“Gott, du fernes Wort …”
Dienstag, 13. Dezember 2011 von Adelinde
Zum 3. Vorweihnachts-Sonntag schrieb Susanne Ackermann, Pastorin in Dannenberg, einen bemerkenswerten Besinnungs-Aufsatz, den ich in der Elbe-Jeetzel-Zeitung las und der mir nachgeht, unter der Überschrift:
Advent: Fehle mir
Wir lesen einen Text, dem das Kleben an biblischen Vorgaben, deren pflichtgemäße pastoral belehrende Bestätigung und somit Klischees fast völlig fehlen. Hier wagt eine eigenständige Denkerin innerhalb ihres kirchlich-christlichen Rahmens sich mit ganz eigenartiger Betrachtungsweise und Wortwahl hervor.
Dabei beschreibt sie zunächst die
ungeheure Geschäftigkeit, (die) in der Luft liegt oder vielmehr noch … auf den Menschen in dieser Zeit … am Ende, dann wenn alles getan ist, dann hoffen wir auf die große Freude für alle. Wenn wir dann nicht zu kaputt sind, um die überhaupt wahrzunehmen und mitzukriegen.
Wo bleibt da der Zugang zu Gott?
Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig,
zitiert sie mit diesem (einzigen) Spruch die Bibel und fragt gleich anschließend, wie man denn das machen könne:
Wie kann man denn Gott den Weg bereiten?
Um dann die philosophische Antwort zu finden:
Gott den Weg zu bereiten, das ist so gesehen überhaupt kein Tun. Es ist eher ein Lassen. Ein Sein-Lassen. Es gehört keine Anstrengung dazu, noch nicht einmal ein festes Glauben gehört dazu. Überhaupt keine Anstrengung und keine fromme Leistung.
Gott, das göttliche Wesen dieser Welt, läßt sich nicht zwingen, nicht herbeizitieren. Es erscheint uns spontan, ungebeten, somit unverursacht.
Die Pastorin versucht es einmal so, vielleicht für viele befremdlich:
Bereitet dem Herrn den Weg. Vielleicht so, indem wir Gott vermissen.
Und nun weist sie auf die Absurdität einer Gottvorstellung hin, die die Kirchen einst vorgegeben hatten und die für die Menschen unglaubwürdig geworden sind:
Jungfrauengeburt … der liebe Gott mit weißem Bart …
Die Jungfrauengeburt indes ist so absurd nicht; sie ist ein uraltes, vorchristliches Sinnbild gerade für die Ursachlosigkeit göttlich schöpferischen Seins und Schaffens – im Christentum als einmaliges, geschichtlich konkretes, widernatürliches, alle Mütter als unrein verunglimpfendes Ereignis mißverstanden, so wie auch das Gott zum männlichen, gewaltigen „Allmächtigen“ verzerrt wurde.
So kommt es wohl, daß die Pastorin sich gedrängt fühlt zu sagen:
Gott, du fernes Wort einer fremden Sprache.
Müßte sie nicht besser sagen:
Gott, du Wort mit verfremdeter Bedeutung, die die Menschen von diesem Wort unserer deutschen Sprache entfernte.
Die Pastorin betet zu „Gott“:
Fehle mir!
Will sie die Menschen von diesem fremdgewordenen, entstellten Begriff befreien? Und sie damit hinführen zum Großen Sehnen nach dem anscheinend fehlenden wahren Göttlichen, dem schönen Guten – das ja mit der Wortschöpfung unserer Vorfahren in dem verwandten Wort „Gott“ zum Ausdruck kommt?
Dies Sehnen nach dem Göttlichen liegt ja in uns allen verborgen. Wir müssen es nur zulassen, sein lassen. Falls ich die Pastorin nun nicht fehlinterpretiert habe, könnte es sein, daß wir beide das Gleiche meinen. Denn sie beschließt ihre Betrachtung mit den Worten:
Ich glaube, daß der gewaltige Gott kleiner und leiser ankommt als wir denken. Und viel menschlicher.
Mein Weihnachtswunsch ist daher für jeden Menschen, das Glück der Geborgenheit in Gott erleben zu dürfen, das das Bild der schlafenden Mädchen versinnbildlicht:
Heimat zu haben in einem Menschen, dem man sich vorbehaltlos anvertrauen kann, weil man einander versteht und liebt – eins ist im unscheinbar klein und leise und so menschlich „ankommenden Gott“.

Was ist ein Gottesdienst?
Wie kann man Gott dienen?
Braucht Gott meine Dienste?
Muss Gott wegen meinen Sünden am Kreuz sterben,
sind die so arg schimm und warum dann weg?
Hat Gott einen Sohn?
oder hat er eine Mutter?
oder einen Vater?
Ist Gott Mensch geworden?
Aber nicht doch!
Mit dem verwirrten Zeug die Menschen zu verblöden,
pfui, lass das!
Gruß an Adelinde von Gerhard Schweickhardt
All Ihre Formulierungen mit einem Fragezeichen sind auch nach meinem Verständnis fragwürdig, Herr Schweickhardt, aber die mit einem Ausrufezeichen noch mehr.
ja, dann fragen Sie doch:
Ob Sie, Herr oder Frau arcelys, in den HIMMEL kommen,
wenn Sie Ihre Kinder nicht schlagen oder gar Ihre Frau,
wenn Sie kein CO2 produzieren oder gar Methan,
wenn Sie kein Fleisch essen oder gar Eier,
wenn Sie kein Bier oder Wein trinken oder gar rauchen,
wenn Sie nicht tanzen gehen und gar nicht singen wollen,
wenn Sie mt dem Zug fahren und gar nicht mit dem SUV,
wenn Sie keine Sonnencreme verwenden oder gar Kondome,
oder gar nicht selber denken wollen?
Noch ein klein wenig weiter denken, dann klappts mit dem Weltbild, mit nettem Gruß GS
Nein, Herr Schweickhardt, das frage ich mich nicht, weil all diese Fragen nichts mit der Kernfrage zu tun haben, ob wir Menschen aus Seele und Körper bestehen und was mit der Seele geschieht, wenn der Körper nicht mehr funktioniert.
Das betriff Sie auch.
Solange wir es nicht verbindlich wissen, können wir in beide Richtung lustig drauflosspekulieren und uns die Dinge so hindrehen, wie wir sie gerne hätten. Nur, Herr Schweickhardt, was täten wir uns damit möglicherweise an?
Was täten wir uns an, wenn wir in unserer denkbaren Unfähigkeit, die Dinge zu begreifen, das uns Mögliche als endgültige Wahrheit ansähen?
Ach archelys,
die frohe Botschaft ist doch die,
dass es ein Leben vor dem Tode gibt.
Machen Sie was draus (aus Ihrem Leben).
Und sagen Sie es allen weiter, Juhu, wir leben vor dem Tod!
“Leben wie der aermste Knecht in der Oberwelt ist besser, als Schattenfuehrer sein am stygischen Gewaesser ..”"
Guckst Du, Heinrich Heine.
Gruss GS
Mach ich, Herr Schweickhardt, u.a. so:
Vom Menschsein
Selbst Salomon in all seiner Pracht
hat den Sinn seines Reichtums durchdacht
und sagte deutlich, woran wir sind :
Alles sei nur Haschen nach Wind.
Wenn das so ist, was tun wir dann hier
im ird’schen Kampf- und Lügenrevier?
Was gründet unser Sein auf Erden?
Einfach gute Menschen werden.
Ist das getan,
geht’s himmelan,
aus Saus und Braus
zurück nach Haus.
HM 9.1.12
In der kirchenkritischen Zeitschrift Publik Forum 2/2012 fand ich einen Aufsatz über das fragliche Eingreifen Gottes oder die alte Theodizeefrage. Um hier eine grundlegende neue, aber immer noch nicht von der traditionellen Lehre akzeptierte Sicht zu geben, schrieb ich folgendes:
Allen Versuchen, das geheimnisvolle Wesen Gottes zu definieren, hängt der Mühlstein des Verstandes um den Hals. Weder Kosmologie, Theologie noch Philosophie als Sammelbecken geistiger Erkenntnisse können die stete Begrenztheit des Verstandes objektivierbar übersteigen (transzendieren). Auch wenn sich diese Grenze ständig erweiternd verschiebt, bleiben unserem Denken Grenzen gesetzt. Gott als das große Geheimnis werden wir mithin weder beweisen noch negieren können. Wir können uns aber von vielen alten Mythen um dieses Geheimnis befreien, wenn wir konzedieren, dass wir durchaus mystische Erfahrungen machen, die uns in Herz und Seele unver-mittelt ansprechen, z. B. in der Liebe, in der Musik, in der Poesie, in der Erkenntnis der Schönheit und der Harmonie in vielen Bereichen. Die „logique du coeur“ (Pascal) fragt nicht nach der Beweisbarkeit Gottes, sie handelt und macht das „göttlich“ zu nennende Wirken darin sichtbar. So lautet auch die Botschaft Jesu, ein Tiefenpsychologe ersten Ranges (s. Hanna Wolff: Jesus aus tiefenpsychologischer Sicht). Näher als mit Jesus kommen wir nämlich an Gott gar nicht heran.
Eine befriedigende Überwindung unserer Verstandes-lücken können wir heute nur noch im nicht traditionsge-bundenen, nicht dogmatisierten, also befreiten und redlichen Glauben kant’scher Prägung finden, i.d.R. in der Bejahung mystischen Empfindens und der daraus herzuleitenden Lebensmaximen: Nächstenliebe und Ehrfurcht. Glaube ist unzertrennbar verbunden mit dem Hoffnungsprinzip. Der Mensch kann nur in Würde authentisch leben, wenn er hoffen darf. Dieser Hoffnungs-Glaube ist deutlich in der Bitte „Dein Reich komme“ manifestiert. Das ist in der Sprache Jesu und im heutigem Verständnis jener ebenfalls begrenzte Bezirk (i. S. v. Wirkungsbereich göttlichen Daseins), in dem das Böse (=Lieblosigkeit) durch den Menschen schon überwunden ist. Die Theodizeefrage stellt sich erst gar nicht. Deshalb widerspreche ich H. J. Höhn und dessen Satz: „Gott selbst lasse sich weder im Diesseits noch im Jenseits verorten“. Ich „verorte“ das göttliche Geheimnis (=Gott), nonpersonal gedacht, im Herzen unserer Seele, und dies recht diesseitig.