, die Irrwege der Medizin, der Weltmacht-Politik, alles angetrieben von der grenzenlosen Habgier des Menschen.

Sehr gut finde ich auch, daß Ratzinger die positiven Seiten, die das Vernunftdenken an sich ja auch hat, hervorhebt:

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende  Kultur.

Und sehr mit Recht betont er das Entscheidende:

Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.

Wohin hat uns der Materialismus bereits geführt?

Ratzinger findet klare Worte dazu:

Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten.

Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Wer wollte ihm hier wiedersprechen! Doch

bei seiner Suche nach dem Weg in die „Weite der Welt“ kommt der christliche Dogmatiker in ihm zum Zuge:

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen?

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können.

Soweit so gut. Doch nun folgt er Kelsen offensichtlich nur zu gern weiter, der aus seiner biblischen Vorstellung von einem „Schöpfergott“ als Macher nicht loskommt:

Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt (Hvh. Adelinde) hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.

Der Papst fragt:

Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

Und nun kommt die übliche, immer wiederholte Behauptung, womit sich die Kirche selbst bestätigen und ihre Daseinsberechtigung unterstreichen möchte:

Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden.

Der Papst geht auch hier vom Machen, dem vernunftmäßigen „Entwickeln“ aus. Er merkt nicht, wie seine Religion selbst die Vorgaben für das Machertum liefert. Der – vernunftmäßig – außerhalb der Welt gedachte „Gott“ macht die Welt. Den Menschen Adam formt er aus Lehm, und diesem fertigen Erzeugnis „haucht er seinen Atem ein“.

Das ist eine kindliche Sandkasten-Vorstellung, die das Wesen des Schöpferischen nicht erkennt. Die Schaffung der Welt geschah von innen heraus, so wie auch ein wahrhaft schöpferisches Kunstwerk sein eigenes Wesen atmet, aus dem es geworden ist. Dazu im Gegensatz steht das Machwerk, das ein solches Wesen niemals atmen kann. Als gewolltes „Kunst“-Werk erscheint es uns schal,  falsch und abstoßend. Allein als technisch funktionierendes Erzeugnis hat es seine Berechtigung.

Deshalb kann Benedikt XVI. auch nur mit der immer wiederholten, begrifflich schwammigen Schlußfolgerung kommen:

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden.

Was versteht Ratzinger hier unter Kultur?

  • Gehören dazu die entsetzlichen Greuel der katholischen Inquisition, des Glaubensterrors, des Denkverbotes, der Verfolgung und grauenhaften Folterungen und Hinrichtungen von Millionen Frauen und Männern?
  • Gehören dazu die völkerzerstörenden “Heiden”-Missionen der christlichen Glaubensfanatiker?
  • Karikatur von Haizinger (Elbe-Jeetzel-Zeitung v. 24.9.2011)

  • Gehört dazu die Verführung eines Volkes zum Auserwähltheitsdünkel mit allen seinen Folgen für die Welt?
  • Gehört dazu der Dualismus der Vernunft-Philosophen seit Sokrates, der die Natur aufgespalten sieht in Materie und Geist, statt sie als Einheit zu erkennen wie Giordano Bruno, den die Heilige Inquisition der Papstkirche nach 7 Kerkerjahren in der Engelsburg von Rom mitsamt seinem Schrifttum bei lebendigem Leib als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannte?

Das Rechtsdenken, das die Würde und Freiheit des Menschen erkennt und gewahrt wissen will,  liegt tief in jeder Menschenseele, die es nur ans Licht zu heben braucht. Es ist ansprechbar und entflammbar, aber nicht aufsetzbar, lehrbar. Zwar können vorgegebene Sätze auswendig gelernt werden. Aber Nachplappern ohne eigenes seelisches Erleben und Erkennen ist wie das „tönend Erz“ und die „klingende Schelle“, von denen im Korinther-Brief die Rede ist.

Ratzinger fährt im selben Gedanken fort:

Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.

Wie immer in solchen Wiederholungen dieses Dogmas, das der Kirche so wohltut, werden die freiheitlichen Heiden des germanischen Nordens Europas unterschlagen. Ihr wacher Geist der Freiheit war und ist es, der die Menschenrechte einfordert. Ratzinger aber glaubt, es sei das

… Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott

gewesen. Der Mensch wieder einmal gedacht als „vor Gott“ stehend, im Gegenüber also, nicht als Einheit mit dem Göttlichen, das sein ganzes Sein durchdringt, erhält, entfaltet und ausmacht. Keine Körperzelle kann ohne es leben. Erlischt das göttliche Leben in ihr, stirbt sie.

Somit war die Papstrede für mich teils erfreulich freidenkerisch und weise, teils aber wieder – wie nicht anders von einem Kirchenoberhaupt zu erwarten – an überholten Gottes-Vorstellungen der Bibel anhaftend.

„Da ist Josephine!“

Bei den Kommentaren bei amazon.de zur englischen Ausgabe des Buches von John E. Klapproth, Beethoven’s Only Beloved Josephine (s. Adelinde-Buchbesprechung) findet sich auch der folgende von Elisabeth Galle, den ich – vor allem durch die Hinweise auf das epochemachende Vorgängerbuch von Marie-Elisabeth Tellenbach – so treffend finde, daß er auch hier bei Adelinde erscheinen soll:

Lieber Herr Klapproth,
kurz zu mir, ich bin Elisabeth Galle. Es freut mich sehr, diese Zeilen von Ihnen zu lesen. Ich merke, es ist Ihnen ergangen wie mir.

Wie froh und dankbar wäre Frau Tellenbach gewesen,

einen Mitstreiter wie Sie an ihrer Seite zu wissen. Sie hat sehr unter den Ihnen bekannten Anfeindungen gelitten und immer wieder bedauert, daß es keine Übersetzung ihres Buches ins Englische gab. Sie wäre sehr froh über Ihr Buch gewesen.

Ich habe gestern ein Exemplar Ihrers Buches an Frau Tellenbachs Bruder geschickt und ihm dieses auch so zum Ausdruck gebracht. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle einfach herzlich dafür danken, daß Sie den Inhalt dieses Buches in die englischsprachige Welt getragen haben, und bin mir sicher, daß ich auch in Frau Tellenbachs Namen spreche.

Wie schrieb Therese weitsichtig:

„Viele Jahre werden nach diesem Tage kommen u. verschwinden Eh wieder unsere Welt ausrufen kann da ist Josefine“.

Sie ist wieder da! Bleibt zu hoffen, daß sich jetzt auch international eine ernsthafte, an der Sache orientierte Musikwissenschaft entwickelt.

Noch ein paar Anmerkungen zu ihrem Buch.

  • Die Stärke ihres Buches liegt vor allem darin, daß sie 1799 beginnend Jahr für Jahr vorgegangen sind. Dadurch verdichtet sich die Beweiskraft beim Lesen immer stärker, so daß man es, 1821 angekommen, …  „nicht mehr aus dem Kopf bringen kann.“
  • Wer will, kann natürlich die Anmerkungen lesen, was aber nicht nötig ist. Außerdem, da dort die deutschsprachigen Originalzitate zu lesen sind, könnte man sich den Inhalt auch ohne große Englischkenntnisse ganz gut erschließen.
  • Besonders gut finde ich Ihre Übersetzung des Briefes an die “unsterbliche Geliebte” und vor allem Ihre Interpretation dazu im Anschluß an die vorangegangenen Kapitel. Die Interpretation gewinnt dadurch eine überzeugende eindeutige Schlüssigkeit: So und nur so ist er zu verstehen.
  • Das Solomonkapitel hat mir besonders gut getan! Das war nötig!
  • Das Buch ist wirklich sehr intelligent gemacht und umfaßt zudem noch alle Bereiche dieser Thematik.
  • Ich hätte nicht gedacht, daß mich selbst das Kapitel „Literatur“ so faszinieren würde, und kann wirklich sagen, daß ich Ihr Buch bis auf den letzten Buchstaben mit Spannung gelesen habe.

Ein durch und durch intelligentes Buch. Herzlichen Glückwunsch dazu !

Allerherzlichst
Elisabeth Galle

Emilie Mayer 1812 - 1883

Der dankenswerte Kommentar Hartmut Köhlers bei Adelinde sei hier wegen seiner erfreulichen Botschaft noch einmal hervorgehoben:

Emilie Mayers 200. Geburtstag am 14. Mai 2012 steht vor der Tür.

In ihrer Heimat in Mecklenburg/Vorpommern werden dazu Vorbereitungen getroffen.

Am 10. Mai 2012 findet in der Konzertkirche Neubrandenburg das 9. Philharmonische Konzert der Saison 2011/2012 unter der Thematik Emilie Mayer statt.

Auf dem Programm:

Emilie Mayer – Sinfonie h-moll

  • Fassung für 2 Klaviere zu vier Händen
  • Rekonstruierte Orchesterfassung von Stefan Malzew (Die Originalpartitur von Emilie Mayer ist verschollen)
  • Generalprobe am 10. Mai 2012, 10:00 Uhr in der Konzertkirche Neubrandenburg
  • Konzert am 10. Mai 2012, 19:30 Uhr in der Konzertkirche Neubrandenburg
  • Konzert am 11. Mai 2012, 19:30 Uhr im Ernst-Barlach-Theater Güstrow
  • Konzert am 15. Mai 2012, 19:30 Uhr im Landestheater Neustrelitz

Am 14. Mai 2012 findet ein Festakt zum 200. Geburtstag von Emilie Mayer in der Marienkirche Friedland statt – Geburtsort von Emilie Mayer.

Die Vorbereitungen erfolgen durch die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz.

Jung Chang, Wilde Schwäne

Kein Buch über China hat je mehr Leser und Anhänger gefunden als Jung Changs Erinnerungsbuch WILDE SCHWÄNE, das in 30 Sprachen übersetzt und zehn Millionen Mal verkauft wurde,

schreibt Amazon 2005.

Jung Changs Erfolge beruhen auf der Authentizität und Lebendigkeit ihrer Darstellungen.

In ihrem Werk „Wilde Schwäne“ erleben wir am Schicksal einer chinesischen Familie in mehreren Generationen geradezu hautnah mit, was die politischen Umbrüche im China des 20. Jahrhunderts den Menschen zugemutet haben.

Als sie zwei Jahre nach Maos Tod als vermutlich erste Person seit 1949 aus der Provinz Sichuan in den „Westen“, nach London, ausreisen durfte, um dort – immer noch unter strenger Abschottung und Kontrolle durch chinesische Funktionäre – zu studieren, fielen ihr als erstes das Grün und die Blumen in der britischen Hauptstadt auf.

Mao hatte 1964 angeordnet, Chinas Städte von solchen „feudalistischen“ und „bourgoisen“ Überlieferungen zu säubern.

Es war nicht seine erste und auch nicht seine letzte Anordnung gewesen, China in Häßlichkeit zu stürzen und es seiner überlieferten Kultur zu berauben. So wurde Jung Chang bei ihrem ersten Spaziergang im Hyde Park über die dortige Schönheit

vor Freude fast verrückt.

Das zweite, was ihr in England sofort ins Auge fiel und sie zutiefst beeindruckte, war,

daß es eine wunderbare, klassenlose Gesellschaft war. Ich bin in eine kommunistische Elite hineingeboren worden und erlebte,

wie klassenbewußt und hierarchisch Maos China war.

Jeder wurde in ein strenges Raster gepreßt. Auf jedem Formular befand sich neben „Geburtsdatum“ und „Geschlecht“ der unvermeidliche Punkt „Familienhintergrund“. Das bestimmte die Karriere, die Beziehungen und das Leben eines jeden … denjenigen, die in eine „schlechte“ Familie hineingeboren wurden, (war) ein von vornherein ruiniertes Leben vorbestimmt.

Das Ergebnis dieser schrecklichen Realität war, daß wir alle davon besessen waren, wer aus welcher Familie stammte …

In London … schienen (alle) gleichgestellt, und der Familienhintergrund war das Letzte, für das man sich interessierte … Trotz einer Tradition der Klassenunterschiede besitzt jeder in England Würde, und die sozial Schwachen werden nicht mißhandelt und unterdrückt, wie sie das unter Mao wurden.

Das muß sich allerdings inzwischen sehr verändert haben nach dem, was wir heute aus England hören. 1978 mag Jung Changs Urteil noch zugetroffen haben. In Tottenham wird man damals noch nicht wie heute

in 39 Sprachen aneinander vorbeigeredet

haben, wie ein Kommentator in der Elbe-Jeetzel-Zeitung schrieb.

Die junge Studentin war aus einer Welt von unermeßlichem Leid gekommen,

das zu ertragen für Westler, insbesondere Engländer, unvorstellbar war. Daher mußten in deren Augen Chinesen „nicht dieselben menschlichen Wesen“ sein wie sie.

Als in einer Gesprächsrunde ein Professor, eben aus China zurückgekehrt, Dias von einer chinesischen Schule gezeigt hatte mit Kindern „an einem offensichtlich sehr kalten Wintertag … in Klassenräumen ohne Heizung, dafür aber mit zerbrochenen Fensterscheiben“, fragte jemand: „Frieren sie nicht?“ Und als „der freundliche Professor“ verneint und eine Frau daraufhin, zu Jung Chang gewandt, gemeint hatte: „Es muß Ihnen hier sehr warm sein“, verließ die Chinesin abrupt den Raum und weinte, überwältigt vom Schmerz um ihre Heimat, deren unsagbare Leiden von der Außenwelt relativiert wurden, weil die anders nicht fähig gewesen wäre, sich vorzustellen, welches Maß an Grausamkeit das chinesische Volk erduldet hat.

Da faßte die Autorin den Entschluß, über ihr vergangenes Leben ein Buch zu schreiben: „Wilde Schwäne“. Der Untertitel „Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute“ läßt kaum erwarten, daß sogar vier Generationen – auch mit Vätern und Brüdern – vorgestellt werden.

Gerade das Schicksal der Urgroßmutter, die als Mädchen, 1888 geboren, nicht einmal wert war, einen Namen zu bekommen und nur „Mädchen Nummer zwei“ hieß, weist auf die 2000-jährige Geschichte chinesischer Leiden hin, die im 20. Jahrhundert in anderer Verkleidung wiederholt wurden, verstärkt aber und diesmal das gesamte Volk, nicht nur die Frauen, betreffend.

2000 Jahre Erfahrung mit Herrschaft und Unterdrückung,

Befehl und Gehorsam, rücksichtsloser Vorteilsnahme hatten zu verbreiteter Gefühllosigkeit dem Mitmenschen gegenüber geführt. Die Urgroßmutter jedenfalls betete eines Tages zu Buddha, sie im nächsten Leben als Hund oder Katze wiedergeboren werden zu lassen, aber bitte nicht wieder als Frau.

Ihrer Tochter Yu-fang, der Großmutter der Autorin, brach sie dennoch brutal die Füße und wickelte sie ein, waren doch klein erscheinende Füße die Voraussetzung dafür, an einen wirtschaftlich einigermaßen gutgestellten, angesehenen Ehemann verheiratet zu werden. Eingeschränkte Bewegungsfähigkeit war die weniger triste Zukunftsaussicht für ein Mädchen. Die Mutter tat also das Bestmögliche für die Tochter.

Die hatte dann 1924 mit 15 Jahren die „Ehre“, als Konkubine an einen geschäftstüchtigen, reichen General und Polizeichef „der Regierung eines Kriegsherrn in Beijing“ verkuppelt zu werden.

In Einsamkeit, Tatenlosigkeit und geistiger Öde verbrachte die hochintelligente Frau ihre Jugendjahre, bis sie mit ihrer Tochter, der Mutter der Autorin, schwanger wurde. Die wurde 1931 geboren und erhielt später den Namen De-hong, „Wilder Schwan“. Für die Großmutter bedeutete das Töchterlein zunächst einmal Erlösung aus dem Nichts ihres bisherigen Daseins. Welche Schrecken ihr zukünftiges für sie bereit hielt, ahnte sie glücklicherweise nicht.

„Wilder Schwan“ hatte ihren Namen zurecht erhalten.

Sie zeigte schon früh eine bemerkenswerte Furchtlosigkeit, die Voraussetzung dafür, ein Leben stark und mit Anstand durchzustehen, an dem Millionen andere zerbrachen. Sie warf sich begeistert in den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit, den sie bei den Kommunisten vermutete, wurde aber alsbald brutal vor rätselhafte Anforderungen gestellt, deren Sinn sie nicht begriff.

Immer wieder unterlief ihr der „Fehler“, die Sorge – anstatt für die Partei – für die Angehörigen „an die erste Stelle zu setzen“. Ihr um 10 Jahre älterer prinzipientreuer Ehemann, ebenfalls Kommunist und bereits hoher Funktionär der Partei, belehrte sie dann:

Die Revolution ist noch nicht gewonnen, der Krieg geht weiter. Du hast die Regeln verletzt. Man muß seine Fehler eingestehen. Die Revolution erfordert von allen die strikte Einhaltung der Regeln. Man muß der Partei gehorchen, auch wenn man ihre Anweisungen nicht versteht oder sie für unsinnig hält.

So lehnte er strikt ab, den Angehörigen seiner Familie beizustehen. Es hätte nach „Begünstigung“ und „Vetternwirtschaft“ aussehen können, und „Kommunist zu werden, sei ein schmerzhafter Prozeß“, den es auszuhalten galt, um abgehärtet zu werden.

Beispielsweise ließ er seine noch nicht als Vollmitglied in die Partei aufgenommene Frau auf ihrem „langen Marsch“ von über 1000 km von Jinzhou in der Mandschurei nach Nanjing mit der Bettrolle auf dem Rücken über Gebirge steigen und durch reißende Flüsse waten, während er es für sich als Höhergestelltem für schicklich hielt, im Jeep nebenher zu fahren.

Auch als sie erschöpft in einem Fluß strauchelte und beinahe ertrunken wäre, erlaubte er ihr nicht, ins Auto zu steigen.

Es ist nur zu deinem Besten,

versicherte er ihr.

Du hast die Wahl: entweder ins Auto oder in die Partei. Beides geht nicht.

Das sah sie ein. Denn noch brannte sie darauf, Parteimitglied zu werden. Zuviel bedeutete ihr zu der Zeit noch die Revolution.

Die verbissene Unerbittlichkeit ihres Mannes allerdings ging ihr oft zu weit und entfremdete sie einander. Ihn selbst trieb später, als er die Revolution im Sumpf von Unmoral und Absurdität untergegangen sah, die Reue über sein Verhalten um.

An die Stelle des „Familienoberhauptes“ war die Partei getreten,

erklärt Jung Chang. Das blinde Gehorchen setzte sich in China also bruchlos von der Kaiserzeit in die Zeit Maos fort. „Die Partei hat immer recht“,  wurde als Richtschnur anstandslos hingenommen.

Daß niemand einen Schritt ohne die Erlaubnis der Partei tun durfte, wurde ein wesentliches Element der kommunistischen Herrschaft in China.

Im Laufe der Zeit verlernten die Menschen jegliche Eigeninitiative.

Mao erreichte überdies, daß das ganze riesige, zudem rasant anwachsende

Volk der Chinesen immer tiefer in die Angst getrieben

wurde vor den Menschen im eigenen Land, im eigenen Lebenskreis. Wer heute auf der „richtigen“ Seite gestanden und andere verfolgt, gefoltert und getötet hatte, wurde morgen zum Feind erklärt und selbst gefoltert.

Nicht nur, weil eine in ihnen schlummernde Bereitschaft zur Bestialität geweckt war, machten so viele mit, sondern schon allein aus Angst, als regimefeindlich zu gelten und bestraft zu werden, also auf Kosten des Anderen die eigene Haut zu retten.

Diese Erfahrungen im Blick, ging den Menschen jegliches Vertrauen zueinander verloren.

Wir wurden ein Volk von Lügnern … viele Menschen (waren) unfähig, etwas Gutes zu denken. Sie reagierten wie Automaten …

Den Tiefpunkt menschlichen Wahnsinns bildete die „Kulturrevolution“ in China.

Alles „Alte“ sollte vernichtet, jegliche Autorität – außer der des „Gottes“ Mao – untergraben werden.

  • So griffen Schüler die Lehrerschaft an und verjagten sie,
  • rissen marodierende Banden die Altstädte nieder,
  • zerstörten Tempel und Kulturschätze aller Art
  • und vernichteten ganze Bibliotheken,

so daß das chinesische Volk von seinen kulturellen Wurzeln und den Weisheiten seiner Vorfahren abgeschnitten wurde. Wer wie der Vater Jung Changs sich einen eigenen Buchbestand erworben hatte, sah sich genötigt, ihn zu verbrennen. Für den Vater war das der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte: Er landete mit Schizophrenie in der Irrenanstalt.

In dieser Welt wuchsen seine und der Mutter „Wilder Schwan“ fünf Kinder auf. Die Autorin wurde 1952 als zweites Kind geboren und erhielt den Namen Jung, „Zweiter Wilder Schwan“. Ihr jüngster Bruder erhielt den Namen Xiao-fang, „Gleich dem Wilden Schwan“. So erklärt sich der Titel des Buches.

In den Revolutionswirren – die Mutter saß von 1955 bis 1956 im Gefängnis – konnten sich die Eltern um ihre Kinder nicht kümmern. Sie wurden ins Heim gesteckt, jedes in ein anderes. Sie litten schwer, entwickelten sich aber später zu aufgeweckten, warmherzigen Menschen, die zueinander und zu den Eltern hielten, auch als das für sie die Zukunft kosten konnte.

Denn während der „Kulturrevolution“ ab 1966 wurden beide Eltern als „Klassenfeinde“ jahrelang getrennt voneinander in Straflagern festgehalten.

Kinder, die sich von solchen Eltern nicht lossagten, stürzten sich sehenden Auges ins eigene Unglück.

Doch die „Kulturrevolution“ hatte bereits zu einer gewissen Einebnung des Kinderglücks geführt: Für sie alle gab es sechs Jahre lang keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen.

Ohnehin stellten Maos rote „Bibel“ und die „Volkszeitung“ die einzig noch verbliebene Literatur dar!

Als sich China nach Maos Tod mehr und mehr der Welt öffnete,

zogen die fünf Kinder es vor, ins westliche Ausland auszuwandern und damit ihrem geschundenen Land den Rücken zuzukehren, in dem Mao

humanitäre Gedanken als „bürgerliche Scheinheiligkeit“ verurteilt (hatte und so viele) Menschen sich in Ungeheuer verwandelt hatten.

Jung Chang (Wikipedia)

Der ältesten Tochter allerdings wurde zu ihrem größten Leidwesen als verheirateter junger Frau die Ausreise verwehrt.

  • Jung wurde in London Ärztin und Schriftstellerin;
  • ihr ältester Bruder Jin-ming „international anerkannter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Festkörperphysik“ an der Universität Southampton;
  • der zweite Bruder Xiao-hei nach der Zeit bei der Luftwaffe Journalist in London;
  • der dritte Bruder Xiao-fang betreibt nach dem Studium der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Straßburg eine eigene Firma in Frankreich.

Immer wenn Jung Chang ihre Mutter in China besuchte

– der Vater war 1975, ein Jahr vor Mao, gestorben –, war sie

wieder überwältigt, wie sehr etwas abgenommen hatte, was unter Mao unser ganzes Leben bestimmt hatte: die Angst.

Das wurde den Demonstranten für Demokratie 1989 auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ allerdings zum Verhängnis. Was sie nicht mehr erwartet hatten, wurde ihnen und der Welt vorgeführt:

Auch das nachmaoistische Regime war bereit, Regimegegner rigoros zu vernichten.

Etwa 3000 Freiheitskämpfer und -kämpferinnen des eigenen Volkes ließ es auf dem Tiananmenplatz niedermachen.

Mao, der unübertroffene Meister der Intrige und Zerstörung,

der größte Massenmörder aller Zeiten – 70 Millionen in „Friedens-“Zeiten verhungerte und ermordete Chinesen gehen auf sein Konto –, schaut dort – wie an unzähligen anderen Plätzen in China – noch heute auf die vorübergehenden Menschen herab!

Das Buch – spannend, aufwühlend und erkenntnisreich von der ersten bis zur letzten Seite, von Andrea Galler und Karlheinz Dürr aus dem Englischen in flüssig zu lesendes, gutes Deutsch übersetzt – kann ich als Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Ihre Werke sind in der Volksrepublik China verboten!

berichtet Wikipedia.


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