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„Da ist Josephine!“

Bei den Kommentaren bei amazon.de zur englischen Ausgabe des Buches von John E. Klapproth, Beethoven’s Only Beloved Josephine (s. Adelinde-Buchbesprechung) findet sich auch der folgende von Elisabeth Galle, den ich – vor allem durch die Hinweise auf das epochemachende Vorgängerbuch von Marie-Elisabeth Tellenbach – so treffend finde, daß er auch hier bei Adelinde erscheinen soll:

Lieber Herr Klapproth,
kurz zu mir, ich bin Elisabeth Galle. Es freut mich sehr, diese Zeilen von Ihnen zu lesen. Ich merke, es ist Ihnen ergangen wie mir.

Wie froh und dankbar wäre Frau Tellenbach gewesen,

einen Mitstreiter wie Sie an ihrer Seite zu wissen. Sie hat sehr unter den Ihnen bekannten Anfeindungen gelitten und immer wieder bedauert, daß es keine Übersetzung ihres Buches ins Englische gab. Sie wäre sehr froh über Ihr Buch gewesen.

Ich habe gestern ein Exemplar Ihrers Buches an Frau Tellenbachs Bruder geschickt und ihm dieses auch so zum Ausdruck gebracht. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle einfach herzlich dafür danken, daß Sie den Inhalt dieses Buches in die englischsprachige Welt getragen haben, und bin mir sicher, daß ich auch in Frau Tellenbachs Namen spreche.

Wie schrieb Therese weitsichtig:

„Viele Jahre werden nach diesem Tage kommen u. verschwinden Eh wieder unsere Welt ausrufen kann da ist Josefine“.

Sie ist wieder da! Bleibt zu hoffen, daß sich jetzt auch international eine ernsthafte, an der Sache orientierte Musikwissenschaft entwickelt.

Noch ein paar Anmerkungen zu ihrem Buch.

  • Die Stärke ihres Buches liegt vor allem darin, daß sie 1799 beginnend Jahr für Jahr vorgegangen sind. Dadurch verdichtet sich die Beweiskraft beim Lesen immer stärker, so daß man es, 1821 angekommen, …  „nicht mehr aus dem Kopf bringen kann.“
  • Wer will, kann natürlich die Anmerkungen lesen, was aber nicht nötig ist. Außerdem, da dort die deutschsprachigen Originalzitate zu lesen sind, könnte man sich den Inhalt auch ohne große Englischkenntnisse ganz gut erschließen.
  • Besonders gut finde ich Ihre Übersetzung des Briefes an die “unsterbliche Geliebte” und vor allem Ihre Interpretation dazu im Anschluß an die vorangegangenen Kapitel. Die Interpretation gewinnt dadurch eine überzeugende eindeutige Schlüssigkeit: So und nur so ist er zu verstehen.
  • Das Solomonkapitel hat mir besonders gut getan! Das war nötig!
  • Das Buch ist wirklich sehr intelligent gemacht und umfaßt zudem noch alle Bereiche dieser Thematik.
  • Ich hätte nicht gedacht, daß mich selbst das Kapitel „Literatur“ so faszinieren würde, und kann wirklich sagen, daß ich Ihr Buch bis auf den letzten Buchstaben mit Spannung gelesen habe.

Ein durch und durch intelligentes Buch. Herzlichen Glückwunsch dazu !

Allerherzlichst
Elisabeth Galle

Emilie Mayer 1812 - 1883

Der dankenswerte Kommentar Hartmut Köhlers bei Adelinde sei hier wegen seiner erfreulichen Botschaft noch einmal hervorgehoben:

Emilie Mayers 200. Geburtstag am 14. Mai 2012 steht vor der Tür.

In ihrer Heimat in Mecklenburg/Vorpommern werden dazu Vorbereitungen getroffen.

Am 10. Mai 2012 findet in der Konzertkirche Neubrandenburg das 9. Philharmonische Konzert der Saison 2011/2012 unter der Thematik Emilie Mayer statt.

Auf dem Programm:

Emilie Mayer – Sinfonie h-moll

  • Fassung für 2 Klaviere zu vier Händen
  • Rekonstruierte Orchesterfassung von Stefan Malzew (Die Originalpartitur von Emilie Mayer ist verschollen)
  • Generalprobe am 10. Mai 2012, 10:00 Uhr in der Konzertkirche Neubrandenburg
  • Konzert am 10. Mai 2012, 19:30 Uhr in der Konzertkirche Neubrandenburg
  • Konzert am 11. Mai 2012, 19:30 Uhr im Ernst-Barlach-Theater Güstrow
  • Konzert am 15. Mai 2012, 19:30 Uhr im Landestheater Neustrelitz

Am 14. Mai 2012 findet ein Festakt zum 200. Geburtstag von Emilie Mayer in der Marienkirche Friedland statt – Geburtsort von Emilie Mayer.

Die Vorbereitungen erfolgen durch die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz.

Jung Chang, Wilde Schwäne

Kein Buch über China hat je mehr Leser und Anhänger gefunden als Jung Changs Erinnerungsbuch WILDE SCHWÄNE, das in 30 Sprachen übersetzt und zehn Millionen Mal verkauft wurde,

schreibt Amazon 2005.

Jung Changs Erfolge beruhen auf der Authentizität und Lebendigkeit ihrer Darstellungen.

In ihrem Werk „Wilde Schwäne“ erleben wir am Schicksal einer chinesischen Familie in mehreren Generationen geradezu hautnah mit, was die politischen Umbrüche im China des 20. Jahrhunderts den Menschen zugemutet haben.

Als sie zwei Jahre nach Maos Tod als vermutlich erste Person seit 1949 aus der Provinz Sichuan in den „Westen“, nach London, ausreisen durfte, um dort – immer noch unter strenger Abschottung und Kontrolle durch chinesische Funktionäre – zu studieren, fielen ihr als erstes das Grün und die Blumen in der britischen Hauptstadt auf.

Mao hatte 1964 angeordnet, Chinas Städte von solchen „feudalistischen“ und „bourgoisen“ Überlieferungen zu säubern.

Es war nicht seine erste und auch nicht seine letzte Anordnung gewesen, China in Häßlichkeit zu stürzen und es seiner überlieferten Kultur zu berauben. So wurde Jung Chang bei ihrem ersten Spaziergang im Hyde Park über die dortige Schönheit

vor Freude fast verrückt.

Das zweite, was ihr in England sofort ins Auge fiel und sie zutiefst beeindruckte, war,

daß es eine wunderbare, klassenlose Gesellschaft war. Ich bin in eine kommunistische Elite hineingeboren worden und erlebte,

wie klassenbewußt und hierarchisch Maos China war.

Jeder wurde in ein strenges Raster gepreßt. Auf jedem Formular befand sich neben „Geburtsdatum“ und „Geschlecht“ der unvermeidliche Punkt „Familienhintergrund“. Das bestimmte die Karriere, die Beziehungen und das Leben eines jeden … denjenigen, die in eine „schlechte“ Familie hineingeboren wurden, (war) ein von vornherein ruiniertes Leben vorbestimmt.

Das Ergebnis dieser schrecklichen Realität war, daß wir alle davon besessen waren, wer aus welcher Familie stammte …

In London … schienen (alle) gleichgestellt, und der Familienhintergrund war das Letzte, für das man sich interessierte … Trotz einer Tradition der Klassenunterschiede besitzt jeder in England Würde, und die sozial Schwachen werden nicht mißhandelt und unterdrückt, wie sie das unter Mao wurden.

Das muß sich allerdings inzwischen sehr verändert haben nach dem, was wir heute aus England hören. 1978 mag Jung Changs Urteil noch zugetroffen haben. In Tottenham wird man damals noch nicht wie heute

in 39 Sprachen aneinander vorbeigeredet

haben, wie ein Kommentator in der Elbe-Jeetzel-Zeitung schrieb.

Die junge Studentin war aus einer Welt von unermeßlichem Leid gekommen,

das zu ertragen für Westler, insbesondere Engländer, unvorstellbar war. Daher mußten in deren Augen Chinesen „nicht dieselben menschlichen Wesen“ sein wie sie.

Als in einer Gesprächsrunde ein Professor, eben aus China zurückgekehrt, Dias von einer chinesischen Schule gezeigt hatte mit Kindern „an einem offensichtlich sehr kalten Wintertag … in Klassenräumen ohne Heizung, dafür aber mit zerbrochenen Fensterscheiben“, fragte jemand: „Frieren sie nicht?“ Und als „der freundliche Professor“ verneint und eine Frau daraufhin, zu Jung Chang gewandt, gemeint hatte: „Es muß Ihnen hier sehr warm sein“, verließ die Chinesin abrupt den Raum und weinte, überwältigt vom Schmerz um ihre Heimat, deren unsagbare Leiden von der Außenwelt relativiert wurden, weil die anders nicht fähig gewesen wäre, sich vorzustellen, welches Maß an Grausamkeit das chinesische Volk erduldet hat.

Da faßte die Autorin den Entschluß, über ihr vergangenes Leben ein Buch zu schreiben: „Wilde Schwäne“. Der Untertitel „Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute“ läßt kaum erwarten, daß sogar vier Generationen – auch mit Vätern und Brüdern – vorgestellt werden.

Gerade das Schicksal der Urgroßmutter, die als Mädchen, 1888 geboren, nicht einmal wert war, einen Namen zu bekommen und nur „Mädchen Nummer zwei“ hieß, weist auf die 2000-jährige Geschichte chinesischer Leiden hin, die im 20. Jahrhundert in anderer Verkleidung wiederholt wurden, verstärkt aber und diesmal das gesamte Volk, nicht nur die Frauen, betreffend.

2000 Jahre Erfahrung mit Herrschaft und Unterdrückung,

Befehl und Gehorsam, rücksichtsloser Vorteilsnahme hatten zu verbreiteter Gefühllosigkeit dem Mitmenschen gegenüber geführt. Die Urgroßmutter jedenfalls betete eines Tages zu Buddha, sie im nächsten Leben als Hund oder Katze wiedergeboren werden zu lassen, aber bitte nicht wieder als Frau.

Ihrer Tochter Yu-fang, der Großmutter der Autorin, brach sie dennoch brutal die Füße und wickelte sie ein, waren doch klein erscheinende Füße die Voraussetzung dafür, an einen wirtschaftlich einigermaßen gutgestellten, angesehenen Ehemann verheiratet zu werden. Eingeschränkte Bewegungsfähigkeit war die weniger triste Zukunftsaussicht für ein Mädchen. Die Mutter tat also das Bestmögliche für die Tochter.

Die hatte dann 1924 mit 15 Jahren die „Ehre“, als Konkubine an einen geschäftstüchtigen, reichen General und Polizeichef „der Regierung eines Kriegsherrn in Beijing“ verkuppelt zu werden.

In Einsamkeit, Tatenlosigkeit und geistiger Öde verbrachte die hochintelligente Frau ihre Jugendjahre, bis sie mit ihrer Tochter, der Mutter der Autorin, schwanger wurde. Die wurde 1931 geboren und erhielt später den Namen De-hong, „Wilder Schwan“. Für die Großmutter bedeutete das Töchterlein zunächst einmal Erlösung aus dem Nichts ihres bisherigen Daseins. Welche Schrecken ihr zukünftiges für sie bereit hielt, ahnte sie glücklicherweise nicht.

„Wilder Schwan“ hatte ihren Namen zurecht erhalten.

Sie zeigte schon früh eine bemerkenswerte Furchtlosigkeit, die Voraussetzung dafür, ein Leben stark und mit Anstand durchzustehen, an dem Millionen andere zerbrachen. Sie warf sich begeistert in den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit, den sie bei den Kommunisten vermutete, wurde aber alsbald brutal vor rätselhafte Anforderungen gestellt, deren Sinn sie nicht begriff.

Immer wieder unterlief ihr der „Fehler“, die Sorge – anstatt für die Partei – für die Angehörigen „an die erste Stelle zu setzen“. Ihr um 10 Jahre älterer prinzipientreuer Ehemann, ebenfalls Kommunist und bereits hoher Funktionär der Partei, belehrte sie dann:

Die Revolution ist noch nicht gewonnen, der Krieg geht weiter. Du hast die Regeln verletzt. Man muß seine Fehler eingestehen. Die Revolution erfordert von allen die strikte Einhaltung der Regeln. Man muß der Partei gehorchen, auch wenn man ihre Anweisungen nicht versteht oder sie für unsinnig hält.

So lehnte er strikt ab, den Angehörigen seiner Familie beizustehen. Es hätte nach „Begünstigung“ und „Vetternwirtschaft“ aussehen können, und „Kommunist zu werden, sei ein schmerzhafter Prozeß“, den es auszuhalten galt, um abgehärtet zu werden.

Beispielsweise ließ er seine noch nicht als Vollmitglied in die Partei aufgenommene Frau auf ihrem „langen Marsch“ von über 1000 km von Jinzhou in der Mandschurei nach Nanjing mit der Bettrolle auf dem Rücken über Gebirge steigen und durch reißende Flüsse waten, während er es für sich als Höhergestelltem für schicklich hielt, im Jeep nebenher zu fahren.

Auch als sie erschöpft in einem Fluß strauchelte und beinahe ertrunken wäre, erlaubte er ihr nicht, ins Auto zu steigen.

Es ist nur zu deinem Besten,

versicherte er ihr.

Du hast die Wahl: entweder ins Auto oder in die Partei. Beides geht nicht.

Das sah sie ein. Denn noch brannte sie darauf, Parteimitglied zu werden. Zuviel bedeutete ihr zu der Zeit noch die Revolution.

Die verbissene Unerbittlichkeit ihres Mannes allerdings ging ihr oft zu weit und entfremdete sie einander. Ihn selbst trieb später, als er die Revolution im Sumpf von Unmoral und Absurdität untergegangen sah, die Reue über sein Verhalten um.

An die Stelle des „Familienoberhauptes“ war die Partei getreten,

erklärt Jung Chang. Das blinde Gehorchen setzte sich in China also bruchlos von der Kaiserzeit in die Zeit Maos fort. „Die Partei hat immer recht“,  wurde als Richtschnur anstandslos hingenommen.

Daß niemand einen Schritt ohne die Erlaubnis der Partei tun durfte, wurde ein wesentliches Element der kommunistischen Herrschaft in China.

Im Laufe der Zeit verlernten die Menschen jegliche Eigeninitiative.

Mao erreichte überdies, daß das ganze riesige, zudem rasant anwachsende

Volk der Chinesen immer tiefer in die Angst getrieben

wurde vor den Menschen im eigenen Land, im eigenen Lebenskreis. Wer heute auf der „richtigen“ Seite gestanden und andere verfolgt, gefoltert und getötet hatte, wurde morgen zum Feind erklärt und selbst gefoltert.

Nicht nur, weil eine in ihnen schlummernde Bereitschaft zur Bestialität geweckt war, machten so viele mit, sondern schon allein aus Angst, als regimefeindlich zu gelten und bestraft zu werden, also auf Kosten des Anderen die eigene Haut zu retten.

Diese Erfahrungen im Blick, ging den Menschen jegliches Vertrauen zueinander verloren.

Wir wurden ein Volk von Lügnern … viele Menschen (waren) unfähig, etwas Gutes zu denken. Sie reagierten wie Automaten …

Den Tiefpunkt menschlichen Wahnsinns bildete die „Kulturrevolution“ in China.

Alles „Alte“ sollte vernichtet, jegliche Autorität – außer der des „Gottes“ Mao – untergraben werden.

  • So griffen Schüler die Lehrerschaft an und verjagten sie,
  • rissen marodierende Banden die Altstädte nieder,
  • zerstörten Tempel und Kulturschätze aller Art
  • und vernichteten ganze Bibliotheken,

so daß das chinesische Volk von seinen kulturellen Wurzeln und den Weisheiten seiner Vorfahren abgeschnitten wurde. Wer wie der Vater Jung Changs sich einen eigenen Buchbestand erworben hatte, sah sich genötigt, ihn zu verbrennen. Für den Vater war das der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte: Er landete mit Schizophrenie in der Irrenanstalt.

In dieser Welt wuchsen seine und der Mutter „Wilder Schwan“ fünf Kinder auf. Die Autorin wurde 1952 als zweites Kind geboren und erhielt den Namen Jung, „Zweiter Wilder Schwan“. Ihr jüngster Bruder erhielt den Namen Xiao-fang, „Gleich dem Wilden Schwan“. So erklärt sich der Titel des Buches.

In den Revolutionswirren – die Mutter saß von 1955 bis 1956 im Gefängnis – konnten sich die Eltern um ihre Kinder nicht kümmern. Sie wurden ins Heim gesteckt, jedes in ein anderes. Sie litten schwer, entwickelten sich aber später zu aufgeweckten, warmherzigen Menschen, die zueinander und zu den Eltern hielten, auch als das für sie die Zukunft kosten konnte.

Denn während der „Kulturrevolution“ ab 1966 wurden beide Eltern als „Klassenfeinde“ jahrelang getrennt voneinander in Straflagern festgehalten.

Kinder, die sich von solchen Eltern nicht lossagten, stürzten sich sehenden Auges ins eigene Unglück.

Doch die „Kulturrevolution“ hatte bereits zu einer gewissen Einebnung des Kinderglücks geführt: Für sie alle gab es sechs Jahre lang keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen.

Ohnehin stellten Maos rote „Bibel“ und die „Volkszeitung“ die einzig noch verbliebene Literatur dar!

Als sich China nach Maos Tod mehr und mehr der Welt öffnete,

zogen die fünf Kinder es vor, ins westliche Ausland auszuwandern und damit ihrem geschundenen Land den Rücken zuzukehren, in dem Mao

humanitäre Gedanken als „bürgerliche Scheinheiligkeit“ verurteilt (hatte und so viele) Menschen sich in Ungeheuer verwandelt hatten.

Jung Chang (Wikipedia)

Der ältesten Tochter allerdings wurde zu ihrem größten Leidwesen als verheirateter junger Frau die Ausreise verwehrt.

  • Jung wurde in London Ärztin und Schriftstellerin;
  • ihr ältester Bruder Jin-ming „international anerkannter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Festkörperphysik“ an der Universität Southampton;
  • der zweite Bruder Xiao-hei nach der Zeit bei der Luftwaffe Journalist in London;
  • der dritte Bruder Xiao-fang betreibt nach dem Studium der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Straßburg eine eigene Firma in Frankreich.

Immer wenn Jung Chang ihre Mutter in China besuchte

– der Vater war 1975, ein Jahr vor Mao, gestorben –, war sie

wieder überwältigt, wie sehr etwas abgenommen hatte, was unter Mao unser ganzes Leben bestimmt hatte: die Angst.

Das wurde den Demonstranten für Demokratie 1989 auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ allerdings zum Verhängnis. Was sie nicht mehr erwartet hatten, wurde ihnen und der Welt vorgeführt:

Auch das nachmaoistische Regime war bereit, Regimegegner rigoros zu vernichten.

Etwa 3000 Freiheitskämpfer und -kämpferinnen des eigenen Volkes ließ es auf dem Tiananmenplatz niedermachen.

Mao, der unübertroffene Meister der Intrige und Zerstörung,

der größte Massenmörder aller Zeiten – 70 Millionen in „Friedens-“Zeiten verhungerte und ermordete Chinesen gehen auf sein Konto –, schaut dort – wie an unzähligen anderen Plätzen in China – noch heute auf die vorübergehenden Menschen herab!

Das Buch – spannend, aufwühlend und erkenntnisreich von der ersten bis zur letzten Seite, von Andrea Galler und Karlheinz Dürr aus dem Englischen in flüssig zu lesendes, gutes Deutsch übersetzt – kann ich als Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Ihre Werke sind in der Volksrepublik China verboten!

berichtet Wikipedia.


Vor 90 und vor 70 Jahren: Die Kriegstreiber

Auszüge aus der Abhandlung „Ein Jahr des mehrfachen Gedenkens“

von Gastautor Dietmar Lange

Vor 90 Jahren

Die Volksabstimmung in Oberschlesien 1921

Als vor nunmehr 90 Jahren die Oberschlesier über ihre staatliche Zukunft abstimmten, ignorierten die Siegermächte das Ergebnis dieses Plebiszits und teilten die Region, indem das wertvolle Industriegebiet an Polen fiel.

Während der Versailler Verhandlungen sahen sich die Sieger mit der Tatsache konfrontiert, daß sich, wie der italienische Außenminister Naron Sonnino formulierte, polnische Expansionsphantasien auf „halb Europa“ erstreckten.

Der Südteil des oberschlesischen Landkreises Ratibor, das Hultschiner Ländchen, war noch im Dezember 1918 von Tschechen militärisch besetzt worden und wurde im Vertrag von St. Germain im September 1919 ohne Abstimmung der CSR zugesprochen.

Polen hoffte durch bewaffnete „Aufstände“ mit Überfällen auf Deutschgesinnte, in Oberschlesien vor einer drohenden Abstimmungsniederlage vollendete Tatsachen zu schaffen.

Der polnische Politiker Wojciech Korfanty (1873-1939),

Wojciech Korfanty

1903-1912 und 1918 Abgeordneter des deutschen Reichstages, betrieb 1918 die Loslösung Posens vom Reich und inszenierte – als polnischer Abstimmungskommissar – 1920/21 die polnischen „Aufstände“ in Oberschlesien.

Entgegen den Weisungen der Interalliierten Abstimmungskommission, seine Truppen zu entwaffnen,

  • ermordete die von Korfanty gegründete Terroreinheit „Bojowka Polska“ deutsche Oberschlesier,
  • vernichtete wichtige Unterlagen,
  • verübte Sprengstoffanschläge
  • und zerschlug deutsche Versammlungen. (Gerhard Frey jun.: Polens verschwiegene Schuld. München 1990, S. 18).

Obendrein waren die Abstimmungsvorschriften stark zu Polens Gunsten ausgelegt. Und trotz all der widrigen Umstände legte das Abstimmungsergebnis eindeutig den Verbleib Oberrschlesiens als Land des Deutschen Reiches fest.

Aber obwohl die Volksabstimmung am 20. März 1921 eindeutig zugunsten Deutschlands ausfiel (59,4 % Oberschlesier stimmten für Deutschland, 40,6 % für Polen), wurde die Region

vom Obersten Rat der Alliierten auf Empfehlung des Völkerbundes dennoch geteilt

(Beschluß vom 20. Oktober 1921). Das oberschlesische Industrierevier – nach dem Ruhrgebiet der zweitgrößte Wirtschaftsraum des Deutschen Reiches – wurde an Polen übertragen.

Damit hatte sich der gewaltsame Aufmarsch der Freischärler Korfantys nach dem 3. Mai 1921 (Dritter „Oberschles. Aufstand“), der nur nach Kämpfen am St. Annaberg vom Selbstschutz Oberschlesiens, gebildet aus deutschen Freikorps, zurückgeworfen werden konnte, doch noch gelohnt.

Die Teilung empörte viele Oberschlesier, denn das Votum fiel trotz massiver Parteinahme der Alliierten für Polen klar für Deutschland aus. Hinzu kam, daß unter der Leitung des französischen Oberkommissars Henri Le Rond ein Wahlkampf nur der polnischen Seite ermöglicht war.

Andererseits sind Schikanen gegen Deutsche ostentativ geduldet worden, nur die Vertreter Englands und Italiens in der Interalliierten Abstimmungskommission nahmen eine neutralere Haltung ein.

Der französische Wissenschaftler Prof. Dr. René Martel berichtet in seinem1930 in Paris erschienenen Buch „Die östlichen Grenzen Deutschlands“:

Am 2. Mai brach der von Korfanty aufgezogene dritte Aufstand in Oberschlesien aus. Es brach eine entsetzliche Schreckensherrschaft los. Die Mordtaten vervielfältigten sich. Die Deutschen wurden gemartert, verstümmelt, zu Tode gepeinigt, ihre Leichen geschändet. Dörfer und Schlösser wurden ausgeraubt, in Brand gesteckt, in die Luft gesprengt.

Die im Bilde in der ‘Offiziellen Veröffentlichung der deutschen Regierung’ 1921 festgehaltenen Vorgänge überschreiten an Grausamkeiten die schlimmsten Vorgänge, die man sich vorstellen kann. (zit. nach Frey, Polens verschwiegene Schuld, S. 22 f.)

Die Mißachtung des Selbstbestimmungsrechts und die ungeheuren Belastungen durch den Versailler Vertrag sowie die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise trugen entscheidend zum Niedergang der Weimarer Republik bei. Theodor Heuss war wohl der erste Politiker, der die Metapher verwendete, daß

“Hitler in Versailles geboren”

sei. Wie sehr inzwischen der multikausale geschichtliche Zusammenhang von Versailler Unrecht und nationalsozialistischer Machtergreifung aus dem öffentlichen Bewußtsein geschwunden ist, zeigt sich vornehmlich in der Überbewertung der Bedeutung sogenannter „Neonazis“.

Die folgenschwerste Hinterlassenschaft des Versailler Vertrages war das Danzig-“Korridor“-Problem, von dem Lloyd George schon 1919 voraussagte, hier würde der Grund für den nächsten Krieg gelegt.

Doch Hitler, seit 1933 Reichskanzler, der mit seiner dynamisch-riskanten Außenpolitik das Unrecht von Versailles zu überwinden trachtete, gab sich im Mai 1939 noch zuversichtlich, wenn er erklärte:

Ich müßte ein Idiot sein, wenn ich wegen Polen in einen Krieg schlittern würde wie die Unfähigen vom Jahre 1914. (IMT, Bd. XX, S. 623).

Das sah der Oberbefehlshaber Marschall Rydz-Smigly ganz anders, als er im Juni 1939 vor polnischen Offizieren ausführte:

Polen will den Krieg mit Deutschland und Deutschland wird ihn nicht verhindern können, selbst wenn es das wollte.

Am Ende ließ sich der deutsche Diktator in einen Krieg mit Polen hineinmanövrieren,

der „viele Väter hatte“, wie Gert Schultze-Rhonhof in seiner Kriegsursachenforschung nachweisen konnte.

Einen Krieg mit England glaubte Hitler trotz dessen Garantiererklärung für Polen nicht befürchten zu müssen, denn das wäre, wie er am 22. Juli 1939 dem Marineoberbefehlshaber Raeder gegenüber betonte, „Finis Germaniae“ (das Ende Deutschlands).

Doch seit der britisch-französischen Kriegserklärung an Deutschland vom 3. September 1939 nahm das Verhängnis seinen Lauf. Daran änderten auch die heute gern unterschlagenen Friedensangebote der Reichsregierung nach dem Polenfeldzug und dem Sieg über Frankreich nichts.

Die Zeit arbeitete gegen Deutschland, denn England konnte auf Amerika hoffen, und Stalins Hoffnung richtete sich auf einen möglichst lange dauernden Krieg in Europa zwischen dem kapitalistischen und dem faschistischen Block.

Und es war ausgerechnet der verspätete Verbündete Hitlers, der aus törichter Ruhmsucht mit imperialistischem Gehabe den britischen Kriegsausweitungsabsichten zuarbeitete. Mussolini, der Duce, überließ den deutschen Soldaten verschiedene „angerissene“ Kriegsschauplätze und verwickelte das Reich so zusätzlich in unnötige Abenteuer.

Vor 70 Jahren

Der Balkanfeldzug vor 70 Jahren

Am 28. Oktober 1940 begann Italien, das bereits im April 1939 Albanien besetzt hatte, seinen sinnlosen Angriff auf Griechenland, der mit einem schweren militärischen Rückschlag endete. Damit veränderte sich die Lage in Europa wesentlich, denn es drohte die Errichtung einer Balkanfront und die Zersplitterung der deutschen Kräfte.

Weil das Deutschlands Interessen sehr gefährlich werden konnte, war Hitler bestrebt, das Festsetzen britischer Truppen auf dem Festland und die gleichzeitige Bedrohung des rumänischen Erdöls unbedingt zu verhindern.

Über Mussolinis Alleingang verärgert, bemühte sich Hitler vergebens um Vermittlung zwischen den beiden Gegnern, ließ dann aber einen Angriff gegen Griechenland von Bulgarien aus vorbereiten, als sich eine Niederlage Italiens abzuzeichnen begann.

Deutschland war bestrebt, Jugoslawien und Bulgarien in den Dreimächtepakt vom 27. September 1940 einzubinden, um den Druck auf England zu erhöhen, nachdem Churchill Griechenland bereits Truppenhilfe angeboten hatte.

Die Belgrader Regierung des Ministerpräsidenten Cvetković sah sich jedoch dem Drängen Englands und Amerikas ausgesetzt, während das sowjetischem Druck ausgesetzte Bulgarien am 1. März 1941 dem Dreimächtepakt beitrat.

England begann am 5. März Truppen von Ägypten nach Piräus und Volos in Griechenland zu transportieren. Die deutsche Führung sah sich daher gezwungen, den seit dem erpresserischen Vorgehen Stalins – wie es sich beim Molotow-Besuch in Berlin (November 1940) deutlich offenbarte – geplanten Krieg gegen die Sowjetunion zu verschieben, um die Briten aus ganz Griechenland zu vertreiben.

Nachdem sich die jugoslawische Regierung entschlossen hatte, dem Dreimächtepakt beizutreten, der am 25. März in Wien unterzeichnet wurde, putschten in Belgrad prowestliche Offiziere unter Luftwaffengeneral Simović als neuem Regierungschef und setzten den 17jährigen König Peter auf den Thron.

Hitler betrachtete den Umsturz als einen feindseligen Akt, während sein Paktpartner Stalin sich beeilte, die neue jugoslawische Regierung anzuerkennen. Noch in der Nacht zum 6. April 1941 schloß Jugoslawien einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion.

Der Kampf mit England auf griechischem Boden schloß somit den deutschen Angriff auf Jugoslawien am 6. April als Reaktion mit ein, um den Truppen den Rücken freihalten zu können.

Bereits am 17. April kapitulierte die Belgrader Regierung, Kroatien erklärte sich unabhängig. Schließlich wurden auch die englischen Truppen zur Kapitulation gezwungen, obwohl sich der Feldzug gegen Griechenland viel schwieriger gestaltete.

Die griechischen Gefangenen wurden ehrenvoll behandelt, durften ihre Waffen behalten und wurden bald darauf entlassen.

Der Schwur der Ustascha auf Kreuz, Pistole und Dolch (1941), aus Karlheinz Deschner: Kirche und Faschismus

Von der „Unabhängigkeit“ Kroatiens profitierte vor allem die katholische Kirche. In seinem Buch „Kirche und Faschismus“ beleuchtet Karlheinz Deschner auch die Vorgeschichte vor dem Ersten Weltkrieg und den

Anteil des Vatikans an der Verschärfung des Konflikts zwischen Österreich-Ungarn und Serbien

genauer. Was der Papst im Ersten Weltkrieg mit Hilfe der Donaumonarchie nicht erreicht hatte,

erstrebte er im Zweiten Weltkrieg an der Seite Hitlers. (a.a.O., S. 104)

Mit Unterstützung der deutschen und italienischen Verbündeten des Papstes gelangte die Ustascha-Partei, die faschistisch-katholische Bewegung Kroatiens, zur Macht.

Ihr Anführer, Dr. Ante Pavelić, der 1934 das Attentat auf König Alexander von Jugoslawien in Marseille organisiert hatte und wegen Doppelmords zweimal (in Jugoslawien und in Frankreich) in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, genoß nun als Staatschef den Vorzug, von Papst Pius XII. in feierlicher Privataudienz empfangen zu werden.

In und außerhalb der Lager, die jetzt

im katholischen Kroatien

errichtet wurden, kam es zu

Grausamkeiten, neben denen die Taten von Hitlers KZ-Schergen beinah verblassen,

wie Deschner zu berichten weiß (S. 109). Auch der Vatikan war über die Folterung und Ermordung von Hunderttausenden von Männern, Frauen und Kindern genau unterrichtet, zumal sich nicht wenige katholische Priester an den grausamen Verbrechen beteiligten.

Ein anderer dem faschistischen Diktator „zu verdankender“

Kriegsschauplatz war Libyen,

wo das deutsche „Afrikakorps“ unter General Rommel zunächst recht erfolgreich im Kampf gegen England stand.

Im Zuge der wichtigen Sicherung der Seetransporte nach Nordafrika mußte auch die von den Engländern besetzte Mittelmeerinsel Kreta genommen werden. Unter erheblichen Verlusten auf deutscher Seite gelang im Mai 1941 die Einnahme Kretas durch Fallschirmjäger in der größten Luftlandeoperation und durch Gebirgsjäger in Transportflugzeugen des Typs Ju 52.

Der Angriff auf die Sowjetunion ein „Überfall“?

Den Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hat Hitler später selbst als den „schwersten Entschluß“ seines Lebens bezeichnet. Im Grunde genommen war der „Führer“ bereits ein Getriebener, als sein Versuch gescheitert war, mit Hilfe des Stalin-Paktes vom 23. August 1939 die Westmächte auf Abstand zu halten.

In den 50er Jahren begann die ideologisch bestimmte Auseinandersetzung um den Aussagewert der außenpolitischen Passagen in Hitlers Buch „Mein Kampf“, denen zufolge die vorausgegangenen Feldzüge als Vorstufe zu Hitlers „Hauptkrieg“, dem „Unternehmen Barbarossa“ zu gelten hatten.

Somit war als Zielsetzung die „Eroberung neuen Lebensraumes im Osten“ und die „Vernichtung des jüdischen Bolschewismus“ ausgemacht worden.

Der Historiker Hartmut Schustereit deckte in seinem Buch „Hitlers Angriff auf die Sowjetunion 1941 als Versuch, durch den Sieg im Osten den Westen zu besiegen“ (Herford 1988) den Widerspruch auf  zwischen der Rüstungsplanung und dem angeblichen Langzeitziel Hitlers.

Denn unmittelbar nach dem Frankreichfeldzug im Juni 1940 ordnete Hitler an, etwa 40 Divisionen des Heeres zu demobilisieren. Doch schon im August 1940 wurde „auf Grund veränderter Lage“ die Zurückstellung der Heeresrüstung widerrufen. Aus dem

widersprüchlichen Nebeneinander von Verstärkung des Heeres und Vorrang der Rüstung für Luftwaffe und Marine bei schärfstem Mangel an Facharbeitern und Maschinen (zog Schustereit) den Schluß, daß Hitler den Krieg gegen England als Hauptsache und den Feldzug gegen die Sowjetunion als eine zunächst nicht vorgesehene, nun aber für erforderlich gehaltene Etappe auf dem Weg zur Niederringung Englands betrachtete – in der Annahme, auch die Sowjetunion in einem Bewegungskrieg von einigen Wochen schlagen zu können. (Günther Gillesen, FAZ vom 21. September 1988).

Der Darstellung läßt sich entnehmen, daß der Diktator von Fall zu Fall plante (Rußland als potentiellen Festlanddegen Englands betrachtend), doch im Grunde ohne einen „Kriegsplan“ handelte. Mit Recht kann

von einer Kette von Improvisationen und immer neuen Fluchten aus immer neuen Verlegenheiten (Gillesen)

gesprochen werden, auch wenn das heutiger politischer Korrektheit zuwiderläuft. Immerhin ergibt sich als Resultat der gegenüber Hillgruber erhobene Vorwurf,

er habe in Hitlers „Strategie“ eine Ordnung hineingelesen, die sie nicht enthalte und die er auch nicht wirklich habe nachweisen können. Hitlers wechselnde Befehle und Begründungen im Sommer 1940 lassen vermuten, daß er im Zweifel war, in welcher Reihenfolge er handeln solle. (ebd.)

Gegen die These von der Kontinuität in Hitlers Außenpolitik argumentierte bereits Philipp W. Fabry, Autor einer zeitgeschichtlichen Deutschlandfunk-Sendung vom 21.10.1969 („Stimmt die Geschichtsschreibung?“).

Fabry setzte sich darin auch kritisch mit den sog. „Schlüsseldokumenten“ des Nürnberger Gerichts auseinander und stellte u.a. fest:

Hätte Hitler sein Buch im Jahre 1926 nicht veröffentlicht, kein Historiker würde darüber hinwegsehen, daß sich der deutsch-sowjetische Gegensatz durchaus nach klassischen Regeln entwickelt hat. Denn unbestreitbar ist, daß ihm die Rivalität zweier Großmächte zugrundelag – ein Ringen um Interessensphären, das in dem durch Hitlers Eroberungen veränderten ost- und südosteuropäischen Kräftefeld und in der militärstrategischen Lage beider Mächte begründet war. (Manuskript der DLF-Sendung vom 21.10.69, S. 26)

Daß dann aber der ideologische Gegensatz zusätzlich eine Rolle spielte, steht außer Frage. Und außer Frage steht, daß der „Ostkrieg“ von vornherein eine ganz andere Dimension der Kriegführung aufwies.

Die Sowjetunion hatte weder die Genfer Konvention noch irgendwelche Völkerrechtsbestimmungen anerkannt oder respektiert.

Die Bevölkerung der Ukraine begrüßte die deutschen Truppen als Befreier mit Ehrenpforten, aber Hitlers Ostministerium nutzte die Chance nicht und entsandte anstelle der sowjetischen Kommissare nationalsozialistische.

Der deutsche Soldat hatte es mit einer völlig anderen Art der Kriegführung zu tun, aber gesprochen wird allgemein nur von einem „Vernichtungskrieg“ durch die „vielfach verstrickte“ Wehrmacht.

Darüber hinaus wissen wir aufgrund neuer Forschungen und Einblick in einst streng gehütete sowjetische Quellen, daß der deutsche Angriff am 22. Juni 1941 dem zum Angriff auf Europa entschlossenen Stalin nur um Wochen zuvorgekommen ist.

Außer den sowjetischen Selbstzeugnissen sprechen allein die extrem hohe Zahl von Gefangenen und die Erbeutung von Kriegsmaterial in den ersten Tagen dafür, daß der deutsche Vorstoß nach Osten („Von Finnland bis zum Schwarzen Meer“…) in die Massierung russischer Verbände in Grenznähe und damit in die sowjetischen Vorbereitungen unmittelbar hineinstieß.

Doch gerade hier betritt der Historiker erneut die Minenfelder politischer Korrektheit.

So führte Stefan Scheil in der JF Nr. 23/11 vom 3. Juni 2011 aus:

Der siebzigste Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, also das „Unternehmen Barbarossa“ vom 22. Juni 1941, wird in diesem Jahr Anlaß geben, die Definition „Überfall“ weiter zu bekräftigen.

Alle Zweifel daran oder gar die Feststellung, das Deutsche Reich sei einem drohenden und als drohend erkannten sowjetischen Angriff zuvorgekommen, dieser „Überfall“ sei also ein bewußt geführter Erstschlag, ein sogenannter Präventivkrieg gewesen, werden schnell mit dem Verdikt des Geschichtsrevisionismus belegt.

Die von namhaften Historikern überzeugend untermauerte Präventivkriegthese wird verbissen als politisch untragbar verworfen und wird unter Berufung auf das Nürnberger Urteil von 1946 von den Landeszentralen wie der Bundeszentrale für politische Bildung vehement als „rechtsextremes Vorurteil“ abgetan.

Um so wichtiger ist die Beschäftigung mit den Büchern von Viktor Suworow („Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül“; „Der Tag M“; „Stalins verhinderter Erstschlag“), Werner Maser („Der Wortbruch“), Joachim Hoffmann („Stalins Vernichtungskrieg“), Walter Post („Unternehmen Barbarossa. Deutsche und sowjetische Angriffspläne 1940/41“).

Seitdem der sowjetische Außenkommissar Molotow in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 dem deutschen Botschafter in Moskau, Grafen von der Schulenburg, zornig entgegenhielt

Wir sind überfallen worden! Glauben Sie, daß wir das verdient haben?

ist die alleingültige „Wahrheit“ festgeschrieben.

Angesichts der großen Bedeutung des Problems dürfte der somit verordnete wissenschaftliche Stillstand in der offiziellen Geschichtswissenschaft weltweit einmalig sein.

Mit dem Rußlandkrieg und dem Eintritt der USA … in die Auseinandersetzung der Mächte begann der eigentliche Zweite Weltkrieg und nahm zugleich die „Deutsche Katastrophe“ (Friedrich Meinecke) unerbittlich ihren Lauf.

Vor 50 Jahren

Am Ende

war halb Europa der sowjetischen Unterjochung ausgesetzt. Mit der Annexion Ostdeutschlands und der Zoneneinteilung Restdeutschlands nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die durch die Errichtung der Berliner Mauer und die endgültige Teilung Deutschlands am 13. August 1961, vor 50 Jahren, den traurigsten Tiefpunkt unserer Geschichte erreichte.

Nicht vergessen werden sollte allerdings, daß Deutschland seit der Oktoberrevolution als nächstes kommunistisches Ziel galt. Davon ging die KPD noch zwei Jahre vor Hitlers Kanzlerschaft aus, als sie die SPD (von ihnen als „Sozialfaschisten“ bezeichnet) gegenüber den „Nazis“ als das größere Übel betrachtete.

Kooperation der Kommunisten mit den Nationalsozialisten am 22.1.1931: links (von hinten) Dr. Joseph Goebbels, rechts mit ausgestrecktem Arm Walter Ulbricht (Ullstein-Foto)

Man war überzeugt, in Zukunft das Erbe einer möglichen Nazi-Herrschaft antreten zu können, was mit Hilfe der „ruhmreichen Roten Armee“ auch gelang, und scheute sich nicht, am 22. Januar 1931 mit dem „faschistischen“ Klassenfeind beim Streik der Berliner
Verkehrsbetriebe gemeinsame Sache zu machen.

Damals saßen der spätere Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels von der NSDAP und Walter Ulbricht von der KPD bei einer Massenveranstaltung im Kampf gegen das „Weimarer System“ vereint an einem Tisch.

Nur 30 Jahre später ließ Stalins Mann in Deutschland die Berliner Mauer errichten.

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