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Der Historiker Gerhard Bracke

stellte Adelinde die untenstehende Abhandlung zur Verfügung. Worte aus den Schlußabsätzen seien hier einleitend vorangestellt:

Je größer der zeitliche Abstand zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts wird, je weniger wahrheitsbewußte Zeitzeugen noch am Leben sind, desto absurder die Vereinfachungen, desto grotesker die Verzerrung von Tatsachen, deren Richtigstellungen dreist als „Umdeutung der Geschichte“ diskriminiert werden.

Siebzig Jahre nach der Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen, deren Einsatz für Deutschland wahrhaftig zwingender notwendig erschien als heute der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan, ist nach dem Grundsatz Leopold von Rankes daran zu erinnern, „wie es wirklich gewesen ist.“

Bei dieser Geschichtsbetrachtung geht es nicht nur nicht um eine “Umdeutung der Geschichte” oder gar darum, Adolf Hitler reinzuwaschen. Es geht schlicht um Wahrheit. Hier nun

Gerhard Brackes Geschichtsbetrachtung

vom Anfang her. Er schreibt:

Entspräche die gigantomanische „Spiegel“-Weisheit „1939: Wie ein Volk die Welt überfiel“ den historischen Tatsachen, die naive Schlichtheit der grotesken Formulierung streifte nicht gar so auffällig das Lächerliche. Begreifen wir sie dennoch als Herausforderung, sich die Komplexität geschichtlicher Zusammenhänge erneut vor Augen zu führen und deren Simplifikation zu entlarven.

Für den deutschen Siegeszug im „Feldzug der 18 Tage“, wie der Krieg gegen Polen bald genannt wurde, gab es mehrere Gründe, von denen der erste gern verschwiegen wird, weil er die Planung der polnischen Führung betrifft:

Polnisches Plakat 1939

Polnisches Plakat 1939

Die Hauptmasse der polnischen Armee stand nicht zur Verteidigung bereit, sondern zum Angriff („Auf nach Berlin!“).1

Doch nach Beendigung des Polenfeldzuges waren die englische und französische Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich vom 3. September 1939 keineswegs überholt, obwohl die Westmächte nicht daran dachten, Polen gemäß ihren Beistandsverpflichtungen militärisch zu unterstützen. England nahm im Gegenteil geheime Verbindungen zur Sowjetunion auf, die ihrerseits am 17. September in Ostpolen einmarschierte.

Als Reichskanzler Adolf Hitler am 6. Oktober 1939 im Berliner Reichstag seine Rede hielt, die allgemein in der deutschen Öffentlichkeit als Friedensangebot an die beiden Westmächte verstanden wurde, sollte er sich in den Absichten der Gegner nachhaltig täuschen.

Es sei nicht einzusehen, so Hitler, daß für eine Wiederherstellung der Versailler Zustände eine kriegerische Auseinandersetzung im Westen erfolgen sollte. Wörtlich erklärte er:

Ich glaube, es gibt keinen verantwortlichen europäischen Staatsmann, der nicht im tiefsten Grunde seines Herzens die Blüte seines Volkes wünscht. Eine Realisierung dieses Wunsches ist aber nur denkbar im Rahmen einer allgemeinen Zusammenarbeit der Nationen.

… Herr Churchill mag der Überzeugung sein, daß Großbritannien siegen wird. Ich aber zweifle keine Sekunde, daß Deutschland siegt.

Das Schicksal wird entscheiden, wer recht hat. Nur eines ist sicher: es hat in der Weltgeschichte noch niemals zwei Sieger gegeben, aber oft nur Besiegte. ….

Mögen diejenigen Völker und ihre Führer nun das Wort ergreifen, die der gleichen Auffassung sind. Und mögen diejenigen meine Hand zurückstoßen, die im Krieg die bessere Lösung sehen zu müssen glauben.2

Die Deutschen schöpften wieder Hoffnung, denn niemand in Deutschland vermochte einen ernsthaften Grund für einen Krieg gegen England und Frankreich zu erkennen. Zudem hatte Hitler immer wieder betont, daß er an Frankreich keine Forderungen erhebe, auch keinen Anspruch auf die alten deutschen Reichslande Elsaß-Lothringen. Die deutsch-französische Grenze sei für ihn unantastbar, und an die Stelle einer angeblichen Erbfeindschaft der beiden Völker sollten endlich freundschaftliche Beziehungen treten.

Sowohl die französische als auch die britische Regierung lehnten Hitlers (erstes) Friedensangebot strikt ab

und sprachen sich für die Fortsetzung der Feindseligkeiten aus. Allerdings war es bislang im Westen, abgesehen von kleineren Spähtruppunternehmungen und Flugblattaktionen, zu keinen Kampfhandlungen entlang der Grenze gekommen, weshalb die Franzosen vom „Drôle de guerre“ (komischen Krieg) sprachen. Sie hatten von Anfang an Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines kriegerischen Einsatzes gegen Deutschland geäußert und sich eher widerwillig von der englischen Politik vereinnahmen lassen.

Schließlich war mit dem Eingreifen der Sowjetunion die westliche Garantie für Polen ohnehin gegenstandslos geworden – doch eine Kriegserklärung an den späteren Verbündeten Stalin unterblieb ebenso. Stattdessen verkündeten London und Paris ein

neues alliiertes Kriegsziel, die „Vernichtung des Hitlerismus“.

Der frühere Premierminister D. Lloyd George (1863-1945) forderte zwar die britische Regierung auf, die Gelegenheit zu einer internationalen Friedenskonferenz nicht ungenutzt zu lassen. Lloyd George war es auch, der bereits 1919 die Danzig-Korridor-Problematik des Versailler Friedensdiktats als künftigen Kriegsgrund klar voraussagte. Und der Dichter George Bernard Shaw (1856-1950) kommentierte das neu verkündete Kriegsziel bissig dahingehend, ob man nicht lieber mit der „Vernichtung des Churchillismus“ beginnen sollte.3

So waren die Meinungen in England durchaus geteilt.

Offenbar war die neue Kriegszielbestimmung der englischen Regierung bereits vor Hitlers Reichstagsrede propagiert worden, denn das Politbüro der Kommunistischen Partei Großbritanniens erklärte am 4. Oktober 1939:

Die in den letzten Tagen entstandene neue Lage hat große Möglichkeiten für Frieden und Sicherheit eröffnet. Der Krieg in Osteuropa wurde zu Ende geführt … Das Andauern des Krieges in Westeuropa … wird jetzt zur tödlichen Bedrohung der Interessen der Völker aller Länder. [...] Wenn die Chamberlains und Churchills … als Kriegsziel den “Sturz des Hitlerismus” verkünden, wollen sie dem deutschen Volk ein Regime aufzwingen, das dem britischen und französischen Imperialismus dient…4

Diese politische Einstellung englischer Kommunisten war natürlich bestimmt von der Linie des Genossen Stalin, der seit dem Pakt mit Hitler vom 23. August 1939 strategisch klug die deutsche Position außenpolitisch unterstützte. Bemerkenswert deutlich brachte auch die „Iswestija“ diesen offiziellen sowjetischen Standpunkt am 9. Oktober 1939 zum Ausdruck, den die gleichgeschaltete Presse in Deutschland übernahm:

…. Bekanntlich wurde der Krieg Englands und Frankreichs gegen Deutschland unter der Losung der Wiederherstellung Polens geführt. Angesichts der oben dargelegten Tatsachen kann die Weiterführung des Krieges durch nichts gerechtfertigt werden. … Die Einstellung dieses Krieges würde mithin den Interessen der Völker aller Länder entsprechen.

Die Vorschläge, die Hitler am 6. Oktober in seiner Reichstagsrede gemacht hat, können angenommen, abgelehnt oder in dieser oder jener Weise korrigiert werden. Aber es ist unmöglich, nicht anzuerkennen, daß sie auf jeden Fall als reale und praktische Grundlage für Verhandlungen dienen können, die auf den raschesten Friedensabschluß hinzielen.5

Zu welchen taktisch klugen Argumentationsschlüssen damals ein amtliches Presseorgan der Sowjetunion gelangte, um Deutschland hinsichtlich der weiteren Absichten Stalins in Sicherheit zu wiegen, erscheint um so bemerkenswerter, als vor einem deutlichen Hinweis auf die eigentlichen Kriegstreiber gegen das Reich nicht zurückgeschreckt wird. Heute würde man das als Propaganda zugunsten des Nazi-Regimes bezeichnen. Die „Iswestija“ schrieb nämlich weiter:

Als Hauptforderung wird jetzt “die Vernichtung des Hitlerismus” proklamiert. Kampf der Hitler-Ideologie – so wird jetzt von englischen und französischen Politikern das Ziel des jetzigen Krieges dargestellt…

Können diese Argumente zur Fortsetzung des Krieges als irgendwie begründet und beweiskräftig anerkannt werden?

Jeder Mensch kann sein Verhältnis zu dieser oder jener Ideologie frei zum Ausdruck bringen, sie verteidigen oder ablehnen. Aber die Vernichtung von Menschen nur deshalb, weil irgend jemandem bestimmte Ansichten und Weltanschauungen nicht gefallen, ist eine sinnlose und widersinnige Grausamkeit [...] Man kann den Hitlerismus achten oder hassen … Aber Kriege anfangen für die “Vernichtung des Hitlerismus” bedeutet, in der Politik eine verbrecherische Dummheit zuzulassen…6

Die eigentlichen Ziele Moskaus zu dem Zeitpunkt hinter einer wirkungsvollen Friedenspropaganda verhüllend, bediente sich der sowjetische Außenkommissar Molotow noch am 31. Oktober 1939 derselben Argumentation, wenn er ausführte:

Heute ist … Deutschland in der Lage eines Staates, der nach frühester Beendigung des Krieges und nach Frieden strebt, während Großbritannien und Frankreich, die noch gestern gegen Aggressionen Reden geschwungen haben, für die Fortsetzung des Krieges und gegen einen Friedensschluß sind.

Nach Molotow suchen die Westmächte immer neue Vorwände, um den Krieg mit Deutschland fortzusetzen und sich als „Verfechter der demokratischen Rechte der Nationen gegenüber Hitler hinzustellen.“ Das bedeutet, daß sie einen „ideologischen“ Krieg erklärt haben, der an die Religionskriege der alten Zeiten erinnert.

Aber für einen Krieg dieser Art (so der Außenminister Stalins) gibt es überhaupt keine Rechtfertigung. Man kann die Ideologie des Hitlerismus akzeptieren oder ablehnen … das ist eine Sache der politischen Einstellung. Aber jeder Mensch sollte verstehen (und diese Bemerkung ist zugleich an den Verbündeten Hitler unmißverständlich gerichtet!), daß eine Ideologie nicht gewaltsam zerstört werden kann, daß sie nicht durch einen Krieg aus der Welt zu schaffen ist. Es ist daher nicht nur sinnlos, sondern auch verbrecherisch, einen solchen Krieg als Krieg “zur Vernichtung des Hitlerismus” zu führen, getarnt als Kampf für die “Demokratie”…

Die Beziehungen zwischen Deutschland und den anderen westeuropäischen Staaten sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten in erster Linie durch das Bestreben Deutschlands bestimmt gewesen, die Fesseln des Versailler Vertrages zu brechen, dessen Schöpfer Großbritannien und Frankreich unter der aktiven Teilnahme der Vereinigten Staaten waren. Das ist es, was schließlich zu dem jetzigen Krieg in Europa geführt hat. [....]7

Zweifellos hat Genosse Molotow mit dieser Feststellung die Wahrheit ausgesprochen, auf die man sich gern beruft, wenn sie den eigenen Interessen nicht entgegensteht.

Um der historischen Wahrheit willen darf aber auch die Verlogenheit der Propagandathese von der „Vernichtung des Hitlerismus“ nicht außer Betracht bleiben. Deutlich sprach der Erste Lord der Admiralität, Winston Churchill, im englischen Rundfunk am 3. September 1939 die tatsächliche Absicht aus:

Dies ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands.

Mit derselben Deutlichkeit verkündete am 6. September 1940 Lord Vansittard, Staatssekretär im britischen Außenministerium, in einem Schreiben an seinen Außenminister:

Der Feind ist das Deutsche Reich und nicht etwa der Nazismus.

Daß man sich in Großbritannien dieser Wahrheit noch immer durchaus bewußt ist, belegt eine Stellungnahme des Londoner „Sunday Correspondent“ vom 17.9.1989:

Wir sind 1939 nicht in den Krieg gezogen, um Deutschland vor Hitler, … den Kontinent vor dem Faschismus zu retten. Wie 1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den Krieg eingetreten, daß wir eine deutsche Vorherrschaft in Europa nicht akzeptieren konnten. 8

Von besonderer Pikanterie aber erscheint der Umstand, daß Molotow dem Deutschen Reich und damit Hitler das Streben nach Frieden einen Monat vor dem

Überfall der „friedliebenden“ Sowjetunion auf Finnland

bescheinigte. Denn am Morgen des 30. November 1939 griffen mehr als 400 sowjetische Flugzeuge überraschend und ohne Kriegserklärung die finnischen Städte Helsinki, Lahti und Hangö sozusagen „aus heiterem Himmel“ an. Für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges wird diese Aggression heute allenfalls als Marginalie wahrgenommen.

Nachdem im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 das Baltikum zur sowjetischen „Interessensphäre“ erklärt worden war – und zwar auf fordernde Anregung des Genossen Molotow – , wurden die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gleich nach Kriegsausbruch unter Androhung militärischer Gewalt zur Duldung sowjetischer Stützpunkte genötigt. Es folgte ein Jahr später ihre Besetzung als „Sowjetrepubliken“.

Auch an Finnland ergingen im Rahmen formaler Verhandlungen unannehmbare Gebietsforderungen, deren Ablehnung die erwähnte Aggression zur Folge hatte. Zur Überraschung der ganzen Welt ließ der zähe und erfolgreiche Widerstand der Finnen die sowjetische Strategie im ungewohnten Winterkampf scheitern.

Die hiermit eingetretene militärpolitische Situation rief die Westmächte sogleich auf den Plan, indem beide Regierungen über eine Unterstützung Finnlands gegen den sowjetischen Aggressor berieten. Natürlich ging es ihnen nicht um das Schicksal des tapferen finnischen Volkes, sondern nur um den willkommenen Vorwand, Truppen nach den neutralen skandinavischen Ländern Norwegen und Schweden zu schicken. Von diesen Plänen erfuhr auch die deutsche Regierung, da sie erstaunlicherweise in der Presse der beiden Länder offen diskutiert wurden.

So kam das sowjetische Vorgehen in Nordeuropa der englischen Politik einer Kriegsausweitung höchst gelegen,

Die norwegische Front 1940 (aus: Zentner, Illustrierte Geschichte des Zweiten Weltkrieges)

Die norwegische Front 1940 (aus: Zentner, Illustrierte Geschichte des Zweiten Weltkrieges)

hatte doch bereits am 9. September 1939 Churchill der Admiralität einen Plan für den Einbruch in die Ostsee vorgelegt, dessen Ziel das Abschneiden der Eisenerzzufuhr aus Skandinavien sein sollte. Zwar lehnte die Admiralität damals den Plan ab, doch wiederholte Churchill in einer Denkschrift vom 19.9.39 die Grundidee einer Unterbindung der deutschen Erzzufuhr über Norwegen.

Zehn Tage später, am 29.9.39, richtete Churchill mit einer Denkschrift seine Forderungen an das Kabinett wegen „drastischer Maßnahmen“ gegen die Erztransporte von Narvik nach Deutschland und forderte vom Admiralstab Unterlagen für Minenaktionen in norwegischen Hoheitsgewässern.9

Wenngleich die britisch-französische Politik der Kriegsausweitung durch den im Norden entstandenen Kriegsschauplatz ihren entscheidenden Auftrieb erhielt, so beschränkten sich die diesbezüglichen Überlegungen und Anstrengungen der Regierungen keineswegs allein auf diesen Schwerpunkt. Bevor wir unsere Aufmerksamkeit dem eigentlichen Thema zuwenden, soll daher in einem Überblick zum Kontext der anderen Optionen gedacht werden.

Umfangreiches Aktenmaterial fiel deutschen Truppen in die Hände

Grundlage für die Betrachtung bildet das umfangreiche Aktenmaterial, das sowohl bei der im April erfolgten Besetzung Norwegens als Reaktion auf die alliierten Operationspläne als auch später im Frankreich-Feldzug den deutschen Truppen in die Hände fiel. Die geheimen Dokumente wurden vom Auswärtigen Amt in den „Weißbuch“-Bänden 4 bis 6 in den Jahren 1940/41 in Übersetzung als Faksimiles der Originale veröffentlicht:

Bd. 4 „Dokumente zur englisch-französischen Politik der Kriegsausweitung“ Berlin, 1940

Bd. 5 „Weitere Dokumente zur Kriegsausweitungspolitik der Westmächte. Die Generalstabsbesprechungen Englands und Frankreichs mit Belgien und den Niederlanden“ Berlin, 1940

Bd. 6 „Die Geheimakten des französischen Generalstabes“ Berlin, 1941

Anhand der geheimen Dokumente lassen sich aus der Fülle des Materials folgende Optionen zusammmenfassen, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind:

  • Agitation gegen die Neutralität schlechthin und Aufforderung an die Neutralen, sich dem englisch-französischen Krieg gegen Deutschland anzuschließen (Churchill-Rede vom 21. Januar 1940). Zum Teil waren diese Forderungen mit offenen Drohungen und diplomatischem Druck verbunden, wie z. B. gegenüber den skandinavischen Ländern.
  • Seit September 1939 waren zwischen den englischen, französischen, belgischen und holländischen Generalstäben Absprachen hinsichtlich des englisch-französischen Vormarsches durch Belgien und Holland gegen das Ruhrgebiet getroffen worden. Mit  entsprechenden Befehlen waren dabei auch die Truppen vertraut gemacht worden.
  • Pläne zur Zerstörung der rumänischen Erdölfelder
  • Pläne zur Zerstörung der russischen Erdölfelder im Kaukasus durch Luftangriffe auf Baku und Batum
  • Pläne zur sofortigen Festsetzung alliierter Truppen in Saloniki
  • Schließlich „können die Alliierten nicht zulassen, daß die Weiterentwicklung des Krieges Gefahr läuft, durch die Vorteile geändert zu werden, die Schweden und Norwegen Deutschland gewähren.“10

Das Drängen der französischen Regierung

in dieser Richtung verdient besondere Aufmerksamkeit. So heißt es am Schluß eines Telegramms des französischen Ministerpräsidenten und Außenministers Ed. Daladier an den französischen Botschafter in London, Corbin, vom 17. Januar 1940:

Jede Möglichkeit, uns auf einem Gebiet festzusetzen, das uns noch nicht verschlossen ist, jeder Vorwand, der uns erlaubt, Einfluß auf eine Lage zu gewinnen, die anerkanntermaßen unmittelbar kriegsverlängernd wirkt, muß sofort berücksichtigt und ausgenützt werden. 11

In einem weiteren Telegramm an Corbin vom 21. Februar 1940 verweist Daladier auf die Notwendigkeit der Besetzung Norwegens durch alliierte Truppen,

und zwar in einer Inszenierung, für die uns der Fall “Altmark” das Vorbild liefert.

Daladier schlägt vor, Norwegen Versagen vorzuwerfen, da die norwegische Regierung unfähig sei, die Unverletzlichkeit ihrer Hoheitsgewässer durchzusetzen. Dabei stellte der noch zu behandelnde „Altmark“-Zwischenfall (s.u.) eine eklatante Neutralitätsverletzung in norwegischen Hoheitsgewässern durch ein englisches Kriegsschiff dar.

Daladier drehte glatt den Spieß um

und leitete daraus die Handlungsnotwendigkeit der Westmächte ab: Die

Besetzung der norwegischen Häfen müßte als eine überraschende Operation durchgeführt werden, und zwar durch die englische Flotte allein oder unter Mitwirkung der französischen Flotte, jedoch ohne Mitwirkung der für Finnland bestimmten alliierten Truppenteile. Diese Operation wird der Weltöffentlichkeit in um so höherem Maße berechtigt erscheinen, je rascher sie durchgeführt wird und je mehr die Propaganda imstande sein wird, die Erinnerung an die norwegische Mittäterschaft (!) im Falle “Altmark” zu erwecken. …

Aus dem Schreiben ergibt sich außerdem, daß Schweden den Durchmarsch nach Finnland verweigerte und mit der Fortsetzung der Verweigerungshaltung zu rechnen sei. Deshalb erinnert Daladier daran:

Unser Hauptziel darf nicht vergessen werden. Es besteht darin, Deutschland von seiner Erzversorgung abzuschneiden.“ 12

Deutschland zwingen, “aus seiner gegenwärtigen abwartenden Haltung herauszutreten”

Die Absicht der Westmächte verrät in aller Deutlichkeit vor allem eine Aufzeichnung des Oberbefehlshabers des französischen Heeres, General Gamelin, vom 16. März 1940, wonach die Alliierten größtes Interesse daran hatten, Deutschland zu zwingen, „aus seiner gegenwärtigen abwartenden Haltung herauszutreten.“ 13 Eine abwartende Haltung kann als genaues Gegenteil von Kriegstreiberei gelten, und daraus ergibt sich der klare historische Sachverhalt, der sich durch keine geschichtspolitische Konstruktion verdrängen läßt.

General Gamelin spekulierte durchaus pragmatisch:

Durch eine Kombination von Blockademaßnahmen und gewissen militärischen Operationen14 können wir nicht nur die wirtschaftliche Abschnürung immer enger gestalten, sondern Deutschland auch dazu veranlassen, aus seiner militärisch abwartenden Haltung herauszutreten.15

Die Geheimakten des französischen Generalstabes zeichnen so ein unverkennbares Bild, das die Behauptung, Deutschland habe 1940 Frankreich „überfallen“, nicht nur als geschichtlich unwahr, sondern als geradezu lächerlich erscheinen läßt.

Daß Churchill als Marineminister bereits Anfang September 1939 das Problem Norwegen als erster aufgriff, wurde schon erwähnt.

Die Westmächte waren Deutschland in allen Planungen stets um einen Schritt voraus,

nur beim letzten entscheidenden Schritt kamen sie zu spät.

Der Marine-oberbefehlshaber In Norwegen (Mitte) mit dem Chef des Stabes und dem 1. Admiralstabsoffizier. (aus: Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland)

Der Marineoberbefehlshaber in Norwegen (Mitte) mit dem Chef des Stabes und dem 1. Admiralstabsoffizier. (aus: Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland)

Der spätere Marineoberbefehlshaber in Norwegen, Generaladmiral a.D. Hermann Boehm, stützt sich bei seiner Zeittafel zum dramatischen Ablauf der Vorgeschichte zur Besetzung Norwegens auf die Forschungsarbeit des Historikers Walter Hubatsch16. Sein eigenes Buch „Norwegen zwischen England und Deutschland“ (1956) entstand im Gedankenaustausch mit diesem Geschichtsprofessor.

Der „Altmark“-Zwischenfall (16.2.1940) verstärkte Hitlers Mißtrauen gegenüber der ehrlichen Neutralität der norwegischen Regierung. Schon im September 1939 hatte Admiral Canaris, Chef der deutschen Abwehr, den ObdM Großadmiral Dr. h.c. Raeder auf Anzeichen aufmerksam gemacht, die auf eine drohende Besetzung Norwegens durch England schließen ließen. Zur gleichen Zeit schlug Admiral Carls, Oberbefehlshaber der „Marinegruppe Ost“, vor zu überlegen, ob Deutschland einer solchen Besetzung nicht zuvorkommen und seinerseits Stützpunkte in Norwegen schaffen sollte.17 Hitler lehnte damals solche Erwägungen ab, da ihm ein neutrales Norwegen besser erschien.

In Anbetracht der Bedeutung des Erzhafens Narvik prüfte die deutsche Seekriegsleitung schließlich am 3. Oktober 1939 die Frage der Gewinnung von Stützpunkten in Norwegens, lehnte jedoch eine gewaltsame Besetzung ab.18

Am 10. Oktober 1939 stellte Raeder in seinem Vortrag Hitler die Gefahr der Besetzung Norwegens durch die Westmächte in den Vordergrund. Hitler versprach daraufhin, sich mit der Norwegen-Problematik beschäftigen zu wollen.

Nach dem sowjetischen Angriff auf Finnland (30.11.1939) begannen die Westmächte mit den skandinavischen Ländern zu verhandeln, um deren Einverständnis für den Durchmarsch zur Unterstützung Finnlands zu erwirken. Doch Norwegen und Schweden lehnten ab.

Am 11. Dezember 1939 erschienen die norwegischen Politiker Quisling und Hagelin bei Raeder, um vor der englischen Absicht auf Besetzung Norwegens zu warnen. Der ObdM informierte am nächsten Tag Hitler, der daraufhin am 14. die Bearbeitung „Studie Nord“ beim OKW befahl. Die beiden norwegischen Politiker wurden am 16. und 18. Dezember auch von Hitler empfangen.

Und ebenfalls am 16. Dezember 1939 richtete Churchill eine Denkschrift an das englische Kriegskabinett mit der kategorischen Feststellung:

Britische Beherrschung der norwegischen Küste ein strategisches Ziel erster Ordnung.“19

Gefordert wurde die Unterbindung der Erzzufuhr nach Deutschland, entsprechend vorgeschlagen die Besetzung von Narvik und Bergen. Das Kabinett beschloß daraufhin die Ausarbeitung von Plänen für die Landung in Norwegen.

Als am 27. Dezember die Alliierten im Zuge dieser Planungen den skandinavischen Regierungen „direkte oder indirekte Untertützung“ gegen eine – offensichtlich in Rechnung gestellte – deutsche Invasion anboten, wurde das Angebot von diesen abgelehnt.

Großadmiral Raeder hielt am 30. Dezember 1939 in seinem Vortrag bei Hitler die Neutralität Norwegens für die beste Lösung. Das Land aber dürfte keinesfalls in englische Hand fallen.

Das Kriegsjahr 1940 begann mit einer drohenden britischen Note an Norwegen und Schweden (6. Januar). Darin wurden „geeignete Maßnahmen“ gegen die Benutzung der Hoheitsgewässer durch deutsche Handelsschiffe einerseits sowie für das Einlaufen und Operieren britischer Streitkräfte in diesen Gewässern andererseits angekündigt. Ein solches Ansinnen stieß mit Recht in Norwegen und Schweden auf starke Ablehnung.20

Für den 13. Januar 1940 vermerkt das Kriegstagebuch der Seekriegsleitung die Überzeugung des ObdM Raeder, daß die englische Besetzung Norwegens in absehbarer Zeit beabsichtigt wäre.

Am 16. Januar begannen die französischen Vorarbeiten für die Besetzung Norwegens, einen Tag später drängte Premierminister Daladier auf Besetzung (s. Telegramm an Corbin vom 17.1.40). Wiederum am 21.1.40 forderte Churchill die Neutralen auf, sich auf die Seite der Westmächte zu stellen.

Erst sechs Tage später, am 27.1.1940, befahl Hitler die Bildung eines Sonderstabes für die Bearbeitung des Planes „Weserübung“ (Deckname für die Besetzung Dänemarks und Norwegens).

Der (gemeinsame) Oberste Kriegsrat der Alliierten beschloß am 5. Februar 1940 die Entsendung englischer und französischer Truppen nach Narvik unter dem Vorwand, Hilfe für Finnland im Krieg gegen Rußland leisten zu wollen. Bei der Gelegenheit sollten aber gleichzeitig  die schwedischen Erzgruben Kiruna und Gällivare sowie der schwedische Hafen Lulea besetzt werden. So teilte der englische Außenminister Lord Halifax am 6.2. Norwegen mit, England wolle sich in Norwegen Stützpunkte schaffen, „um den deutschen Erztransport von Narvik zu stoppen.“

An der Neutralität Norwegens waren inzwischen berechtigte Zweifel angebracht, denn ab Mitte Februar 1940 besichtigten englische und französische Geheimdienstoffiziere im Einvernehmen mit norwegischen Behörden geeignete Landungsstellen.

Am 16. Februar 1940 ereignete sich auf persönlichen Befehl Churchills im Jössing-Fjord, d. h. in norwegischen Hoheitsgewässern, der

Überfall auf den deutschen Dampfer „Altmark“,

wobei 7 Deutsche ihr Leben verloren. Bei diesem Dampfer handelte es sich um kein Kriegsschiff, aber die „Altmark“ hatte im Südatlantik als Troßschiff von Panzerschiff „Admiral Graf Spee“ die geretteten Seeleute versenkter feindlicher Handelsschiffe übernommen und war unbehelligt über das Nordmeer bis in norwegische Gewässer gelangt.

Im Jössing-Fjord wurde die „Altmark“ vom britischen Zerstörer „Cossack“ gestellt. Zwei ebenfalls im Jössing-Fjord liegende norwegische Torpedoboote, die der „Altmark“ und nicht etwa dem englischen Kriegsschiff gefolgt waren, gaben der deutschen Schiffsbesatzung in norwegischen Hoheitsgewässern ein Gefühl der Sicherheit. Zu unrecht, wie sich zeigen sollte.

Da rauscht, in fremdem Hoheitsgebiet, das zu befahren nur ein unbewaffnetes Schiff wie die “Altmark” das Recht hat, der britische Zerstörer “Cossack” heran. Mit hoher Fahrtstufe prescht er an den sich unter dem Schutz der beiden norwegischen Kriegsschiffe noch immer sicher fühlenden deutschen Dampfer heran. Aus nächster Entfernung eröffnet er das Feuer auf das deutsche Handelsschiff. Auf norwegischem Hoheitsgebiet.

Die “Cossack” gleitet dicht an die Bordwand der “Altmark”. Wie in alten Zeiten, da noch Piraten die Meere unsicher machten, wird die “Altmark” geentert. Die sich nicht wehrende Besatzung des deutschen Schiffes wird beschossen. Es gibt Tote und Verwundete unter den deutschen Seeleuten. Die Engländer befreien die von der “Graf Spee” geborgenen Überlebenden, nehmen sie auf den Zerstörer über. Die “Cossack” nimmt wieder Fahrt auf und verschwindet nach Westen.21

Erinnert sei an Daladiers erneute Forderung einer Besetzung Norwegens vom 21. Februar 1940, wobei er sich ausdrücklich auf den „Altmark“-Zwischenfall und die „norwegische Mittäterschaft“ berief.

Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

1 Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Zweiten Weltkrieges München 1963, S. 74
2 Zitiert nach Zentner, a.a.O., S. 84
3 Winston Churchill (1874-1965) war zu der Zeit Erster Lord der Admiralität und ein entschiedener Gegner der
Appeasement-Politik des Premiers Chamberlain und Deutschland feindlich gesinnt.
4 J. W. Brügel: Stalin und Hitler. Pakt gegen Europa, Wien 1973, Dok. 155, S. 148
5 Brügel, a.a.O., Dok. 160, S. 150
6 a.a.O., S. 151
7 Brügel, a.a.O.. Dok. 172, S. 157 f.
8 FAZ am 18.9.1989
9 Hermann Boehm: Norwegen zwischen England und Deutschland, 1956 S. 13
10 Die Geheimakten des französischen Generalstabes (Bd. 6), Dok. 30 “Beschlußentwurf der 6. Sitzung des obersten Rates vom 28. März 1940, S. 71
11 Ebenda, Dok. 18, S. 42
12 Ebenda, Dok. 21, S. 46
13 Ebenda, Dok. 27, S. 61
14 Dazu fällt unter III der Vorschlag: „Wie dem auch sei, die Bombardierung der Petroleumanlagen von Baku und
Batum aus der Luft könnte Deutschlands Versorgung mit Treibstoffen ganz erheblich behindern“ (S. 62)
15 Ebenda, Dok. 27, S. 63
16 Walter Hubatsch: Die deutsche Besetzung von Dänemark und Norwegen 1940, Göttingen 1952, S. 32
17 Zentner, a.a.O., S. 95 f.
18 Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland, S. 14
19 Boehm, a.a.O., S. 14
20 Boehm, a.a.O., S. 15
21 Zentner, a.a.O., S. 95

Fußball-WM in Südafrika!

Jubel der Medien – nicht nur über das 4:0 Deutschlands gegen Australien, sondern auch über das multikulturelle Leben Südafrikas! Die vielen Völker und Sprachen in einem Land “vereinigt”! O wie schön – hört sich das an!

Doch nirgends ist die Kriminalitätsrate, nirgends die Armut, die AIDS-Verbreitung, die Frauen-Vergewaltigungs-Häufigkeit höher als in Afrika einschließlich Südafrika! Und wer spricht über die millionenfachen grausamen Genital-Verstümmelungen an kleinen Mädchen in Afrika?

Sie sei nun einmal Tradition, bekommt man zu hören, sie “gehört zu unserer Kultur”. Die Tradition zu hinterfragen, kann – besonders im Islam – tödlich sein. Doch

“kein Zustand ist von Dauer”.

Die Welt ist ein Maskentanz. Wenn du sie verstehen willst, kannst du nicht auf einer Stelle stehen bleiben,

zitiert der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe ein Sprichwort seiner Heimat und deutet es mit seinen eigenen Worten:

Die Welt ist im ständigen Fluß, und wir, als Bewohner der Welt, müssen lernen, uns anzupassen, uns zu verändern, uns zu bewegen.

So ist das ganze Konzept der Mobilität der Ibo-Kultur in diesem Sprichwort eingeschlossen. Selbst alte Bräuche – Bräuche, die wunderbar sind – können zu gewissen Zeiten nicht mehr sinnvoll sein. Wir müssen in jedem Augenblick bereit sein, etwas Neues auszuprobieren. Das ist ein fundamentaler Gedanke der Ibo-Kultur, die Idee des Wandels. Du weißt, “kein Zustand ist von Dauer”.

Hier wirbt ein einzelner Freigeist für das gleiche, was die Minangkabau auf Sumatra meinen, wenn sie von ihrer Jahrtausende alten matriarchal-demokratischen Ordnung, ihrem „Adat“, sagen, es „verwittere“ nicht, obwohl es sich den jeweils auftretenden Herausforderungen zu stellen und anzupassen weiß, ohne seinen Wesenskern zu verlieren, und er wirbt für das gleiche, wovon die Somalierin Waris Dirie spricht, die aus ihrem Land geflohen und nun in Wien und Kapstadt zu Hause ist:

Ich trage mein Afrika in mir. Es ist ein modernes Afrika, eine kraftvolle Mischung aus Tradition und Erneuerung.

In ihrem Brief an ihre Mutter fragt sie sich,

was bliebe, (wenn) man das, was im Leben scheinbar wichtig ist, mit der Hand einfach wegschieben könnte, was bliebe dennoch immer so, wie es war? Die Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Nichts auf der Welt ist so stark wie dieses Band.

BuchtitelDas aber könne niemals bedeuten, daß das heimatliche Leben in altüberlieferten grausamen Bräuchen erstarrt. In ihrem Buch „Brief an meine Mutter“ schildert sie die schmerzvollen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter, zwischen dem unnachsichtigen Festhalten an alten Traditionen und dem Aufbruch zu eigenständiger Lebensgestaltung.

Waris Dirie flieht – grausam verstümmelt – aus der “Heimat”

Dem Nomadenmädchen Waris – zu Deutsch „Wüstenblume“ – wurden im Alter von 5 Jahren in ihrer somalischen Heimat ohne Betäubung mit primitivsten Werkzeugen die Genitalien verstümmelt, ein nicht zu überbietendes Schmerzensereignis und unüberwindbares, lebenslanges Trauma für Leib und Seele!

Eine weitere himmelschreiende Menschenrechtsverletzung ihr gegenüber war die väterliche Absicht, sie ungefragt mit 13 Jahren an einen Greis zu verheiraten. Dies alles geschah im Namen Allahs und des Propheten Mohammed.

Halb totgeprügelt vom jähzornigen Vater,

ergriff „Wüstenblume“ – gerade einmal 14 Jahre alt – die Flucht

mit nichts als den Kleidern auf dem Leib,

einsam und allein in die Wüste hinein.

Eine gnädige Welle spülte mich nach London, eine günstige Woge trug mich nach oben. Aus Waris, der Wüstenblume, wurde Waris das Topmodel, die UN-Sonderbotschafterin, die Kämpferin gegen das Unrecht der Genitalverstümmelung, die Erfolgsautorin. Viele Millionen Menschen haben die Bücher über mein Leben gelesen.

Waris Dirie gründet die „Waris Dirie Foundation“,

die in aller Welt die Folter der Genitalverstümmelung bekämpft, denn längst ist sie überall Praxis, selbst in westlichen Ländern.

Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet – ich gab Interviews, hielt Vorträge, wurde zu Konferenzen eingeladen. Ich wurde geehrt und mit Auszeichnungen bedacht. Ich traf viele interessante, mächtige und bedeutende Menschen aus aller Welt, vom ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, bis zur Musiklegende Paul McCartney, vom früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan bis zum Bestsellerautor Paulo Coelho. Sie alle begannen, mich in meinem Kampf zu unterstützen, einige wurden zu Freunden.

Auch wenn dieser weltweite Einsatz alle ihre Kräfte bis zur Erschöpfung beansprucht und

Anfeindungen gegen mich und meine Arbeit … für mich fast Alltag (sind), ich machte es gern. Vielleicht war es auch das Gefühl, erstmals in meinem Leben etwas Bedeutendes, Wichtiges für andere tun zu können, das mich so lange durchhalten ließ …

Ich bin eine Nomadin. Aber ich ziehe nicht aus freien Stücken durch die Welt.

Sie fühlt sich Ihresgleichen, den gequälten Menschen ihrer Heimat, verpflichtet, denen sie nicht anders als vom Ausland aus helfen kann.

Laut Schätzungen der UNO werden jedes Jahr drei Millionen Mädchen in Afrika verstümmelt. Das bedeutet, daß allein am heutigen Tag 8000 Mädchen Opfer dieses Verbrechens werden,

erklärt Waris Dirie ihrer Zuhörerschaft im Kenyatta-Center in Nairobi im September 2004. Doch liegen ihr Ihresgleichen auf allen Erdteilen in gleicher Weise am Herzen.

Ihr großes Vorbild wurde Lech Walesa, der Führer der Solidarność.

In meinem Land sind Tausende von Menschen einfach verschwunden, von den kommunistischen Machthabern eingesperrt, gefoltert und umgebracht worden. Die freie Meinungsäußerung war verboten. Die Menschen lebten in Angst,

erklärte ihr Walesa gelegentlich eines Treffens.

Als ich meinen Kampf als einfacher Elektriker und Gewerkschaftsmitglied in der Werft von Danzig begonnen habe, wußte ich, daß ich damit das Ende der kommunistischen Diktatoren einleiten werde … Man hat meine Familie bedroht und mich eingesperrt, aber ich war stärker, weil ich an meine Aufgabe geglaubt habe,

machte er ihr Mut und erzählte seinen Lebensweg.

Auf den ersten Blick klang alles so einfach und logisch … Heute denke ich: Was muß Lech Walesa für einen ungeheuren Willen und Lebensmut gehabt haben, um das alles durchzustehen.

Ich weiß, Waris, daß du mit deiner Mission, deinem persönlichen Kampf gegen Genitalverstümmelung erfolgreich sein wirst, daß du diesem schrecklichen Unrecht und dem Leid, das Millionen von Mädchen angetan wird, ein Ende setzen wirst. Du bist sehr stark, und du wirst deinen Kampf gewinnen!

Wer sich berufen fühlt, gibt niemals auf und kann alles schaffen.

Von diesem Augenblick an … waren alle Zweifel wie weggeblasen. Von da an war ich felsenfest überzeugt davon, daß mein Kampf gegen Genitalverstümmelung richtig und wichtig ist. Wann immer mich der Mut verläßt, denke ich seither an Lech Walesa, seinen Kampf und seinen Sieg. Das verleiht mir Flügel.

Über künstlich aufgerichtete Schranken zwischen den Geschlechtern, den Völkern, den Rassen, den Religionen hinweg einte die beiden Freiheitskämpfer ihr Eintreten für das, was allen Menschen gleichermaßen eingeboren ist: die Menschenwürde, das Streben nach Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit, kurz: Lech Walesa und Waris Dirie einte ihr Kampf für die Menschenrechte, die allen Menschen zustehen. Dieser Grundrechte des Menschen ist sich jede Menschenseele gewiß, die wach genug geblieben ist, die eigene Würde in sich und damit auch im Andern wahrzunehmen.

“Staatsruine” Somalia

SomaliaSomalia ist ein islamisch geprägtes Land. Wie andere afrikanische Länder war es 1960 mit großen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft in die Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft aufgebrochen.

Es wurde eine “Freiheit mit gesenktem Kopf”, wie Kenias großer Romancier Ngugi Wa Thiongo schrieb.

Leidtragende waren besonders auch Frauen, die der Kameruner Experte für Entwicklungshilfe und frühere Weltbankberater Daniel Etounga-Manguelle, “das mißachtete Rückgrat unserer Gesellschaften” genannt hat. Bis heute haben sie, die schätzungsweise drei Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung erbringen, nur selten Zugang zu Bankkonten, Kredit und Eigentum – ein Trauerspiel. “Bleibt Afrika also durch übermächtige Traditionen an seine Vergangenheit gekettet?” fragt Rainer Tetzlaff, emeritierter Professor für Internationale Politik an der Universität Hamburg. (Quellenangabe 2)

Somalia gehört zu den afrikanischen Ländern, die zu „Staatsruinen“ geworden sind.

Aus dem legitimen Gewaltmonopol des Staates … wird die illegitime Herrschaft privater “war lords” und ethnischer Milizenführer … Die erschreckenden Bilder von den mit Kalaschnikows behängten Clan-Milizen bei der Auflösung Somalias … stehen uns vor Augen. (Quellenangabe 3)

Das kennzeichnet den Bürgerkrieg in Somalia: Sippen halten wie Pech und Schwefel zusammen und bekämpfen erbittert andere Sippen, Clans andere Clans. Waris Dirie schreibt ihrer Mutter:

Somalia ist noch immer ein gefährliches Land ohne Gesetz und ohne Regierung. Blutsverwandtschaft ist die Grundlage Somalias, Mama, das hast du mich gelehrt. Deine Familie, dein Subclan, dein Clan – das ist alles, was du hast. Der Clan regelt deine Stellung innerhalb der Familie. Der Clan bestimmt, mit wem du verfeindet bist und wen du als Freund ansehen sollst.

Der Clan legt fest, was du verkaufen darfst und an wen. Der Clan ordnet an, was du kaufen sollst und von wem. Der Clan ist deine Zukunft und Gegenwart, er fühlt für dich, er handelt für dich, er denkt für dich. Er ist deine Seele und deine Identität. Der Clan kann dich beschützen, aber er kann auch dein Gefängnis sein. Ich mußte ausbrechen.

Auch der Vater hatte ihr klargemacht:

Das ist das Gesetz deiner Familie: Deine Blutsbrüder und du gegen deine Halbbrüder! Deine Brüder, Halbbrüder und du gegen deine Vettern! Deine Sippe gegen andere Sippen! Dein Clan gegen andere Clans!

Waris Dirie wollte sich mit solchen Regeln nicht abfinden. Dies altüberlieferte Zerrbild von „Familie“ macht auch die Oberflächlichkeit von Parolen deutlich, mit denen einige Gesellschaftsgruppen in Deutschland sich für „die Familie“ stark machen.

Familie im guten Sinne gelingt, wenn sie echten Rückhalt bietet und die Entfaltung der Einzelpersönlichkeiten in ihr fördert. Familie, die gelingt, kann lebenslang tiefe Gemütswerte in den Seelen der Angehörigen verankern. Doch auch in Deutschland kann die Familie zur Falle, zur Hölle werden. Jährlich fliehen 40 000 Frauen in die Frauenhäuser, um Schutz vor Familienangehörigen zu suchen.

In Somalia ist der eigene Clan, die eigene Familie, das eigene Blut das Wichtigste im Leben. Die Abstammungslinie ist heilig. Jedes Kind lernt seinen Stammbaum auswendig. Auch ich mußte als kleines Kind meine Vorväter aufzählen lernen – achthundert Jahre zurück bis zum Anfang des großen Clans der Darod väterlicherseits und zum Anfang des Clans der Hawiye mütterlicherseits …

Ich respektiere dieses Clansystem, aber ich will damit nicht leben müssen. Ich will nicht Teil davon sein.

Offenbar waren die Namen aus 800 Jahren für sie nicht mit Leben erfüllt, sprachen das Gemüt nicht an. Was sollten sie ihr also bedeuten, zumal die Aufzählung die Mütter übergeht wie in der Bibel die Herbetung der Vorväter Josephs, des Ziehvaters Jesu? Totes Formelwissen, weiter nichts, und so erfahren wir denn auch:

Mama, du hast uns Kindern kaum je etwas von deiner Familie erzählt.

Mutter in Afrika

Waris Dirie hat einen Traum

Und sie hat allen Grund, zu träumen

von einem neuen, freien Afrika, das sich seiner Tradition bewußt ist, aber sich von allen Sitten verabschiedet, die Leiden verursachen, unglücklich machen, Menschen daran hindern, sich zu entfalten.

In dieser starken Persönlichkeit hat sich der Mut Bahn gebrochen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (Kant).

Dies bemerkt die Mutter sogar aus der Ferne. Ihre Tochter ist für sie zur „Europäerin“ geworden,

die jede Tradition vergessen hat. Eine Schande, wie ich lebe, was ich mache, wie ich mich kleide. Aber Mama, ich kann nicht länger schweigen. Ich kämpfe stellvertretend für die Tausende von kleinen Mädchen, die ihre Stimmen nicht gegen dieses Unrecht, das ihnen angetan wird, erheben können. Dieses Verbrechen muß aufhören … Ich kämpfe nicht gegen dich, ich kämpfe nicht gegen religiöse Überzeugungen, ich kämpfe gegen ein Verbrechen. Ja, ich werde von religiösen Fanatikern bedroht. Man wirft mir vor, meine Kultur zu verraten, gegen meine Landsleute zu hetzen, gegen die Tradition zu sein.

Doch das Verbrechen der Genitalverstümmelungen ist eingebettet in ein Geflecht von traditionellen Ansichten. So hatte die Mutter ihre kleine Tochter Waris eigenhändig zur Beschneiderin gebracht. Das Verbrechen am weiblichen Geschlecht muß perfiderweise von Frauen begangen werden. So will es die geheiligte Tradition.

Die allermeisten muslimischen Frauen aber scheinen – auf Grund ihrer Kindheitssuggestionen – die Sitten und Gebräuche als gottgegeben nicht zu hinterfragen, es scheint, als könnten sie sich nichts anderes vorstellen und als seien sie nicht fähig, auf den Gedanken zu kommen, solche Praktiken abzulehnen. Jedes Mädchen, so meinen sie, muß „gemacht werden“. Wird sie nicht „gemacht“, so ist sie „unrein“ und „wertlos“, weil sie als „Unbeschnittene“ an keinen Mann verkaufbar ist, der Familie also kein Geld einbringt.

Das Schlimmste, was einer deiner Töchter passieren kann, ist, keinen Mann zu finden. “Unbeschnitten”, das ist ein schlimmes Schimpfwort in Somalia. Man spricht nicht mit solchen Frauen … sie sind Außenseiterinnen.

Waris fleht ihre Mutter an:

Denk doch daran, wie viele Kinder du selbst bei der Geburt verloren hast, wie viele Töchter in unserer Familie und in unserem Clan die Verstümmelung ihrer Genitalien nicht überlebt haben, weil sie verblutet sind. Oder denk daran, wie viele unfruchtbar geworden sind.

Bei vielen kleinen Mädchen bildet sich nach der Verstümmelung eine Krebsgeschwulst an der Vagina.

Waris hatte es in der dumpfen Enge und Bedrohlichkeit ihrer Heimat nicht ausgehalten. Im „Westen“ lernte sie die freiere Lebensart kennen, konnte vergleichen und wußte nun ganz klar:

“… die Lebensbedingungen für Frauen in Afrika sind menschenunwürdig.”

Dabei sind es die Frauen,

die unsere Gesellschaft am Laufen halten, die sich um Nahrung und die Kinder kümmern und die versuchen, die gesellschaftliche Eintracht zu erhalten. Dennoch verwehrt unsere Gesellschaft ihnen so gut wie alle Rechte.

Die Mutter erkrankt und braucht dringend Hilfe. Unter äußersten Schwierigkeiten gelingt es Waris, sie zu sich nach Wien zu holen, um sie von dortigen Ärzten behandeln zu lassen. Sie wird geheilt. Doch kein Dank, kein Verstehen stellt sich ein. Mutter und Tochter finden in ihren Weltanschauungen nicht zueinander. Der von der Mutter verkörperte Wille zur Beharrung widersteht schroff dem Willen zum Wandel, den die Tochter versinnbildlicht.

Wir Frauen müssen uns fügen. Alles andere ist Allah nicht wohlgefällig.

Das genügt der Mutter, die aus ihrer alten Welt nicht herausfinden kann und will. Dagegen ist die Tochter machtlos. Ihre Mutter hatte sich schon abgewandt, ehe Waris ihren Gedanken hätte äußern können:

Das kann nicht Allahs Wille sein. Wir Menschen sind es, die der Welt eine Ordnung geben. Wir treffen die Einteilung nach Kasten, Religionen, Einkommensschichten, Hautfarben – und auch nach Geschlechtern. Niemand sonst, nur wir.

Waris muß die bittere Wahrheit zur Kenntnis nehmen:

Afrika hat so viele starke Frauen, sie könnten der Stolz des Kontinents sein. Aber statt dessen werden sie benachteiligt, unterdrückt, sexuell gedemütigt. Ein unseliger Mix aus falsch verstandener Tradition und Religion muß als Begründung dafür herhalten. Und was tun Frauen wie meine Mutter?

Sie steigen nicht auf die Barrikaden, um dagegen anzukämpfen, sondern sie verteidigen dieses ungerechte System auch noch.

Und das angesichts der afrikanischen Weisheit: „Kein Kamel der Welt läuft ein zweites Mal zu einem Wasserloch, das versiegt ist.“

Schließlich kommt es, wie es kommen muß.

Alle Schmerzen und Leiden sollen wir erdulden, allein weil es eine kranke Tradition vorschreibt,

wagt die innerlich freigewordene Waris auszusprechen und bekommt prompt zur Antwort:

Du solltest dich hüten, unsere Sitten und Bräuche als krank zu bezeichnen. Ich sehe schon, du hast dich weit von uns entfernt, ganz weit. Du denkst nicht mehr wie ein Somali, und du fühlst nicht mehr wie ein Somali.

Du bist kein Kind der Wüste mehr.

Diese bitteren Worte treffen tief ins Herz der Heimatlosen:

Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach der Wüste sehne, nach meiner Familie, nach dir. Aber ich habe inzwischen so viele Mädchen und Frauen getroffen, die Opfer dieser sinnlosen Verstümmelung wurden … Ich habe jeden Tag Schmerzen. Einmal im Monat, während meiner Periode, sind die Schmerzen so stark, daß ich nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen kann … Es ist, als ob dir jemand ein Messer in den Bauch rammen würde.

Ich liege oft drei Tage im Bett, ich versperre die Tür, weil ich niemanden sehen kann in diesen Tagen. Ich muß für mich allein sein, allein mit meinen Qualen. Und das alles, weil einer sinnlosen Tradition Genüge getan werden muß.

Das ist keine Tradition. Das ist Perversion.

Und sie erinnert sich der „durchdringenden Schreie“ eines Mädchens bei der Verstümmelung, die sie auf einem Videoband miterlebt hat.

Und niemand ist da, der die Kleine in die Arme nimmt, tröstet, ihr hilft.

Eine hierarchische, von religiösen Vorschriften gelenkte Gesellschaft braucht kein Herz und kann keines gebrauchen.

Das Herz rührt sich spontan, ihm können Gefühle nicht befohlen werden, ja Befehle lassen es verstummen. So verschließt sich eine solche Gesellschaft dem Leid der Mißhandelten und offenbart damit seine abgrundtiefe Gottlosigkeit, die auch die ganze Bigotterie ihres Glaubensalltags nicht zu übertünchen vermag.

Der Fanatismus, zu dem die Menschen so viel Neigung haben, hat nicht allein dazu gedient, sie dümmer zu machen, er machte sie auch boshafter,

erkannte schon Voltaire.

Die junge Somalierin ist dieser Lebensart entflohen und nun gerade in der Anwesenheit der Mutter, die ihr doch eigentlich Geborgenheit bedeuten sollte, „unendlich einsam“, so einsam, wie alle Vorkämpfer und Vorkämpferinnen für den Aufbruch zur Freiheit immer gewesen sind. Wo hätte die leidgeprüfte junge Somalierin denn ihren Kampf aufnehmen können, wenn nicht außerhalb ihrer zutiefst im Wahn verstrickten Heimat, im Ausland also?

Nach den Demütigungen, die sie als Asylsuchende und Dunkelhäutige in Europa erlebt hat, darf sie sich nun von der eigenen Mutter vorwerfen lassen, ihre Heimat verraten zu haben.

Später faßt Waris Dirie zusammen

– in ihrem Brief an die Mutter, die längst nach Somalia zurückgekehrt ist:

  • Ich kämpfe gegen weibliche Genitalverstümmelung, du befürwortest sie.
  • Ich bekämpfe die Ungerechtigkeit in der Welt, du akzeptierst sie.
  • Ich kämpfe für die Rechte der Frauen, du siehst eine Männergesellschaft als gottgegeben an.
  • Du willst, daß alles so bleibt, wie es ist, und nennst das Tradition. Ich will, daß nur das Gute Bestand hat, und nenne das Fortschritt.
  • Du liebst das Afrika, wie es ist. Ich glaube an ein Afrika der Zukunft. Mit starken, stolzen Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Immer wieder hatte sie geträumt von ihrer Mutter, ihrer Heimat und „der endlosen Weite der somalischen Wüste“, als sie dann eines Tages – nach einer Zeit schwerer Niedergeschlagenheit und Verzweiflung – auf ihren Heimatkontinent zurückkehrte, zwar nicht nach Somalia, aber nach Südafrika. Von dort aus setzt sie ihren Freiheitskampf fort, diesen weltweiten Kampf für die Menschenrechte, der alle freiheitsstolzen Menschen eint, gleich welcher Rasse, welchem Volk, welchem Geschlecht sie angehören und wo sie ihre Heimat haben.

Bei ihrer Ankunft in Kapstadt,

beim Verlassen des Flughafens roch es nach Afrika. Dieser ganz spezielle Geruch, den man überall auf diesem Kontinent schnuppern kann. Ich kniete nieder, hob meine Hände zum Himmel und rief: „Mama Afrika, du hast mich wieder!“

Mama Afrika- I'm coming home (Foto von Walter Lutschinger, in: Dirie, Briefe an meine Mutter,

Mama Afrika- I'm coming home (Foto von Walter Lutschinger, in: Dirie, Brief an meine Mutter)

Quellenangaben:

1. Waris Dirie, Brief an meine Mutter, Ulstein o.J., aber nach 2005
2. Rainer Tetzlaff, Die Idee des Wandels, Spiegel Special „Afrika – Das umkämpfte Paradies“
3. ebd.

Franz Schubert (4)

„Der Wanderer“ und der „Schobert“

Doch zurück in das Jahr 1818! Von Zselesz wieder in Wien eingetroffen, bleibt Schubert seines Vaters Schule einfach fern, was erneuten Bruch mit dem Vater bedeutet, und unbehaust und mittellos, wie er nun ist, zieht er viel um und wohnt bei Freunden in möblierten Zimmern, sehr häufig und zusammengenommen 7 Jahre bei Schober. Die Freunde nennen beide in einem Wort „Schobert“.

… nur Dich lieber Schober, Dich werd ich nie vergessen, denn was Du mir warst, kann mir leider niemand anderer seyn,

schreibt Schubert am 30. November 1823.

Und nun lebe recht wohl, und vergesse nicht Deines Dich ewig liebenden Freundes Franz Schubert.

Ehe wir irgendwelche Schlüsse ziehen, müssen wir bedenken, daß in damaliger Zeit das Wort Liebe noch nicht den heutigen Anstrich des Sexuellen hatte, sondern wirklich das seelische Gefühl bezeichnete.

Zwar ist zwischen den Freunden auch die Rede von gleichgeschlechtlichen Neigungen, für Schubert aber sind sie nicht nachweisbar. Das Wort Liebe bekam in solchen Fällen ein Adjektiv hinzugefügt. Solche Leidenschaften heißen dann „griechische Liebe“, „attische Liebe“ oder „platonische Liebe“, weil ja im Freundeskreis um Platon auch die erotischen Beziehungen zwischen Männern üblich und hochangesehen waren. Die Jünglinge um Schubert waren ja auch große Verehrer der Griechen, deren Geist sie in ihrem deutschen Vaterland zum Tragen bringen wollten.

Vom Elternhaus und von Therese Grob getrennt, ist Schubert nun tatsächlich der unstete Wanderer, den er in vielen Liedern besingt. So schrieb er mit 19 Jahren z. B. auch das ergreifende Lied  „Der Wanderer“, als er bei der Familie Schober wohnte!

Die nächste Station nach seiner Rückkehr aus Zselesz ist ein Zimmer in der Wipplinger Straße, das er gemeinsam mit seinem schwermütigen Dichterfreund Mayrhofer bewohnt.

Haus und Zimmer haben die Macht der Zeit gefühlt: die Decke ziemlich gesenkt, das Licht von einem großen gegenüberstehenden Gebäude beschränkt, ein überspieltes Klavier, eine schmale Bücherstelle …

So beschreibt Mayrhofer diese Behausung. Schubert hat etliche Gedichte Mayrhofers vertont. Nach 2 Jahren kommt es zwischen beiden zur Entfremdung, und Schubert zieht wieder aus. Später, 1835, also nach Schuberts Tod, wird sich der unglückliche Mayrhofer das Leben nehmen.

Schubert und Vogl. Bleistiftzeichnung von Schober

Schubert und Vogl. Bleistiftzeichnung von Schober

Im Sommer 1819 reist Schubert mit Vogl nach Kremsmünster, Steyr und Linz.

Die Gegend um Steyr ist über allen Begriff schön,

schreibt er seinem Bruder Ferdinand. Aus Linz berichtet er Mayrhofer:

In Steyr hab ich mich und werd’ mich noch sehr gut unterhalten. Die Gegend ist himmlisch, auch bey Linz ist es sehr schön. Wir, d.h. Vogl und ich, werden nächster Tage nach Salzburg reisen. Wie freu ich mich …

Auf dieser Reise wird er durch Vogl weiteren Kreisen und neuen Freunden bekannt.

Das Deutsch-Werk-Verzeichnis weist inzwischen 678 Werke des knapp 22 Jahre alten Schubert auf. Dennoch gerät Schubert in diesem Jahr 1819 zusehends in eine persönliche Krise. Schubert setzt vor allem auf dem Gebiet der Instrumentalmusik zu immer neuen Werken an, die er aber vielfach unvollendet liegen läßt. Viel versucht er sich jetzt und in den folgenden Jahren mit der Oper, hat damit aber keinen Erfolg. Er schreibt Spaun aus Wien Ende 1822:

Mir ging es sonst ziemlich gut, wenn mich nicht die schändliche Geschichte mit der Oper so kränkte,

die hier im Kärntnertor-Theater aufgeführt worden war. Den Text zu der mißglückten Oper „Alfonso und Estrella“ hatte Schober verfaßt. Vogl war wegen des ganzen Unternehmens nicht nur gegen Schober, sondern auch gegen Schubert verstimmt.

Als Vogl im Sommer 1822 ohne Schubert in Steyr ankam, mußte er sich den Fragen der Freunde stellen. Joseph Spaun gibt wieder, was Vogl erklärt hatte:

Zu mir ist Vogl äußerst freundlich. Er erzählte mir seine ganze Beziehung zu Schubert mit der größten Freimütigkeit, und leider bin ich ganz unfähig, den Letzteren zu entschuldigen. Vogl ist gegen Schober sehr erbittert, um dessentwillen sich Schubert sehr undankbar zu Vogl benahm und der Schubert mißbrauchte, um selbst aus Geldschwierigkeiten herauszukommen und die Kosten zu bezahlen, die bereits den größten Teil des Vermögens seiner Mutter erschöpft haben. Ich wünsche sehr, daß jemand hier wäre, der Schubert verteidigen würde, zumindest in den durchscheinendsten Vorwürfen. Auch sagt Vogl, daß Schobers Oper schlecht und ein vollständiger Fehlgriff sei und daß Schubert überhaupt auf falschem Wege sei.

Schober war ein Lebemann, dem die Freunde eindeutige Liebesbriefe schrieben. Im Laufe der Jahre aber verwandelte sich die Liebe der meisten in Haß. Als einer der wenigen hielt Schubert treu zu dem „göttlichen Kerl“, obwohl er, wahrscheinlich durch Schober verführt, sich seine schwere Geschlechtskrankheit zugezogen hatte. Es wird angenommen, daß dies nach einer feucht-fröhlich-melancholischen Feier zum Jahreswechsel 1822/23 geschehen ist.

Die Krankheit bricht aus

Caroline Esterházy. Aquarell von Anton Hähnisch, 1837 (aus: Widl, Franz Schuberts Liebe)

Caroline Esterházy. Aquarell von Anton Hähnisch, 1837 (aus: Widl, Franz Schuberts Liebe)

In Zselesz war Schuberts Liebe zur Komteß Caroline Esterházy aufgekeimt, eine Liebe so hoffnungslos wie Beethovens zu seiner „Unsterblichen Geliebten“ Josephine von Brunswick, die wie Caroline dem Hochadel angehörte bzw. nahestand und damit für einen “Musikanten” aus dem Kleinbürgerstand unerreichbar war.

In seiner Not und Todesahnung stellt sich bei Schubert ein rastloses Schaffen ein. Noch im Krankenhaus – seine Haare sind wegen der Hautausschläge geschoren, er trägt eine Perücke – schreibt er eine Reihe der Lieder zu seinem Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, gedichtet von Wilhelm Müller.

Wie es um ihn steht, wird klar, wenn wir sein Gedicht lesen, das er am 8. Mai 1823 geschrieben hat:

Mein Gebet

Franz Schubert 1825, Tuschpinselzeichnung von Josef Teltscher (?) (aus: Hilmar, Schubert)

Franz Schubert. Tuschpinselzeichnung von Josef Teltscher (?), mit eigenhändiger Widmung: "Denken Sie möglichst oft an Ihren Franz Schubertmpia, Wien 1825" (aus: Hilmar, Schubert)

Tiefer Sehnsucht heil’ges Bangen
Will in schön’re Welten langen;
Möchte füllen dunklen Raum
Mit allmächt’gem Liebestraum.

Großer Vater! reich’ dem Sohne,
Tiefer Schmerzen nun zum Lohne,
Endlich als Erlösungsmahl
Deiner Liebe ew’gen Strahl.

Sieh, vernichtet liegt im Staube,
Unerhörtem Gram zum Raube,
Meines Lebens Martergang
Nahend ew’gem Untergang.

Tödt’ es und mich selber tödte,
Stürz’ nun Alles in die Lethe,
Und ein reines kräft’ges Sein
Laß’, o Großer, dann gedeih’n.

Franz Schubert

Schubert erholt sich zunächst. Doch die Zusammenkünfte der Freunde gestalten sich nicht mehr so erfreulich wie früher.

Stundenlang hört man … nichts anderes als ewig von Reiten und Fechten, von Pferden und Hunden reden. Wenn es so fort geht, so werd’ ich’s vermutlich nicht lange unter ihnen aushalten,

äußert Schubert Schober gegenüber, und Schwind fügt hinzu:

Das Leben ist so übertäubt von Kassageschäfte und Schwänke, daß einem nicht einmal ein ungestörtes Beisammensein möglich ist … wir müßten uns wahrlich dieser Kompagnie schämen.

Auch in Schuberts Tagebuch ist unter dem 27. März 1824 zu lesen:

Keiner, der den Schmerz des Andern, und Keiner, der die Freude des Andern versteht! Man glaubt immer, zueinander zu gehen, und man geht immer nur nebeneinander. O Qual für den, der dies erkennt! Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden; jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen am wenigsten die Welt zu erfreuen.

Und wehmütig erinnert er Schober an die Zeiten,

wo wir traulich beieinander saßen u. jeder seine Kunstkinder den andern mit mütterlicher Scheu aufdeckte.

Der Tod wird Schuberts Thema

Er fürchtet ihn nicht. In einem Gedicht von Stolberg, das Schubert vertont, heißt es:

Uns sammelt alle, klein und groß,
die Mutter Erd’ in ihren Schoß;
o, säh’n wir ihr ins Angesicht,
wir scheuten ihren Busen nicht!

Des Lebens Tag ist schwer und schwül,
des Todes Atem leicht und kühl,
er wehet freundlich uns hinab,
wie welkes Laub ins stille Grab.

An Kupelwieser schreibt er am 31. März 1824:

Mit einem Wort, ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt. Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will, und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, dessen glänzendste Hoffnungen zu Nichts geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts bieten als höchstens Schmerz, dem Begeisterung … für das Schöne zu schwinden droht, und frage Dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist?

… jede Nacht, wenn ich schlafen geh, hoff ich nicht mehr zu erwachen, u. jeder Morgen kündet mir nur den gestrigen Gram. So Freude- und Freundelos, verbringe ich meine Tage, wenn nicht manchmal Schwind mich besuchte und mir einen Strahl jener vergangenen, süßen Tage zuwendete. Unsere Lesegesellschaft hat sich wegen Verstärkung des rohen Chores in Biertrinken und Würstelessen, den Tod gegeben.

Über seine Liebesbeziehung zu Caroline Esterházy erfahren wir wenig.

Auffallend aber ist der reiche Quell seiner Schöpfungen in der Zeit seiner Lehrtätigkeit bei Familie Esterházy. Ab dem 25. Mai 1824 ist er wieder mit ihnen auf Schloß Zselesz in Ungarn. Hier erholt er sich sichtlich. Nach halbjährlichem Aufenthalt dort scheint seine Krankheit ausgeheilt zu sein.

Eine weitere Parallele zu Beethovens Liebe ist, daß auch Schubert außer einem Werk, der Fantasie für Klavier zu 4 Händen, kein anderes Werk seiner Geliebten widmet.

Ihnen gehört doch sowieso alles,

sagt er im Beisein des Schubert-Sängers Baron Schönstein zu Caroline. Auch ihre Liebe wird wie die Beethovens zu Josephine Bruns­wick streng geheimgehalten. Dennoch ist sie von mehreren Freunden bezeugt.

Ende 1824 wird Schubert von Seiten der Esterházys gekündigt, eine Tragödie, die abzusehen war. Caroline läßt sich erst 1844, also 16 Jahre nach Schuberts Tod, auf eine Ehe mit einem Grafen ein, die sie aber sofort wieder löst. Sie stirbt 1851. Welche Leiden verbergen sich hinter diesen nüchternen Angaben!

Schubert ist wieder heimatlos in die Welt geworfen,

auf ruheloser Wanderschaft von einer Unterkunft zur nächsten. 1825 geht er mit Vogl wieder auf Reisen, diesmal bis nach Gmunden am Traunsee. Die Menschen, die dem Musizieren der beiden beiwohnen, sind hingerissen. Eine junge Frau schwärmt:

Es ist ein göttlicher Genuß, Vogl singen und Schubert spielen zu hören.

Und Eduard Traweger berichtet:

Zu den Genüssen waren mehrfach Verwandte und Bekannte geladen. Solche Kompositionen, so vorgetragen, mußten die Empfindungen zum Ausdruck bringen, und war das Lied zu Ende, so geschah es nicht selten, daß die Herren sich in die Arme stürzten und das Übermaß des Gefühls in Tränen sich Bahn brach.

Oder in einem Brief an Spaun heißt es:

Liebster, wir wünschten Dir jedesmal, daß Du es hörtest! Könnten wir doch die Weisen in Deine Träume bringen, wie sie uns bis in die sinkende Nacht umklingen!

Über das Absichtslose wahrhaften Schöpfertums

schreibt Schubert seinem Vater von dieser Reise:

Auch wundert man sich sehr über meine Frömmigkeit, die ich in einer Hymne an die Hlg. Jungfrau ausgedrückt habe [dem Ave Maria], und wie es scheint, alle Gemüther ergreift und zur Andacht stimmt. Ich glaube, das kommt daher, weil ich mich zur Andacht nie forciere, und, außer wenn ich von ihr unwillkürlich übermannt werde, nie dergleichen Hymnen oder Gebete komponiere, dann aber ist sie auch gewöhnlich die rechte und wahre Andacht.

Er ruft die Phantasie an:

O, bleibe noch bey uns, wenn auch von Wenigen nur anerkannt und verehrt, um uns von jener Aufklärung, jenem Gerippe ohne Fleisch und Blut, zu bewahren.

Es wird die kalte Nüchternheit der Vernunft sein, die mit Beginn der „industriellen Revolution“ die Menschen in den Materialismus zu drängen sucht, was Schubert so abstößt. Und so erhalten wir denn von dieser Reise Berichte wie diesen von Marie Pachler, der hochbegabten Schülerin Beethovens und nun Förderin Beethovens und Schuberts:

Schubert war so freundlich, so mitteilend … wie er von der Kunst sprach, von Poesie, von seiner Jugend, von Freunden und anderen bedeutenden Menschen, vom Verhältnis des Ideals zum Leben … Ich mußte immer mehr erstaunen über diesen Geist, dem man nachsagte, seine Kunstleistung sei so unbewußt, ihm selbst oft kaum offenbar und verständlich und so weiter. Und wie einfach das alles …

Und der geistvolle und sozial tatkräftige katholische Geistliche Johann Ladislaus Pyrker, der noch bis zum Erzbischof aufsteigen sollte und von dem Schubert auch zwei Gedichte vertont hat, schrieb Schubert:

Ich bin stolz darauf, mit Ihnen ein und demselben Vaterland anzugehören!

Vaterlandsliebe, Freiheit und Freundesliebe waren ja auch die Werte, die Schubert gemeinsam mit seinen Freunden hochhielt.

In seinen Reisebeschreibungen, die er von dieser Fahrt an seinen Bruder Ferdinand richtet, lernen wir ein weiteres Mal den

Dichter des Wortes

Schubert kennen. Hier nur eine Kostprobe daraus:

Wir fuhren also weiter über Golling, wo sich schon die ersten, hohen, unübersteigbaren Berge zeigten, durch deren fürchterliche Schluchten der Paß führt. Nachdem wir dann über einen großen Berg langsam hinaufkrallten, vor unserer Nase, sowie zu den beiden Seiten schreckliche Berge, so daß man glauben könnte, die Welt sei hier mit Brettern vernagelt, so sieht man plötzlich, indem der höchste Punct des Berges erreicht ist, in eine entsetzliche Schlucht hinab, und es droht einem im ersten Augenblicke einigermaßen das Herz zu schüttern. Nachdem man sich etwas von dem ersten Schreck erholt hat, sieht man diese rasend hohen Felswände, die sich in einiger Entfernung zu schließen scheinen, wie eine Sackgasse, und man studirt umsonst, wo hier der Ausgang sei.

In dieser schreckenvollen Natur hat auch der Mensch seine noch schreckenvollere Bestialität zu verewigen gesucht. Denn hier war es, wo auf der einen Seite die Baiern, und die Tyroler auf der anderen Seite der Salzach, die sich tief, tief unten brausend den Weg bahnt, jenes grauenvolle Morden vollbrachten, indem die Tyroler, in den Felsenhöhlen verborgen, auf die Baiern, welche den Paß gewinnen wollten, mit höllischem Lustgeschrei herabfeuerten, welche getroffen in die Tiefe herabstürzten, ohne je sehen zu können, woher die Schüsse kamen.

Dieses höchst schändliche Beginnen, welches mehrere Tage und Wochen fortgesetzt wurde, suchte man durch eine Capelle auf der Baiern Seite und durch ein rothes Kreuz auf der Tyroler Seite zum Theil zu bezeichnen und zum Theil durch solche heil’gen Zeichen zu sühnen. Du herrlicher Christus, zu wieviel Schandthaten mußt du dein Bild herleihen, Du selbst das gräßlichste Denkmal der menschlichen Verworfenheit, da stellen sie dein Bild auf, als wollten sie sagen: Seht! Die vollendetste Schöpfung des großen Gottes haben wir mit frechen Füßen zertreten, sollte es uns etwa Mühe kosten, das übrige Ungeziefer, genannt Menschen, mit leichtem Herzen zu vernichten?

Nach Wien zurückgekehrt, schlägt Schubert das Anerbieten der Freunde Schwind und Bauernfeld aus, zu ihnen zu ziehen.

Schubert ist, was äußerliche Habe betrifft anspruchslos, was seine Freiheit betrifft, aber unbeirrbar.

Er bleibt zunächst in seinem Zimmer Auf der Wieden und lebt nach dem Motto seines Liedes von „Des Sängers Habe“ (von Schlechta gedichtet):

Schlagt mein ganzes Glück in Splitter,
nehmt mir alle Habe gleich,
lasset mir nur meine Zither,
und ich bleibe froh und reich…

Nach seiner Reise aber verfügt er nun über einen zufriedenstellenden Erlös einiger seiner Lieder. Wie sorglos aber hätte er sein können, wenn er nur einen geringen Bruchteil dessen erhalten hätte, was andere, in der Mit-, aber vor allem in der Nachwelt, mit seinen Werken an Geld für sich herausschlagen! Von Schubert aber meldet einer seiner Freunde:

Natürlich, daß Schubert unter uns die Rolle des Krösus spielte und ab und zu in Silber schwamm, wenn er etwa ein paar Lieder an den Mann gebracht hatte oder gar einen Zyklus … Die erste Zeit wurde flott gelebt … und nach rechts und links gespendet – dann war wieder Schmalhans Küchenmeister!

Doch am 1. Januar 1826 notiert Bauernfeld:

Silvester bei Schober ohne Schubert, der krank war …

Er leidet unter heftigen Kopfschmerzen. Am 10. Juli 1826 schreibt Schubert:

Lieber Bauernfeld! Ich kann unmöglich nach Gmunden oder irgend woanders hinkommen, ich habe gar kein Geld, und es geht mir überhaupt sehr schlecht. Ich mache mir jedoch nichts daraus und bin lustig …

Am 26. März 1827 stirbt

Beethoven, das große, zutiefst verehrte Vorbild

Schuberts. Schon früh hatte Schubert gesagt:

Ich glaube auch schon, es könnte etwas aus mir werden; aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?

Schüchtern, wie er war, hat er nur einen einzigen Versuch unternommen, Beethoven zu besuchen. Er traf ihn nicht an und hinterließ ihm ein Beethoven gewidmetes Variationswerk für Klavier zu 4 Händen. Beethoven soll es häufig mit seinem Neffen gespielt haben. In einem der Konversationshefte Beethovens ist die Eintragung des Neffen zu lesen:

Man lobt den Schubert sehr … sagt aber, er soll sich verstecken.

Auf seinem Sterbebett bekam Beethoven schließlich noch einige Lieder Schuberts zu Gesicht und soll begeistert gewesen sein:

Wahrlich, in diesem Schubert wohnt der göttliche Funke!

Nun ist Schubert einer der 38 Fackelträger, die Beethovens Sarg begleiten, und muß sich bei der Ansprache Grillparzers anhören:

Noch lebt zwar – und möge er lange leben! – der Held des Sangs in deutscher Sprache und Zunge (gemeint ist Goethe). Aber der letzte Meister des tönenden Liedes, der Tonkunst holder Mund … hat ausgelebt.

„Der letzte Meister des tönenden Liedes“ – Grillparzers große Verehrung für seinen Freund Beethoven ließ ihn den bescheidenen Schubert übersehen!

Mit Beethoven teilte Schubert das Schicksal,

viele seiner Instrumentalwerke nie selbst gehört

zu haben, nicht weil auch er taub geworden wäre, sondern weil sie zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt wurden, woran er selbst aber wohl nicht unschuldig war.

Sein erstes und einziges eigenes Konzert fand am 1. Todestag Beethovens, dem 26. März 1828 statt, im Sterbejahr Schuberts. Die Freunde, die schon immer für Schubert gesorgt hatten, waren auch hierzu die treibenden Kräfte:

So nimm Dir einen Anlauf, bezwinge Deine Trägheit, gib ein Konzert, nur von Deinen Sachen natürlich,

dringt Bauernfeld in ihn.

Wenn ich die Kerls nur nicht bitten müßte!,

nämlich um die Bereitstellung des Saales der Gesellschaft der Musik­freunde, graust es den scheuen Schubert. Das Konzert findet statt. Bauernfeld trägt in sein Tagebuch ein:

Am 26. war Schuberts Konzert. Ungeheurer Beifall. Der Saal war vollgepfropft, jedes Stück wurde mit Beifall überschüttet, der Kompositeur unzählige Male hervorgerufen. Das Konzert warf einen Reinertrag von beinahe 800 Gulden ab.

Übereinstimmend damit steht in Franz von Hartmanns Tagebuch zu lesen:

Mit Louis und Enk in Schuberts Konzert. Wie herrlich das war, werde ich nie vergessen…

Doch die Wiener Presse schweigt. Ebenso hilfreich wie sie benehmen sich die Verleger. Ihrer Gerissenheit und Geschäftstüchtigkeit ist der weltfremde Schubert nicht gewachsen.

Mir kommt’s manchmal vor, als gehöre ich gar nicht in diese Welt,

sagt er einmal zu dem Schauspieler Anschütz.

Immer noch finden die unvermindert beliebten Schubertiaden statt, denen aber Schubert in letzter Zeit fernbleibt. Schubert ist mit dem neuen Lieder-Zyklus „Winterreise“ von Wilhelm Müller beschäftigt. Spaun schreibt:

Schubert wurde durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, sagte er mir: “Nun, Ihr werdet es bald hören und begreifen.” Eines Tages sagte er zu mir: “Komme heute zu Schober. Ich bin begierig zu sehen, was Ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.” Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren über die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft …

Wilhelm Müller. Bleistiftzeichnung von Wilhelm Hensel (aus: Hilmar, Schubert)

Wilhelm Müller. Bleistiftzeichnung von Wilhelm Hensel (aus: Hilmar, Schubert)

Wilhelm Müller starb in dem Jahr, als Schubert Müllers 24 Gedichte vertonte, 1827, im Alter von nur 33 Jahren. Er hatte einmal gesagt:

… in der Tat führen meine Lieder nur ein halbes Leben, ein Papierleben, schwarz auf weiß … bis die Musik ihnen den Lebensodem einhaucht, oder ihn, wenn er darin schlummert, herausruft und weckt.

Von Schuberts Vertonungen kann er nichts mehr erfahren haben. Beide aber bezeugen in dem Liederzyklus ergreifend das unerfüllte Sehnen ihrer unglücklichen Liebe.

Bei seinem Bruder Ferdinand hat Schubert Zuflucht gefunden. Von dort schreibt er am 12. November 1828:

Lieber Schober! Ich bin krank. Ich habe schon 11 Tage nichts gegessen u. nichts getrunken, u. wandle matt u. schwankend von Sessel zu Bett u. zurück … Wenn ich auch was genieße, so muß ich es gleich wieder von mir geben …

Eine Woche später, am 19. November 1828, stirbt er. Als Todesursache wird Typhus angegeben. Ohne Zusammenhang damit und ohne Kommentar berichten die Biografen daneben von einem Ereignis, das zumindest stark aufhorchen läßt:

Am 31. Oktober sitzt Schubert abends mit seiner Familie im Gasthaus „Zum roten Kreuz“, wo der Wirt den Wein zu verfälschen pflegt, was dann Kopfschmerzen verursacht, so daß Schubert schon längere Zeit dieses Gasthaus gemieden hat. Ferdinand berichtet:

Da er nun … einen Fisch speisen wollte, warf er, nachdem er das erste Stückchen gegessen, plötzlich Messer und Gabel auf den Teller und gab vor, es ekle ihn gewaltig vor dieser Speise, und es sei ihm gerade, als hätte er Gift genommen. Von diesem Augenblick an hat Franz fast nichts mehr gegessen und getrunken, und bloß Arzneien eingenommen. Auch suchte er durch Bewegung in freier Luft sich zu helfen, und machte daher noch einige Spaziergänge.

Schädelkult

Ob sein Leichnam seinem Wunsch gemäß in der Nähe Beethovens auf dem Währinger Friedhof begraben worden ist, muß leider bezweifelt werden. Der erste Biograf Schuberts, Dr. Heinrich Kreißle von Hellborn, schreibt:

Als nach der am 13. Oktober 1863 vorgenommenen Ausgrabung der irdischen Reste von Beethoven und Schubert des Letzteren wohlerhaltener Schädel der Reinigung und Waschung unterzogen wurde, vermochten die dabei anwesenden Ärzte und der die Waschung vollziehende Spitalsdiener sich des Erstaunens über die zarte, fast weibliche Organisation desselben nicht zu erwehren.

Wie auch bei Beethovens angeblichem Schädel fehlen die Überaugenwülste, die männlichen Schädeln allgemein eigen sind, Schuberts und Beethovens aber insbesondere kennzeichneten. Schindler, Beethovens Helfer, berichtet am 4. April 1827, also kurz nach Beethovens Tod, Ignaz Moscheles:

Noch muß ich Ihnen melden, daß der Totengräber von Währing, wo er begraben liegt, gestern bei uns war und meldete, daß man ihm mittels eines Billets, welches er zeigte, 1000 Gulden Konven­tionsmünze anbot, wenn er den Kopf von Beethoven an einem bestimmten Ort deponierte. Die Polizei ist dieserhalb schon mit der Ausforschung beschäftigt.

Somit müssen wir in Erwägung ziehen, daß Beethovens Schädel das gleiche Schicksal erlitten hat wie Haydns, und Schuberts Todes-Schicksal gar dem Mozarts, Schillers und Lessings gleicht.

Nach der Ausgrabung 1863 werden die Skelette, in Zinksärgen verschlossen, in ausgemauerte Grüfte gelegt. 1888 werden beide Leichname wieder aus der Erde geholt und auf den Wiener Zentralfriedhof verlegt, weil der Währinger Friedhof aufgelöst wird.

Totenmarske Schuberts. Gipsabdruck

Totenmaske Schuberts. Gipsabdruck

So muten die Worte Grillparzers auf Schuberts Grabstein leider in mehr als einer Hinsicht fragwürdig an, obwohl sie von Grillparzer sicher gutgemeint waren:

Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz,
aber noch viel schönere Hoffnungen.

Doch abgesehen von diesem makabren Umgang mit seinen sterblichen Überresten bleibt Franz Schubert in seinem wundervollen Werk voller Gemütstiefe und Schönheit der Nachwelt unsterblicher Besitz.

Schrifttum:

  1. Braungart, Georg, und Dürr, Walther, Über Schubert – Von Musikern, Dichtern und Liebhabern, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1996
  2. Dürhammer, Ilija, Schuberts literarische Heimat, Dissertation, Böhlau Wien 1999
  3. Fischer-Dieskau, Dietrich, Auf den Spuren der Schubert-Lieder, Werden-Wesen-Wirkung, Brockhaus Wiesbaden 1971
  4. Gülke, Peter, Franz Schubert und seine Zeit, Laaber-Verlag Regensburg 1996
  5. Hilmar, Ernst, Schubert, Akademische Druck- u. Verlagsanstalt Graz 1996
  6. Kerner, Dieter, Krankheiten großer Musiker, Schattauer Stuttgart-New York 1986
  7. Lühning, Helga, und Brandenburg, Sieghard, Beethoven zwischen Revolution und Restauration, Bonn 1989
  8. Schneider, Marcel, Franz Schubert in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt 1958
  9. Valentin, Erich, Franz Schubert – Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte, Diogenes Zürich 1997
  10. Widl, Robert, Franz Schuberts Liebe, eine Entdeckung, Stieglitz 1990
  11. Ziese, Elly, Schuberts Tod und Begräbnis in der ältesten Darstellung, Gotland Verlag Großdeuben (Sachsen), o.J.

Franz Schubert (3)

Erste Liebe

Die Erwählte ist Therese Grob. Es wird vermutet, daß Schubert für Therese seine F-Dur-Messe D105 mit dem Sopran-Solo geschrieben habe. Im selben Jahr wird die Messe zur Hundertjahrfeier der Pfarrkirche zu Lichtental uraufgeführt. Franz dirigiert, Ferdinand spielt die Orgel, Therese singt das Sopran-Solo, und Salieri sitzt unter den Zuhörern. Dies war 1814 Schuberts erster Auftritt mit einem eigenen Werk in der Öffentlichkeit. „Kein kleines Aufsehen“ habe er mit seiner Messe hervorgerufen, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht.

Franz Schubert und Therese Grob. Radierung von Otto Nowak (aus: Hilmar-Schubert)

Franz Schubert und Therese Grob. Radierung von Otto Nowak (aus: Hilmar, Schubert)

Über Therese Grob äußert Schubert 1821 Anselm Hüttenbrenner gegenüber:

Eine habe ich recht innig geliebt und sie mich auch. Sie war etwas jünger als ich und sang in einer Messe, die ich setzte, die Sopransoli wunderschön und mit tiefer Empfindung. Sie war eben nicht hübsch, hatte Platternarben im Gesicht, aber gut war sie, herzensgut. Drei Jahre hoffte sie, daß ich sie ehelichen werde; ich konnte jedoch keine Anstellung finden, wodurch wir beide versorgt gewesen wären. Sie heiratete dann nach dem Wunsche ihrer Eltern einen anderen, was mich sehr schmerzte …

Bemerkenswert ist, daß Schubert wie in allen seinen Messen auch schon in seiner ersten die Worte übergeht:

Credo in unam sanctam ecclesiam catholicam et apostolicam (Ich glaube an die eine heilige katholische und apostolische Kirche).

Später, 1827, schickt ihm ein Freund eine Einladung mit Noten zu den Worten:

Credo in unum Deum (Ich glaube an den einen Gott)

und fügt den Satz an:

Du nicht, das weiß ich wohl …

„Le lied“

In der Zeit seiner Jugendliebe ist seine

Schaffenslust unbändig, die Leichtigkeit und Sicherheit des Niederschreibens ist beispiellos,

schreibt Fischer-Dieskau. Ende des Jahres 1814 hatte Schubert mit 17 Jahren bereits 126 Werke geschaffen, darunter 2 Symphonien und eine große Anzahl von Liedern, mit denen er bereits damals zum „Schöpfer des deutschen Liedes“ geworden ist, des Liedes, das so unverwechselbar deutsch ist, daß der Begriff „Lied“ in andere Sprachen nicht übersetzbar ist und daher dort als Fremdwort besteht für eine ganz bestimmte Musikgattung. „Le lied“ sagen sogar die sprachbewußten Franzosen, Mehrzahl „les lieder“.

1815 komponiert Schubert sage und schreibe 145 Lieder.

Wenn ich eins fertig habe, schreibe ich das nächste.

Einmal an einem Tage 9! Und von Spaun hören wir:

Statt durch die ungeheure Verschwendung der herrlichsten Melodien ärmer zu werden, schien er nur neue, größere Reichtümer zu enthüllen, und die Quelle zauberischer Töne sprudelte immer lebendiger.

Besonders viele Gedichte, etwa 70, vertonte er von Goethe. Ihm sandte Spaun 1816 eine Sammlung Goethe-Lieder von Schubert, nicht ahnend, daß Goethe in seinen Auffassungen vom Lied noch so in alten Vorstellungen befangen – „konservativ“ – war, daß er mit Schuberts Vertonungen nichts anzufangen wußte. Sie waren oft durchkomponiert, die Musik paßte sich Strophe für Strophe der inhaltlichen Aussage des Gedichtes an, so daß die Strophen unterschiedlich erklangen. Und die Klavierbegleitung war bei Schuberts Liedern nicht mehr nur akkordische Unterstützung der Gesangsmelodie, sondern hatte ihr eigenes, gleichwertiges Gewicht.

Die Lieder-Sendung kam daher auch kommentarlos von Goethe zurück. Ebenso erging es der zweiten Sendung 1825. Schubert blieb wieder ohne Antwort.

Auch für Schiller, den schon damals beliebtesten deutschen Freiheitsdichter, begeisterte sich Schubert und vertonte besonders zur Zeit der Befreiungskriege etliche Gedichte von ihm, nur konnte Schiller sich nicht mehr bedanken. Er war schon 1805 gestorben.

1814 vertonte Schubert das Goethe-Gedicht „Gretchen am Spinnrade“! Zu diesem Lied des 17-Jährigen sagt Dietrich Fischer-Dieskau:

Derartiges hatte es in der Musik noch nicht gegeben. Die monotone Figur in der Klavierbegleitung, die das sich drehende Spinnrad versinnbildlicht, hält auf dem Höhepunkt des Liedes an und macht auf klagende Weise deutlich, wie Verzweiflung die körperliche Bewegung erlahmen läßt. Dann wird die Figur schluchzend und mühsam wieder aufgenommen. Wir erleben schmerzhaft die Wiederkehr sinnlicher Wahrnehmung. Solcherlei erschütternde Details hindern eine formale Geschlossenheit keineswegs. Die drei Teile enden jeweils mit dem Ausruf Gretchens “Meine Ruh’ ist hin”, eine durchaus nicht von Goethe stammende Einschnittverteilung.

1815 komponierte er nicht nur mehr als 150 Werke für Gesang, sondern u. a. auch bereits seine Symphonien 3, 4 und 5.

Unerschöpflicher Quell

Und obwohl ihm die Schulkinder fürchterlich auf die Nerven gehen, bewirbt er sich 1816 um die Musiklehrer-Stelle an der deutschen Normalhauptschule in Laibach. Man nimmt an, daß Schubert einerseits wegen seiner Liebe zu Therese Grob eine gesicherte Stellung nachweisen und andererseits der väterlichen Aufsicht entfliehen wollte. Seine Bewerbung wird indes abgelehnt.

Nun war aber der Musizierkreis in seinem Elternhause zu Orchestergröße angewachsen und mußte seinen Standort nach außerhalb in den sog. Schottenhof verlegen. Seine Freunde aus dem Musizierkreis, allen voran Schober, bestärkten Schubert, sich vom Elternhaus zu lösen.

Schober nahm Schubert in der eigenen Wohnung in der Inneren Stadt auf. Damit war ein Schritt getan, der Franz Schubert, ohne Anstellung und ohne einen Mäzen im Rücken zum ersten freischaffenden Komponisten der Musikgeschichte machte, der heute Weltruhm besitzt. Das bedeutete aber für ihn zu seiner Lebenszeit, als er noch unbekannt war, den Mut zu Armut und Ehelosigkeit zu haben.

Das Deutsch-Werk-Verzeichnis weist bis zum Jahr 1816 – Schubert ist knapp 20 Jahre alt – 504 Werke aus! Unvorstellbar!

Vogl führt Schubert in die „Welt“ ein

1817 nun vollzieht sich in Schuberts Künstlerdasein eine entscheidende Wende. Auf Schobers Vermittlung tritt der berühmte Hofopernsänger Johann Michael Vogl in sein Leben.

Vogl

Johann Michael Vogl, Ölbild von Julius Fargel nach dem verschollenen Original von Leopold Kupelwieser (aus: Hilmar, Schubert)

Vogl erkennt das Genie Schuberts, und obwohl er sich aus Altersgründen vom Gesang schon hatte verabschieden wollen, nimmt er sich der Liedkunst Schuberts an. Er sagt zu Schubert:

Es steckt etwas in Ihnen, aber Sie sind zu wenig Komödiant, zu wenig Scharlatan. Sie verschwenden Ihre schönen Gedanken, ohne sie breitzuschlagen.

Vogl gelingt es, Schubert den Weg in die Öffentlichkeit zu ebnen. Und Schubert ist von ihm begeistert:

Die Art und Weise, wie Vogl singt und ich accompagnire, wie wir in einem solchen Augenblicke Eins zu werden scheinen, ist … etwas ganz Neues, Unerhörtes.

Die Wiedergabe der neuartigen Lieder Schuberts erfordert ein ganz anderes künstlerisches Können als bisher üblich. Vogl schreibt in sein Tagebuch:

Nichts hat den Mangel einer brauchbaren Singschule so offen gezeigt, als Schuberts Lieder. Was müßten sonst diese wahrhaft göttlichen Eingebungen, die Hervorbringungen einer musikalischen clairvoyance (Hellsichtigkeit) in aller Welt, die der deutschen Sprache mächtig ist, für allgemein ungeheure Wirkung machen. Wie viele hatten vielleicht zum erstenmal begriffen, was er sagen will: Sprache, Dichtung in Tönen, Worte in Harmonien, in Musik gekleidete Gedanken.

Joseph von Spaun war am 16. November 1815 Augenzeuge der Entstehung des Erlkönig gewesen und überliefert uns sein unglaubliches Erlebnis:

Wir fanden Schubert ganz glühend, den Erlkönig aus einem Buch laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buch auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in kürzester Zeit stand die herrliche Ballade nun auf dem Papier. Wir liefen damit … in das Konvikt, und dort wurde der Erlkönig noch denselben Abend gesungen und mit Begeisterung aufgenommen. Der alte Ruziczka (der Orchester-Dirigent) spielte ihn dann selbst, ohne Gesang, in allen Teilen aufmerksam durch und war tiefbewegt über die Komposition…

Schröder-Devrient

Wilhelmine Schröder-Devrient

Von Goethe erfahren wir, daß er viel später den „Erlkönig“ von der berühmten Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient gesungen hörte und nun sagte:

Ich habe die Komposition früher einmal gehört, wo sie mir gar nicht zusagen wollte, aber so vorgetragen gestaltet sich das Ganze zu einem sichtbaren Bilde.

Nebenbei bemerkt: Carl Maria v. Weber bewunderte die Schröder-Devrient als Agathe, Wagner als Norma, und Beethoven war von ihr als Darstellerin seines Fidelio so hingerissen, daß er ihr eine neue Opernrolle zu komponieren versprach. Solche Gesangs-Hochkultur war es nun, die allein den Schubert-Liedern angemessen war.

Umgeben von der Liebe solcher aufgeschlossener, treuer Freunde und Förderer, gelangte Schubert bald auch in private Musikkreise, an denen das damalige Wien reich war. In diesen Kreisen hatte sich nun Schuberts Name allmählich herumgesprochen, und es gab dort zu der Zeit bereits eine rege Nachfrage nach seinen Werken, u.a. auch bei der gräflichen Familie Esterházy de Galantha.

Auf dem Landgut Zselesz

Im Sommer 1818 wurde Schubert auf deren Landgut Zselesz eingeladen. Dort sollte er die beiden Töchter Marie und Caroline unterrichten.

Unser Schloß ist keines von den größten, aber sehr niedlich gebaut … Ich wohne im Inspectorat. Es ist ziemlich ruhig, bis auf einige 40 Gänse, die manchmal so zusammenschnattern, daß man sein eigenes Wort nicht hören kann,

berichtet Schubert von seinem 1. Aufenthalt dort. An seine Freunde Spaun, Schober und Mayrhofer richtet er am 3. August 1818 aus Zselesz  einem Brief die Worte:

Liebste, theuerste Freunde! Wie könnte ich euch vergessen, die ihr mir alles seid! … wie geht es Euch, lebt ihr wohl? Ich befinde mich recht wohl. Ich lebe und componire wie ein Gott, als wenn es so seyn müßte … Jetzt lebe ich einmal, Gott sei Dank, es war Zeit, sonst wär noch ein verdorbener Musikant aus mir geworden.

Er wird gut bezahlt, erhält regelmäßige Mahlzeiten und hat reichlich Zeit zum Komponieren. An seinen Bruder Ferdinand schreibt er 3 Wochen später:

So wohl es mir geht, so gesund als ich bin, so gute Menschen als es hier gibt, so freue ich mich doch unendlich wieder auf den Augenblick, wo es heißen wird: Nach Wien, nach Wien! Ja, geliebtes Wien, Du schließest das Theuerste, das Liebste, in Deinen engen Raum, und nur Wiedersehen, himmlisches Wiedersehen wird dieses Sehnen stillen.

Zselesz ist der östlichste Teil von dem engen Feld, in dem sich Schubert auf unserer Erde bewegt hat, nach Westen reicht er bis nach Salzburg und Gastein.

Ich bin für nichts als das Komponieren auf die Welt gekommen,

erkennt er sich selbst, lebt seiner Musik und versteht von den Dingen der Erscheinungswelt wenig, von Vorteilsnahme nichts. Anselm Hüttenbrenner erzählt:

Schubert war

auf seine zahlreichen Manuskripte wenig achtsam.

Kamen gute Freunde zu ihm, denen er neue Lieder vortrug, so nahmen sie die Hefte mit sich und versprachen, sie bald wiederzubringen, was aber selten geschah. Oft wußte Schubert nicht, wer dieses oder jenes Lied vorgetragen hatte. Da entschloß sich mein Bruder Josef, der mit ihm in seinem Haus wohnte, alle die zerstreuten Lämmer zu sammeln, was ihm auch nach vielen Nachforschungen so ziemlich gelang.

Ich überzeugte mich eines Tages selbst, daß mein Bruder über 100 Lieder von Schubert in einer Schublade gut aufbewahrt und wohlgeordnet liegen hatte. Dies freute auch unsern Freund Schubert, der dann alle nachfolgenden Werke meinem Bruder zur Aufbewahrung übergab, solange sie unter einem Dach wohnten.

Es sind ja mehrere Werke Schuberts verschollen, darunter etliche Lieder, Streich-Quartette und sogar eine ganze Symphonie, die Gasteiner! Viel haben Unachtsamkeit und Habgier mancher seiner angeblichen Freunde dazu beigetragen. Nach langen Jahren des Verschollenseins fand sich z.B. die weltberühmte h-moll-Symphonie, die sog. Unvollendete, bei eben dem Hüttenbrenner, von dem wir eben hörten.

Hüttenbrenner hatte die Symphonie schon in ein Klavierwerk umgearbeitet, um sie auf diese Weise als sein Werk zu veröffentlichen. Aber auch Ferdinand Schubert hatte stapelweise Notenhandschriften seines Bruders bei sich gelagert, ehe 1838 glücklicherweise Robert Schumann darüber zukam und zu seiner großen Begeisterung u. a. die C-Dur-Symphonie D944 von Franz Schubert entdeckte!

Forsetzung folgt

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